Einen Ort suchen, wo man leben kann, ohne ausgrenzt zu werden – ein Gespräch mit Daniel Schreiber

Entwurzelt sind wir, Unbehauste, nicht erst seit gestern. Aber doch scheint sich das Gefühl einer kollektiven Unsicherheit in der letzten Zeit stärker zu werden. Begriffe wie „Heimat“ und „Identität“ bekommen wieder Konjunktur; auf dem Buchmarkt boomen Titel, die sich die Frage „Was ist deutsch?“ stellen. Ein Zuhause ist uns nicht mehr einfach so in die Wiege gelegt worden, sagt der Schriftsteller Daniel Schreiber. Wir müssen es suchen, müssen es selbst erschaffen.



„Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“ hat Daniel Schreiber sein neues Buch (Hanser, 2017) genannt, in dem er all diese Fragen mit einem persönlichen Blick verbindet. Wir haben uns in einem Café in Berlin-Neukölln getroffen, wo Schreiber seit acht Jahren wohnt.

 

Copyright: Amy Patton

Gunnar Kaiser: Du hast in New York City und London gelebt, nun also Berlin. Aber warum bist du ausgerechnet nach Neukölln gezogen?

Daniel Schreiber: Von allen Bezirken Berlins ist Neukölln der durchmischteste. Hier siehst du Leute aus aller Welt, hörst fremde Sprachen: türkisch, arabisch, spanisch, englisch. Für mich ist das sehr entspannend. Es hat mich noch ein wenig an die schmuddeligeren Ecken von Brooklyn erinnert. Außerdem waren damals, als ich hier hingezogen bin, die Mieten noch bezahlbar. Das hat sich inzwischen jedoch geändert.

 GK: Würdest du sagen, du fühlst du dich dort am meisten zuhause, wo sich die Leute am wenigsten dafür interessieren, wie du lebst?

DS: Es stimmt, durch diese Diversität wird man nicht so schnell verurteilt. Es ist einfach eine größere Offenheit vorhanden.

GK: … oder doch eher Indifferenz?

DS: Sicherlich ist auch Indifferenz dabei, aber die gibt es überall. Es ist Offenheit, wenn man hier eher akzeptiert, dass Leute anders aussehen, anders leben. Wenn ich den Grad an Offenheit hier in Neukölln mit dem an anderen Orten in Deutschland vergleiche, wird mir das sehr deutlich.

GK: Du hast deinem neuen Buch den Titel „Zuhause“ gegeben. Nicht etwa „Heimat“ – ein Begriff, über den wieder öfter gesprochen wird. 

Daniel Schreiber: Zuhause. Hanser Berlin 2017

DS: Der Heimat-Begriff hat in den vergangenen Jahren eine unheimliche Renaissance erlebt, von krisenvertreibenden Topflappensprüchen bis zu politischen Plakaten. Er wird vielerorts wieder völlig ironiefrei benutzt. Nur: Historisch gesehen hat diese „Heimat“ noch nie wirklich existiert, wir sprechen nur immer davon, wenn wir das Gefühl haben, sie verloren zu haben. Das war schon Ende des 18. Jahrhunderts so, als der Begriff zum ersten Mal die romantische Aufladung erfuhr, mit der wir ihn auch heute wieder verwenden. Damals war das eine Reaktion auf Landflucht, Industrialisierung und die vielen Kriege, von denen das Kleinstaateneuropa erschüttert wurde. Der Begriff beschwor damit etwas, was es so nie gegeben hat: einen irrealen Sehnsuchtsort. Es ist eine retrospektive Verklärung, die von dem Wunsch nach Aufgehobensein getragen ist. Das zieht sich durch die gesamte Geschichte dieses Begriffs, von der lyrischen Besetzung in der Romantik bis zur Blut-und Boden-Ideologie im Dritten Reich, von den weißgewaschenen Heimatfilmen in der BRD bis zum linientreuen Heimatkundeunterricht in der DDR. 

GK: Und heute? Wenn du auf diesen Begriff verzichtest, steckt darin nicht auch ein Verzicht auf etwas, was alle verbindet, die an ein und demselben Ort leben? Während Zuhause etwas sehr Individuelles ist, das sich jeder selbst suchen muss …?

DS: Heute leben wir wieder in einer Zeit, die von einer großen kollektiven Entwurzelung geprägt ist. Diese Entwurzelung ist das vielleicht bestimmende kollektive Gefühl unserer Zeit. Die Heimat-Renaissance ist ein Symptom dieser Entwurzelung. Viele Menschen verwechseln Heimat und Zuhause. Sie sprechen von Heimat und meinen damit ein Gefühl der Verwurzelung. Menschen, die viel über Heimat reden, glauben, dass Heimat das Beständige sei. Dass ihnen die kollektive Absicherung, die sie sich durch diesen Begriff erhoffen, Halt geben würde. Sie glauben, dass die private und intime Verortung eben nicht beständig sei. Dabei verändern sich Grenzen schneller, als wir wahrhaben wollen. Politische Systeme fallen viel schneller zusammen, Staaten gehen viel schneller unter als wir glauben wollen. Die Rechte bestimmter Bevölkerungsgruppen können in Windeseile abgeschafft werden, auch wenn jahrzehntelang für sie gekämpft wurde. Die Antwort auf Entwurzelung kann nur eine individuelle Verwurzelung sein, kann nur sein, ein Zuhause für sich zu finden. Hier gehen wir Beziehungen zu Menschen ein, hier finden wir Arbeit und Wohnung, hier richten wir unser Leben ein. Ein Zuhause können wir immer haben, egal wie unbeständig das große Ganze ist.

 

GK: Überpersönliche Aspekte von Heimat wie Sprache oder Kultur bewegen sich aber schwerer in der Zeit, können nicht einfach gewechselt werden wie ein Ort. Kann man sich nicht auch in der Sprache zuhause fühlen?

DS: Früher wurden Menschen in soziale Kontexte hineingeboren, und denen blieben sie in der Regel auch gefühlsmäßig ein Leben lang verhaftet. Heute ziehen Menschen schneller um, leben nicht mehr an ihrem Geburtsort, und selbst wenn man dort bleibt, ist das eine bewusste Entscheidung. Generell kann man sagen, dass ein Zuhause noch vor 20 Jahren etwas war, das man in der Regel geschenkt bekommen hat – heute ist es etwas, was man sich sucht. Das hat viele positive, aber auch negative Aspekte.

Hinter „Sprache und Kultur“ steckt oft eine monolithische Vorstellung. Es gibt aber nicht nur die EINE Sprache, oder die EINE Kultur, die man eben hat oder nicht hat. Im Gegenteil wir leben glücklicherweise in einem Land mit vielen Milieus, Denkrichtungen, Gesinnungen, kulturellen Prägungen und Sprachen. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte, seine eigene Biographie. Ich muss da oft daran denken, wenn von heutigen Flüchtlingen gefordert wird, sie sollen sich „unserem Wertesystem“ anpassen. Welchem Wertesystem? Niemand weiß, was genau, was das sein soll. Genau wie beim Heimat-Begriff versteht jeder etwas anderen darunter. Dieses „Wertesystem“ ist viel aufgesplitterter und vielschichtiger, als die meisten annehmen. 

GK: Man könnte es ja so bestimmen: Das westliche Wertesystem wird bestimmt durch die Werte der Aufklärung. Säkularisierung, Gleichberechtigung der Frau, Rechte von Minderheiten wie z. B. der Homosexuellen … Du sagst, man solle nicht von anderen fordern, sich dem westlichen Wertesystem zu unterwerfen. Aber wäre es angesichts der genannten Werte nicht geradezu gut, von anderen zu fordern, sich dem anzupassen?

DS: Zum einen: Mein Buch ist nicht politisch in dem Sinne, dass ich für oder gegen bestimmte politische Lager argumentiere. Ich möchte ein Gesprächsangebot machen, eine Möglichkeit bieten, Leute zum Nachdenken über dieses Thema zu bringen. Zum anderen: Generell sind die „westlichen Werte“ ja gar nicht so, wie du sie darstellst: Rechte für Schwulen und Lesben z. B. sind sehr neu; noch 1994 hat die WHO Homosexualität als psychische Störung eingestuft. Von der Gleichberechtigung der Frau zu sprechen ist geradezu absurd, wenn Frauen in Deutschland im Durchschnitt 20 % weniger als Männer verdienen oder wenn es immer noch eine extrem weit verbreitete Laissez-faire-Haltung bezüglich sexueller Gewalt gegen Frauen gibt.

Dieses Ideal, das du als westliche Werte beschwörst, ist natürlich ein Ideal, das ich von ganzem Herzen verteidige und die wir verteidigen müssen. Ich glaube aber, dass es bei dem Vorwurf an die Flüchtlinge, nicht um Gleichstellung und Feminismus geht, sondern um ganz herkömmlichen Fremdenhass und Deutschtümlerei. Die, die diese Forderung am lautesten stellen, hassen Schwule und Lesben, man muss dafür nur in die Programme bestimmter Parteien schauen. Und ich glaube auch nicht, dass es die Flüchtlinge sind, vor denen wir diese Werte verteidigen müssen. Sondern diejenigen, die die Untergrabung der Demokratie in ihre Parteiprogramme schreiben, die unser System für russische Wahlkampfhilfe verraten, die Europa zerstören und unser Sozialsystem abwickeln wollen, die ein Frauenrechtsbild aus den Fünfzigern haben – und die, um all diese Sachen zu erreichen, unsere Unsicherheit instrumentalisieren und Fremdenhass entfachen. Das sind die Menschen, die die Werte, von denen du sprichst, tatsächlich in Frage stellen. 

GK: Das klingt doch alles sehr politisch, obwohl du sagst, „Zuhause“ sei kein politisches Buch … 

DS: Unser Gespräch ist gerade politisch geworden. In „Zuhause“ geht es mir nicht um konkrete Politik. Es ist aus der Überzeugung heraus geschrieben, dass individuelle Verwurzelung die einzige sinnvolle Antwort auf ein Gefühl kollektiver Entwurzelung sein kann. In diesem Sinne ist es politisch. Aber es klagt nicht an, schlägt sich nicht auf eine Seite oder nimmt in irgendeiner Hinsicht Bezug auf Tagespolitik.
GK: Gleichzeitig ist „Zuhause“ auch ein persönliches Buch. Du erzählst, bisweilen rückhaltlos, von deinem Leben, um zu verdeutlichen, worum es dir geht. Trotzdem bist du auf Lesungen oder in Interviews eher zurückhaltend, was Fragen nach deinem Privatleben angeht. Wie kommt es zu diesem Gegensatz?

DS: Das ist vielleicht gar kein Gegensatz. Ich beantworte ungerne persönliche Fragen, die über das hinausgehen, was in meinen Büchern steht. Ich bin ein privater Mensch wie alle anderen auch. „Zuhause“ ist ein Essay, also eine literarische Form, die das Persönliche mit philosophischen, psychoanalytischen und soziologischen Reflexionen vermischt. Ich erzähle diese persönliche Dinge also nicht ihrer selbst willen. Ich will mit ihnen verdeutlichen, wie sich bestimmte Ideen in einem Leben manifestieren können. Ich möchte mit ihnen immer auch bestimmte Ideen für den Leser auf einer unmittelbaren Ebene erfahrbar machen. Und sie sind ein Gesprächsangebot – ich möchte Menschen durch den persönlichen Blick dazu anregen, sich selbst Fragen zu stellen wie: Wie ist es denn bei mir, in meinem Leben? Habe ich ein Zuhause? Suche ich es noch? 

GK: Gibt es da nicht Momente, in denen du Angst hast, mit deinem Schreiben den Menschen in deinem Leben vor den Kopf zu stoßen? Zu intim zu sein, ihnen zu nahe zu treten?

DS: Ich überlege mir das natürlich genau und gebe es den Menschen, über die ich schreibe, vorher zum Lesen. In einem Teil des Buches etwas beschreibe ich meine Kindheit in einem kleinen Dorf in Mecklenburg–Vorpommern – eine Kindheit, die von sehr unschönen Erfahrungen geprägt war, weil man mir als kleinem Jungen schon ansah, dass ich einmal schwul werden würde. Diesen Teil habe ich zuerst meinen Eltern zu lesen gegeben, um zu sehen, was sie denken und wie es sich für sie anfühlt. Sie fanden es wichtig, dass ich darüber schreibe, und hatten keine Einwände. Wenn sie gesagt hätten, dass sie das nicht öffentlich lesen wollen würden, hätte ich es mir noch einmal überlegt.

GK: Von einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern über New York und London nach Berlin – da lassen sich viele Brüche erahnen. Gibt es denn etwas, das du aus deiner Kindheit mitgenommen hast bis hierher und bis heute? Etwas Beständiges, eine Tradition? Oder ist deine Identität „selbstgemacht“? Wie du im Buch schreibst: durch neue Menschen, neue Lektüre, den eigenen Willen …

DS: Es ist natürlich immer eine Mischung, bei jedem Menschen. Zu glauben, man könnte sich von Grund auf neu erschaffen, das ist eine Illusion, die man nur haben kann, wenn man noch sehr jung ist. Es ist sehr schwer, aufzufächern, was genau von den Eltern kommt, was vom sozialen Kontext und was von einem selbst. Was stammt aus Romanen und Filmen, was von den Menschen, die man im Laufe seines Lebens trifft? Wer will das sagen?

 

GK: In deinem Buch erzählst du von einem Ritual, das du dir selbst geschaffen hast: Nach einer längeren Reise als erstes zu Freunden zu gehen, mit ihnen zu essen und zu erzählen. Wie viel an dem, wie du jetzt lebst, ist bewusst konstruiertes Ritual, wie viel ist übernommene Tradition?

 DS: Das Ritual, das du beschreibst, haben meine Freunde und ich nicht bewusst konstruiert. Es kam einfach irgendwann so, die Verselbständigung eines Zufalls und dann war es da. Aber genau diese Routinen und Gewohnheiten schaffen die Qualität, die man braucht, um an einem bestimmten Ort gut zu leben. Sie müssen immer neu verhandelt und kalibriert werden.

GK: Gibt es Merkmale an einem Ort, die es Menschen einfacher machen, genau dort ihr Zuhause zu finden? Ganz beliebig wird es ja nicht sein.

DS: Die positivste Entwicklung der Moderne ist, dass für uns die Möglichkeit besteht, uns neue Lebensweisen zu suchen. Wenn man allein an all die Menschen denkt, die an Orten aufgewachsen sind, an denen sie sich nicht aufgehoben fühlen, und die einen Ort suchen, wo sie ein Leben führen können, ohne dass sie ausgegrenzt werden, ohne dass über sie gesprochen wird, ohne dass sie Gewalt befürchten müssen – das kann schon ein Zuhause sein.

Man denkt oft, es ginge bei der Suche nach dem richtigen Ort zum Leben um nette Cafés, Parkplätze und viel Grün in der Nachbarschaft. Das alles ist schön, aber viel wichtiger ist: Welche Menschen leben da? Welche Beziehungen kann man an einem Ort eingehen? Welche Arbeitsmöglichkeiten gibt es da? 

GK: Wird das in unserem digitalen Zeitalter nicht immer beliebiger? All diese Fragen können wir doch zunehmend durch technische Möglichkeiten beantworten, ohne mit den Menschen, mit denen wir uns verbinden wollen, an ein und demselben Ort zu sein. Wir haben Smartphones, soziale Netzwerke, Dating-Apps, Skype, können über das Internet ortsungebunden arbeiten … Ist der geographische Ort überhaupt noch von so großer Bedeutung?

DS: Für mich ist das nicht beliebig. Die Digitalisierung macht vieles einfacher, sie verändert auch vieles, aber nicht die Grundlagen unseres Mensch-Seins. Die Ansprüche an den Ort bleiben die gleichen, die Konflikte, die man bearbeiten muss, und auch die Aufgaben, die man hat, bleiben die gleichen.

 

GK: Meinst du damit eine individuelle Aufgabe: dieses Zuhause jeweils für sich selbst zu finden? Oder ist es eine gesellschaftliche Aufgabe: sein Zuhause kollektiv zu schützen vor Gefahren von außen? Oder lässt sich, anders als Heimat, ein Zuhause politisch gar nicht erst bedrohen?

DS: Generell lässt sich sagen, dass die meisten Gefahren, der eine Gesellschaft ausgesetzt ist, nicht von außen, sondern von innen kommen. Es ist nur so, dass uns die Gefahren von außen in ihrer ganzen Fremdheit „größer“ und „bedrohlicher“ erscheinen, während die inneren Gefahren für uns oft blinde Flecke sind. Ich glaube nicht, dass so etwas wie „Heimat“ wirklich bedroht werden kann. Ein Phantasma kann nicht bedroht werden. Das, was wir als Zuhause verstehen, wird hingegen oft bedroht, und das geschieht in jedem Leben auf die eine oder andere Weise, durch private und durch gesellschaftliche Faktoren: Wenn uns nahestehende Menschen sterben, wird unser Zuhause bedroht, wenn schwierige Situationen im Arbeitsleben Veränderungen notwendig machen oder wenn die politische Stimmung in einem Land kippt etc. Aber der Gegensatz zu dieser Art von „Bedrohung“ ist nicht „Schutz“, sondern „Weitermachen“ – die Antidote zu dieser Art von Bedrohung ist, sich langsam den neuen Realitäten zu stellen, die Bereitwilligkeit zu finden, sein Leben noch einmal neu auszurichten und sein Zuhause wieder aufzubauen. Wir alle müssen das mehrmals in unserem Leben machen. Ich fürchte, das bleibt niemandem von uns erspart.  

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