Erleuchtetes Schreiben – „Zen in der Kunst des Schreibens“ von Ray Bradbury

Ein Mönch fragte Chao-chou: „Wie soll ich die vierundzwanzig Stunden nutzen?“
Chao-Chou erwiderte: „Du selbst wirst von den vierundzwanzig Stunden genutzt. Ich hingegen nutze die vierundzwanzig Stunden.“

Wie sollen wir, die wir uns in der Kunst des Schreibens zu vervollkommnen suchen, die vierundzwanzig Stunden nutzen, Meister Ray?

„Lernt von den Eidechsen“, antwortete der Meister. „In der Schnelligkeit liegt die Wahrheit. Je schneller Sie einen Wortschwall hervorbringen, je geschwinder Sie schreiben, um so aufrichtiger sind Sie. Zögern macht Nachdenken möglich. Mit Verzögerung kommt der Wunsch nach Stil und Form, – statt sich auf die Wahrheit zu stürzen, die es doch einzig wert ist, Vögel zu leimen oder Tiger zu fangen.“

„Zen in der Kunst des Schreibens“ – was für ein Titel. Hat er irgendetwas zu tun mit dem Inhalt dieses kleinen Buches, das elf Aufsätze des Schriftstellers Ray Bradbury versammelt, von denen sich nur der letzte ausdrücklich mit fernöstlicher Wahrheit befasst?

„Vielleicht. Vielleicht nicht“, sagte der Roshi und ging.

Was hat denn nicht mit Zen zu tun? könnten wir auch fragen. Was ist denn nicht Zen? Die Ausführungen des Autors von „Fahrenheit 451“ sind es ganz bestimmt, auch dort, wo sie sich seitenlang ausschließlich mit den eigenen Schreib- und Veröffentlichungserfolgen beschäftigen. Die Chuzpe, die Bradbury in der Erinnerung an seine Karriere an den Tag legt, könnte einen verunsicherten Schüler hier und da entmutigen. In den Essays, die innerhalb von dreißig Jahren entstanden sind und keiner ersichtlichen Anordnung folgen, sprechen zu großen Teilen vor allem von einem – vom Werdegang des Autors selbst: Wie es zu den „Mars-Chroniken“ gekommen ist, wie Bradbury die Idee für „Geh nicht zu Fuß durch stille Straßen“ auf seinen nächtlichen Stadtspaziergängen gefunden hat, wie er seine ersten Geschichten an Zeitschriften geschickt und seine ersten Absagen erhalten hat, wie er vom ersten Geld für eine angenommene Story nach Mexico gefahren ist. Und vieles andere mehr.

Dabei sind diese so selbstsicher vor dem Leser ausgebreiteten Erzählungen gar nicht einmal ermüdend oder gar prahlerisch. Denn Bradbury hat die Fähigkeit, die Leidenschaft, mit der er sich ans Schreiben setzt, dem Leser auch zu vermitteln. Als junger Mann machte er es sich zur Gewohnheit, täglich tausend Wörter zu schreiben. Sein Wochenplan sah so aus: „Montagmorgen entwarf ich die erste Fassung einer neuen Kurzgeschichte. Dienstags schrieb ich die zweite Fassung. Mittwochs eine dritte. Donnerstags eine vierte. Freitag die fünfte. Und am Samstagmittag schichte ich die sechste und letzte Fassung nach New York. Sonntags? Da dachte ich über all die verrückten Ideen nach, die um meine Aufmerksamkeit bettelten und zuversichtlich waren, dass ich sie schließlich doch hinauslassen würde.“

Das Motto, das Bradbury seinen Schreibschülern unablässig ins Ohr schreit, lautet: „Wenn Sie ohne Leidenschaft, ohne Gusto, ohne Liebe, ohne Freude schreiben, sind Sie kein echter Schriftsteller.“ Er warnt davor, sich zu sehr mit dem auseinander zu setzen, was von einem erwartet wird: „Es bedeutet, dass Sie zu sehr damit beschäftigt sind, ein Auge auf den kommerziellen Markt zu werfen oder ein Ohr für erlesene Zirkel der Avantgarde zu haben, dass Sie nicht wirklich Sie selbst sind.“

In diesen kurzweilig zu lesenden Essays über das Schreiben an sich und Bradburys Schreiben im Besonderen begegnet uns ein Mensch, der alles, was er tut, mit Leidenschaft tut. Dies kommt nicht als Plattitüde daher, sondern wirkt überzeugend. Man bekommt ein Gefühl dafür vermittelt, was es heißt, sein Schreiben zum Lebensmittelpunkt zu machen. Dabei spart Bradbury auch nicht mit hilfreichen Tipps: „Ich habe versucht, meinen schreibenden Freunden zwei Künste beizubringen: die eine ist, wirklich etwas fertig zu stellen. Und die zweite, sich beizubringen, wie man es kürzt, ohne es zu vernichten oder in irgendeiner Hinsicht zu verletzen.“

Ray Bradbury bietet sich in diesem Buch recht unbescheiden als Vorbild für Schreibanfänger an. Das geschieht selbstbewusst, aber mit liebevollem Augenzwinkern. Und irgendwo hat er ja Recht, ungleich mehr als viele andere, die sich mit Ratschlägen zum Kreativen Schreiben hervortun: Er ist schließlich der erfolgreiche Autor, der den Durchbruch geschafft hat, der Werke wie „Fahrenheit 451“, „Der illustrierte Mann“ oder „Die Mars-Chroniken“ geschrieben hat – Werke, die immer noch gelesen werden, in Literaturseminaren und anderswo.

„Seien Sie einfach pragmatisch“, rät er abschließend. „Wenn Sie mit Ihrer Arbeitsweise nicht zufrieden sind, dann versuchen Sie es mit meiner.“

Ist das schon Zen, Meister? Was sich zumindest nach Zen anhört, ist die Grundeinstellung, die Bradbury seinen Lesern für die Herangehensweise an einen Text nahe legt: „Denn wenn man arbeitet, entspannt man sich schließlich und hört auf zu denken. Dann entsteht wahre Schöpfung – und nur dann!“ Er vergleicht den Schreibenden mit einem Bergsteiger oder Athleten, die durch konzentriertes Wiederholen, durch unermüdliches Üben zu Meisterschaft gelangen. Letztendlich, so Bradburys jedem Geniegedanken fernes Diktum, entsteht nur aus Quantität auch Qualität – was nichts anderes besagt als: „Übung macht den Meister“.

Auch wenn man die Einstellung des Autors zu Stil und Form nicht teilt, können seine Anweisungen doch unter Umständen zur Erleuchtung führen. Wenn man sich in den Geist dieser Texte, in ihren komischen Ernst und ihre fröhliche Leidenschaft vertieft hat, wenn es einem dann gelingt, zur Seite zu treten und die eigenen Ziele zu vergessen, wenn man also mit dem Wahren Schreiben beginnt, dann hat Bradburys Buch schon viel erreicht. Denn, wie Chao-chou sagt: „Bereit sein ist alles.“

Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens.
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter.
Autorenhaus-Verlag, Berlin 2003.
176 Seiten, 12,80 €.
ISBN 3-932909-70-4

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