Robert Pfallers Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ leidet an oberflächlichem Hedonismus

Haben wir verlernt zu genießen? Allein die Tatsache, dass wir uns die Frage stellen, könnte schon ein Hinweis auf ihre Beantwortung sein: natürlich, denn wer nach dem Glück fragen muss, besitzt es sicher nicht – er besaß es nie oder er hat es irgendwie verloren. Natürlich, so der Befund, haben wir den Genuss verlernt, denn früher war alles besser und leichter, da konnten wir das Leben noch in vollen Zügen genießen, ganz im Moment aufgehen und feiern, als gäb’s kein Morgen mehr. 

robert pfaller wofür es sich zu leben lohn genussAber heute? Grauer Alltag und schnödes Effizienzdenken, wohin man blickt. Studien über die glücklichsten Länder der Welt, Kurse in Lach-Yoga und Rezepte für stimmungsaufhellende Gerichte lassen ahnen: Uns ist die Fähigkeit, zu genießen, abhanden gekommen.

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller hat vor einiger Zeit ein vielbeachtetes Buch zu dem Thema geschrieben. Seine Thesen: Der gegenwärtigen westlichen Kultur geht die Fähigkeit verloren, genießen zu können. Obwohl gerne als hedonistisch bezeichnet, ist sie doch in Wirklichkeit lustfeindlich, was sich darin äußert, dass die negativen Eigenschaften der Dinge, die uns bisher Lust bereiten konnten, ihnen weggenommen werden. Das Schädliche an einem Erlebnis ist genau das, was es für eine Kultur als lustbringend geeignet erscheinen lässt, da es den Individuen erlaubt, in besonderen Momenten, den Augenblicken selbstvergessenen Feierns, ihre Selbstvergessenheit, ihr Nicht-an-Morgen-denken zur Schau zu stellen: das „Unreine“ wird in der kollektiven Feier zum Heiligen, dass mittels seines schädlichen Charakters den profanen, auf Effizienz ausgerichtten Alltag transzendiert, zumindest unterbricht. In anderen Momenten würde den Individuen das gleiche Erlebnis oder Ding (dank seinem Doppelcharakter „unrein“/“heilig“) als schal oder ekelhaft erscheinen.

Der konstatierte Verlust an Genussfähigkeit zeigt sich in dem wachsenden Unwillen der Gesellschaft, (vermeintlich) schädliche Alltagsgegenstände und -erlebnisse zu tolerieren. Dem Rauchen wird der Garaus gemacht, Bier gibt es auch alkoholfrei, öffentliches Grillen im Park wird verboten. Pfallers Fazit lautet: Wir haben um des nackten Lebens willen die Gründe vergessen, für es sich zu leben lohnt – in der Bewertung des Satirikers Juvenal „der größte Frevel“ überhaupt:

Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.

Man kann leicht einwenden, dass Pfallers Beobachtungen zwar kulturelle Phänomene beschreiben, deren Generalisierbarkeit zumindest bestritten werden kann – von empirischer Belegbarkeit ganz zu schweigen, die muss den Philosophen nicht kümmern. Ist es denn wirklich ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der sich hier abspielt? Oder nur einer auf die üblich verdächtigten Schichten – Bildungsbürgertum, Yuppis, BoBos, Generation Y – bezogener?

Kann man denn wirklich davon sprechen, dass sich das Gros der Gesellschaft davon zu verabschieden droht, Rituale wie das abendliche Biertrinken oder die Zigarettenpause am Leben zu erhalten? Nur weil es seit geraumer Zeit auch alkoholfreies Bier gibt? Und weil man nur noch außerhalb öffentlicher Gebäude seiner Lust am Tabak frönen darf? In zahlreichen Kneipen einer beliebigen deutschen Stadt kann man in vivo beobachten, wie wenig sich viele Menschen für den von Pfaller konstatierten Abschied von der Genusskultur interessieren. Macht sich Pfallers Theorie einer Verallgemeinerung der nur in einem begrenzten Habitat beobachteten Phänomene auf die Gesellschaft in ihrer Gänze schuldig? Einer Verallgemeinerung, die einer kritischen Prüfung nicht stand hält?

Aber selbst, wenn wir uns nur auf die Schichten konzentrieren, die (aufgrund ihres Zwangs, sich im Alltag an neue Notwendigkeiten anzupassen) nun immer öfter davon absehen, Fast Food, Fleisch, Süßigkeiten, Tabak, Alkohol zu konsumieren, dann muss man wohl festhalten, dass sie den herkömmlichen Genussangeboten eine Palette neuartiger Möglichkeiten des Lustgewinns hinzugefügt haben. Diese Möglichkeiten ergeben sich schon rein ökonomisch erst durch die Teilhabe an der jeweiligen Schicht – und ihre Lust beziehen sie nicht zuletzt aus dem Wissen, dass andere Schichten an ihr nicht teilhaben können. So sind die meisten Extremsportarten ebenso exzessiv wie exklusiv, und auch das Shoppen um des Shoppens willen oder der mehrtägige Besuch eines Wellnesstempels gehört zu solcherlei „Ersatzbefriedigungen“, wenn das Rauchen nicht mehr Abhilfe zu schaffen vermag.

Zudem scheint doch fraglich, ob der Grund dafür, dass wir eine Zeit erleben, in der gefährliche Genüsse immer öfter in eine Verbots- und Tabuzone fallen, ihre Ursache im Neid derjenigen findet, die ihre eigenen Genussmöglichkeiten eingeschränkt haben. Denn, so Pfaller, wir sähen den Raucher nicht mehr als willkommenes Bild von Weltläufigkeit und Eleganz, das unseren Alltag verschönert, sondern nur als jemanden, dessen Genuss unseren Lustverzicht trübe (oder, paradoxerweise, diesen sogar noch lustvoller macht, im Sinne der Lacan’schen jouissance). Daher würden wir ihm seine Lust durch Maßregelungen madig machen. Das Problem bei diesem Argument ist zu meinen, dass sich neben dem Rauchen nur wenig Belege für die Neid-Theorie finden lassen. Schon für das gesellige Feiern gilt es kaum noch (es sei denn, unser Ruhebedürfnis wird durch die Lautstärke der Feiernden gestört) und schon gar nicht mehr für den Verzehr von Fleisch. Jemand, der aus gesundheitlichen Gründen aus tierische Produkte verzichtet, wird wohl kaum bei jemandem, der einer Grillparty beiwohnt, den Reflex auslösen, auch den anderen Fleischverzehr verbieten zu wollen (anders natürlich, wenn sein Verzicht ethische Gründe hat).

Beim Rauchen und bei der Party von oben sind eben andere direkt betroffen. Zudem ist unser Zusammenleben offensichtlich vielgestaltiger geworden und die allgemein akzeptierten, unausgesprochenen Regeln des höflichen Umgangs miteinander nicht mehr so sakrosankt (oder geläufig) wie noch vor fünfzig Jahren. Offensichtlich sind wir daher nicht nur sensibler geworden, was das Gefühl, gestört zu werden angeht, sondern Zumutungen gegenüber auch intoleranter, oder: mutiger geworden, diese zu formulieren.  

Dies lenkt allerdings den Blick vom eigentlichen Argument gegen Pfallers These, da es ja nicht „die Individuen“ sind, die Regelungen und Gesetze gegen das Rauchen im öffentlichen Raum erlassen, es ist ja nicht einmal „die Gesellschaft“. Verantwortlich für derartige Prozesse ist vielmehr eine Politik (wie auch Pfaller weiß, der bei der Aktion adults for adults seine mit Warnhinweisen versehenen Weinflaschen ja an EU-Abgeordnete schickt) und deren Interesse liegt nun einmal in der Kostensenkung. Wo sich gesellschaftliche Kosten politisch reduzieren lassen, wird die auch getan, das ist die Logik des Systems, und nun ist das Rauchen mit seinen „Nebenwirkungen“ aus dieser Perspektive eben ein Kostenfaktor.

Deutlicher wird das noch an dem von Pfaller bemühten Beispiel der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Aus Gründen der Erhöhung unserer Sicherheit lassen wir unwürdige Rituale der Selbstentblößung über uns ergehen. (Wie verquer Pfallers Genussbegriff ist, lässt sich hieran ebenfalls ablesen: wir genießen den Flug ja nicht, weil er Gefahr bedeuten würde; ja, wir genießen ihn im Grunde gar nicht.)

Pfaller wirbt für die Möglichkeit, eine risikoreiche Existenz in Würde einem risikoarmen Leben vorzuziehen, in dem man entwürdigenden Handlungen ausgesetzt wird. So wünscht er sich halb im Scherz die Aufteilung von Fluglinien in die beiden Klassen Stolz und Sicherheit. Da es aber gar nicht in erster Linie um die jeweiligen Passagiere der jeweiligen Maschine geht, sondern um mögliche Opfer am Boden und um das Flugpersonal, dessen Gehälter nämlich reziprok zum zerbombten Flugzeug in den Himmel schössen, zeigt schon, dass es eben um Kapital geht, das der einzige Grund für Unternehmen und Politik ist, Regeln zu erlassen oder auszusetzen. So hohe Versicherungsbeiträge könnte schließlich keine Gesellschaft mehr bezahlen …

Ein Blick auf die Straßen einer x-beliebigen Stadt mag nun aber erhellen, an welchem verqueren Wirklichkeitsbild – bzw. Genussbegriff Pfallers Theorie krankt. Lange nämlich muss man sie suchen, die eleganten Raucher von Welt, die sich in mondänen Clubs Zeit nehmen für den sinnlichen Genuss in Form aparter Düfte, todesmutig eingedenk der Gefahr, die sie ihrer Gesundheit damit zufügen. Die Mehrheit der Raucherinnen und Raucher dürfte diesem nostalgischen Bild Hohn sprechen: hastig auf dem Weg zur U-Bahn angezündete Glimmstengel, gelbe Zähne, vergilbte Schnurrbärte und röchelnder Husten, kalter Rauch, der sich in seit Jahrzehnten ungereinigten Lederjacken fängt, achtlos auf das Trottoir geworfene Kippen – wo sind sie denn, die von Pfaller beschworenen Genießer? Wo waren sie je? Das gleiche mit Fast Food, Alkohol, Grillpartys in Stadtparks – vielleicht liegt es ja daran, dass ich in Köln (und nicht im glücklichen Wien) wohne, aber ich kann und konnte den Typus des Pfaller’schen Genussmenschen nur sehr selten ausmachen.

Aber vielleicht gibt oder gab es sie ja, oder vielleicht besteht ihr Wert ja auch nur in einer idealen Existenz, die der schnöden Realität den Spiegel vorhält. Trotzdem: das Verständnis von Genuss, das Pfaller, der seine Philosophie als materialistisch-hedonistisch bezeichnet, an den Tag legt, ist schamvoll unphilosophisch, ja trivial. Es ist ein rein negatives Verhältnis – Genuss stellt sich nur im Überschreiten von Verboten ein. Offenbar scheint Pfaller keinen Sinn dafür zu haben, dass dem Menschen auch andere Quellen der Freude offen stehen. Dies sind nämlich Freuden, die sich nicht nach dem Modell „Jucken – Kratzen“ gestaltet sind.

Die Freuden des Denkens und der Erkenntnis, die Lust am Lesen und an Sprache, das Glück sublimer Genüsse wie des Hörens eines Musikstücks oder des Betrachtens eines Gemäldes, die Berührung eines Menschen oder die Erfahrung von Natur, nicht zuletzt die Freuden meditativer Versenkung – die Freude des reinen Da-Seins, der Achtsamkeit – vielleicht sind das nicht ganz alltägliche „Befriedigungen“ und sie mögen dem ein oder anderen aus diesem Grunde auch eher befremdlich, ja lächerlich anmuten.

Doch wären dies nicht Arten der Lust, die zu erlernen und zu fördern eher geraten wäre als die Lust an lauten Grillpartys und am Rauchen?

 

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