Wenn der Mensch wirklich mehr sein will als ein Uhrwerk, eine voreingestellte Mechanik, deren Wert sich in ihrem Funktionieren erschöpft, wie kann er sich beweisen, dass er die Fähigkeit dazu hat? Dass er mehr ist als ein Roboter mit Selbstbewusstsein? Dass er mehr ist als ein T-800, dem man Höflichkeit und Lächeln zum rechten Zeitpunkt beigebracht hat?
Um die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine ging es schon vom ersten Film der Terminator-Reihe an. Der T-800, diese hybride Mischung aus Mensch und Maschine, steht mit seinem zwischen roboterhaften Unbeholfenheit und rührender Menschlichkeit oszillierenden Auftreten für das Verschwinden all dieser Unterschiede, das einer technokratischen Gesellschaft zu blühen scheint. Er verkörpert unsere menschliche Sehnsucht, die Grenze zu übertreten und alle Bedenken vor einem Sündenfall, der Kopulation von Mensch und Maschine, hin zu einer besseren Zukunft zu überwinden. Unsere Sehnsucht, aber freilich auch unsere Angst.

Der österreichische Philosoph Günther Anders hat die Differenz zwischen Maschine und Mensch „das prometheische Gefälle“ genannt, und das Bewusstsein menschlicher Unterlegenheit angesichts dieser Differenz „prometheische Scham“. Der Mensch schämt sich, so schwach und gebrechlich zu sein, während seine eigenen Produkte beinahe gottähnliche Kräfte entwickeln.
„Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt“, heißt es bei Karl Kraus, und diese Wehrlosigkeit ist Ausgangssituation aller Terminator-Filme. Das Paradoxon ihres Plots bestand zumindest seit Camerons zweitem Film der Serie in der Tatsache, dass der Mensch nur durch seine eigene Technik sich gegen seine eigene Technik zur Wehr setzen kann. Folgerichtig muss der Mensch noch technischer werden, um sich eine minimale Überlebenschance zu sichern. Er muss selber technisch werden.
Der Versuch der Hybridisierung, der Annäherung von Mensch und Maschine, geht seit geraumer Zeit zugleich in beide Richtungen. Die Maschinen menschlicher zu machen, war Traum seit Pygmalion, aber auch die Menschen sollten Maschinen ähnlicher werden. In Mimik und Gestik, in Mode und Lebensweise zeigt sich ein neuer Zug der Menschlichkeit: cool sein, minimalistisch, effizient, zielorientiert, rational .. endlich will der moderne Mensch sein antiquiertes Dasein, geprägt von Schwäche und Anfälligkeit, überwinden. Er will sich selbst optimieren, will funktionieren und es im Funktionieren mit der Maschine aufnehmen – der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er funktioniert.
Schwer zu sagen, was dem Menschen schwieriger ist: seine Maschinen menschlicher zu machen oder sich selbst zur Maschine. Die Sehnsucht nach einer menschlicheren Maschine äußert sich in der Kulturgeschichte als Allmachtsbestreben, als Männerphantasie, als prometheischer Nefas, es Gott gleich zu tun oder den Göttern.
Von der einen Seite her nähert sich das menschliche Vollkommenheitsstreben der Maschine selber und ihren features – seien es vorausschauende Algorithmen, liebevolle Pflegeroboter oder die Fähigkeit zu verständiger Rede. Wir merken dies z. B. bei Siris erstaunlichen Versuchen, menschlich zu wirken, wenn sie uns spontan und unberechenbar erscheinen will. Zum Glück gibt uns ihre Unbeholfenheit noch Anlass zum Schmunzeln, erheben wir uns doch schmunzelnd über die Maschine und merken erst dann wieder, was uns zu Menschen macht, wenn wir merken, was wir der Maschine voraushaben: Ironie, Humor, Selbstreferentialität, Spontaneität, Unberechenbarkeit.
Der Film „Ex Machina“, philosophisch ungleich tiefer intendiert als der 5. Terminator, zeigt die Problematik eindrucksvoll auf, die mit einer Technik einhergeht, der Unberechenbarkeit nicht nur möglich, sondern als notwendiges Feature einprogrammiert ist. Die Problematik nämlich, dass der Mensch sich angesichts solcher Möglichkeiten selber befragen muss, ob er nicht vielleicht selber Maschine ist. In einer eindrucksvollen Szene, die die berühmte Ecce-Homo-Szene aus Terminator 2 spiegelhaft zitiert, schlitzt sich die Hauptfigur, den Unterarm auf, um unter die Oberfläche zu sehen – mehr Zweifel an seinem eigenen Wesen, seiner eigenen Menschhaftigkeit, kann es nicht geben. Wo Schwarzenegger durch die Ablösung des menschlichen Gewebes von seinem Unterarm seine Maschinenhaftigkeit beweisen konnte, muss nun der Mensch sein Innerstes nach außen kehren und hat noch immer keine Gewissheit, ob er nicht doch bloß ein denkendes Uhrwerk ist. Ein von einem genialen Erfinder hergestelltes und programmiertes Produkt. Und wenn? Wo wäre bei dieser Alternative eigentlich der Unterschied zur religiösen Erklärung der menschlichen Existenz?
Aber nun soll auch der Mensch zur Maschine werden. Auch dieses Bestreben verkörpert der T-800 trefflich. Ist seine rein äußerliche Erscheinung doch keine computergenerierte, sondern die „menschliche“ des Schauspielers Schwarzenegger selber. Dessen gebuildeter Body steht seit den Siebzigerjahren wie kein zweiter für den überformten, künstlich geschaffenen, überhöhten Menschenkörper, der Ergebnis harter, disziplinierter Arbeit an sich selbst ist: der Transformation durch den eigenen Willen. So wird er von der anderen Seite her zum Symbol für den menschlich-männlichen Versuch, zur Maschine zu werden: stark, unnahbar, nicht alternd. Der Trick besteht darin, einen menschlichen Körper zu haben, der so geformt wurde, dass in ihm eine Maschine stecken könnte.
Jetzt aber, paradox und folgerichtig zugleich, ist die Annäherung von Mensch und Maschine beinahe vollendet. In Terminator: Genisys werden wir gleich auf mehreren Ebenen Zeugen dieses Vorgangs. Der T-1000, im 2. Film noch Ausdruck der unheimlichen Überlegenheit der technisch hergestellten Technik, die nicht nur den gebrechlichen Menschen, sondern auch dessen „menschliche“ Technik (Waffen, Sprengstoff, T-800) besiegen konnte, ist berechenbar geworden. Die einzige Schwäche der Technik, seine Berechenbarkeit, hat der Mensch, hier Sarah Connor, die den shapeshiftenden T-1000 erwartet und ihm eine Falle gestellt hat, auszunutzen verstanden und somit eine gewisse Überlegenheit zurückgewonnen.
Der T-800, selber nicht des Morphings fähig und somit noch in seiner technischen Anfälligkeit menschlich, altert. „Alt, aber nicht veraltet“, pflegt Arnie das Bewusstsein seiner eigenen Unterlegenheit neueren Versionen gegenüber auszudrücken. Aber nicht nur seine Fähigkeiten kommen im Vergleich veraltet daher, auch seine äußere Erscheinung, die Seite, die die Maschine doch dem Menschen stets voraushatte, was ihre Anfälligkeit angeht, macht einen Prozess der Alterung durch.
Sein Tod ist kein Tod, sondern ein Upgrade – ironischer Verweis auf Versuche des Transhumanismus, durch Genetik und Neuropsychologie auch den Tod für überholt zu erklären – ein Überbleibsel aus einer älteren Version des Menschen.
Zugleich entwickelt Arnie menschliche Verhaltensweisen, ja geradezu menschliche Schwächen und Ticks. Nicht nur sein Grinsen und sein Sinn für Humor machen ihn immer mehr zu einem Menschen. Er ist der Roboter, der zulange unter Menschen gelebt hat, als dass seine Roboterfreunde, käme er irgendwann zurück, ihn noch als den ihren ansehen würden. Er ist wie ein Auswanderer, der die Programmierungen seiner Herkunft nach und nach ablegt. Seine Programmierung, Sarah Connor zu schützen, erscheint nunmehr wie Mitgefühl, väterlicher Schutzinstinkt oder sogar Liebe. Er gibt sich als eifersüchtiger Schwiegervater, übernimmt am Ende sogar eine Großvaterrolle und opfert sich, hierin schon immer eine Jesus-Figuration, für die Rettung des Menschengeschlechts selber auf.
John Connor hingegen, dem die zweite Jesus-Erlöser-Rolle zukam, wird nun selber zur Maschine. Seine Hybridisierung ist sogar noch fortgeschritten – bei ihm kann man, im Gegensatz zu Arnie, gar nicht mehr feststellen, wo Mensch aufhört und Maschine anfängt.
Auch heute ist das, in Zeiten des ubiquitären Internet, des Internet der Dinge, Internet 4.0, von Smartphone, Apple Watch und Tablets, ja schwer festzustellen. Im Film wird darauf kurz angespielt; die Menschen scheinen unfähig, ihren Alltag ohne Smartphone und Internet zu bewältigen. Dass das keine dystopische Zukunftsvision ist, macht nicht nur Setting der immer näher kommenden schönen neuen Welt ins Jahr 2017 deutlich.
„Die Menschen schließen sich mehr und mehr an die Riesenmaschine an, werden zu ihrem entbehrlichen Anhängsel“ (G. Anders) und die Maschinen werden zuneiget einzigen Maschine: Skynet.
Skynet ist das Böse, aber nicht weil es Technik ist und damit dem genuin Menschlichen entgegengesetzt, sondern weil es nur Technik ist. Es ist eben technische Technik, deren Boshaftigkeit darin ihren Gegenstand findet, dass sie keinen hat und braucht.
„Jeder einzelnen Maschine ist „Wille zur Macht“ eingeboren“, wie es bei Günther Anders heißt.
Skynet hat und braucht kein Motiv, um die Erde von den Menschen zu befreien, es ist reiner, kategorischer Wille  zur Macht, der sich im Akt der Erfüllung selbst auflöst: über wen sollen die Maschinen denn einst herrschen, wenn es keine Menschen mehr gibt? Und was hätten sie davon? Das Banal-Böse an Skynets Maschinen ist, dass sie einfach tun, wozu sie programmiert wurden.
Auch Arnie ist ja nur Technik, doch gewissermaßen menschliche Technik, eine, zu der wir einen persönlichen Bezug herstellen können und mehr noch: einen Bezug, der auf Gegenseitigkeit beruht. Gespiegelt wird dies auch in den unglaublich nichtssagenden schauspielerischen Leistungen der Akteure, die, bis auf Schwarzenegger, austauschbar und unbeholfen wirken. Dass Arnold Schwarzenegger einmal in einem Film als bester Darsteller des gesamten Casts gelten würde, ist nur konsequent angesichts der Entwicklung zum austauschbaren Maschinenmenschen.
John Connor aber ist in Terminator: Genisys auf dem Weg zum Bezugslosen, der Maß und Angemessenheit verloren hat. Ebenso wie bei Skynet ist es ja auch bei ihm im Grunde völlig unklar, worin die Motivation seines Handelns liegen könnte.
Kyle Reese appelliert noch in einer Szene an den Menschen in ihm. Aber wir können nicht mehr unterscheiden, ob im modernen Hybrid-Menschen noch ein Residuum von Menschlichkeit steckt. Woran wollen wir festmachen, ob ein Mensch wirklich Mensch ist, wenn die Maschinen uns sogar in Herz, Selbstironie und Gebrechlichkeit gleichen? Terminator: Genisys erzählt von der Unmöglichkeit die condition humaine in einem hybrid gewordenen Zeitalter auszumachen.
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2 Kommentare zu „Vom Versuch, ein Mensch zu werden – Terminator: Genisys

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