Die Utopie des dionysischen Lebens – „Hangover“ (I und II)

2_-rubens-two-satyrsDer Reiz von „Hangover“ besteht neben aller Absurdität der Witze und Situationen vor allem darin, dass der Film mit der Suche seiner Helden nach Abenteuer in Las Vegas einen aufschlussreichen Blick auf unsere Wertungen und Haltungen gegenüber Kultur, Zivilisation und Gesellschaft eröffnet.

Das Wesen all dieses Zivilisatorischen, wie es dem Bereich des Natürlichen ideell entgegengesetzt ist, offenbart sich in „Hangover“ in den kleinen Lebensausschnitten aus Hochzeitsvorbereitungen, Familienleben, Beziehungszwist, der Öde der Arbeitsverhältnisse – es ist das der Normalität und Konventionalität, zu der nur Alans Anomalien einen spannungsreichen Gegensatz bilden. In diese Verhältnisse finden sich die Protagonisten von Beginn an eingebunden, sie erscheinen gleichsam als Sinn eines sozial konformen Lebens, zu dem man sich affirmativ verhält, ohne dass man sich erinnern könnte, wie man da hineingeraten wäre.
Aber als Verlockung und Verheißung winkt von Beginn an ebenfalls „das Andere der Gesellschaft“, das den Konventionen entgegengesetzte Prinzip, verortet in der US-amerikanischen Version der „Hure Babylon“: dem Glücksspielparadies Las Vegas. Dieser Moloch ist Wirklichkeit und doch Utopie, ein Nicht-Ort, Sodom und Gomorrha in der nevadischen Wüste; seine Gestalten  sind mythisch und doch bis zur Handgreiflichkeit physisch real.  Die Reise der Männer, die sich anfangs in einem Zwischenzustand befinden zwischen den Erfordernissen des Alltags und der Sehnsucht nach Vergnügen, Bewährung und Befriedigung – ihre Reise konfiguriert eine archaische Situation: den befristeten Austritt aus dem gesellschaftlich Akzeptierten in eine andere Welt, deren Besonderheit durch das Fehlen jeglicher Regeln gekennzeichnet ist. (Selbst die Polizei, Hüter des Gesetzes, interpretiert ihre Regeln in Las Vegas höchst freisinnig und eigenwillig.)
Dieser Ausbruch aus der Zivilisation, hier zeitlich vor die vermeintlich ewige Bindung an das Regelhafte (die monogame Ehe) gesetzt, soll noch einmal gewährleisten, dass sich der Mann als solcher fühlen und von anderen erlebt werden kann. Die Erinnerung an derartige dionysische Momente der Ekstase soll später in der verwalteten und verregelten Welt des appollinisch gemäßigten Alltags als Trost und als Schutzmittel gegen die gesellschaftlich geforderte Triebunterdrückung und Langeweile dienen.
Latent zum Ausdruck kommt dabei die Ansicht, dass der gesellschaftliche Mensch zu seinem eigentlichen Wesen nur noch kommen kann, wenn er durch den Gebrauch von Alkohol und Drogen jegliche Hemmung abgelegt hat. (Noch latenter behauptet der Film dabei, dass es sich bei dieser Art Mensch nur um Männer handeln kann. Das enthemmte Handeln ist entsprechend männlich konnotiert: Gefahr, Mutprobe, Männerfreundschaft, Aggression, Autoaggression, Sex.) Der erinnernde Nachvollzug dieser Enthemmung stellt sich dem Zuschauer als großes befreiendes Fest dar, in dem auf Konsequenzen des Tuns, Verantwortung für das eigenen Handeln, Gewissenhaftigkeit und Kohärenz mit allgemein anerkannten Wertvorstellungen kein Wert mehr gelegt wird. Die Feier des unmittelbaren Moments, des Körpers und seiner Bedürfnisse steht im Vordergrund, seine wiederkehrenden Attribute sind Tiger, Babys, Prosituierte, Waffen, Autos, Mike Tyson.
Am Ende steht jedoch die Rückkehr in die Normalität des Alltags, am Ende findet entgegen allen Widrigkeiten die Trauung des wiedergefundenen Doug mit seiner Verlobten Tracy statt, am Ende finden die Protagonisten wieder zurück in ihre Beziehungen – die Hochzeitsgesellschaft als Sinnbild der  öffentlich bestätigten Rückbindung des Mannes in Verpflichtung und Verantwortung. Die Zivilisation geht zwar in ihren Ansprüchen an den Mann so unmenschlich vor, dass er sich befristeten Urlaub nicht verkneifen kann, um durchzuhalten (dass er sich sogar gesellschaftlich akzeptierte Räume des gesellschaftlich Nicht-Akzeptierten installiert – „what happens in Las Vegas, stays in Las Vegas“), doch nach allem, was passiert ist, bleibt sie, die Zivilisation, die Grundlage für das menschliche Leben, weil wir es uns anders nicht vorstellen können und wollen als gesellschaftlich, d. h. hierarchisch geregelt.
Eine Kultur definiert sich für Foucault erst über das Zurückweisen von außerhalb Liegendem. Der Mensch (hier: der Mann) sehnt sich offenbar stets, mehr oder weniger bewusst, nach diesem außerhalb Liegendem, nach einem Ausbruch aus den Normen der alles in Zwecke und Mittel kategorisierenden Zivilisation. Als Antwort darauf hat sich die Zivilisation eines dialektischen Kniffes bedient und Orte und Zeiten eingerichtet, die dem „alten Adam“ einen Ausbruch, einen Urlaub von Form und Maß gewähren, dem Animalischen und Kindlichen Erlaubnis zur befristeten Machtübernahme erteilen. (In unseren von Gesundheitswahn und political correctness faszinierten Zeiten sind es allerdings immer häufiger Filme, die uns Abstinentlern durch Szenen der Ekstase – so äußerst plastisch in Project X, aber auch in den Partyszenen von The Great Gatsby, stellvertretend diesen Urlaub nacherleben lassen – alles andere wäre zu gefährlich und unverantwortlich.)
Anders, so die Pointe, kann Zivilisation nicht gelebt werden, da das Unbehagen in ihr sonst zu groß würde. Am Ende jedoch gewinnt die Kultur wieder die Überhand, der Mann kehrt zurück in die Gesellschaft und trägt zwischen Stolz und Scham schwankend seine Narben in Form von verlorenen Zähnen, Sonnenbränden oder Tattoos zur Schau. Alles bleibt jedoch beim Alten, so die Logik des sozial sanktionierten Ausbruchs – die Logik jedes Junggesellenabends. Es bleibt  als Residuum am Schluss, in der Kärglichkeit von fotografischen Beweisen, nur noch die in kurz aufflackernde Bestätigung, einmal richtig gelebt zu haben, bevor alles zu Ende ist.
Gleichwohl scheint im Film hier und da die Hoffnung auf eine Veränderung des Alltäglichen durch den Einbruch des Dionysischen auf, beispielsweise als der unterm Pantoffel stehende Stu der überzogenen Ansprüche, die seine Frau an ihn stellt, gewahr wird und er sich gegen sie auflehnt. In seiner zwischenzeitlichen Verheiratung mit der Stripperin Jade, einer durch ihren Beruf am Rande des gesellschaftlich Normalen situierten Figur, wird eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen in dem ambivalenten Sinn des Begriffs „Utopie“ deutlich: sie ist gleichzeitig möglich – sie scheint auf am Horizont des Denkbaren – wie unmöglich – sie wird aufgrund der Unvorstellbarkeit, eine solche Beziehung in den Alltag zu überführen, verworfen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s