rosaMichael Pauens und Harald Welzers Schrift verteidigt den Mut, sich seiner eigenen Autonomie zu bedienen.

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Michael Pauen / Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung

 

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, Sie hätten, in anderen Zeiten, bloß zu den Mitläufern gehört? Und dass, obwohl Sie sich selber heute selbstbestimmt, urteilsfest und als kritischer Geist vorkommen? Wer gibt uns die Gewissheit, wir hätten damals zu denjenigen gehört, die aufgestanden wären und nein gesagt hätten, wenn es uns Heutigen im Westen (noch) so gefahrlos möglich ist, Widerspruchsgeist und körperliche Unversehrtheit miteinander zu vereinigen? Wenn unsere Anti-Haltung vergleichsweise bequem ist und nicht einmal unser individueller Wohlstand auf dem Spiel steht?

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Andererseits: Hätten Sie, in anderen Zeiten, zu den hellsichtigen Warnern gehört, zu denen, die sensibel waren, die Zeichen der Zeit erkannten und frühzeitig Alarm schlugen, als es noch möglich war? Möglich, aber nicht eben opportun, weil man Sie als pessimistischen Spinner und Katastrophisten gebrandmarkt hätte? Zu Zeiten, da Dissidenz noch wirklich uncool war?

Zwischen derartigen Gewissensfragen erstreckt sich der Handlungsspielraum, um den es Michael Pauen und Harald Welzer in ihrem Buch „Autonomie. Eine Verteidigung“ geht: Selbstbestimmung trotz Gefahr für das eigene Leben und das der Liebsten, innere Unabhängigkeit und Mündigkeit trotz der Gefahr der sozialen Isolation. Diese Erörterung ist so notwendig wie schwierig. Denn so notwendig und wertvoll Autonomie auf der einen Seite ist, so schwierig zu begreifen ist sie auf der anderen. Zwei Beispiele unter vielen: Handelt ein Veganer autonom? Vor 40 Jahren vielleicht, aber heute? Denkt jemand, der nicht an die offizielle Theorie vom 11. September glaubt, autonom? Heute vielleicht, aber in 40 Jahren? Man sieht also: Autonomie ist wie Farbempfinden – sie kann im Grunde kaum festgestellt werden, denn sie hängt erstens von den Umständen ab und ist zweitens als geistige Einstellung eben nie allein durch Verhalten oder Äußerungen nachweisbar.

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri fragt in einer Vorlesung, was ein selbstbestimmtes Leben wäre. Welzer und Pauen nun nähern sich von der negativen Seite und fragen: „Was tun gegen den Zwang zur Anpassung?“ Man kann sich derzeit keine viel brennendere Frage vorstellen, da der Verlust der Privatsphäre, die Erosion einer kritischen Öffentlichkeit, die Allmacht der täglichen Überwachung, der Zweifel an unabhängiger Berichterstattung in den Medien, die Möglichkeit von Manipulation und Propaganda und ein Abstimmungsverhalten von gewählten Volksvertretern, auf das Honecker stolz gewesen wäre, zu einer Melange geführt haben, die uns eine eigene Haltung und ein selbstständiges Urteil über die Lage der Dinge beinahe unmöglich machen.

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Allein darum ist dieses Buch ein Kleinod, das in den Bücherschrank jedes Menschen gehört, der heute und in Zukunft ausloten will, wo der Spielraum seiner Mündigkeit und der seiner Zeitgenossen verläuft, wo er gefährdet ist und unter welchen Umständen er sich erweitern ließe. In den Bücherschrank gleich neben Welzers kluger Anleitung zum Widerstand mit dem Titel „Selbst denken“.

Auch heute kann es ja schon karrieregefährdend sein, den falschen Autor zu zitieren, die falschen facebook-Seiten geliket oder dem falschen Staat im Nahen Osten seine Sympathie bekundet zu haben. Mit den Autoren werfen wir daher gerne einen Blick auf die aktuellen Gefahren für individuelle und gesellschaftliche Autonomie, aber auch auf die Bedingung ihrer Möglichkeit. Autonomie, so die Prämisse von und Pauen/Welzer, sei erstens eine Errungenschaft und zweites als solche stets wiederherzustellen. Dabei machen sie nicht den Fehler, Autonomie als moralischen Wert an sich zu verteidigen – autonom kann auch der sein, der eine ganz und gar irrige und verwerfliche Weltsicht hat. Abwegig sein bedeutet selbst heute nicht, Recht zu haben.

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Autonomie, als „Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln gegen Widerstände“, ist nicht gleichzusetzen mit sittlicher Vorbildlichkeit, gleichwohl aber ihre Voraussetzung. Im Grunde bewundern wir Menschen, deren Handeln uns autonom vorkommt, aber angesichts ihrer fragwürdigsten oder einfach nervigsten Exemplare wünschen wir uns manchmal, sie wären ein wenig öfter dem Zwang zur Konformität erlegen. Dieser Impetus allerdings, wenn wir ihm nachgehen und ihn öffentlich machen (indem wir uns z. B. an Shitstorms beteiligen), führt auf der anderen Seite dazu, den Druck auf kritisches, neuartiges, vorurteilsfreies, unabhängiges Denken zu verstärken und die Pflänzchen echten Widerspruchsgeistes, der vielleicht einfach hellsichtiger ist als wir, im Keim zu ersticken.

Des Weiteren erweist sich absolute Autonomie den Autoren nicht durchweg als Ideal für Menschen, die in einer modernen Gesellschaft leben wollen. Ein vollkommen selbstbestimmter Mensch sei nicht willens oder nicht in der Lage, an einer arbeitsteiligen, kooperativen Ordnung teilzunehmen – die im Gegenzug seine faktische Freiheit erst ermöglicht.

In einer geistesgeschichtlichen Erörterung der Geschichte von Autonomievorstellungen gelingt es den Autoren, den Bogen zu schlagen von antikem Denken (handelt Antigone autonom, wo sie doch „nur“ das göttliche Gesetz erfüllen will?) über Kant und Hegel bis Stirner und Nietzsche und schließlich zu den russischen Utopisten des 20. Jahrhunderts, bei denen individuelle Autonomie in menschenfeindlichen Totalitarismus umschlägt.

Hier wie auch in seinem empirischen Teil nehmen die Autoren eine nachvollziehbare Perspektive auf das Problem autonomen Denkens und Handelns ein. Historische Fallstudien wie die zum Verhalten der Männer des Polizeibattaillons 101 im Jahre 1943, die (Neu-)bewertung bekannter Konformitätsexperimente von Asch oder Milgram oder die Ergebnisse ihres eigenen Forschungsprojekt über „Handlungsspielräume des Selbst“ ergeben ein breites Panorama, das auf vielerlei Ebenen nützliche Einsichten in die Ursachen sowohl von konformen als auch von abweichendem Verhalten bietet. Auch auf aktuellere Phänomene wie Shitstorms, Cybermobbing, mediale Hypes und Hysterie gehen Pauen und Welzer ein, denn sie erkennen, dass die zur Erhaltung einer freien Gesellschaft notwendige kritische Öffentlichkeit sich unter den Vorzeichen moderner Kommunikationtechnik nur durch neue Antworten auf derartige Phänomene bilden kann.

Es scheint, dass die Fähigkeit zu Selbstreflexion und – distanz eng verzahnt ist mit der Fähigkeit, zwischen Konformität und Autonomie je nach Situation zu wechseln. Eine solche Fähigkeit wiederum hat günstige Wachstumsbedingungen in einem liebevollen Umfeld, das Bindung und Freiraum vereint.

 

Nicht allen Schlussfolgerungen kann und muss und soll man folgen. Fragwürdig wird das Buch aber dort, wo es weder die Notwendigkeit von Staaten an sich hinterfragt noch die eigentlichen Ursachen der Hörigkeit der Menschen gegenüber Gesetzen und ihren Vertretern reflektiert. Seine Kritik etwa an Google und Facebook und am Verhalten von Menschen, die ihnen ihre privaten Daten bereitwillig überlassen, läuft da ins Leere, wo die Autoren sich nicht im Klaren darüber sind, dass derartige Unternehmen und derartiges Verhalten einzig und allein dort gefährlich ist, wo es staatliche Strukturen gibt, die mit Geheimdiensten und Gewaltmonopol in der Lage sind, einen handfesten Vorteil daraus zu ziehen.

Dieser blinde Fleck in der Argumentation zeigt sich insofern, als „Autonomie. Eine Verteidigung“ den Staat nur in seinen sichtbaren Auswüchsen, als totalitäres Regime oder Überwachungsstaat, kritisiert, nicht aber die Unfreiheit, die Menschen auch in und durch „ganz normale“ und demokratische Systeme erfahren. Eine bisweilen massive Einschränkung persönlicher Handlungsspielräume, die wir oft als „notwendiges Übel“ zu akzeptieren zu müssen glauben. Die Begriffe Demokratie und Rechtsstaat gelten den Autoren, hierin ganz konform zum kulturellen Mainstream, als Patentrezept, ohne dass sie auf die Schwierigkeiten, die in solchen Konzepten liegen, eingehen. Ja, sie befürworten sogar ein zwischenstaatliches Gewaltmonopol, das nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Weltregierung sein kann – wer schützt uns dann vor dieser Weltregierung, die sich ja wohl kaum selber als Unrechtsstaat bezeichnen wird? Ein Beispiel: Die Autoren plädieren sinnvollerweise dafür, man solle seine Zustimmung verweigen, wenn das Bargeld abgeschafft werden soll. Bargeld sichert Autonomie. Wenn nun andererseits eine demokratisch gewählte Regierung oder ein Volksentscheid sich gegen Bargeld entscheidet – wer hat dann Recht? Ist derjenige, der dagegen opponiert und heimlich am Tausch mit einer „Untergrundwährung“ teilnimmt, ein Widerstandskämpfer, oder doch eher ein Feind von Demokratie und Rechtsstaat? Dass auch die Herrschaft der Mehrheit über den Einzelnen eine Herrschaft ist und seine Autonomie einschränkt, scheint den Autoren in voller Konsequenz nicht in den Sinn zu kommen.

Einen Folgeband würde man sich wünschen, in dem Welzer und Pauen Auskunft darüber geben, was genau sie sich unter ihrem vielbeschworenen Rechtsstaat denn vorstellen und auf welche Weise eine Gesellschaft dem augenscheinlichen Problem entgehen kann, dass jeder Staat sich selbst als Rechtsstaat bezeichnet – und ob es Möglichkeiten gibt, wie man nicht erst in der Rückschau feststellen kann, ab wann genau sich ein legitim als solcher bezeichneter in einen faktischen Unrechtsstaat zu verwandeln begann.

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Klappentext


Michael Pauen, Harald Welzer: Autonomie. Eine Verteidigung. 

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

328 Seiten, 19,99 €

ISBN: 978-3-10-002250-9

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Ein Kommentar zu „Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? – Welzer / Pauen: „Autonomie“

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