Das Pack verstehen?

Traditionell heißt es ja, die politische Rechte sei elitär, zumindest elitaristisch. Ihr Publikum seien die Begüterten, ihre Politik betone die Rechte des Individuums vor denen der Gesellschaft, die vermittelte Haltung konservativ.
Die politische Linke hingegen sei progressiv, elitenkritisch, anti-Establishment. Sie sei die Partei des kleinen Mannes, der Arbeiter und des Proletariats. Sie stelle die Bedürfnisse der Gesellschaft über die des Einzelnen.

Diese „rechte“, elitäre Haltung gegenüber der Demokratie als politischem System findet sich beispielsweise bei Heidegger wieder:

Die Öffentlichkeit behält in allem Recht. Und das nicht, weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf Grund des Nichteingehens ,auf die Sachen‘, weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit.

Es gehört zur Struktur der demokratischen Öffentlichkeit, dass zu ihr alle Meinungen und Ideen Zugang haben – was „die intellektuelle Elite“ gemeinhin verschreckt. Die Öffentlichkeit, das Volk, der Pöbel erscheint in all der Durchschnittlichkeit und Banalität und ergreift das Wort, ohne es je auf seine Wahrheitsgehalt hin zu prüfen – postfaktisch avant la lettre gewissermaßen. Und so ist sie trivial und unansehnlich, ein Spiegelbild des profanen modernen Lebens, zu dem es gehört, dass ,die Wahrheit‘ es erdulden muss, zur bloßen Meinungen auf dem Markt der Meinungen herabgestuft zu werden.

„Demokratische Öffentlichkeit“, schreibt Rüdiger Safranski mit Bezug auf Heidegger, „ist tatsächlich ein Tummelplatz des Man.“

Und heute?

Dreht sich das gerade um – hat es sich schon längst gedreht, und zwar um 180 Grad? Antwortet die Linke nun auf die Anbiederungen der Rechten an die plebs mit einer Verachtung derselben? Gehen links und progressiv heute einher mit einer Geringschätzung des einfachen Mannes, mit einer Abkehr von den Abgehängten und Zukurzgekommenen, von Rednecks in small town America und „besorgten Bürgern“ in Dunkeldeutschland?


Ist rechts heute die populistische Verherrlichung des Volkswillens geworden, die sich in einer Befürwortung des Referendums ausdrückt, während links das Repräsentative und Parlamentarische betont – als firewall der Legislative vor dem ungebremsten Pöbel, der reinen Mehrheitsdiktatur?

man-person-hat-furWährend rechts sich den Massen anbiedert, umgarnt links die intellektuelle Elite, die sich Distinktionsgewinn durch Bedeutungszuwachs erhofft – dadurch, zwar zahlenmäßig der Minderheit anzugehören, aber doch ethisch das Recht auf seiner Seite zu haben?
Was ist Ursache, was Wirkung? War erst die Abkehr der Linken vom einfachen Volk, das sie „Pack“, „dumm“ und „deplorable“ nennen dürfen, und dann als Reaktion die demagogische Einflüsterung von rechts? Oder umgekehrt?
Und wie sähe die Rückkehr zur traditionellen Rollenverteilung? Sollten die Linken, aber auch die Alt-Parteien aus ihrer Echokammer heraustreten? „Packversteher“ werden und „die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen“ – oder sollten sie eher daran arbeiten die Menge zu überzeugen, dass ihre Ängste unbegründet sind?

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