„Was machst du mit dem Rest deiner Zeit?“

Normalerweise brauchen wir einen Schockmoment, um uns diese Frage zu stellen – einen Schicksalsschlag. Tünde, die Protagonistin von Bernadette Némeths Roman „Der Rest der Zeit“ (Verlag Wortreich), ereilt ein solcher Schicksalsschlag in Form einer anstehenden Halswirbeloperation; ein Ereignis, das sie veranlasst, sich die Frage zu stellen und ihr Leben zu überdenken. Ihre Reflexionen bilden das Grundgerüst des Romans. Tünde, Österreicherin ungarischer Herkunft, ist selber Ärztin, was den Schilderungen der Krankenhauserlebnisse einen besonderen Realismus verleiht. Diese doppelte Realität (Tündes berufliche Erfahrungen mit dem österreichischen Gesundheitssystem sowie ihre eigene Leidensgeschichte) wird schonungslos, mit medizinischem Blick, wiedergegeben – doch unter Verzicht auf jede Effekthascherei. Auch in der ausführlichen Wiedergabe der Leiden, die die Figuren des Romans (Tündes engere Familie) angesichts der „Kapriolen des Schicksals“ ertragen, entgeht die Erzählerin der Versuchung von Melodramatik und Pathos.515athyYJ+L._SX296_BO1,204,203,200_.jpg

Tündes Erinnerungen an ihre Schwangerschaft, an ihre Fehlgeburt, an den Tod ihres Vaters – es wirkt, als könnte sich aus dem Erinnern und Erzählen eine Art Linderung ergeben. Melinda und Adam, Tündes Geschwister, werden uns in ihrer ganzen Menschlichkeit vorgestellt, die darin liegt, wie sie mit ihren Schwächen und Frustrationen umgehen; ebenso wie die von einer entbehrungsreichen Vergangenheit geprägten Eltern.

Das ist alles sehr innerlich. Anekdoten werden aufgeführt, um das Psychodrama der Protagonisten anschaulich werden zu lassen, und nicht, weil sie für ein Fortkommen der Handlung von großer Bedeutung wären. Trotz allem sind sie lebensnah und in ihrem Detailreichtum authentisch, keine bloßen Kopfgeburten der Autorin. Németh findet für dieses handlungsarme Kammerspiel die angemessene Sprache, die präzise und eindringlich, bisweilen lakonisch, aber nicht unpoetisch ist. Sie weiß, dass die Schicksale dieser Menschen genug tragen, als dass man sie künstlich mit einem theatralischen Stil beschweren müsste. Eine kluge Maßnahme war es, dies alles einen eher neutralen Er-Sie-Erzähler schildern zu lassen. Den Roman durchzieht, wenn man einen Topos bemühen wollte, eine geradezu ungarische Melancholie, ruhig und unaufgeregt wie die Donau Pannoniens.

Es geht dem Roman um die seelischen Konflikte seiner Figuren, um nicht mehr und nicht weniger; wie könnte es anders sein, wenn die Themen Vergänglichkeit und Schuld sind. Er nimmt, und darin liegt seine große Stärke, die Leben der vorgestellten Menschen ernst und nicht als bloße Vorlage für ein abstraktes Reflektieren angesichts des Todes. Zudem stehen die unsichtbaren Verbindungen der Figuren zueinander stets merklich im Hintergrund, ihre gemeinsame Geschichte, ihre Verstrickungen und ihre Suche nach einem Miteinander, und am Ende gibt es sogar ein Geheimnis – „Der Rest der Zeit“ ist ein Familienroman im besten Sinne.

 

Bernadette Németh: Der Rest der Zeit. Roman 

Wortreich Verlag, Wien 2017. 328 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 978-3903091238

 

 

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