Im Kino mit Peter Handke

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Der Film „Peter Handke. Bin im Wald, kann sein, daß ich mich verspäte“ von Corinna Belz zeigt den Schriftsteller im Jahr 2014. Die neunzig Minuten werden ganz und gar von der Person Handkes getragen, ohne dass der Zuschauer ihm auch nur für einen Moment nah käme – wie könnte es auch anders sein. Rückblicke auf Princeton oder die Publikumsbeschimpfung unterbrechen den Einblick in den Alltag (wenn man das bei Handke so nennen kann) nur selten; Musik wird eher spärlich eingesetzt. Der einzige Rivale für die Rolle der Hauptfigur könnten die Miniaturen sein, die die Kamera einfängt: detailversessen, stimmungsvoll, melancholisch – das Wetter um das Chaviller Haus, die Buchrücken, Handke beim Pilzeschneiden, Handke beim Muschelnlegen …

mv5bmgvkmdu5m2qtzgnmmy00y2q3lwflytmtytgxnwexyje3owm4xkeyxkfqcgdeqxvyndkzntm2odg-_v1_sy1000_cr007071000_al_Das ist auch das Schönste am ganzen Film: die Bedächtigkeit, mit der er sich auf die Aura Handkes einlässt. Dabei ist er fern von jeder Gefahr der Überhöhung. Handke wird hier als zwar kauziger, doch beinahe gewöhnlicher, nicht allzu mürrischer älterer Mann dargestellt, der zwar in jeder Sekunde die Pose des Solitärs einnimmt, wie sie beispielsweise die Erzählung „Nachmittag eines Schriftstellers“ auf jeder Seite atmet. Doch nichts daran scheint im engeren Sinne gestellt – Handkes Einzelgänger-Pose ist in vielen Jahren so eingeübt, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Wenn er spricht, kann man sich teilweise ein Schmunzeln nicht verkneifen. Köstlich die Szene, in der er versucht, einen widerspenstigen Faden in ein Nadelör zu bugsieren – Metapher für alles Mögliche zwar, für die Probleme des Schriftstellers, das richtige Wort zu finden („Ein Schriftsteller ist jemand, dem das Schreiben schwer fällt.“), für Handkes politische Stellungnahmen oder für die Schwierigkeit, als Einzelgänger ein verantwortlicher Vater zu sein.

Diese Ebene wird, mit Auftritten der Töchter Amina und Léocadie, zurückhaltend beleuchtet. Familiäre Konflikte, Konstellationen, Kindheitstrauma – darüber hätte Handke sowieso keine Auskünfte gegeben und so verlässt die Regisseurin dieses Terrain auch wieder, ohne dass der Zuschauer wüsste, ob er aus dem Ganzen etwas Bedeutsames für das literarische Werk ziehen kann.

handke-1Überhaupt bleibt unklar, was das Ziel dieses Biopics sein soll – es ist keine Auseinandersetzung, weder mit der Person, noch mit seinem Werk, noch mit seiner Wirkung. Das tut dem Film im Grund genommen gut – er erschöpft sich im Einfangen von Impressionen. Hier liegt Handke auf dem Sofa, da geht er durch den Garten, dort spricht er mit seiner Tochter. Weltbewegendes etwa im poetologischen Sinne darf man hier nicht erwarten.

Zwischen banal und bedenkenswert freilich pendeln seine ein wenig abgerungen klingenden Aphorismen zum Schreiben und zum Leben als Schreibender:

„Eine wirkliche Erfindung ist etwas ganz und gar Außergewöhnliches.“

„Phantasie ist das Erwärmen des Vorhandenen.“

„Ich spüre nie so sehr, was Leben ist, mit mir und mit andren, wie wenn ich schreibe.“

„Schreiben ist ein Tabubruch. Das darf man nicht. Irgend­etwas ist in einem, das einem sagt, dass man nicht schreiben darf.“

Ansonsten aber hält sich Handke mit Weisheiten zurück und die Fragestellerin (selber nie im Bild), auf die er liebevoll-grantig reagiert, insistiert nur selten. Auf diesem Pfad kommen wir dem Handke’schen Werk nicht auf die Schliche. Auch andere Beschäftigungen oder Stellungnahmen – warum er gerne spazieren geht, Statements zur Kunst, zu Filmen, zur Literatur – sind so spärlich und im Ganzen unspektakulär, dass sich daraus kaum Erhellendes gewinnen lässt. Musik scheint in seinem Leben keine Rolle zu spielen, auch Eine Flaubert-Referenz hier, ein Satz über Michelangelo Antonioni da … das war’s dann auch schon. Es hat den Eindruck, dass Handke, eine Verlängerung der Linie Stifter – Heidegger, lieber Bauer geworden wäre. Die körperliche Arbeit, das Draußensein, das Werk der eigenen Hände: wenn man nach dem Film ginge, sieht es so aus, als wäre Handke stolz darauf, wenn es vor allem das wäre, was er zurücklässt. Der Hauch des Vergänglichen, der alles überzieht, gibt diesem Einblick in das Leben des Schriftstellers das Überpersönliche, das ihn erst sehenswert macht.

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Wir müssen uns Peter Handke als Nähenden vorstellen

Im Grunde führt Handke, wie der Film ihn porträtiert, eine recht gewöhnliche Existenz. Seine Verweigerung technischer Neuerungen ist nichts Ideologisches, eher nur eine Gewohnheit. Sein zurückgezogenes Leben unterscheidet ihn kaum von vielen anderen Käuzen – bloß, dass wir diese nicht im Kino sehen.

Der Provokateur, der Störenfried, sogar der Menschenfeind scheinen in ihm abgestorben zu sein; man sieht ihn noch als ferne Erinnerung im hier und da eingestreuten Archivmaterial. Wäre er nicht der berühmte Schriftsteller – was würde einen Film wie diesen rechtfertigen?

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Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

Deutschland 2016 · 89 min. · FSK: ab 0
Regie: Corinna Belz
Drehbuch: Corinna Belz
Kamera: Nina Wesemann, Axel Schneppat, Piotr Rosolowski
Schnitt: Stephan Krumbiegel
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