Für eine wahre Umwälzung der Verhältnisse braucht man mindestens eine, vielleicht zwei Generationen. Aber es sind nicht immer die Generationen selber, die die Revolution wollen – zumindest sind es nicht die existierenden und schon gar nicht die kommenden Generationen, von denen eine Revolution ausgeht. Es sind einige wenige Menschen, die genug Vorstellungskraft, Idealismus und Durchsetzungsvermögen besitzen, die sich der trägen Massen bedienen. Während jene wollen, folgen diese nur, und sie folgen umso besser, je mehr sie den Eindruck haben, sie wollten selber auch.

Politik folgt auf Kultur, sagt man. Erst wenn das gesellschaftliche Klima sich verändert hat, kann und wird die Regierung Gesetze erlassen, die die neuen Verhältnisse befördern sollen. Daher muss der Revolutionär eine Gruppe anführen, die gesellschaftlich dominant ist und mit ihrem Denken das Denken einer gesamten Gesellschaft prägt.

„Die Vorherrschaft einer sozialen Gruppe“, schreibt der italienische Theoretiker der Kommunismus Antonio Gramsci, „zeigt sich auf zwei Arten, als Beherrschung und als intellektuelle sowie moralische Führung.“

Das war das Bestreben der Konservativen Revolution in den 20er Jahren, so haben es Mao und die Nazis gemacht, so ist es den 68ern gelungen und so wollen es die, die heute gerne eine Konservative Revolution reloaded hätten. Eine Umbettung des Mainstreams, eine neue Denkensart.

Gramsci fährt fort:

Eine soziale Gruppe ist dominant, wenn sie die gegnerischen Gruppen unterwirft und die verbündeten Gruppen anführt. Eine soziale Gruppe kann, ja muss sogar vor der Machtübernahme die Führung übernommen haben; wenn sie dann an der Macht ist, wird sie dominant, aber sie muss weiterhin führend bleiben.

Was wäre, wenn DU der Anführer einer solchen dominanten sozialen Gruppe wärest? Wenn du die Macht hättest, mit deinen Werten und deinem Weltbild den Zeitgeist zu formen?

Die Frage ist heute nicht, welche Mittel zum Zweck du anwenden ließest, sondern, wie eine Gesellschaft aussähe, die nach deinem Bilde geschaffen wäre. Wie sähe eine Revolution aus, die DEINEN Namen trägt?

Das habe ich mich in den letzten Monaten gefragt; in meinem Fall wäre es dann die Kaiservative Revolution. Freilich: alle wären frei und jeder sollte nach seiner Façon selig werden können. Dieser Wunsch ist selber schon sehr Mainstream, wenn er auch nicht für jeden dasselbe bedeutet.

Nun sind mir bei der Vorbereitung zur Revolution zwei Äußerungen begegnet, die mir etwas verdeutlicht haben. Die eine stammt von Sascha Lobo:

Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken knutschend an jedem Ort mit einer stillenden schwarzen behinderten Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzen kann – ohne Angst um ihre Existenz haben zu müssen … und mit WLAN!

Das andere wird in vielen Variationen von Anarchokapitalisten und Libertären zitiert, wenn sie gefragt werden, wofür sie sind:

Ich will, dass ein homosexuelles Ehepaar mit adoptiertem Kind seine Hanfplantage mit seiner AK-47 verteidigen darf.

Diese Zitate bilden die beiden Grundpfeiler der Kaiservativen Revolution. Beide haben eine absolut individuelle, freiheitliche und autonome Lebensweise zum Ziel, geprägt vom Gedanken der Würde des Menschen und seinem Recht auf Selbstbestimmung.

In meiner Gesellschaft sähe es so aus, dass genau das eine Selbstverständlichkeit wäre.

Beide Zitate unterscheiden sich allerdings in ihrem Impetus. Lobos Äußerung zielt (neben dem Recht auf Leben und Sicherheit) auf Anerkennung – die Gesellschaft soll so DENKEN und EMPFINDEN, dass es niemand mehr als anstößig, verwerflich oder empörend ansähe, wenn eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken knutschend an jedem Ort mit einer stillenden schwarzen behinderten Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzt. Mehr noch: diejenigen, die es als anstößig empfänden, würden durch einen breiten Konsens gesellschaftlich geächtet.

Das libertäre Zitat weist in eine andere Richtung, obwohl das Ziel, Selbstbestimmung und Freiheit für jeden Menschen, das gleiche ist. Es sagt: Mir ist egal, was die Leute denken – ich will nicht verändern, wie wer fühlt oder wertet. Aber ich will, dass jeder das RECHT HAT, seine Lebensweise auszuleben, solange er anderen damit nicht unmittelbar schadet oder in deren Freiheit eingreift. Jeder soll nach seiner Façon selig werden dürfen, und wenn jemand ihm diese Möglichkeit seine Individualität frei auszuleben zu nehmen droht, soll er sich und seine Liebsten angemessen verteidigen dürfen. Anders gesagt: Niemand darf über den anderen herrschen, auch nicht in der Form, dass er ihm die Mittel wegnimmt, die für ein Leben in Würde und Selbstbestimmung als notwendig erachtet.

Ich denke, dass Lobos Zitat für die meisten attraktiver klingt, weil es um Anerkennung und Gefühle, aber auch um Öffentlichkeit und Gemeinschaft geht. (Außerdem kommt WLAN vor – yeah!) Es spricht diejenigen an, die in der Schule ein harmonisches Klima vermisst haben, weil Mobber es ihnen unmöglich gemacht haben, ihre Individualität ganz auszuleben, und weil die Lehrpersonen zu schwach waren, dem Mobbing Einhalt zu gebieten und ein respektvolles Miteinander zu ermöglichen. Im morgendlichen Sitzkreis soll sich jeder wohlfühlen. Wem gesellschaftliche Anerkennung wichtig ist (die sich ja bloß in der Abwesenheit von schiefen Blicken und dummen Kommentaren auszudrücken braucht), der wünscht sich vielleicht die starke Hand des Rechtsstaats, die den Boden für Respekt und Fairness bereitet und immer wieder herstellt.

Die libertäre Sichtweise zielt mehr ins Private, das ist weniger attraktiv (Außerdem kommen Waffen vor – bäh!). Anerkennung soll nicht erzwungen werden, schiefe Blicke und vielleicht sogar dumme Kommentare fallen unter den Schutz der Meinungsfreiheit.

Keiner muss mögen, wie ich lebe. Aber keiner darf mich daran hindern mich mit den Leuten frei zu assoziieren, die meine Ansichten teilen. Wer mich in Ruhe lässt, wird von mir in Ruhe gelassen. Don’t tread on me, wie die libertäre Schlange sagt. Die libertäre Sichtweise ist etwas für die, die in der Schule schon nicht zu Geselligkeit und Sitzkreisen gezwungen werden wollten. Gruppenarbeit – ja, aber nur wenn ich mit aussuchen kann, wann und mit wem.

Nun, die Kaiservative Revolution sähe so aus, dass beide Richtungen verfolgt würden: Anerkennung für alle Lebensstile UND das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum. Wenn man beides verbindet, könnte man sagen: Meine Gesellschaft wäre eine, in der die Menschen sich nicht von anderen bedroht fühlen müssen.

So Mainstream sich das nun anhören mag – es würde bedeuten, dass niemand Steuern zahlt, keine Abgaben, keine GEZ, dass alle Regelungen und alle Verträge freiwillig eingegangen werden, dass sich jeder Erwachsene mit jedem anderen einvernehmlich zusammentun darf und dass alles, was produziert und angeboten wird, durch freie Wahl und Nachfrage zustande kommt. Es wäre eine Kultur der Freiheit und Freiwilligkeit, und es erschiene den Menschen dort als abartig wie uns heute die Sklaverei abartig erscheint, wenn man Leute dazu zwingen wollte, für etwas ihr Leben und ihr Eigentum zu opfern, dass sie nicht benötigen.

Umverteilung – ja, aber nur, wenn ich mir aussuchen kann, wann und mit wem.

Das bedeutet dann auch, dass niemand initiierende Gewalt anwenden darf, um sich Anerkennung für seine Lebensweise zu verschaffen. Breiter gesellschaftlicher Konsens muss auf friedliche Weise hergestellt werden.

Was uns natürlich zu der Frage führt, wie dieser Konsens friedlich erreicht werden kann …

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