Die Gesellschaft und die Seele zu vergleichen, die Ähnlichkeit ihrer Struktur und ihrer Ziele aufzuzeigen, ihr Funktionieren mit dem Gleichgewicht ihrer Organe gleichzusetzen – dies hat Tradition bereits seit Platons Staatsdenken. Bei beiden kann man feststellen, dass sie mehr sein müssen als nur die Summe ihrer einzelnen Teile, und das eine Störung des schwächsten Teils auf kurze oder lange Sicht eine Störung des Gesamtorganismus hervorruft.

angst gesellschaftDie Metapher des Flusses scheint auf beide zu passen: werden Gesellschaft und Seele von irgendeiner Seite gestaut oder eingedämmt, kommt es auf einer anderen Seite zu einer Reaktion, da die Energie irgendwohin fließen muss. Werden ihre vitalsten Bedürfnisse nicht befriedigt (bei einer zu rigiden Eindämmung der Energie also), erfolgt früher oder später ein Ausbruch ins Unkontrollierbare. Eine Neurose, eine Depression, eine psychosomatische Erkrankung kann sowohl im individuell-psychischen als auch im sozialen Bereich die Folge sein.

Dem Psychologen Wilhelm Reich verdanken wir die Metapher des Charakterpanzers, die das Streben der Seele nach Immunität gegenüber Veränderung beschreibt, sobald diese sich einer zu großen Blockierung ihrer natürlichen Funktionen gegenübergestellt sieht. Reichs Forschung bezog sich auf Phänomene, die in einer Kultur der Triebunterdrückung zur Stauung sexueller Energie und damit von Lebenskraft führen. Er untersucht das Verhältnis von psychischen und physischen Verkrampfungen und stellte fest, dass dauerhafte Triebunterdrückung eine Verengung des Bewegungsspielraums zur Folge hat, die die Ausdrucksmöglichkeiten des Charakters beschränkt, ja geradezu verarmen lässt. All dies als Reaktion auf tief empfundene Angst davor, seinen ureigensten, spontanen Bedürfnisse nicht gerecht werden zu dürfen.

Der Zusammenhang von körperlicher Expansion und Kontraktion gilt Reich als allgemeines Lebensprinzip. Dementsprechend zeigt sich auf der körperlichen Seite eine Verengung, eine Verpanzerung und Verkrampfung, die auf eine seelische Funktionsstörung Rückschluss gibt. Krebs ist für Reich eine Art Ausdruck dieser totalen Blockierung des Gesamtorganismus – das Krebsgeschwür entwickelt sich jeweils an seiner schwächsten Stelle und ist charakterisiert durch ein ungehemmtes Zellwachstum – ein Ausbruch ins Unkontrollierbare.

Bereits Reich untersuchte die gesellschaftlichen Hintergründe, vor denen Triebunterdrückung den Mitgliedern der Gesellschaft als sinnvolle Strategie des Überlebens und des Erfolgs vorkommen kann: die Anpassung der Individuen an die rigiden und autoritären Strukturen der modernen Arbeitsprozesse verlangt Wege, die eigene Spontaneität zugunsten von Pflichterfüllung einzuschränken. Dies führt – da spontanes Triebleben sich immer im Sexuellen ausdrückt – zu einer Stauung sexueller Energie, die die Quelle neurotischer Symptome und psychosomatischer Krankheiten wird. Orgastische Potenz findet sich in solchen Strukturen nur noch in ihrer Schwundstufe, der erektiven Potenz, wieder. Qualität des Seelenlebens, auch der Triebäußerung, wird durch pure quantifizierbare Erlebnisse ersetzt.

Dem Einzelnen erscheint es sinnvoll, in einer Kultur des Verzichts seine Triebe nicht oder nur sublimiert auszuleben, da er sich soziale Akzeptanz davon verspricht. Folge sind stabile Gesellschaften, deren Subjekte sich berechenbar und affirmativ verhalten. Ein System, das auf massenhafter Ausbeutung von Lebenskraft beruht, kann nur unter solchen Voraussetzungen entstehen und erhalten werden. Trotzdem bliebt es Reich schon damals rätselhaft, warum „die Massen nicht den Weg der Befreiung aus den repressiven gesellschaftlichen Strukturen gewählt haben, sondern großenteils den Faschismus mitgetragen haben.“

Auch heute muss es rätselhaft scheinen, warum angesichts der Zustände in unseren Gesellschaften nicht mehr Menschen den Weg des Umsturzes gehen. Das System zeigt sich deutlich in seinem faschistischen Charakter, in dem Konsum und Status die Surrogate des Sadomasochismus sind, die den autoritären Charakter von heute befriedigen, freilich nur kurzzeitig, süchtig machend und mit fatalen Konsequenzen für andere Menschen und Tiere.

Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? […]. Wie Reich sagt, liegt das Erstaunliche nicht darin, daß Leute stehlen, andere streiken, vielmehr darin, daß die Hungernden nicht immer stehlen und die Ausgebeuteten nicht immer streiken. – Gilles Deleuze / Félix Guattari

Die Antwort – in vertrauter Gleichsetzung von Seele und Gesellschaft – könnte in der Angst liegen, die beiden gemacht wird. Angst, stetig und dauerhaft lastend, erzeugt den Panzer, der eine freie Bewegung unmöglich macht. Eine freie Bewegung aber, selbstbewusst und furchtlos, ist die Voraussetzung für Änderung und Befreiung, ja sogar erst für ein Bewusstsein von deren Notwendigkeit.

Angst wird gesellschaftlich hergestellt, um Kontrolle auszuüben. Dieser Zusammenhang ist zur Genüge festgestellt und untersucht worden. Eine Körperpanzerung scheint heute kein gesellschaftliches Symptom zu sein. Lässt dies nicht auch auf eine verringerte seelische Panzerung schließen? Die Möglichkeiten, sich ausleben, scheinen in unserer Erlebnisgesellschaft doch beinahe unbegrenzt vorhanden zu sein. Mehr noch, es fällt dem Individuum als Aufgabe zu, für sein körperliches und seelisches Wohl selber zu sorgen, um zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen sowie zu deren Verbrauch fähig zu sein. Burn-Out und Depression können von demjenigen als Menetekel gelesen werden, der nicht aus dem System von Produktion und Konsum, der Anerkennung und Zugehörigkeit schafft, herausfallen will.

Gleichwohl – der Druck auf den Einzelnen, dies zeigt der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“, steigt auch heute immens. Hinzu kommt die nun deutlich am Leib jedes einzelnen zu spürende engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel.

Die größte Angst scheint nach wie vor diejenige zu sein, abgehängt – von „den anderen“ nicht akzeptiert zu werden. Doch die Mittel, die zur Verhinderung dieses Szenarios eingesetzt werden müssen, sind heute diejenigen des Individuums, das für sein Glück, seinen Erfolg und seine Selbstverwirklichung allein verantwortlich ist. Seine Zeit nicht genutzt zu haben, um aus sich selbst das Beste gemacht zu haben, kommt beinahe dem sozialen Tod gleich. An dieser Verantwortung zugrunde zu gehen, ist die heutige Angst der Gesellschaft.

Je größer die Angst der Gesellschaft, desto größer ist auch ihr Charakterpanzer. Körperlich diagnostiziert wird er vielleicht seltener in Verspannung und Verkrampfung, da die Angebote zur (sexuellen) Triebbefriedigung vielfältig und verfügbar sind. Aber psychosomatische Erkrankungen erscheinen uns heute deutlicher als Zeichen eines „erschöpften Selbst“, wie es der Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt.

Je mehr Angst herrscht, desto stärker wird das Vertrauen denjenigen gegenüber, die vor der Gefahr zu schützen vorgeben. Diese – vornehmlich Status, Sicherheit, Vorhersagbarkeit – sind jedoch Repräsentanten des gleichen Systems, das die Angst erst hat entstehen lassen.

Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt dazu:

Es geht nicht nur um Typisierung, sondern vor allem um Prognose. Wir unterliegen einem sagenhaften Glauben an die Quantifizierbarkeit, mit anderen Worten: An die Vorhersagbarkeit der Zukunft (bzw zukünftigen Verhaltens) aufgrund von Datenauswertung. Die ultimative Bedrohung der Freiheit liegt in einem Ummünzen des Sicherheitsbegriffs von einer repressiven (= Verbrechen werden bestraft) in eine präventive (= Verbrechen werden verhindert) Idee. Das Gleiche ereignet sich im Gesundheitssektor (Krankheiten müssen nicht geheilt, sondern verhindert werden). Je mehr Daten die Illusion aufblähen, dass wir künftige Kriminalität oder künftige Krankheit (als die beiden wichtigsten menschlichen Störfälle) vorhersagen können, desto größer wird der Druck auf den Einzelnen werden – von der Notwendigkeit, bestimmte Verhaltensweisen zu unterlassen, bis hin zu Verhaftungen zur Verbrechensverhinderung.

Sowie sich die Seele panzert, um sich Veränderung gegenüber zu immunisieren, panzert sich auch die Gesellschaft, wenn die Angst von ihr Besitz ergreift. Diese Einengung, die in erster Linie eine der Vorstellungskraft ist, zeigt sich heute in vielen Bereichen: von der quasi-freiwilligen Einengung der pädagogischen Imagination auf das Ziel, wirtschaftliches Abgehängtsein zu vermeiden (anstelle eines Vertrauens in die Vorstellung von einem selbstbestimmten, freiwilligen und intrinsischen Lernen); über die gedankliche Verkrampfung, dank der die Idee eines anderen Geldsystems utopisch genannt wird; bis hin zur massenmedialen Kontraktion, die ein alternatives Wirtschaften von vornherein undenkbar macht („Wie soll denn eine andere Gesellschaft aussehen?“) – anstatt die vorhandenen Vorschläge beherzt weiterzudenken und umzusetzen.

Je stärker der gesellschaftliche Charakterpanzer, desto unvorstellbarer erscheint eine Alternative, desto ungangbarer eine Abweichung vom gewohnten Weg und desto unmöglicher auch nur der erste Schritt abseits. Obwohl es mittlerweile klar sein sollte, dass der Weg, den die modernen Gesellschaften gehen, nicht nur ins Abseits, sondern geradewegs in den Abgrund führt.

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Ein Kommentar zu „Die Angst der Gesellschaft

  1. Die Einengung und Behinderung der Freiheit durch ständiges Versichern gegen Risiken, durch ständiges prophylaktisches Handeln gegenüber dem kurativen ist mir jetzt nochmal deutlicher aufgegangen. Also gegen die zunächst logische wie einleuchtende Formel: Vorbeugen ist besser als Heilen! die mich zum ängstlichen Vorbeugen anspannt, werde ich mich künftig zu entspannen versuchen.

    Gruß

    Phileos

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