Über Norbert Gstreins „In der freien Welt“

Wenn am Anfang jemand stirbt, ist das erstmal ein gutes Zeichen. Man hat die Hoffnung, dass es sich entweder um einen interessanten Menschen gehandelt hat oder dass die Umstände seines Todes rätselhaft sind. Und dass nun, im Verlauf des Romans, aufgeklärt wird, warum dieser Mensch für uns von Interesse sollte – oder wie es sich nun wirklich mit seinem Ableben verhalten hat.

Norbert Gstreins neuer Roman „In der freien Welt“ hat all das: Einer stirbt auf seltsame Weise und es stellt sich heraus, dass der Tote alles andere als eine Allerweltsperson war. Es geht um den amerikanischen Dichter und Maler John, einen Juden, den es in der Mitte seines Lebens nach Israel verschlägt, wo er sich selbst und der Welt beim Dienst in der israelischen Armee seine eigene Stärke beweisen will. John ist ein Mann, der, wie es das Klischee will, mit seinem Jüdischsein hadert und dieses Hadern geradezu zum Inhalt seiner Existenz macht. Und die Angst vor dem Hadern und den Hass darauf. Seine Kunst zieht ihren Reiz aus dem Spiel mit eben solchen Klischees; so malt er beispielsweise ein Bild mit dem Titel „Self Portrait as a Hated Jew“, verkauft sein Werk als „zionistische Kunst“, mehr als nur halb der Provokation zuliebe, und reüssiert dennoch nicht auf dem Kunstmarkt. Später hält es jemand für passender, das „hated“ durch „hating“ zu ersetzen. Zwischen den Polen, die diese beiden Verbformen markieren, bewegt sich Johns Existenz. Erzählt wird diese Bewegung von Johns österreichischem Freund, dem Schriftsteller Hugo, der ebenfalls erfolglos geblieben ist (um nicht „gescheitert“ zu sagen) – die einzige für Gesprächsstoff sorgende Veröffentlichung seines Lebens erschien nicht einmal unter seinem Namen.

Als „Beobachter, Zeuge und Bewunderer“ begibt Hugo sich im Anschluss an die Nachricht von Johns Tod auf Spurensuche und erinnert sich und den Leser an die erste Begegnung, an die gemeinsame Zeit in San Francisco, an gemeinsame Ferien in Irland und an die letzten Momente mit John in Israel. In zahlreichen Anekdoten führt er uns Episoden rund um Johns Leben vor Augen – ohne freilich je Licht ins Dunkel von dessen Existenz zu bringen.

Beste Voraussetzungen also. Wie es Gstrein nun dennoch schafft, aus diesen Zutaten einen solch unausgegorenen Teig zu kneten, wie wir ihn mit „In der freien Welt“ vor uns liegen haben, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Es handelt sich bei den recht disparat nebeneinanderstehenden Geschichten um Fragmente einer Geschichte, die erst noch zu erzählen wäre. Dass der Leser nach der Lektüre eines Romans der Gegenwartsliteratur ratlos zurückbleibt … geschenkt. Anders hätte es auch niemand erwartet, der sich ein wenig mit Norbert Gstreins Romanen auskennt. Dass man sich aber während des Lesens stets fragt, was man mit diesen Menschen und ihren Schicksalen anfangen soll, ist so ärgerlich wie unnötig.

Gstreins neuer Roman leidet an einer ernsthaften Fehlstellung. Nachdem dem Leser nach den ersten fünfzig Seiten klargeworden ist, was er nicht erwarten kann (eine kriminologische Rekonstruktion der Tat etwa, die Auflösung des mörderischen Rätsels, die Aufdeckung eines tragischen Konflikts, der zur Katastrophe hatte führen müssen, ein analytisches Erzählen im besten Sinne), folgt er den teils lustlos erinnerten und teils fast aseptisch nacherzählten Anekdoten mit schwankendem Interesse. Ganz am Schluss dann begegnet Hugo, der sich vorgenommen hat, eine Art Biografie seines Freundes zu schreiben, dessen Tochter Zoe. Die nun 24-jährige Israelin hat ihren Vater im Grunde kaum je kennen gelernt – und nun, da sie mit einem alten Freund ihres Vaters in Kontakt kommt, ergibt sich für sie die vielleicht letzte Chance, etwas über ihren eigenen Vater zu erfahren: „Ich höre, du schreibst ein Buch über meinen Vater“, sagt sie. „Vielleicht können wir gemeinsam ein paar Schritte gehen, und du erzählst mir, wie er war.“

Welche Möglichkeiten sich hier ergeben hätten, hätte Gstrein diese Episode nicht erst 20 Seiten vor Schluss erzählen lassen, sondern an den Anfang gestellt: eine junge Frau, die ihren toten Vater kennen lernen will. Wie öde dagegen der mühevoll verrätselte Mord am Protagonisten; wie absehbar dagegen die Versuche, an dem Toten ein Exempel für alles Mögliche von Holocaustnachfahre bis Enfant terrible bis Kriegsheld zu statuieren; wie bemüht dagegen die Konstruktion, den alten Freund um die halbe Welt zu schicken, nur weil … ja, warum überhaupt? Dass der Grund für Hugos Faszination eigentlich nie ganz klar wird, weil ihre Beziehung seltsam inhaltsleer bleibt, ist ein weiterer Fehler, der dem Leser eine echte Identifikation, zumindest ein Einfühlen, ein Nachempfinden unmöglich macht.

Gewiss, John wird als außergewöhnlicher Mensch gezeichnet – eine imposante Erscheinung, in der Schulzeit Quarterback, Frauenheld mit „Begabung zum Drama“, ein Lebemann, ein ehemaliger Alkoholiker, ebenso stolz wie selbstbezogen, ein jüdischer Hemingway, mit dunkler Vergangenheit und kritischer Mutterbeziehung. Ein Mann auf der Suche nach der eigenen Identität zwischen Schwäche und antrainierter Stärke, auf der Suche nach einem neuen Vorbild für das jüdische Volk, ein „Söldner in der Armee König Davids“, ein „Jude mit Waffen“, der sich dann aber doch in die Literatur flüchtet: „Mit der Wirklichkeit hat ihm dann keiner mehr kommen können. Es hat immer ein Buch gegeben, in dem alles größer, schöner und besser war, oder wenn schon schlecht, dann wenigstens spannend.“

Vielleicht liegt es daran, dass ein gewisses Vorbild für John in dem amerikanischen Beat-Poeten Alan Kaufman zu finden ist, wie die Widmung des Romans andeutet, und somit für den Autor ein gewisses Interesse an seinem Gegenstand schon gegeben war, das er seinen Lesern erst noch hätte vermitteln müssen. Wenn man sich bei solchen Romanen aber fragt: Würden diese Menschen mit ihren Gefühlen und Konflikten mich kümmern, wenn es im Hintergrund nicht um Juden, um Israel und um Palästina ginge? – dann kann die Antwort bisweilen desillusionierend sein. Einen Portnoy, einen Zuckerman (um den auch von Gstreins Erzähler immer mal zitierten Philip Roth zu bemühen, der hier für einiges Pate stand) fänden wir mit all ihren menschlichen Makeln auch erzählenswert, wenn sie nicht in Israel gewesen wären, ja vielleicht selbst, wenn sie nicht – unmögliches Gedankenspiel – die literarische Verkörperung des amerikanischen Juden wären. Dieser John jedoch bleibt trotz Überlebensgröße nichtssagend. Auch seine zwischen Selbstgefühl und dem Blick der anderen mäandernde Identitätssuche bietet nichts, was wir nicht irgendwo schon ein- oder zweimal gelesen hätten: „Er war Jude und […] schließlich auch stolz, es zu sein, aber das berechtigte niemanden, ihn zum Juden zu machen oder ihn wie einen Juden zu behandeln.“

Gäbe es da nicht die Tochter Zoe, deren vaterloses Schicksal, deren Unwissenheit und Suche so menschlich, so nachvollziehbar sind, dass sie über einen Roman wie diesen getragen hätten. „Er hat Angst um dich gehabt“, offenbart ihr Hugo im Verlauf ihrer ersten Begegnung, und sich selber muss er eingestehen: „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie er war. Wenn ich so etwas über ihn erzähle, ist das Bild, das du von ihm bekommen musst, vollkommen falsch.“ Und Zoe antwortet: „Ich weiß. Erzähl trotzdem.“

Wenn sich auf dieser Grundlage nicht ein passabler Roman aufbauen ließe … Nur leider kommt diese Episode eben erst am Schluss, als man beim Grübeln über der Frage, warum dieser John unsere Aufmerksamkeit wert sein sollte, bereits halb verärgert, halb resignierend in sich zusammengesackt ist.

Sloppy writing

Aber wer bin ich, einem Könner wie Gstrein zu sagen, wie er eine Geschichte zu erzählen hat? Eine solche Kritik klingt altklug und anmaßend, und ist es nicht die erste Pflicht des Kritikers, das Werk an sich selbst zu messen, es im selbst gesteckten Rahmen seiner Eigenheit zu beurteilen?

Wäre da nicht die Sprache, wäre da nicht der Stil, wäre da nicht das Ärgernis, das die Nachlässigkeit im Schreiben, für die dieser Roman ein trauriges Beispiel ist, auf so vielen Seiten hervorruft! Die augenfällige Unachtsamkeit in formalen Dingen ist es, die den skeptisch gewordenen Leser geradezu reizt, nun auch an Plot und Struktur herumzukritteln.

Das „Sprachereignis“, das der Klappentext vollmundig verspricht, findet in diesem Roman nur im schlechten Sinn statt: Hier ereignet sich unachtsame Sprache, hier ereignet sich der Unwille zum Stil, zum überlegten Wort oder zur genauen Beschreibung. Sloppy writing, wie der Angelsachse sagt. Der Kunstgriff, inhaltlich Unverbundenes in Hauptsatzreihen zusammenzupressen, wird, in jedem dritten Satz wiederholt, langsam und sicher zur ärgerlichen Marotte, zur „Konjunktivitis“. Die Unfähigkeit, zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“ zu unterscheiden. Die Verwendung von „schrittweise“ als Adjektiv. Formulierungen wie „halb voller Zustimmung“ oder „einmal mehr“. Sätze, die vorne und hinten wackeln und knarzen, wie dieser: „Die Arbeit dort war ihr immer stärker vorgekommen, als würde sie nur dafür bezahlt, sich ausdrücklich nicht gegen die Zudringlichkeit aller Männer zu wehren, nur damit sie selbst einen kleinen Rentenanspruch erwarb.“ Oder dieser: „Sanft wie einem gefährlichen Verrückten nahm sie mir die Blätter aus der Hand und setzte sich zum Lesen auf den Balkon.“ Ein aufmerksamer Lektor hätte hier etwa vorgeschlagen: „Wie einem gefährlichen Verrückten nahm sie mir die Blätter sanft aus der Hand, dann setzte sie sich zum Lesen auf den Balkon.“

Gstreins Erzählen rettet sich bisweilen in die Vorherrschaft des Dialogs (in dem Menschen Wendungen wie „Gemütsbesoffenheit und Puderzuckrigkeit“ benutzen oder Sätze sagen wie „,Er hat diese Schweinerei auch noch poetisch überhöht, als wäre sie nur ein sanfter Mädchentraum, aus dem man im Himmel erwacht?’“ – Zeige mir einen Menschen, der so spricht, und ich zeige dir einen Menschen, der seine Sprache ausschließlich mithilfe poetisch überhöhter Literatur erworben hat!) oder der indirekten Rede (die vor falschen Konjunktiven nicht gefeit ist). Es ist ansonsten wenig originell, wenig poetisch, wenig gedankentief. Wenig dem Detail verpflichtet, wenig der unmittelbaren Anschauung, mehr der Meinung und dem Bonmot. Gstreins Roman ist weniger selbstreflexiv, weniger erzählskeptisch, als man es von seinen Vorgängern gewohnt ist. Der Wille, eine „Great American Novel“ zu schreiben, wie es im Text heißt, ist dem Autor auf zu vielen Seiten anzumerken – oder wollen wir zu seiner Verteidigung alles auf Hugo, den gescheiterten Schriftsteller schieben, der sich sich beim Versuch, Selbstanspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, wieder einmal übernommen hat – bei einem Versuch, dessen Ergebnis nun vor uns liegt?

Und dann lesen wir Sätze, die nur dafür gemacht zu sein scheinen, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Wozu denn ein Buch? Es ist längst alles gesagt. Seit Jahrzehnten folgenloses Gerede.“

Blasse Figuren, unanschauliches Erzählen

Für Hugo kommt Literatur aus der Sprache, für John kommt erst das Leben, und daraus folge alles andere, auch das Schreiben: „No more fiction, Hugo! No more fake shit! Get real, man!“ – Wenn es doch nur so wäre. Würde der Erzähler uns nicht zu Beginn beinah jeden Absatzes mitteilen, wie die Handlungen und Gefühle seiner Figuren zu deuten wären, mit Allerweltssätzen, für die sich sogar Haruki Murakami schämen würde („Jennifer war nur mehr ein Schatten ihrer selbst“), und erst dann ein wenig Action folgen lassen, die diese Einschätzung untermauern sollen. Wie gerne hätten wir uns selber ein Urteil darüber gebildet, mit Hilfe von lebendigen, anschaulichen Szenen. Gstreins Erzählen ist deduktiv, nicht induktiv, und mit der gleichen Freude, mit der man einem naturwissenschaftlichen Experiment folgt, das nur dazu da ist, die zuvor aufgestellte These zu belegen, folgt man bisweilen den Handlungen der Menschen in diesem Roman. So interessant sie sein könnten, so gern hätten wir sie selbst erlebt, aber Gstreins Erzähler weigert sich, sie uns unmittelbar, ohne den Blick durch seine küchenpsychologisierende Brille, vorzustellen. So bleiben die Hauptfiguren blass. Es ist ein Erzählen aus zweiter Hand.

Israel und Palästina

Es versteht sich, dass ein Roman, dessen Figuren vor dem Hintergrund des Palästina-Konflikts handeln, seine ganz eigene Brisanz mitbringt, und sei es nur die, nichts Neues, nichts Wesentliches beizutragen. Gstreins Roman weigert sich, seine Geschichte von tagespolitischer oder ideologischer Brisanz beherrschen zu lassen, sondern erzählt an den mentalen Schützengräben entlang. Wenn auch stets die Frage nach jüdischer Täterschaft und die nach palästinensischer Verantwortung im Raum steht, die Gstrein mit der Erwähnung (viel mehr ist es nicht) von Viehschleusen, durch die die Palästinenser gezwungen werden, von der Angst der Israelis vor Raketenangriffen oder von der Bereitwilligkeit der Palästinenser, ihrem österreichischen Gast Opfergeschichten zu erzählen, streift – so gelingt ihm mit der Gestaltung einiger Nebenfiguren (wie dem palästinensischen Schriftsteller Marwan) doch eine Einlassung auf die persönlichen Schicksale, die mit diesen Fragen leben und leiden.

Dass er sich nicht positionieren will, ist nicht die schlechteste Eigenschaft dieses Romans. Romane sind keine Leitartikel. Dennoch entkommt er der selbstgestellten Falle nicht immer, da der Leser sich auf Schritt und Tritt fragt, was ihm ein Roman über den Palästina-Konflikt sagen soll, der ihm nichts sagen will, sondern seine Eindeutigkeiten („,Überall sonst auf der Welt würde man Banditen einfach Banditen nennen, aber das hier ist ja Israel.’“) stets in die Dialoge der handelnden Figuren verlegt und sie damit wieder aus der Schusslinie bringt.

So steril, wie in vielen Szenen seine Sprache anmutet, bleibt auch der Impetus des Romans. Wofür steht er? Eine Unentschiedenheit fällt auf, eine Angst, jemandem auf die Füße zu treten, die an einen Bäcker erinnert, der backen will ohne den Ofen zu anzuheizen. Diese Unklarheit der Bedeutung des eigenen Sujets gegenüber muss sich „In der freien Welt“ vorwerfen lassen – dies fängt beim Titel an (nur in einem bis zur Unkenntlichkeit erweiterten Sinne geht es „irgendwie“ um das Leben im „freien Westen“, ohne dass dessen Eigenheiten in Kontrast gebracht würden etwa zum Leben in diktatorischen Regimen; auch die Agenten, die die individuellen Freiheiten in der Menschheitsgeschichte bedroht haben und bedrohen, spielen in Hugos Geschichte über John keine Rolle) und hört bei dem entscheidungslos vagabundierenden Setting nicht auf. Über San Francisco erfahren wir vor allem Straßennamen (ermüdend), ansonsten bleibt die Stadt blass. Über Israel und Palästina erfahren wir nur das Übliche, selbst Jerusalem berührt den Leser kaum, und das ist schon eine Kunst für sich. Vergleicht man den Roman in dieser Hinsicht beispielsweise mit Wolfgang Büschers „Ein Frühling in Jerusalem“, wird schnell klar, was Sprache kann und was man hier vermissen muss, und dann wird deutlich, dass der Wille des Erzählers, es vor allem mit Handlung zu halten, vor allem zu einem führt: Ermüdung. Dann Ramallah mit allen Klischees, Gmunden, Mauthausen, Irland und so weiter. Als kennte der Autor die Orte seines Romans selbst nur aus zweiter Hand und hätte keine Lust, das zu verheimlichen. Die Atmosphäre eines palästinensischen Restaurants wird so evoziert, wie es ein minderer Autor, als Gstrein es ist, nach dem Anschauen von zwei Dokumentationen auf arte getan hätte:

Sie schaute ihren Mann an, der […] mich aufforderte, nur ja von all den Köstlichkeiten zu nehmen, auf den Hummus, die Falafel, die verschiedenen Salate wies und selbst mit zusammengefalteten Brotstücken in die Schüsselchen pickte und triefende Bissen zum Mund führte, während er in einem fort sprach. Dazwischen nuckelte er an einer Wasserpfeife und zündete sich einmal sogar eine Zigarette an, die er rauchte, ohne mit dem Essen aufzuhören.

Ging es nicht noch stereotyper? Der Fairness und des gönnerhaft-altklugen Oberlehrertums halber sei hier zitiert, wie Gstrein schreiben kann, wenn er es will, und nicht ohne Grund, scheint mir, skizziert die folgende Schilderung der Atmosphäre Tel Avivs den Hintergrund für Hugos und Zoes Treffen:
Es stimmte ja, es war alles hinreißend schön, ein lauer Dezembertag in einer Stadt am Mittelmeer, die Leute aus aller Welt anzog.“ Bis hierhin stellen sich Menschen mit Sprachgefühl die Nackenhaare hoch. Dann aber: „Man konnte für ein paar Stunden vergessen, zu welchem Zweck sie gegründet worden war und dass keine hundert Kilometer weiter im Süden offen auf ihre Vernichtung spekuliert wurde.“ [Für die Dramatik des Gesagten eine zwar eher unanschauliche Passivformulierung, aber immerhin – der Verweis auf die unpersönliche Bedrohung durch den überpersönlichen Konflikt erzeugt die dunkle Kulisse einer Beunruhigung, vor der sich die folgende Stelle um so kontrastreicher abhebt:] „Die Lichter in der Dizengoff Street waren schon an, und die Autos hatten in der einbrechenden Dunkelheit weiche Umrisse und bewegten sich wie in Zeitlupe durch eine Wirklichkeit, die körnig war wie im Kino und einen mit vager Sehnsucht erfüllte. Wir setzten uns in ein Eiscafé mit Tischen draußen auf der Straße, und ich beobachtete, welche Sorten sie wählte. Sie lachte, als ich sie danach fragte, Schoko und Vanille, das immerhin habe sie von ihrem Vater gelernt, nur das Einfachste, den Kaffee schwarz, nicht mehr als drei oder vier verschiedene Gerichte zum Essen, ein Leben lang die gleichen Schuhe, die gleichen Notizbücher, den gleichen Whiskey wahrscheinlich auch, solange er getrunken habe.

Das ist lebendiges Schreiben, nah bei den Figuren, gefühlvoll, ohne penetrant poetisierend zu sein, effektiv und ungeschwätzig und trotzdem detailreich noch bis in das E von „Whiskey“.

Seltene Perlen in der Tiefe eines Meers aus Phrasen. Ganz am Schluss, auf der vorletzten Seite, betritt der Leser mit Hugo, warum auch immer, noch das Holocaust-Denkmal in Berlin. Für das hat der Erzähler nichts Originelleres übrig als: „Erst jetzt in der Nacht wurde mir richtig bewusst, dass es sich bei den Betonklötzen um leere, tausendfach nicht besetzte Gräber handelte.“ Ach was? In welchem Reiseführer habe ich das schon einmal gelesen?

Und wenn der Leser dann noch gehofft hat, dass Gstrein wenigstens so viel Courage besitzt, den Roman unerhört überhöht durch die Symbolik ebendort enden zu lassen, reißt ihn der Erzähler noch im selben Augenblick zehntausend Meilen westwärts mit sich, auf die Farallon Islands vor der Pazifikküste der USA, die dem gesamten letzten Kapitel den Titel geben und dem Roman doch nicht mehr als ein paar belanglose Sätze wert sind.

Zu allem Überfluss an Ärgernissen kommt die Preisgabe jeglichen formalen Anspruchs. Auch Plot, Erzählweise, Perspektive sind bewusst zu konventionell, als dass sie eine eigene Art von Faszination ausüben könnten; „In der freien Welt“ ist eine zuweilen mühsam zusammengehaltene Kette von Episoden, die uns von einem eher drögen Ich-Erzähler berichtet werden.

Angesichts all dieser Makel ist es leicht, über den Wert von Gstreins neuem Roman ein Urteil zu fällen. Es ist leicht, sich über Erkenntnisse wie „Er hat mir gesagt, wer ich bin, indem er mir ausgemalt hat, wer ich sein könnte“ lustig zu machen. Dabei liest man viele Stellen auch mit echter Neugier; hier und da kommen dann die Dialoge ein wenig rasanter daher und erfüllen ihren Zweck, entweder die Figuren zu charakterisieren, die Hintergründe auszuleuchten, oder, selten, die Handlung voranzutreiben. Einige Nebenfiguren erzeugen in ihrer Lächerlichkeit bisweilen eine Bernhard’sche Komik. Einige Beobachtungen wie die zum Literaturbetrieb oder zur philosemitischen Exotikwahn einiger deutscher Frauen sind glänzend auf den Punkt gebracht; einige Wendungen sind die Aufmerksamkeit wert, die sie auf sich ziehen: „Was ist ein angesehener Schriftsteller heute anderes als ein besserer Armleuchter?“ Hier und da denkt man: Lesern, denen Philip Roths Romane gefallen haben, kann auch dieser Roman gefallen. Einem Debütanten im Literaturbetrieb würde ein solches Werk zur Ehre gereichen. Aber einem Norbert Gstrein?

Irgendwann gegen Ende sagt der Erzähler, er sei der letzte, der an dem Schrein kratzen wollte, den sich Johns Angehörige von ihm geschaffen hatten, und dieses Eingeständnis scheint für den ganzen Roman zu gelten. Es kommt der Verdacht auf, dass sich hier jemand der literarischen Aufgabe, einen Menschen kenntlich zu machen und die Wahrheit über ihn zu erzählen, vorschnell entledigt hat. Die Spurensuche wird zur Unkenntlichmachung, die Offenbarung zur Verbergung.

„Schreib über mich“, hat John den Freund zu Lebzeiten aufgefordert, ohne Hemmungen und ungeschönt, „lieber bin ich das größte Arschloch in einem guten Buch als ein Heiliger in einem schlechten.“ Doch am Ende heißt es dann wieder: Kein vernünftiger Mensch könne sich wünschen, in einem Buch zu enden. Es stimmt traurig, dass ein Mensch wie John gerade in einem solchen Buch enden muss.

Norbert Gstrein: In der freien Welt. Roman.

Carl Hanser Verlag, München 2016.

496 Seiten, 24,90 €.

ISBN: 3446251197

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