Opium des Volkes?

Wenn man sich ausmalt, wie viel Worte, Gedanken, Diskussionen, Energien bereits für die Frage, wer der nächste Herrscher sein soll, geopfert wurde, kann einem ja ein gewisser Zweifel an der Angemessenheit der ganzen Sache kommen. Was allein 2016 verschwendet wurde an emotionaler Arbeit, wer sich alles zerstritten hat, wie viel Geld, Mühe, Intelligenz und Liebe bei dem Versuch draufging, den ein oder anderen Menschen von der richtigen Entscheidung zu überzeugen – oder ihn zumindest zu überreden oder ihm ein Angebot zu machen, das man für unablehnbar hält (Madonna hat jedem, der Hillary wählt, einen Blow Job angeboten) … man könnte skeptisch werden und denken, es gäbe doch vielleicht wichtigere Angelegenheiten zu erledigen im Leben. Vielleicht ist da etwas, was wir vernachlässigen. Vielleicht ist Wählen und überhaupt der ganze Politzirkus wie Prokrastination – wir beschäftigen uns damit, um die eigentlichen, die dringenden, die drängenden Probleme nicht anzugehen. 

Vielleicht sind, wie Sammy Blum gestern schrieb, auf einer anderen Ebene auch Demonstrationen gegen Dies und Das nur vergebliche Liebesmüh – hilflose Aktionen, mit denen man nichts erreicht als ein reines Gewissen, während die Politik doch ihren Weg findet, CETA, TTIP, offene Grenzen, Castor-Transporte, Atommüll-Endlager, Kriegseinsätze, Waffenexporte durchzusetzen. Vielleicht ist die Demo, ebenso wie der Begriff „repräsentative Demokratie“, nur das Deckmäntelchen für eine in Hinterzimmern beschlossene Politik, die dem Einzelnen nur das Gefühl von Mitbestimmung gibt – aber über seinen Kopf hinweg oder hinter seinem Rücken entscheidet. Vielleicht ist „Aktivist sein“ genau der Weg, den man dir gelassen hat, weil man weiß, dass er nirgendwo hinführt. 

Vielleicht wäre höchstens der Streik, die Passivität, die Verweigerung, das „Ich möchte lieber nicht“ die einzige Möglichkeit, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. 

Am Reformationstag würde ich ja gerne Luther zustimmen: Politik ist das Opium des Volkes. Die Frage, ob Trump oder Clinton Präsident sein soll, schläfert uns ein. Raubt uns Kraft und Aufmerksamkeit. Politik lenkt uns ab – von dem, was eigentlich zählt für eine lebenswerte Zukunft. Wenn ich nur wüsste, was das ist …

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