In seinem Debütroman „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ fragt Franz Friedrich nach dem Grund für das Verschwinden des Vertrauten

„Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel“, heißt es in Hölderlins „Hyperion“. Diese Worte könnte man Franz Friedrichs Roman „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ als Motto voranstellen, kreisen seine Geschichten doch um nichts weniger als um die Frage, wie man leben soll angesichts der zweifelhaften Einrichtung der Welt. Ob das private Leben auch „im Falschen“ noch richtig, noch eine Insel der Geborgenheit sein kann oder ob es im Chaos der Verhältnisse dahingehen muss wie all das andere Vertraute, bleibt nach der Lektüre als Frage offen, zum Glück.

aaaaAls Symbol für das Fragile dient dem Roman die Lapplandmeise, genauer: ihr Gesang. Dieser Vogel, ein „flauschiges Bällchen, dem ein verschwindend winziger Schnabel anhaftete und zierliche Läufe, die sich in knospenhafte Zehenkrallen verästelten, so dünn wie der Strich eines einzigen Pinselhaars“, hat seine Heimat in der südfinnischen Provinz Uusimaa, und sein plötzliches Verstummen sorgt für eine Verwirrung, über die man sich wiederum wundern könnte:

Was, bitteschön, soll am Verstummen einer Vogelpopulation so Dramatisches sein, dass sich nicht nur Wissenschaftler auf der ornithologischen Station der Insel damit beschäftigen, sondern auch eine deutsche Filmemacherin, die darüber einen Naturfilm dreht, der dem Roman seinen Titel leiht, dann ein junger Mann, der viele Jahre später diesen Film sieht, dann eine US-amerikanische Studentin in Berlin, die mit einem Volkslied über das Verstummen der Vögel in Berührung kommt, und schließlich der Leser des Romans selbst? Auch diese Frage bleibt nach der Lektüre offen, zum Glück.

In der Wahl dieser Symbolik liegt trotz (oder wegen?) der Nähe zum Klischee bereits der größte Kunstgriff des Romans. Sie erlaubt Deutungen, ohne sich je dem Leser aufzudrängen. Im Ausbleiben des Gesangs einer recht unscheinbaren Vogelart spiegelt sich der Verlust einer Welt, die wir nur im Kleinen, und oft auch nur in ihrer Abwesenheit bemerken: der Welt des Naturhaften, Einfachen, Vertrauten.

Mithilfe dieser allegorischen Bilderwelt gelingt es Friedrich, den Geschichten um die Hauptpersonen, die in drei Erzählsträngen einander abwechseln, etwas zugleich Leichtes und Bedeutungsschweres zu verleihen – abseits von Kitsch und Konventionalität. Denn um die Lapplandmeise und ihren Gesang rankt sich bald schon etwas Mythenhaftes, etwas, das in Volksliedern und Märchen wiederkehrt und sich wie ein Motiv durch das Gewebe der Romanwelt zieht – zusammen mit der stimmungsvollen Naturschilderung von der Insel Uusimaa ergeben sie das romantische Gegenbild zum prekären Berlin-Alltag einer mittellosen Studentin einerseits, zur schnöden Vision eines „Post-EU-Europa“ andererseits.

Diese dritte Ebene spielt in einer möglichen Zukunft einer neugegründeten „Kerneuropäischen Union“ ohne Deutschland und mit dem Königreich Belgien als Herzstück. Die subtil gezeichnete Welt, in der sich der namenlos bleibende junge Filmemacher bewegt, möchte man lieber nicht erleben – und doch bleibt der Grund für das Unbehagen an den fiktiven Verhältnissen vage. Dass sogar die Kondensstreifen am Himmel verschwunden sind: ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Überhaupt liegt in dieser vieldeutigen Unentschiedenheit seinen Zeichen und Bildern gegenüber die poetische Kraft von Friedrichs Roman. Diese Kraft, die an frühe Handke-Texte erinnert, konzentriert sich in der Frage nach den möglichen Gründen: Warum die Meisen nicht mehr singen, bleibt jedoch – ebenfalls und erneut zum Glück – nach der Lektüre offen.

Mithin kann und will sich der Roman auch nicht zwischen düsterer Zukunftsmalerei und idyllischer Sehnsuchtsortbeschwörung entscheiden. Muss er ja auch nicht. Die Figuren und ihre Schicksale stehen für sich selbst (so sehr zwar, dass man sich zuweilen fragt: Wen kümmert’s? Vor allem die Geschichte um die Studentin Monika verlangt dem Leser Geduld ab). Doch die Bilder, die der Roman erzeugt, sind von bleibender Wirkung, was vor allem daran liegt, dass es im Grunde genommen keinen Plot gibt, den man nacherzählen könnte. Schnell merkt man, dass es auf ihn nicht ankommt, wenn die Welt Schiffbruch erleidet und die letzten Inseln der Seligen problematisch geworden sind.

Wer für seinen Roman einen Titel wie „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ wählt, tut gut daran, sich frühzeitig gegen den Vorwurf allzu schlagerhafter Inbrunst versichert zu haben. Friedrich hat dies in „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ weniger durch stilistische Experimente als durch die Unaufgeregtheit des Erzählens und die Unbestimmtheit der Bilder getan. Zum Glück.

 

Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr. Roman. 

S. Fischer, Frankfurt am Main 2014.

317 Seiten, 19,99 €

ISBN 978-3100022325

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