Tom Wolfe beschäftigt sich in „Das Königreich der Sprache“ mit der Frage nach dem Sprachursprung – und mehr noch mit den Eitelkeiten des Wissenschaftsbetriebs

Der Gebrauch der Sprache unterscheidet uns von den Tieren. Und so ist die Frage nach dem Ursprung der Sprache gleichzeitig eine Frage nach der Menschwerdung unserer Spezies. Zugespitzt könnte man sagen: Die Frage, ob die Sprache von Gott gegeben, angeboren oder ein Artefakt ist, begleitet die Geistesgeschichte seit dem ersten Wort, das der Mensch sprach – zumindest seit Jean-Jacques Rousseau, Étienne Bonnot de Condillac und Johann Gottfried Herder. Auch Tom Wolfe, der kürzlich verstorbene Schriftsteller, Kritiker und Journalist, hat sich am Ende seines Lebens mit ihr befasst. Der berühmte Vertreter des New Journalism, in Erscheinung getreten mit Essays über Radical Chic, Popkultur und Architektur, mit literarischen Reportagen und Romanen wie Fegefeuer der Eitelkeiten ist nun also unter die Sprachwissenschaftler gegangen?

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Weit gefehlt, denn das in der Mitte seines neunten Lebensjahrzehnts geschriebene Buch Das Königreich der Sprache ist kein linguistisches Sachbuch. Im Grunde geht es ihm nicht einmal um die Sprachursprungsfrage im engeren Sinne. Schon zu Beginn nämlich verkünden „acht schwergewichtige Evolutionsforscher – Linguisten, darunter ein ,Computerlinguist‘, Biologen, Anthropologen, dass sie sich geschlagen geben, das Handtuch warfen, einknickten, kniffen angesichts der Frage, wie Sprache entstand und wie sie funktioniert.“ Namhafte Forscher können also auch im 21. Jahrhundert noch nicht sagen, woraus und wie sich die menschliche Sprache entwickelt hat. Sollen wir es dann von einem amüsant geschrieben Bändchen aus der Feder eines literarischen Journalisten erwarten, der sich in fremden Fachgebietsgewässern aufhält?

Das müssen wir keinesfalls, denn Wolfes Buch ist nicht nur geistreich und dicht geschrieben, witzig und pointiert, wie man es von ihm gewohnt ist, sondern es kreist auch um eine ganz andere Frage, nämlich um die, wie die Wissenschaft zu Erkenntnis gelangt. Dies aber nicht im wissenschaftstheoretischen Sinne à la Karl Popper und Paul Feyerabend; es geht vielmehr um die Eitelkeiten der großen und kleinen Protagonisten, die sich einmal mehr als tierisch witzig, zuweilen aber auch tragisch herausstellen.

512NKJrlIHL._SX309_BO1,204,203,200_Einer dieser Könige im Sprachwissenschaftsbetrieb ist Noam Chomsky, der mit seiner Theorie einer universellen Grammatik behauptet, Sprache greife auf angeborene Strukturen zurück. Wolfe glaubt nun, diese renommierte Theorie aushebeln zu können. Als Kunstgriff führt er einen Gewährsmann ins Feld – Daniel Everett, ursprünglich Missionar, dann Anthropologe, der aus der Erforschung der Sprache von Urvölkern versucht, etwas über den Ursprung der Sprache an sich abzuleiten. Everett besuchte in den 1970er Jahren „das glücklichste Volk der Erde“ in Brasilien, die Pirahã, die sich einer Art „Schwundsprache“ bedienen. Diese sei „deutlich von der charakteristischen Kultur und einzigartigen Lebensweise der Pirahã geformt worden – und nicht von irgendeinem ,Sprachorgan‘, nicht von irgendeiner ,universellen Grammatik‘ oder ‚Tiefenstruktur‘ oder ‚Spracherwerbsvorrichtung‘, die Chomsky zufolge allen Sprachen gemein waren.“ Ein Volk, das in einer Sprache ohne Grammatik spricht – eine Widerlegung der Chomsky’schen Theorie der Universalgrammatik?

Doch wie gesagt: Weniger als um den wahren Ursprung der Sprache geht es um die Gepflogenheiten, Mechanismen, Fallstricke im Wissenschaftsbetrieb – auch hier, wer hätte es gedacht, ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Chomsky nämlich, mit dem Wolfe offenbar noch eine Rechnung offen hatte, habe versucht, Everett mundtot zu machen, um sein Lebenswerk nicht zerstört zu sehen. Der Stoff, aus dem Campus-Romane gemacht sind – vielleicht sogar die Wissenschaft an sich.

Diese Auseinandersetzung wird von Wolfe anekdotenreich und spannend aufbereitet. Die Lektüre ist ein derartiges Vergnügen, dass man bedauert, dass nicht jeder wissenschaftsstreit bisher so bissig und amüsant erzählt wurde. Aber zumindest ein weiterer findet sich bereits bei Wolfe. Neben den Seitenhieben auf Chomsky spielt nämlich eine ganz andere Kontroverse ebenfalls eine große Rolle in Das Königreich der Sprache. Parallel zur David-und-Goliath-Konstellation Everett vs. Chomsky zeichnet Wolfe die Entstehung der Evolutionstheorie nach und versetzt Darwin in die Rolle des übermächtigen Goliath, während sein Zeitgenosse Alfred Russel Wallace der unbekannt gebliebene „eigentliche“ Erfinder der Lehre von der Evolution sei. Zumindest sei er nicht so ein Stubengelehrter wie Darwin gewesen, sondern sei ins Feld gegangen, ein „Fliegenfänger“, dem es um empirisches Material zu tun war. Über Chomsky urteilt Wolfe polemisch: „Er ist niemals outdoors, außer um zum Flughafen zu fahren und von dort zu andern Universitäten zu fliegen, auf dass man ihm die Ehrendoktorwürde verleihe … mehr als neununddreißig nach letzter Zählung.“

Sinngemäß lautet sein Verdikt über Darwin:

Gentlemen wie Darwin betrachteten Fliegenfänger [wie Wallace] nicht als naturforschende Kollegen, sondern als Lieferanten auf der Stufe von Farmern und Cottage-Webern. Allein schon der Gedanke, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, geschweige denn als malaiischer Insektenhändler, reicht aus, um Juckreiz und manisches Kratzen bei einem Gentleman auszulösen.

Wallace und Everett kennt außerhalb ihrer Fachgebiete kein Mensch. Darwin und Chomsky aber sind die großen Stars. Und der Star des literarischen Journalismus Tom Wolfe zeigt, wie es dazu kam – und darüber hinaus, dass nicht Wahrheitsliebe und die peer-reviewte Theorie, sondern persönliches Charisma, gute Vernetzung und Skrupellosigkeit den Wissenschaftskönigen die Festigung ihrer Macht ermöglicht haben. So viel Skrupellosigkeit, dass man sich nicht nur fragen muss: Sind Wissenschaftler auch nur Menschen? Sondern auch: Sind wir Menschen dann doch wieder nur allzu menschliche Tiere?

 

Tom Wolfe: Das Königreich der Sprache.
Übersetzt aus dem Englischen von Yvonne Badal.
Blessing Verlag, München 2017.
224 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783896675880

 

Kritik erstmals erschienen in: Literaturkritik.de

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