Der junge Marx oder Was man sieht und was man nicht sieht

Eine kurze Kritik

Wer ist der Hauptdarsteller dieses Films? August Diehl, weil er den Titelhelden spielt? Stefan Konarske, weil er den sympathischeren Engels verkörpert? Vicky Krieps, weil sie der Misere der Frau um 1848 ein Gesicht gibt? Oder doch Peter Benedict, weil er als Engels‘ ausbeuterischer Kapitalistenvater den diabolischen Antagonisten verkörpert, der den Kampf für die Arbeiterklasse erst anstößt? Oder ist gar gleich die ganze Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt der Held eines Films, der doch nicht nur die Anfechtungen und Nöte eines idealistischen Materialisten zeigen will?

Es gibt eine Szene in der Mitte des Films, da taucht der heimliche Hauptfigur einmal auf. Es ist das Leinentuch, in das Marx‘ neugeborene Tochter gewickelt ist, bevor sie in die Arme ihres Vaters gelegt wird. Dies ist nämlich die einzige Szene, wo das Produkt der Arbeit tatsächlich „zum Tragen kommt“. Ansonsten sieht man von dem, was Kapitalistenschwein Engels sen. herstellt, wenig bis nichts. Die Szenen, die in der Leinenfabrik spielen, zeigen nur die ausgebeutelten Arbeiterinnen und die gesichtslos-kalten Maschinen. Das „was hinten raus kommt“, bleibt unsichtbar.

Es ist das Tuch, das sich Marx und der vierte Stand nun schneller und billiger leisten kann, weil der Räuberbaron es maschinell herstellt. Es ist die saubere Decke, in die das Baby gewickelt wird – kein filziger Lumpen mehr. Es ist der Gehrock, den sich nun auch der Revolutionär leisten kann, wenn er wie Proudhon vor den Arbeitern steht und in Reden die Abschaffung des Privateigentums fordert. „Eigentum ist Diebstahl“ sagt er, doch seinen Gehrock darf er anbehalten …

Das Tuch

Es ist dieses Tuch, das – in Massen produziert – den Massen den Alltag bequemer und leichter macht. Es ist Engels‘ Kapital, das das Leben der Arbeiterklasse angenehmer macht. Angenehmer zumindest, als die Lektüre des „Kapitals“ es vermag.

Daher ist es auch fast unsichtbar. Nach Frédéric Bastiat erkennt man einen guten Sozialphilosophen daran, dass er unterscheiden kann zwischen dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht. Man sieht das Elend der Arbeiterklasse. Nicht jedoch sieht man, wie die Produkte des Kapitalisten Wohlstand produzieren. Man sieht die Bettler auf der Straße. Man sieht jedoch nicht die bettelnden Arbeiter, weil es sie nicht gibt. Weil die nämlich von Engels sen. von der Straße geholt wurden und nicht mehr betteln müssen, wie es die Natur eigentlich für Sie vorgesehen hatte.

Man sieht das Leinentuch nicht, man sieht den Ursprung des Wohlstands nicht, man sieht die Quelle des Geldes nicht, das Marx sein Schreiben finanzierte.

Ein kleines idyll

Bis auf eine Szene: Jenny Marx wird von Gläubigern belagert, die die Begleichung ihrer Schulden fordern. Auftritt Karl, der sie mit jovialer Geste ausbezahlt. Kuz darauf hält er der glücklichen Ehefrau einen Hummer vor die Nase, und die nächste Szene zeigt, wie die Familie im Garten den gekochten Hummer isst (Bezüge zu Sara Wagenknecht sind rein zufällig …).

Ein Idyll. Bezahlt von Engels‘ Vater, dem Ausbeuter der Arbeiterklasse.

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