Liest man Peter Buwaldas „Bonita Avenue“ ein halbes Jahr nach den überwiegend begeisterten Besprechungen des deutschen Feuilletons erneut, so fällt auf, wie unscheinbar, ja konventionell die erzählerischen Fähigkeiten und sprachlichen Mittel seines Autors wirken – verglichen mit den fast hymnischen Lobpreisungen, die in dem 2010 in den Niederlanden erschienenen Roman ein „in seiner sprachlichen Wucht kühnes und in seiner psychologischen Schärfe und Genauigkeit beeindruckendes, ja erschreckendes Buch“ (Peter Henning in „Die Zeit“) gesehen haben. Ein großer Erzähler, so die Kritik, mache sich hier an die Zerstörung des Familienromans, nicht ohne dessen Tradition zuvor meisterhaft vorzuführen. Vergleiche mit Jonathan Franzen, ja Philip Roth wurden bemüht.

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Thema, Erzählweise, Plotkonstruktion, die kompromisslose Haltung zum Schicksal seiner Figuren – all das lasse Buwaldas Debutroman zu einem Beispiel „europäischer Literatur von Rang“ werden. Auch über die Sprache wurde so einiges lobend erwähnt, „kühn“ eben, „gierig“ und „körperlich intensiv“ sei sie. Was allein schon – um hier zu beginnen – schwer nachzuvollziehen ist, ebenso wie das Urteil, es handle sich um einen „700-seitigen Porno“ (Katharina Teutsch in der FAZ). Zumindest in der deutschen Übersetzung fehlt Buwaldas Sprache letztlich die Überzeugungskraft. Eine größtenteils gesichtslose Allerweltssprache, die Metaphern passend, doch oft wahllos zusammengeklaubt, ohne Sound, ohne Duktus. Hier und da eine witzige Wendung.

Erzählerisch bedient sich Buwalda vor allem eines recht langatmigen Berichts der Vorgeschichte, mal personal, mal auktorial, zuweilen in ein und derselben Szene. Es geht um die im niederländischen Enschede beheimatete Familie Sigerius, deren Vater Siem in fortgeschrittenem Alter noch einmal mit den Härten des Lebens konfrontiert wird: einerseits erfolgreicher Mathematikprofessor und Judoka, andererseits Vater eines im Leben gescheiterten Kriminellen. Einerseits Rektor und Wissenschaftsminister, andererseits Stiefvater einer mit Internetpornographie unlauteres Geld verdienenden Geschäftsfrau. Hier und da noch eine Parallelhandlung und im Ganzen angelehnt an Roths „Amerikanisches Idyll“, wird dies alles in detaillierter Rückschau geschildert, bevor es schließlich zum großen Knall kommt.

af_buwalda_am_tisch_mitbonitaavenueDie erzählerischen Details ermöglichen dem Leser eine größere Nähe zum vielversprechenden Geschehen; Atmosphäre jedoch kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Dialoge bemühen sich – im Ganzen erfolgreich – darum, die Gründe und die charakterlichen Eigenarten der Figuren zu zeigen, anstatt sie nur zu behaupten. Einen je eigenen Ton erhalten die Figuren allerdings nicht. Enttäuschend blass bleibt vor allem Siems Tochter Joni: Ihre Motive sind kaum nachvollziehbar, weswegen auch ihr Ende den Leser weniger ergreift als möglich, ja nötig gewesen wäre. Die Situierung der Romanhandlung um die Explosion der Feuerwerksfabrik in Enschede, mit der das Geschehen eben explosionsartig seinen Lauf nimmt – eine gelungene, wenn auch nicht allzu subtile Allegorie auf die inneren Verwerfungen der Familienmitglieder.

Das ist ein schönes Sujet, der Untergang einer Familie, was immer das heißen mag. Er sichert dem Werk einen Platz in der viel beachteten Kategorie „Familienroman“; Leo Tolstoi, Thomas Mann, Philip Roth, Jonathan Franzen blicken uns bei der Lektüre über die Schulter. Doch bei „Bonita Avenue“ scheint eine solche Einordnung kaum sinnvoll. Hier machen Figuren, die dem Leser seltsam fremd bleiben, ein recht tragisches Schicksal durch, zufällig sind diese irgendwie miteinander verwandt und schon spricht man vom Familienroman. Dabei bietet der Erzähler kaum Momente, in denen eine familiäre Nähe, ein seelisches Verbundensein – Voraussetzung für nachvollziehbare Tragik – zu spüren wäre. Im Grunde handelt es sich dann schon eher um einen Familienroman, dem die Familie abhanden gekommen ist. Wenn diese Geschichte dann noch tödlich und im Wahnsinn endet, spricht man gerne von der Dechiffrierung oder eben der Zerstörung des Genres, ja, der Familie überhaupt, und zeigt sich zufrieden, dass ein zeitgenössischer Autor der Gesellschaft einmal den Spiegel vorgehalten hat.

Aber mehr als Versatzstücke, klischeehaft zusammengestellt und am Ende kaum mehr erzählerisch zusammengehalten, findet man hier nicht. Als „desillusionierend“ wurde der Roman beschrieben – welche Illusionen über die moderne Familie kann sich der Leser denn bislang noch gemacht haben? Die Familie als dysfunktionales Konstrukt, dem seine Selbstüberwindung immanent ist – wen will man damit noch hinterm Ofen hervorlocken? Die Familie als Hölle – lässt sich in dieser Richtung heute noch, nach Tolstoi, Ibsen, Strindberg, Ingmar Bergman usw., irgendein Erkenntnisgewinn über unsere Gesellschaft erlangen? Auf die Weise, wie sie in „Bonita Avenue“ daher kommt, sicher nicht. Denn mit der Gesellschaft hat das alles nicht viel zu tun, hierin ist Christoph Bartmanns Rezension in der SZ zuzustimmen. Zu vereinzelt stehen die Figuren da, zu unglaubwürdig ihre Psyche. Sicher, die Familie Sigerius ist eine Familie, die den sozialhistorischen Umbruch von patriarchalen Vaterbild zur flacher hierarchisierten Patchwork-Konzeption eher suboptimal bewerkstelligt. Sicher, es geht um das aufkommende Internet mit seinen entgrenzenden Möglichkeiten. Und sicher, es geht um Sex, Gier und Eifersucht und ihre zerstörerische Wirkung auf den Menschen – doch das in einer an Effekthascherei und Überzeichnung kaum zu überbietende Finale zeigt noch einmal, wie kalt uns all das lassen kann, was da in so splatterhaften Farben geschildert wird. Wenn, wie zu befürchten, das Erschrecken an der überdrehten Brutalität der einzige Genuss am vielbeschworenen „Ende der Familie“ ist, den die Leser von „Bonita Avenue“ verspüren, bleibt für den literarischen Wert eines echten Familienromans nicht mehr viel Genuss übrig.

 

 

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