Was heißt es, religiöse Gefühle zu verletzten?

Was sind religiöse Gefühle überhaupt, wie bekommt man sie, wie bekommt man sie wieder weg, und wie verletzt man sie bei anderen? Wie schützt man seine eigenen religiösen Gefühle vor der Verletzung durch andere?
Müssen religiöse Menschen alles hinnehmen, was im Namen von Meinungs- und Pressefreiheit als Urteil über das, was ihnen heilig ist, ergeht? Und wenn sie es nicht hinnehmen – welche Rechte haben sie, sich zur Wehr zu setzen? Andersherum gefragt: Muss unsere Gesellschaft auf jedes dahergelaufene Gefühl Rücksicht nehmen, nur weil es sich religiös nennt, und aus ebendieser Rücksicht vermeiden, Seife mit Minarettaufdruck zu verkaufen?
In diesem Sinne sollte man auch fragen: Was hat das Verletzen von religiösen Gefühlen mit der Gewährung von Grundrechten in einer offenen Gesellschaft zu tun? Ist es erlaubt, religiöse Gefühle zu verletzen, oder gar geboten? Eine Art heilige Pflicht des Säkularismus? Und wo verläuft die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und persönlicher Beleidigung?

 

Ein Gedankenexperiment: Wie hätte die Öffentlichkeit, wie hätten die Medien reagiert, wären bei Charlie Hebdo nicht fortwährend „islamische Gefühle“, sondern „jüdische“ verletzt worden (in Anführungsstrichen, weil ich mir nicht im Klaren darüber bin, was islamische bzw. jüdische Gefühle überhaupt sein sollen)? Wären wir auch alle Charlie, wenn die Karikaturen fortlaufend Juden gezeigt und ihren Glauben verunglimpft hätten?
Dem deutschen Betrachter zumindest muss die Erinnerung an die antisemitischen Zeichnungen eines Philipp Rupprecht (Hauptzeichner der Hetzzeitschrift „Der Stürmer“), die gerade die neueste Karikatur vom weinenden Mohammed mit seiner Hakennase und seinen Schwulstlippen evoziert – Unwohlsein bereiten  – wo liegt der Unterschied?
Auf der Hand, wird man antworten, denn: der Islam ist eine Religion und als solche eine Ideologie, die wie alle anderen Ideologien auch der Möglichkeit der Kritik ausgesetzt sein muss, wenn die Behauptung von Presse- und Meinungsfreiheit nicht nur eine leere Phrase sein soll. Juden dagegen werden von Antisemiten nicht als Glaubensmitglieder einer Religion verunglimpft, sondern pauschal als Angehörige einer Ethnie – daher ist Antisemitismus Rassismus und erfüllt als solcher den Tatbestand der Volksverhetzung (in Frankreich initiation à la haine raciale), während Karikaturen, die religiöse Attribute von Moslems stereotyp darstellen, notwendige Mittel der Satire sind.
Das Problem liegt vielleicht im Begriff Ideologie und der Sicht auf die individuelle Freiwilligkeit religiöser Zugehörigkeit. Weil ethnische Zugehörigkeit nicht freiwillig ist, ist die Diskriminierung, die auf ihrer Grundlage stattfindet, in unserem Empfinden moralisch verwerflicher als die Diskriminierung aufgrund weltanschaulicher Ansichten – man könnte ja eine andere Religion wählen -, obwohl dieser Unterschied in entsprechenden Gesetzestexten nicht gemacht wird:
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Grundgesetz, Art. 3 (3)
Die wenigsten Fanatiker werden allerdings ihre persönlichen Weltanschauungen, ob religiös oder politisch, als Ideologien und als frei gewählt betrachten. Darin scheint der Grund des Übels zu liegen, das religiös motivierter Terrorismus über uns bringt. Fanatiker sehen den Kern ihrer eigenen Identität verletzt oder bedroht, wenn jemand sich über ihre Anschauung lustig macht – eine Vorstellung, die dem weltanschaulichen Fragen gegenüber üblicherweise eher indifferenten aufgeklärten Atheisten fremd bis lächerlich vorkommt. Daher sind auch Kommentare wie der Christoph Siebers so verständlich wie nicht hilfreich: Wenn religiöse Gefühle durch das Titelbild einer Zeitung verletzt werden, dann kaufe man diese einfach nicht – diese Aufforderung kommt nicht nur für religiöse „Extremisten“ dem Rat gleich, man solle sich eben stillschweigend abwenden, wenn die eigene Familie in der Öffentlichkeit beleidigt wird.
Nun könnte uns diese ganze Überlegung kalt lassen ebenso wie Menschen, die sich angesprochen und persönlich beleidigt fühlen, wenn man ihre Überzeugungen aufs Korn nimmt (von denen sie sich nicht einmal für einen Moment selbstironisch distanzieren können) – schließlich könnten sie diese ja auch ändern. Zumal diese Menschen, sobald sie Gewalt als Mittel in Erwägung ziehen, keinen Anspruch auf Rücksichtnahme ihrer Argumente im intellektuellen Diskurs mehr haben.
Aber vielleicht sind das gar nicht die richtigen Fragen. Vielleicht blendet die derzeitige Diskussion um religiösen Fanatismus vs. aufgeklärten Pluralismus, um das Gewaltpotential, das in einer Religion steckt, und lenkt vom Wesentlichen ab. Was aber wäre das?
Ein nächstes Gedankenexperiment: Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der eine Gruppe von Staaten nicht seit Jahrzehnten eine andere Gruppe von Staaten angreift – sei es mit Bomben und Drohnen, sei es mit Sanktionen, Putschen und installierten Regimes? Wie wäre es, wenn es keine Gruppe von Staaten gäbe, die behauptet, in der Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger und um den globalen Fortschritt von Menschenrechten und Demokratie fremde Staatsgebiete in ihrer Souveränität zu bedrohen, dort unzählige Menschen zu töten und das ganze Unternehmen „Friedenseinsatz“ und „war on terror“ zu nennen? Wäre die Religion, die in den überfallenen Gegenden vorherrscht, noch immer eine gewalttätige – besser gefragt: Hätten extremistische Kräfte, die vielleicht jeder Religion – mal mehr, mal weniger genuin – innewohnen, in dieser Welt überhaupt eine Chance? Würde sich in den unterdrückten Ländern vielleicht noch viel stärker eine Zivilgesellschaft herausbilden, deren Eigenkräfte jeglichen Fanatismus (die Ideologie der Schwachen) zurückweisen würden?
Ist die Blasphemie, die religiöse Beleidigung, nur die Speerspitze, die harmlos bliebe, gäbe es da nicht die Lanze des westlichen Interventionismus, die nicht nur im Irak mit Uran ummantelt ist? Die nicht nur in Syrien und Libyen für die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und jahrtausendealter Kulturstädte gesorgt hat? Die nicht nur in Pakistan und im Jemen ohne Anklage und Anhörung Todesurteile gegen Menschen vollstreckt?
In den westlichen Medien werden die Anschläge von Paris und die Aggressionen vonseiten der Muslime selten in Verbindung mit dem Handeln westlicher Regierungen in deren Herkunftsländern gebracht. Vielleicht ist das unschicklich angesichts der Toten, die die Terroristen auf dem Gewissen haben. Und seltsam ist es schon: Da richtet sich der Terror gegen ein Satireblatt und es werden Menschen ermordet, die Karikaturen gezeichnet haben, während diejenigen, die nicht nur vage religiöse Gefühle verletzen, sondern ganz handgreiflich Menschen, die guten Sitten und das Völkerrecht, ungeschoren davonkommen. Sind die Terroristen in ihrem Feindbildschema genauso verblendet wie einige Leitartikler, oder richtet sich ihr Hass nur deswegen auf andere Wehrlose, weil sie der wahrhaft Verantwortlichen nicht habhaft werden können – weder durch Gewalt noch durch friedlichen Protest? Ist die Ehrwiederherstellung, die das schmerzende religiöse Gefühl lindern soll, nur ein Ventil für Hass und Wut, die sich aufgrund realer Ohnmacht aufgestaut haben?
Wie dem auch sei: Wundert sich denn wirklich jemand, dass das Töten von unschuldigen Menschen durch westliche Regierungen bei den Angehörigen irrwitzige Reaktionen hervorruft?

Auch ohne diese Zeichnungen hätten die Jihadisten, die ein gewalttätiges Islamverständnis haben, früher oder später zugeschlagen.

schreibt Heiner Hug wahrscheinlich zurecht, und fährt fort: „Die Karikaturen waren nur der Auslöser.“ Die Frage ist nur, ob sich dieses gewalttätige Islamverständnis ohne das aktive Zutun des Westens in den islamischen Regionen der Erde überhaupt ein solches Übergewicht hätte sichern können. Welche Gefahr würde ein Auslöser darstellen, wenn es keinen Sprengstoff gäbe?
Ein letztes Gedankenexperiment: Wer wären wir, wenn ein Terroranschlag nicht Redaktionen, sondern Regierungsgebäude treffen würde? Für wen würden wir auf die Straße gehen, wenn Gewalttaten nicht religiös, sondern als Akt der Rache für Mord und Totschlag motiviert wären? Mit wem würden wir uns solidarisieren, wenn die Opfer nicht Künstler und Journalisten, sondern Politiker und Lobbyisten der Waffenindustrie wären? Welche Werte sähen wir uns gezwungen zu verteidigen, wenn nicht die Pressefreiheit, sondern der politisch-militärisch-industrielle Komplex Ziel von Anschlägen wäre?
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht am 17. 1. 2015 auf derintellektuelle.de

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