Anarchokapitalisten sind die schlechtesten Kapitalisten

Kürzlich habe ich ein Video mit ein paar ausschreitungsartigen Eindrücken vom Black Friday gemacht und mit einem kleinen kapitalismuskritischen Text von Erich Fromm unterlegt – nach 15 Stunden wurde es bereits über 10000 mal angesehen. Mit Abstand mein erfolgreichstes Video bisher.
 
Fromm konstatiert darin einen Unbehagen an der bürgerlichen Gesellschaft, die den Menschen krank mache und der Liebe entfremde. Dieser fliehe dadurch in Arbeitswut und Kaufrausch.
 
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Bislang 24.448 Reaktionen auf facebook und mehr als zweitausendmal geteilt: Barbaras „Kapitalismuskritik“

Die (marxistische) Kritik am Kapitalismus hat eine so große Nachfrage, dass man mit ihr superprima Videos, Memes, Schilder, Artikel oder Bücher an den stressgeplagten Mann und die Frau bringen kann. Unser „Unbehagen“ in der westlichen „kapitalistischen“ Gesellschaft ist so groß, dass jeder Erklärungsversuch auf größte Resonanz stößt – wenn er nur die Schuld auf „den Kapitalismus“, „den Markt“ oder die bösen Unternehmer schiebt, die einfach nicht mehr ethisch wirtschaften. Wirtschaft diene einfach nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch sei Mittel zum Zweck immer größeren Profits. Wir müssen zurück zu einem verantwortlichen Konsum, müssen uns abkehren von Materialismus und Hyperkonsum, müssen der Wachstumsideologie und dem Effizienzdenken abschwören …

 
Es ist diese Sehnsucht nach einfachen Erklärungen, die auch Buchtitel wie „Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ (Wagenknecht) , „Kaputtalismus“ (Misik), „Postkapitalismus“ (Mason), „Schlaflos im Spätkapitalismus“ (Crary) so erfolgreich machen auf dem Buchmarkt. Kapitalismuskritik ist ein Verkaufsschlager.
Doch anstatt sich diese Verhältnisse zu Nutze zu machen, anstatt die Nachfrage zu bedienen, weigern sich Anarchokapitalisten, dem Kapitalismus die Schuld für die beobachteten Mängel der Gegenwart in die Schuhe zu schieben. Stattdessen fordern sie nur „noch mehr Markt“ und machen sich unbeliebt bei den harmoniebedürftigen Menschen, die doch nichts wollen als Absolution von der Erbsünde, die mit ihrer Geburt im freien Westen einhergeht. Die Menschen hören „mehr vom Selben“ und wenden sich ab – und den Wundermittelverkäufern mit ihrem etatistischen Balsam, der die erschöpfte Seele streichelt, zu.
 
Wenn Anarchokapitalisten anständige Kapitalisten wären, dann würden sie ihr Kapital auch anständig ausnutzen – und das Bedürfnis der Menschen nach Kapitalismuskritik ordentlich ausbeuten! Wie leicht wäre es, dem Mainstream nach dem Mund und dem Misstrauen der Menschen gegen die Freiheit das Wort zu reden, den Markt an den Pranger zu stellen, die fürsorgliche Hand des wohlmeinenden Vaters Staat zu preisen und dafür einen Platz auf den oberen Rängen der Bestsellerlisten zu ergattern (Einladungen in Talkshows und Interviews mit ZEIT-Journalisten inklusive).
Anarchokapitalisten sind schlechte Kapitalisten. Ihnen ist Wahrheit und Differenziertheit wichtiger als die Begierden der Massen zu befriedigen.
 
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