„Ich lese gern Bücher über die Nazis und das „Dritte Reich“. Weil ich glaube, dass ich immer noch nicht verstanden habe, wie sie möglich waren und das, was sie taten. Über Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, habe ich schon viel gelesen: die Biografien von Gitta Sereny und Joachim Fest, des früheren FAZ-Herausgebers. Speers „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“, an denen Joachim Fest mitgeschrieben hat.

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Fest schien den Schauer zu lieben, sich in der Nähe eines NS-Großverbrechers aufzuhalten, der in Nürnberg nur 20 Jahre Haft bekam und nicht den Tod, und sein Vertrauen zu gewinnen. Fest nahm Speer – wie viele Deutsche – die Geschichte ab, er, Speer, sei ein verführter Künstler und Idealist gewesen, der mit Hitler einen Teufelspakt geschlossen habe, um seinen Traum von großer Architektur zu verwirklichen. Speer war in dieser Geschichte immer der gute Nazi, ein Ästhet und Träumer, der einzige in der Nazi-Mischpoke mit Geist und Niveau. Er war Hitlers Freund, weil der eigentlich ein Künstler war und auch von großer Architektur träumte. Von den Verbrechen mag er geahnt und gewusst haben, interessiert hat er sich dafür nicht. Ein „Faust“-Stoff, wie man ihn in Deutschland mag. Die Geschichte stimmt aber nicht. Magnus Brechtkens „Albert Speer – Eine deutsche Karriere“ zeigt, dass die Geschichte anders ging. Sie handelt von einem Opportunisten und Karrieristen, der keine Skrupel kannte, wenn es um seine Interessen ging. Sie handelt von einem Überzeugungstäter, von einem fanatischen Nazi, der Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge für seine Bauten und in seinen Rüstungsbetrieben zu Tode schinden ließ. Alles hat er gewusst. Er hat tatkräftig und in vollem Bewusstsein geholfen, das Monströse ins Werk zu setzen. Nach dem Untergang hat er sich eine neue Geschichte erlogen. Und die Deutschen wollten belogen werden. Magnus Brechtken erzählt dieses ernüchternde, vollends desillusionierende Geschichte in einem atemberaubenden Buch, und er kann sie belegen. Es gibt keinen guten Nazi. Keinen einzigen.

Der FAZ-Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal erzählt, wie es zum Bruch zwischen ihm und Joachim Fest kam: Fest hatte Speer zu einer Party eingeladen, zusammen mit dem Holocaust-Überlebenden Reich-Ranicki. Intuitiv hat der Speers Lügen nie geglaubt.“

 

 

Michael Kluger ist Journalist und schreibt für die Frankfurter Neue Presse.

 

Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere.

Siedler Verlag 2017, 912 Seiten

ISBN: 978-3827500403

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