Noch mehr Macht – für einen guten Zweck!

Man hat ja beim Lesen von Büchern, die von Sozialwissenschaftlern geschrieben sind, deren Gesellschaftsanalyse sich an Marx, an die Frankfurter Schule, an Habermas anlehnt (Rosas Ansatz bezieht sich zudem explizit auf Axel Honneths Anerkennungsbegriff und Charles Taylors Kommunitarismus), auf jeder Seite die Befürchtung, dass beim Umblättern eine politische Forderung aufgestellt wird, die einen noch stärkeren bürokratischen Apparat, noch mehr Zwang und noch mehr politische Macht rechtfertigt und zur Notwendigkeit macht.

So auch in Hartmut Rosas „Resonanz„. Zwar müssen wir siebenhundert Seiten warten, bis der Autor die Katze aus dem Sack lässt, doch in den Schlussbemerkungen endlich schlägt er den Bogen zwischen seiner sehr konzisen Phänomenologie des Resonanzerfahrung und undurchdachten, wenig originellen, dafür umso gefährlicheren Vorschlägen. Es sind Vorschläge, die der herrschenden Klasse neue Rechtfertigung vor ihren Untertanen in die Hand spielen, ihre Herrschaft zu vergrößern:

  • wir (der Staatsapparat) müssen gewährleisten, dass die Menschen ein gelingendes Leben führen können
  • als Maßstab gelten uns die Häufigkeit von Resonanzerfahrungen
  • diese können die Menschen nun nur bei größtmöglicher Abwesenheit von Angst machen
  • der böse Kapitalismus aber vergrößert die Angst, abgehängt zu werden und verhindert so Resonanz
  • wir müssen allen ein Bedingungsloses Grundeinkommen gewährleisten, und das am besten mittels einer – „möglichst sogar globalen!“ – Erbschaftssteuer. Trifft ja dann nur die, die eh zu viel Geld haben oder es unverdient erhalten würden.

So die gedankliche Folge.

Dass dieser auf den zigfach widerlegten Analysen von Thomas Piketty beruhende Vorschlag die traurige politische Realisierung dessen darstellen soll, was als Sozialtheorie und psychologische Studie so überzeugend beginnt und begründet wird, muss nicht wundern – schließlich ist Rosa kein Ökonom, und das wäre ja nicht weiter schlimm. Gefährlich wird es allerdings da, wo sich Laien für neue staatliche Zwangsmechanismen stark machen, deren tatsächliche Konsequenzen weder sie noch sonst jemand absehen kann, und wenn andere Laien ihnen naiv Glauben schenken. Hier gilt dann für Rosas Werk das Motto allen linken und sozialistischen Denkens: Es ist immer schön, wenn man Gutes mit dem Geld anderer Leute schaffen kann.

 

Was sich schön anhört … stößt auf Resonanz

Die gesamte Geschichte des Westens im 20. Jahrhundert kann zusammengefasst werden mit: Das, was funktioniert, durch das ersetzen, was sich schön anhört. – Thomas Sowell

Schön hört es sich ja an, das Bedingungslose Grundeinkommen, und eine Erhöhung der Erbschaftssteuer hört sich auch nicht besonders schlimm an. Das Geld, was dort enteignet wird, wurde ja nicht von den Menschen selbst verdient, sondern von ihren Eltern …
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Dies ist nun auch der Grund, warum ein solches Buch bei vielen Intellektuellen großen Anklang finden kann – es erzeugt Resonanz, weil es mit ihrer Weltsicht in Einklang steht. Zum einen beschreibt es auch ihre Sehnsucht, wieder gehört zu werden und gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen, zum anderen gibt es ihnen eine Existenzberechtigung an die Hand: Wer aufgrund seiner soziologischen Analyse politische Forderungen aufstellen kann, der zeigt, dass seine wissenschaftlichen Erkenntnisse der politischen Klasse neue Begründungen dafür liefern kann, noch größer und mächtiger zu werden.

Und auch beim interessierten Leser wird Rosas Analyse auf Widerhall stoßen. Schließlich ist die Klage, das moderne Leben laufe immer schneller und werde gleichzeitig immer schaler, allgegenwärtig – und Bücher, die dieser diffusen Ahnung einen Begriff geben, ja für sie sogar einen Schuldigen nennen können, erzeugen wiederum das wohlige Gefühl, endlich die Ursache für all unser Unbehagen in der Kultur zu kennen – und eine Lösung.

Der böse Kapitalismus entfremdet uns alle von uns selbst und voneinander

Der Schuldige ist für Rosa (auch das ist in intellektuellen Kreisen gern gehört) „der Kapitalismus“. Rosa grenzt ihn begrifflich von der freien Marktwirtschaft insofern ab, als der Kapitalismus schrankenlose Steigerung und private Akkumulation von Ressourcen zum Imperativ mache – während man früher bedürfnisorientiert gewirtschaftet habe, sei nun das Muster G – W – G’ zum Signum jeglicher ökonomischer Tätigkeit geworden. (Auch dieses auf Marx’ Arbeitswertlehre beruhende Muster ist zur Genüge, wie man meinen sollte, entkräftet worden). Dies wiederum führe dazu, dass die Menschen von den Dingen in ihrer Lebenswelt, von den Mitmenschen und von sich selbst entfremdet würden.

Diese Beobachtung nun lässt sich schwer von der Hand weisen, zumal wir ja immer annehmen, früher, in der guten alten Zeit, seien die Menschen noch unentfremdet, authentisch, im Einklang mit sich und der Umwelt gewesen. Nun aber hat die zu große Freiheit der Menschen alles, aber auch wirklich alles dem Konsumzwang und dem Warenfetischismus unterworfen – Rosas Leistung ist es, der Analyse dieser Veränderung in der spätmodernen Psyche der Menschheit mit Resonanz und Entfremdung ein nützliches Begriffspaar zur Verfügung zu stellen.

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Resonanz ist das, was wir verloren haben, als der Kapitalismus Einzug hielt in unsere Seelen und zwischenmenschlichen Beziehungen:

Sich nicht mehr fühlen, nicht mehr spüren, nicht mehr hören zu können, ist zum zentralen Symptom des Verlustes geworden, den weder Berührungsindustrien noch Schmerztherapien [also auf Freiwilligkeit und Tausch beruhende menschliche Aktivitäten der Selbstsorge und Hilfeleistung, Anm. GK] ausgleichen können.

… und so bedarf es nun einer staatlich erzwungenen Korrektur. Da die Menschen nicht in der Lage sind, mit ihrer Freiheit umzugehen, müssen einige gewählte Vertreter das Gewaltmonopol benutzen, um die Menschen zu beglücken. Im Orwellschen Neusprech muss das schließlich folgendermaßen formuliert werden:

Die Resonanztheorie zielt deshalb darauf ab, den Machtlosen Selbstwirksamkeit zurückzugeben.

 

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Hartmut Rosa: Resonanz

Zwar bezieht Rosa deutlich und oft Stellung gegen Paternalismus und betont den Wert menschlicher Autonomie. Andererseits sei Autonomie im Sinne der Kantischen Selbstgesetzgebung als normatives Kriterium für ein gelingendes Leben zu einseitig und unterkomplex. Sie zu totalisieren sei das Missverständnis, gegen das er anschreibe.

Das unausgesprochene Fazit lautet dementsprechend: Dass du, spätmodernes Subjekt, jetzt keine Resonanz mehr erfährst, sind andere schuld! Das System, der Kapitalismus, die Ausbeuterklasse …

Was wirst du anfangen mit deiner Freiheit, die dir jetzt so kostbar erscheint?

Der Ansatzpunkt, die soziologisch-psychologische Spekulation über Entfremdung und Resonanzkrisen zu einer neuen Grundlage für politisches Handeln zu machen, könnte in einem Zeitalter, da die Marx’schen Prognosen der Ungerechtigkeit kapitalistischer Produktionsweise angesichts des Fehlens verarmter Arbeiterheere in Staaten mit hoher wirtschaftlicher Freiheit sich als haltlos herausgestellt haben, die Ideologie der Wahl für etatistisches und sozialistisches Denken sein. Da die Massen dank G – W – G‘ (und dann nämlich W‘!) in immer größerem Wohlstand leben, muss die Linke, müssen die Herrscher den Fokus auf eher weiche Faktoren legen, die eher subjektiv und schwer (allenfalls durch einen Leuchtende-Augen-Index, wie Rosa scherzhaft zugibt) zu messen sind. Auf diese Weise kann es ihr gelingen, ihre Herrschaft weiter auszudehnen, ohne dass schwarz auf weiß belegt werden könnte, ob die versprochenen Resonanzeffekte bei den Menschen wirklich angekommen sind.

Nun ist Hartmut Rosa freilich alles andere als ein prä-totalitärer Denker. Im Gegenteil, oft genug betont er beispielsweise auch den Wert von Resonanzverweigerung – die Einsicht, dass gelingendes Leben eben in der Menge und Intensität von resonanten Augenblicken zu finden ist, darf nicht dazu führen, im Erreichen solcher Augenblicke das sine qua non der menschlichen Existenz zu sehen. Und doch, so gibt er zu, ist Resonanz ein normatives Ideal. Bliebe es dabei, könnte man zufrieden sein und Michael Holms Frage („Was wirst du anfangen mit deiner Freiheit, die dir jetzt so kostbar erscheint?“), individuell und selbstverantwortlich beantworten mit: Ich sollte überlegen, wie ich mein Leben so gestalten kann, dass ich mehr Resonanz erfahre.

Verknüpft mit der Installierung neuer Gesetze aber kommt einem das Bonmot Joseph von Eichendorffs in den Sinn:

Es ist gleich willkürlich, ob man den Leuten sagt: Ihr sollt nicht frei sein, oder: Ihr sollt und müßt gerade auf diese und keine andere Weise frei sein.

 

 

Die unbeabsichtigten Folgen – weitere Schritte auf dem Weg in die Knechtschaft

Nun ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Einrichtung eines Bedingungslosen Grundeinkommen mittels einer Erhöhung der Erbschaftssteuer horrende Konsequenzen haben wird. Die, die es sich leisten können (und doch eigentlich den Großteil des Wohlstands liefern sollen, auf dem dann Resonanz wieder im großen Maßstab möglich sein soll) werden entweder auswandern, ihre Assets nach Panama bringen, ihren Nachkommen ihren Besitz durch Schenkungen etc. zukommen lassen. Um dies zu vermeiden, benötigt man ein globales Steuergesetz mit entsprechender Weltpolizei – also auch ein globales Herrschaftssystem – eine neue Weltordnung. Bis es soweit ist, müssen andere Steuern erhoben werden, vielleicht die Mehrwertsteuer auf 50%? Gleichzeitig steigt die Inflation, die Reallöhne sowie die Kaufkraft des Grundeinkommens sinken also, es muss erneut angehoben werden und so weiter im Teufelskreis des Staatsinterventionismus. Alles unter der neuen Fahne der Resonanzermöglichung.

Kurz gesagt, übersieht Rosas Gegenwartsanalyse drei Aspekte:

 

  1. Das westliche Wirtschaftssystem ist nur sehr bedingt kapitalistisch zu nennen, also im Sinne einer wirklich freien Marktwirtschaft, auch wenn die Titel der Soziologie-Seminare, der Sachbuchbestseller und der Feuilletonartikel das Gegenteil andeuten.
  2. Wachstum, für die meisten heutzutage ein schrecklich überholter Begriff, bedeutet eben nicht unendlicher Verbrauch von endlichen Ressourcen auf einem endlichen Planeten. Wirtschaftliches Wachstum kann (und muss sich vor allem dort, wo die Ressourcen selber erworben werden müssen und dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage unterliegen) sich darin zeigen, dass weniger Ressourcen pro Produkt oder Zeiteinheit verbraucht werden – das heißt dann Effizienz. Nicht das Unternehmen, dass immer mehr knappe Güter verbraucht, ist das erfolgreiche, sondern das, das dank technischem Fortschritt auf weniger nachgefragte zurückgreifen kann.
  3. Der Steigerungszwang der Wirtschaft resultiert auch in großem Maße aus staatlich bedingten Ursachen. Inflation durch künstliche Geldmengenerhöhung, absurd hohe Staatsschulden, die dank Zinseszinssystem nie zurückgezahlt werden können, stetig fortschreitende Enteignung produktiver Menschen bei gleichzeitig horrender Verschwendung des geraubten Geldes durch staatliche Bürokratie und Misswirtschaft (Fehlinvestitionen, Fehlsubventionen, Bailouts für too-big-to-fail-Banken, Kriege, Massenüberwachung) – könnte es nicht sein, dass diese (at gunpoint durchgesetzten) Faktoren den Menschen viel mehr ihrer Freiheit und Selbstbestimmung nehmen, als es freiwilliger Tausch und der Respekt für das Privateigentum dieser Menschen jemals könnte?

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Zwar machen Rosas schnell ad absurdum zu führenden politischen Forderungen nur einen Bruchteil des Buches aus, das auf so vielen Seiten differenzierte und klar formulierte Einsichten bietet – auf diese Weise aber bilden diese Einsichten nur eine gefährlichen Grundlage für eine neue staatliche Ideologie, mit der sich Freiheit weiter einschränken lässt (… schließlich ist Freiheit und Selbstbestimmung doch nicht alles, sagt der Herrscher dann zu seinen Untertanen, denkt doch auch an die Menschen, die ihre Selbstwirksamkeit nicht selbstständig nutzen können, und nun gebt mir euer Geld!). Rosas politische Forderungen liefern einer politischen Partei eine willkommene Vorlage, um erneute Umverteilung begründen zu können.

Dass diese Umverteilung dann die Konsequenzen nicht zeitigen wird, die sie beabsichtigt, muss die Partei dann ja nicht kümmern. Dann benötigt sie eben noch mehr Geld anderer Leute, um dem Mann und der Frau von der Straße wieder Resonanzerfahrungen zu ermöglichen.

Dies wird nicht Rosas Intention gewesen sein, doch der „Missbrauch“ seiner Analysen zugunsten einiger weiterer Meilen auf dem Weg in die Knechtschaft ist schon deutlich im Buch selber angelegt.

 

 

Meine Kritik zu Rosas „Resonanz“ lässt sich auf Soundcloud auch hier anhören (ca. 30 min.)

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3 Kommentare zu „Vom Zauberwort zur Knechtschaft – H. Rosa: Resonanz – Teil 2: Kritik

  1. Siehe: https://plus.google.com/115680572119865888041/posts/K4mRXQBuoYd

    Also #BGE ? … Macht das Sinn? Ich glaube nicht. Ich stimme sogar zu, dass eine staatliche Ausschüttung eines Grundeinkommens gesellschaftlich und wirtschaftlich problematisch sein kann.
    (Auch wenn Du mit Deinem Argument der Landesflucht der Reichen und Produktiven vielleicht übertreibst. Ein Problem, das ich sehe ist, dass das Geld tatsächlich nur dadurch an Wert gewinnt, dass Menschen durch ökonomische Zwänge in fremdbestimmte Produktionsverhältnisse gedrängelt werden.
    Wenn niemand Arbeiten gehen muss, dann wird das #Geld , das man geschenkt bekommt, sukzessive entwertet.
    Wenn Geld zum Konsumieren verschenkt wird und die Leute nicht mehr strukturell zur produktiven #Arbeit gezwungen werden, dann wird Arbeitskraft teurer und demnach steigen auch die Preise. Man könnte sich vorstellen, dass eine staatliche #Monetative sowohl das Problem der Finanzierbarkeit des Grundeinkommens lösbar machen, als auch Inflationsprozessen entgegenwirken könnte, aber das wäre auch nicht so einfach.)

    Ich halte ehrlich gesagt auch nicht viel davon Menschen Geld zu schenken, um die aufgesetzten, manipulativen Rituale der Vermarktung fortzuführen… Ich halte nicht viel vom Kaufen & Verkaufen. Geld ist das Medium der Manipulation und Korruption. Nichts steht dem freien Willen der Menschen mehr entgegen, wie die Reize und Zwänge, denen wir im Rahmen ökonomischer #Rivalität und #Abgrenzung ausgesetzt sind.
    Ich denke — wenn wir uns wirklich mehr #Freiheit und Selbstbestimmung wünschen, dann geht es darum, dass wir lernen über das Spielprinzip der rivalisierenden Vermarktung und Abgrenzung von Ressourcen und der manipulativen Verhandlung von Ansprüchen durch die Vermittlung von #Wirtschaftsmacht heraus zu wachsen.

    Wenn wir lernen würden, unsere Probleme in konsequent offener und solidarischer Vernetzung, in freiwilliger Kooperation miteinander zu lösen, dann könnten wir auf manipulative Rituale der #Vermarktung verzichten.
    Dann wären Käuflichkeit, Korruption & Krisen Probleme der #Gesellschaft von gestern.

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