Nicht ganz vollkommen leblos – Über Antonia Baums Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf …“

Mit Pop-Literatur ist es wie mit gutem Wein: Wenn man sie aufmacht und dann stehen lässt, wird sie schon nach geringer Zeit ungenießbar. Beim Wein liegt es am Sauerstoff, bei Pop-Romanen ist es die Erwartungshaltung, die den Genuss zu einer Mutprobe werden lässt. Frisch, gleich nach dem Öffnen genossen, mag auch debaumr Roman von Antonia Baum mit dem Titel „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ für rote Wangen und Schwindelgefühle sorgen. Gleich nach dem Öffnen und vor allem ohne allzu hohe Erwartungen. Wenn man das Buch allerdings nach Wochen erneut liest, kann die unangenehm vergorene Ambitioniertheit, der man Seite auf Seite begegnet, schon mal für Überdruss, ja Widerwillen sorgen. Und für Kopfschmerzen im Nachhinein.

Das liegt vor allem an der Anbiederung, überhaupt einen Pop-Roman zu schreiben. Natürlich sind das alles Labels, und die werden einem Kunstwerk ja meist von anderen aufgeklebt; sie haben mit der eigentlichen Kunst oft gar nichts zu tun, sondern verstellen dem Betrachter (oder der Betrachterin) nur zu häufig den Blick. Wer seinem (oder ihrem) Roman allerdings einen Titel gibt / geben lässt, der so stark nach Soundschmeckt  (laut Vorbemerkung ein abgewandeltes Zitat irgendeiner „Rap-Crew“), bestimmt freilich selber schon zur Genüge die Art und Weise, in der man das Ganze zu genießen hat.

Mit literarischem Sound ist es oft wie mit den Zombies bei Walking Dead. Am Anfang wirkt er interessant und sorgt für Wiedererkennung, dann langweilt er, irgendwann ist er nur noch nervig. Und das sogar, wenn er originell ist. Baums Sound ist nicht originell, das macht es aber auch nicht besser. Seine stilistische Schlichtheit (der Perspektive der zumeist neunjährigen Erzählerin geschuldet) ist ermüdend. Sie kennen ihn wahrscheinlich aus Büchern wie Soloalbum oder Relax: Präsens, Parataxe, Umgangssprache, hier und da ein ausgefallenes sprachliches Bild, hier und da ein Anglizismus, ansonsten: Dialog. Und ein ausgefallener Titel, damit Spiegel-Literaturkritiker dann das Label „Rap auf Romanlänge“ draufkleben können. Wenn das im 21. Jahrhundert noch faszinieren mag … meinetwegen. Ich aber sage euch: Dieser Sound wird beim zweiten Hören nicht besser.

Wen Sound nicht stört, wer ihn überlesen kann, dem mag die Geschichte, dem mögen ihre Figuren und deren ach so unalltäglicher Alltag durchaus zusagen. Natürlich ist das, was da erzählt wird, alles andere als „authentisch“, geschweige denn realistisch. Es ist konstruiert und das merkt man. Auch das wäre  ja nicht das Schlimmste, gäbe es da nicht diesen Gestus des „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!“, mit dem derartige Werke überzeugen wollen, ja müssen.

Wer von einer Familie aus einem sozialen Brennpunkt erzählt, behauptet: „Seht her, so war’s, ich erzähle von dem echten Leben, nicht von herbeifantasierten Kunstfiguren, wie es die altbackenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller tun. Es ist aus dem Leben, weil es so anders ist als alles, was ihr so kennt und für normal haltet.“ Ein Text, der das behauptet, sollte Wert auf Plausibilität legen. Er sollte einer Neunjährigen keine Wörter wie „quasi“ in den Mund legen, wenn sie das Wort „Deeskalation“ kennt – auch nicht aus der Nacherzählung. Er sollte eine Geschichte zu erzählen haben, die über die gesamte Länge der Erzählung trägt, und das sind hier 400 Seiten! So viel sei verraten: Sie trägt nicht, die Geschichte von Romy, ihrem „verrückten“ Vater Theodor (Arzt, Künstler, Kleinganove) und ihren beiden Geschwistern. Für Rasanz fehlt ein nachvollziehbarer Konflikt, der über das Schlimme-Kindheit-Motiv hinausgeht. Dabei steckt für solche Zwecke in diesem Bericht einer Kindheit in prekären Verhältnissen Potential. Berlin kommt vor, das Jugendamt, ein Wettbüro, Drogen, und eben ein Schrottplatzwohnzimmer. Sogar eine zweite Erzählebene im Schlussteil, wo Romy 25 ist und zusammen mit ihren Geschwistern einen Unfall baut. Der Vater taucht zu ihrem Geburtstag nicht auf, so einer ist er und war er immer gewesen, und trotzdem lieben ihn die drei Kinder und sind groß geworden. Ist das eine Erkenntnis, die am Schluss des Buches bleibt?

Doch das Setting bleibt bemüht skurril und die Figuren blass, austauschbar, zu distanziert. Wenn der Konflikt nicht im Vordergrund stehen soll und die Sprache es nicht kann, dann müssten schon die Figuren Identifikation, zumindest ein gewisses Mitempfinden ermöglichen. Die Erzählerin Romy wäre eigentlich eine Kandidatin dafür, altklug und verletzlich, trotzig und hoffnungsvoll zugleich. Aber sie ist zu sehr Marionette für das Anliegen, im Gepäck des Romans eine Sozialstudie aus Prekaristan mitzuschleppen, so wie der Vater zu sehr Typ Lebenskünstler ist, als das man Mitleid mit oder Hass auf ihn haben könnte. Die Nebenfiguren sind verschwunden, ehe man sie besser kennenlernen konnte. Es ist, um den auch schon aus ausgefallen Titel von Antonia Baums erstem Roman zu bemühen „vollkommen leblos“.

Ganz vollkommen leblos? Nein. Aber alles an Baums Roman ist entweder zu wenig oder zu viel. Er spielt im Milieu und erzählt davon aus der Perspektive eines seiner „Insassen“ – aber der Roman kann sich trotzdem nicht entscheiden, wer spricht. Ist es die kleine Romy, dann verzeihen wir ihr die vielen sprachlichen Unzulänglichkeiten und ihre Unfähigkeit, und ärgern uns, dass man sie auf 400 Seiten ausbreiten muss. Oder ist es die ältere Psychologiestudentin, die auf ihre Kindheit zurückblickt? Dann ärgern wir uns über ihre Naivität und sprachliche Ohnmacht und über die 400 Seiten, auf der sie sie ausbreiten muss. So oder so, Antonia Baums Roman ist entweder unausgegoren oder bereits vergoren.

Antonia Baum: Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015.
400 Seiten, 22,00 €
ISBN: 978-3455403374

 

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