Die Vorstellung, dass der freie Markt verantwortlich ist für die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten von Gesellschaften, ist im öffentlichen Diskurs so fest verankert, dass es fast fruchtlos scheint, überhaupt eine andere Sichtweise einzunehmen. Die Gründe für die große Einigkeit bei der Mehrheit der Systemkritiker in der Frage, wer letztlich Schuld an der Misere trage, sind zahlreich – genannt seien hier nur zwei der wichtigsten. Der erste ist eher anthropologischer Art, der zweite betrifft die Psyche des modernen Gesellschaftsmenschen.

Zum einen ist der Mensch offensichtlich nicht nur ein Gewohnheits- und Herdentier, das tut, was es kennt, und der Mehrheit folgt, während von Anbeginn an nur mutige Einzelne gegen den Strom zu denken und zu gehen wagen – Einzelne, die dank ihrem Wagemut und ihrer Tollkühnheit gemeinhin eher wenig Chancen hatte, eben diese Charakterzüge in den kommenden Generationen zu vermehren. Es ergab evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Vorteil, wenn man sich von der Gruppe, von der man abhängig war, abhob, sei es durch extravagantes Aussehen, außergewöhnliches Verhalten oder exzentrisches Gedankengut. Es kommt hinzu, dass der Mensch einen großen Vorteil in Geborgenheit und Sicherheit findet, während Waghalsigkeit und übergroße Tapferkeit seit Urzeiten höchstens für einen gewissen Nachruhm sorgen.

Freiheit, die Vermehrung seiner Möglichkeiten, große Ungebundenheit sind für das menschliche Tier immer eher herausfordernd, ja beängstigend, weil mit ihnen Gefahr verbunden ist; Sicherheit aber, die durch feste Regeln, althergebrachte Rituale, äußere Stabilität der Lebensverhältnisse oder starke Führungspersönlichkeiten gewährleistet werden, wirkt eher beruhigend und stressreduzierend. Auch und gerade die enge Bindung zur Familie, vor allem zur Mutter, bringt den entscheidenden Überlebensvorteil, während persönliche Freiheit nur dann von Vorteil ist, wenn sie durch zu rigide Vorgaben so stark eingeschränkt wird, dass keinerlei Wachstum mehr möglich ist. Schließlich entschließen wir uns auch heute noch, das wärmende Nest der Familie zu verlassen, um eigene Entscheidungen treffen und persönlich wachsen zu können. Gleichwohl bleiben wir mental in dieser Sehnsucht nach Geborgenheit und Führung verhaftet, selbst wenn wir schon lange erwachsen sind.

Das Bedürfnis nach Gehorsam ist ein grundlegender Aspekt unserer Kultur

schreibt Arno Gruen, und beleuchtet damit die andere Seite der Sehnsucht nach Geborgenheit. Dass man uns die Probleme abnimmt und für uns sorgt, ist ein stiller Wunsch, von dem sich kaum jemand frei machen lässt. Er bestimmt allerdings nicht nur unsere heimlichsten Sehnsüchte, sondern auch unser gesellschaftsphilosophisches Weltbild. Für andere einen starken Staat zu fordern, der den vermeintlich Schwachen und Hilflosen unter die Arme greift, kann eine Übertragung im psychoanalytischen Sinne sein: Was man sich selbst nicht eingesteht an Wünschen und Begierden, projiziert man auf andere, und zwar im größeren Zusammenhang. Man wünscht sich, es gäbe jemanden, der für einen sorgt, und wenn es nicht mehr die eigenen Eltern sein dürfen und wenn man es nicht mehr selbst sein darf (das Über-Ich lässt grüßen), dann soll es doch eine überpersönliche Instanz sein, die für die Bedürftigen da ist. Vater Staat als allsorgende Figur, die den Menschen in Zeiten der Not beisteht – dieses Bild ist so stark mit urzeitlichen Mustern in unserem Unterbewusstsein verhaftet, dass es kaum möglich ist, eine größere Gruppe von Menschen von dem eigentlich schädlichen Wesen des Staates zu überzeugen.

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Ein Kommentar zu „Das Bedürfnis nach Gehorsam

  1. Du drückst das aus, was ich schon immer ahnte… Außerdem hast Du Arno Grün gelesen, einen wirklich tollen Autor und Psychoanalytiker, den ich sehr verehre…

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