Ich hatte schon in der dritten Staffel von The Walking Dead gedacht, dass das eine schöne Einführung in die Staatsphilosophie ist … na ja, eher ein kleiner Einblick in die Geschichte der Entstehung von Staaten. Der Gouvernor war nämlich so eine psychopathisch-verführerische Erscheinung, dass die Menschen ihm vertraut haben, sich um die Belange der Gemeinde zu kümmern.

thegovernorIn der 6. Staffel haben wir jetzt einen neuen Schurken kennen gelernt: Negan, soziopathisch und verführerisch zugleich. Ein Kriegsherr, dessen Skrupellosigkeit es ihm erlaubt, die Kontrolle über eine chaotische Welt von Zombies und ängstlichen Bürgern an sich zu reißen. Er tötet Figuren, die der Zuschauer über viele Staffeln begleitet hat, plünderte Gemeinden und setzt physische und emotionale Unterwerfung als Mittel zur Erhaltung seines wachsenden Imperiums ein.

Also für eine staatsphilosophische Theorie bietet uns die Figur Negans drei besondere Erkenntnisse:

Lektion 1: Wir sind alle Negan

Ein besonderer Vorteil von Negans Gruppe ist, dass er alle seine Bürger davon überzeugt hat, dass sie er sind. Und mit überzeugt, meine ich indoktriniert. In mehreren Episoden sehen wir Negans Jünger fast religiöse Weise versichern, dass sie Negan sind. Diese Psychotaktik hat zwei Vorteile: Erstens: Sie schützt den Führer schützen, nämlich vor Verantwortungsübernahme. Zweitens schafft sie Gruppenidentität. ein Gefühl der Verbundenheit, der Einheit. Diese Sichtweise ist typisch für den Kollektivismus, vor allem für den Zwangskollektivismus, dessen sich Staaten bedienen können. Die einzelnen Bürger geben ihren moralischen Individualismus auf, im Austausch für eine starke gemeinsame Identität durch Herrschaft. Damit geben sie natürlich auch ihre individuelle Verantwortung auf und übergeben sie dem Kollektiv.

Anders als in einem Verein, einem Unternehmen oder eine losen Gruppe, wo die Menschen nur zum Zwecke der Zusammenarbeit zusammenkommen, als separate Einheiten mit einem gemeinsamen Interesse, benutzen Staaten den Kollektivismus, um eine starke Hierarchie legitimieren. Negan bietet Befreiung an und erwartet nichts von absoluter Übereinstimmung, damit es keine Konsequenzen gibt. Das führt uns zur nächsten Lektion …

Lektion 2: Die Menschen brauchen Gesetze

Eine Gesellschaft kann ohne Gesetze nicht bestehen. Regeln sind wichtig. Ohne Regeln brächte hier alles zusammen. Regeln sind Leitlinien, die unser Verhalten steuern, damit es mit dem der Mitmenschen in Einklang zu bringen. Darüber hinaus werden produktivsten Ergebnisse für die Gesellschaft oder den Markt nur erzielt, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten. Aber Regeln können von Menschen durch gemeinsame Übereinkunft geschaffen werden: in Familien, in Freundschaften, in Unternehmen. Ganz dezentral

Für Negan aber sind nicht alle Regeln gleich. Der einzelne Mensch kann nicht einfach anfangen, eigene Regeln aufzustellen und sie mit anderen Einzelnen abzusprechen. Wo kämen wir hin, wenn jeder nach Gutdünken, nach seinen privaten moralischen Schlussfolgerungen Regeln machen würde? Und die Lebensweise, die er mithilfe dieser Regeln zu schützen gedenkt, seine eigene, ganz individuelle Art zu leben, von der kollektiv vorgesehenen trennt?

Das hieße zu viel Freiheit wagen. Stattdessen ist Negan der Ansicht, dass eine Zentralisierung der Regeln besser ist. Und so hat er einige kollektive Gesetze umgesetzt, die auch heutige Staaten für sinnvoll und notwendig halten.

Strenge Waffengesetze zum Beispiel. Denn Sicherheit ist das oberste Anliegen für Negan ist. Warum also soll jemand Waffen besitzen? Für die Selbstverteidigung? Wo doch die Saviours / die Polizei für Verteidigung sorgt?

Negans setzt seine Beschlagnahme der Waffen ironischerweise durch die Verwendung der gleichen Art von Registrierung durch, derer sich auch Staaten mit strikter Waffenkontrolle bedienen.

Inhaftierung ist zudem besser als Rehabilitation. Wer die Regeln nicht befolgt, den sperrt Negan weg. Solange, bis er wieder ein gesetzestreuer Bürger ist. Und das selbst, wenn das „Verbrechen“ niemand anderen verletzt hat, die Tat also ein opferloses Verbrechen ist, der alle freiwillig zugestimmt haben. Egal: Wenn Präsident Negan etwas für illegal hält, kann Ungehorsam nicht toleriert werden.

Lektion 3: Zahl deine Steuern!

Negan hat also ein Monopol über einen bestimmten Satz von Dienstleistungen. Diese Services werden gleichmäßig auf alle verteilt, und zwar mit freundlicher Empfehlung von – Negan. Alles, was die Menschen im Gegenzug tun müssen, ist, ihm und seiner Armee die Hälfte ihres Eigentums zu geben. In einer Folge der 7. Staffel sagt jemand über Negan: „Wir müssen für ihn produzieren, ob es uns gefällt oder nicht“.

Negan bekämpft damit nicht nur die Zombie-Apokalypse, sondern auch den bösen Kapitalismus. Die Erhebung von 50 % Steuern „auf alles“ gewährleistet eine gleiche und sichere Gesellschaft. Schließlich müssen Kosten für öffentliche Gebäude, für Sicherheit, für Negancare ja bezahlt werden: Negan ist, mit all seinen Fehlern und Mängeln, der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft zahlen.

Wem es nicht passt: Bitte, die Zombies da draußen (in der Staatsphilosophie die Menschen im Naturzustand, die einander Wölfe sind) warten schon. Aber so weit kommt es gar nicht. Wer seine Steuern nicht zahlt, wird von Negan bestraft. Mit einer Geldstrafe, einem gemeinnützigen Dienst an der Negan-Gemeinschaft oder einigen Monaten neben Daryl in einer Gefängniszelle.

Nun könnte man denken, dass das vollkommen ungerecht und unmoralisch ist. Dass Negan ein Psychopath, seine Forderungen Raub und seine Herrschaft eine Willkürherrschaft ist.

Doch nicht so voreilig! Negan ist alternativlos. Denn ohne Negan, wer baut denn dann die Straßen? Wer sorgt für das Gemeinwohl? Darüber hinaus: Wer Negan loswerden will, weil er eine Besteuerung von 50 % für unmoralisch hält, der muss sich vergegenwärtigen, dass es wahrscheinlich ist, dass das entstandene Machtvakuum von noch böseren, noch zentralistischeren Herrschern gefüllt werden wird, die noch ausbeuterischer und brutaler sein werden als Negan. Vielleicht ist Negan ja das geringere Übel?

 

 

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