Immer schon war klar, dass dieser Bond ein Problem haben muss. Bond, der Bindungsunfähige. Bond, der frauenfeindliche Dinosaurier.  Bond, der Autoritätsverweigerer. Der Todesverachtende. Der  Draufgänger mit dem narzisstischen Glauben, er würde immer leben.

Psychologische Betrachtungen zum Film „Skyfall“

Und dass dieses Problem in der Kindheit dieser Figur liegen muss, ist sowieso klar. Am Anfang war die Erziehung. Und bei Bond scheint eine Menge falsch gelaufen sein. Die Eltern dieses Jungen müssen falsch gemacht haben, was man nur falsch machen kann.

Eigentlich kein Problem, sollte man denken. Ein paar Stunden Psychotherapie, die Analyse kindlicher Traumata, Rebirthing, vielleicht eine Reise zum inneren Kind und irgendwann ist der Patient dann handlungsfähig und an die Welt uns Wohlerzogener angepasst. Er benimmt sich den Erwartungen der Gesellschaft entsprechend, versucht sich in Monogamie, heiratet heterosexuell, legt sich ein Eigenheim zu und Kinder, denen er ein guter Vater ist, und in der Midlifecrisis noch eine Geliebte und einen Porsche.

Natürlich lässt sich aus diesem Konzept schwerlich ein Actionfilm machen, zumal keine Serie von 23 international erfolgreichen Filmen. Aber das ist gar nicht einmal so sehr das Problem.

Denn Bond, der ewig Pubertierende, lässt sich nicht so einfach therapieren.

In Skyfall sitzt er tatsächlich kurz einem Therapeuten gegenüber, der ihn auf seine Diensttauglichkeit für den MI6 untersuchen soll. Ein Anflug von spöttischem Lächeln quittiert dessen unbeholfenen Versuch, mittels spontaner Assoziation in seine Psyche einzudringen. Bond dringt ein, in ihn wird nicht eingedrungen. Sobald das Wort „Skyfall“ fällt, beendet er das Gespräch auf die gleiche Weise, wie ein richtiger Mann eine Beziehung beendet. Er sagt „Ende“ und geht. Verweigert sich der Therapie. Ein Unverbesserlicher. Sollte man denken.

Dann gerät aber der ganze Film zu einer einzigen Reise in die Kindheit und der damit verbundenen Therapiesitzung, und dass auch der Filmtitel und die angesprochene Assoziationsszene einen tieferen Sinn bekommt, ist der Clou beim neuen Bond.

Einem Mann wie Bond kannst du nicht auf die herkömmliche Weise beikommen, mit Reden, Reden und nochmals Reden. Bond redet nicht, er handelt. Seine Therapie ist das pure Ausagieren.

Noch nie war es so einsichtig, dass die von Judi Dench gespielte MI6-Chefin nicht anders heißen kann als „M“. Das große M als Chiffre für die Mutter, die ernährende und Trost spendende. Aber auch die ermahnende, zurechtweisende. Selbst M, die in ihrer Verkörperung durch Dench normalerweise viriler wirkt als ihre männlichen Rollenvorgänger, muss sich Gefühle der Zuneigung für ihren verlorenen Sohn nachsagen lassen. Uns wird klar, dass ihre eigenen inneren Verwerfungen auch nur Ausläufer ihrer ambivalenten Rolle als zugleich strafende und liebende Mutter sind. Als hätten wir es nie geahnt.

Die Eingangsszene, in herkömmlichen Bond-Filmen oft nur mühsam mit der eigentlichen Handlung verbunden, dient hier als Ouvertüre, in denen leitmotivisch die psychischen Konflikte angedeutet werden, denen der Held ausgesetzt ist. Bond muss bei einem Einsatz einen anderen Agenten auf Ms Geheiß opfern, um das Missionsziel nicht zu gefährden. Die Krux des Agentendaseins – zu wissen, dass man nur humanes Mittel zum nationalen Zweck ist – ist sie nicht auch die Krux des menschlich-allzumenschlichen Lebens, das dräuend von der Vermutung verdunkelt wird, auch wir gewöhnlichen Menschen könnten nur Mittel sein, Mittel unserer selbstverliebten Eltern nämlich zu höherem Lebensglück – Sinn, Macht, Ewigkeit? Oder noch schlimmer: unsere naive und bornierte Existenz als Mittel zum Zweck egoistischer Gene, sich selbst ins Unendliche fortzusetzen?

Ein paar vergnüglich verbrachte Actionszenen später sehen wir, wie Bond selbst von der eigenen alma mater geopfert wird – die sich dabei des unsicheren Hand einer anderen Eva bedient (stets droht dem Manne die eigentliche Gefahr von der Vertrauten – von der Mutter und den anderen Frauen, die nur das eine von ihm wollen, ihn zu sich herab oder heraufzuziehen, je nach Bewertung.) Er verschwindet nach einem langen Fall vom Himmel im Orkus eines Flusses, nur um sich  wenig später in einem paradiesischen Hades wiederzufinden, dessen lebensmüder Bewohner er geworden ist, der mit Skorpionen und seiner körperlichen Unversehrtheit spielt.

M liegt ihm bei dieser Eingangssequenz ständig Über-Ich-haft  im wahrsten Sinne in den Ohren – nämlich über In-Ear-Kopfhörer, die er offenbar ebensowenig wie seine Verpflichtung als guter Sohn ablegen kann. Das zieht sich durch die gesamte erste Hälfte des Films, und war Bond in früheren Filmen durchaus eine techtelmechtelhafte Auszeit von seinen vaterländischen Verpflichtungen gegönnt, ist ihm eine Flucht nur unter Einsatz des ganzen Lebens möglich. Sein früher Filmtod dient hier als Auftakt für eine kathartische Zeit im Fegefeuer, aus dem James Bond sich wie ein Phoenix mit zwei gebrochenen Flügeln schließlich doch wieder erhebt – seine Motivation bleibt dabei noch klug ausgespart (ist es nationales Pflichtgefühl? Trauer in den Tropen? Alternativlosigkeit des abgetakelten Agenten?) und lässt sich nur im Vergleich mit der Vorgeschichte seines diesmaligen Gegenspielers erahnen.

Der Bösewicht ist deutlich als Bruder- und Spiegelfigur angelegt. Großartig gespielt von Javier Bardem, in einer Mischung aus Norman Bates, „Schweigen der Lämmer“-Buffalo Bill und Goldfinger verbreitet dieser Silva Angst und Schrecken, ohne dass jedoch klar wird, worin seine Macht eigentlich besteht. Irgendwas mit Computer und Internet. Anders als seine Vorgänger genügt er sich dabei, seine Macht ausschließlich dafür einzusetzen, dem MI6 zu schaden, und überhaupt ist der neue Bond-Film der sozusagen autistischste, oder auch systemtheoretischste – dreht es sich doch ständig nur um die Organisation, die Gefährdung und die Reorganisation der eigenen Organisation. Keine Russen, keine Chinesen, keine auf New York gerichtete Atombomben größenwahnsinniger Genies – nur ein blondierter Ex-Agent auf Rachefeldzug.

Ebenso wie Bond war er Agent, wurde aber von der großen Mutter einem höheren Zweck geopfert. Die Auswirkungen dieses Verrats darf er in einer Art Ecce-Homo-Freakshow seiner wiedergefundenen Mutter vorzeigen. Dass er dabei wie ein Hannibal-Lecter-Wiedergänger in einem Käfig gehalten wird, lässt auf eine spektakuläre Flucht mit kannibalistischer Grausamkeit und Tücke hoffen – aber Bond-Filme müssen darauf achten, die Altersbeschränkungen nicht zu hoch zu treiben, und so wird das Ganze nur angedeutet. Zur eigentlichen Grausamkeit, der psychischen, kommt es später noch.

Silva erlitt also das gleiche Schicksal wie Bond, doch er entschied sich anders darauf zu reagieren. Er ist der luziferische Unglücksrabe, mit dem man eigentlich mehr Mitleid haben müsste, weil es ihm nicht gelingt, seine enttäuschte Mutterliebe produktiv, im Sinne gelingender Beziehungen, zu gestalten. Bond und Bardem können in dieser Karl-und-Franz-Moor-Konstellation als guter und böser Sohn gesehen werden – als Manifestationen zweier möglicher Reaktionsweisen des erwachsenen Mannes auf das Gefühl des Loyalitätsverlusts seitens der Eltern. Interessant daher auch die untypisch homoerotischen Anklänge in einer der typischen Szenen, in der Bond seinem Gegenspieler wehrlos gegenübersitzt. Hatte man ihm in Casino Royale noch brutal gefoltert, so passiert ihm hier wider Erwarten gar nichts, bis auf ein schüchternes Streicheln und ein verschwärmtes Lächeln von seinem alter ego Silva. Interessant zumindest, wenn man Homoerotik als symbolhaften Verweis auf Narzissmus und die Unfähigkeit, die Sphäre des Eigenen zu überwinden und zum Anderen zu gelangen, versteht.

Beide, Bond und sein Gegenspieler, sind also Brüder, die von ihrer Mutter verstoßen wurden. Tatsächlich kann man ja das Leben eines Mannes als unbeholfenen Versuch deuten, sich von seinen Elternfiguren und deren Wertesystem – hier das utilitaristische, zweckrationale, über Leichen gehende eines Geheimdienstes – zu lösen. Die Loslösung vom Elternhaus kommt einem Überschreiten eines mächtigen Tabus gleich, dessen Verletzung Verrat bedeutet kann.

Die Loslösung von einer inzestuös gefärbten Mutter-Sohn-Beziehung geht mit Schuldgefühlen, Selbstbestrafungen und Suizidversuchen einher. Der Sohn sieht im Verlassen seiner Eltern, dem letzte Deutlichkeit oft durch das Eingehen ernst gemeinter Bindung verliehen wird, einen Loyalitätskonflikt. Ein Verrat, der bestraft werden muss. Aber auch die Eltern müssen sich vom Kind lösen, und die Mutter muss durch die Aufnahme oder das Fortsetzen eigenständiger Beziehungen zu anderen (!) Männern als dem eigenen Sohn diesem Verletzungen zufügen. Notwendige Verletzungen seines kindlichen Narzissmus. Wer damit nicht klarkommt, kann schonmal für den Therapeuten sparen.

Bond hat nicht gespart, denn er braucht einen Therapeuten nur, um sein schweigsames, gefühlsreduziertes Mannsein dagegen umso heller erstrahlen zu lassen – koste es auch die eigene seelische Gesundheit. Nun haben die Drehbuchschreiber Logan, Purvis und Wade jedoch Mitgefühl mit ihm und gestehen ihm eine Art Heilung durch Rückkehr in die Kindheit zu.

Das Reich seiner Kindheit (das schottische Anwesen namens Skyfall – und jetzt geht auch dem Zuschauer ein Licht auf, warum Bond beim Nennen dieses Namens so widerborstig reagierte) steht der gesamten Agentenwelt schon ästhetisch diametral gegenüber; wie es Regisseur Sam Mendes überhaupt gelingt, immer wieder zwei Bereiche atmosphärisch gegenüberzustellen: vor allem die technisch kalte, funktionale Welt des MI6-Hauptquartiers, das sich wie ein Zikkurat über London erhebt, gegen die Unterwelt, in die der Geheimdienst nach dem Anschlag sicherheitshalber hinabsteigen muss – und Bond mit ihm, denn Bonds Weg geht nicht nur in die Vergangenheit, sondern – bildlich bis zum Schluss konsequent verbunden – in die Tiefe. Er fällt, er steigt hinab, er geht zugrunde – natürlich um am Ende wiedergeboren werden zu können. So wie er in der Erzählung des alten Hausverwalters – der freilich etwas plakativ die Stellvertretung für den früh verstorbenen Vater Bonds übernimmt – nach dem Tod seiner Eltern in den Kellergang des Anwesens hinabgestiegen ist, um zwei Tage darauf wieder aufzuerstehen. „Und von da an war er kein Junge mehr.“

Wir müssen uns Bond also als Waisenkind vorstellen – natürlich muss der Tod der Eltern dem Kind als selbstverschuldetes Urereignis vorkommen. Wir hören gleichsam noch das „Vater, warum hast du mich verlassen?“ des kleinen James vor der Auferstehung. Auch im furiosen Finale muss er erneut durch das gleiche Kellerloch hinabsteigen, dass ihm diesmal Rettung bedeutet. Denn nun reicht Bonds gewohntes Arsenal nicht mehr aus – er muss sich auf eine abgesägte Schrotflinte und einen symbolstrotzenden Dolch verlassen, anstatt auf die neuesten Erfindungen aus dem Labor von Q.

Und er ist nun auch nicht mehr der Penetrator, sondern er wird penetriert. In einer Mélange aus High Noon und Winchester ’73 muss er sich einkesseln lassen und auf den Angriff der Indianer warten. Aber auch hier gelingt ihm die bloße trickreiche Gewaltanwendung nicht mehr. Die Festung seiner kindlichen Einsamkeit wird geschliffen und geht in Flammen auf. Jede Rückkehr ist verbaut, Regression fortan unmöglich. Er muss also sein Erwachsenwerden ein weiteres Mal wiederholen, wie es ja auch bei uns normalen Menschen oft nicht mit einer einzigen Pubertät getan ist, und durch die Dunkelheit der Höhle und der schottischen Nacht marschieren, erhellt allein vom Feuer des abfackelnden Kindheitsschlosses.

Und nun gelingt ihm an seiner Ersatzmutter M, was ihm bei seinen echten Eltern nicht gelingen konnte. Der verlorene Sohn kehrt zu seiner Mutter und seinem Vater (die noch zuvor als Maria-und-Josef-Figuration schutzsuchend über die Heide stapften) zurück und erweist sich als guter, versöhnter Sohn, indem er den bösen Sohn, gleichsam den bösen, lebensverneinenden, rachsüchtigen und unversöhnlichen Teil in ihm, (ab-)tötet.

Die Mutter freilich kann er nicht retten, doch in einer umgekehrten Pietà kann er sie ein letztes Mal im Arm halten und das segnende Wort empfangen, das ihm ein vorwärtsschauendes Leben ermöglichen könnte. Symbolträchtigerweise in einer Kapelle, auf deren Kirchhof Bonds leibliche Eltern begraben sind. Man glaubt fast, ihn Tränen des Abschieds von seiner Kindheit weinen zu sehen.

Aber wie ein Bond-Film mit einem geheilten Bond aussehen könnte, will man sich lieber gar nicht ausmalen.

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