Wir müssen uns Diego Armando Maradona als eine Christus-Figur vorstellen. Aber als einen Jesus, der nach seiner Auferstehung auf den Olymp der Götter Griechenlands wiedergeboren wurde. Maradona, der Erlöser.

Der Satz, den ich während der WM-Vorrunde genau 41 mal gehört habe, war: „Das letzte Mal, dass ein Spieler eine Weltmeisterschaft im Alleingang entscheiden konnte, war Maradona 1986.“ Für die Ohren der Deutschen, die sich nach so langer „Der Star ist die Mannschaft“-Rhetorik wieder nach dem Originalgenie sehnen, hat der Satz bereits vor dem Ausscheiden der „Mannschaft“ in etwa dieselbe Bedeutung wie das „Nächstes Jahr in Jerusalem“ für die Juden oder für mich das Lied „Someday My Prince Will Come“. Denn eine Lichtgestalt wie Maradona benötigt unser fades Leben wie ein radiokonformer Popsong einen Tonartwechsel. Du bist das Salz der Erde und in meiner Suppe, großer Genius und Anführer in all unseren Schlachten!
Wir brauchen jemanden, den wir später ungestraft als Legende bezeichnen können, denn in unserer Begeisterung für den realen Star oder die nur herbeigesehnte Erlöserfigur klingt bereits das ferne Echo der Verklärung in zwanzig oder dreißig Jahren an. (Dabei eignet sich längst nicht jeder, der genial gespielt hat, für die Verklärung zur Lichtgestalt. Ein Lothar Matthäus etwa wird diesen Status wohl nie innehaben, und das hat viele Gründe.)

Maradona gibt uns ein Zeichen

Nun gab es am Ende des letzten Argentinien-Spiels gegen Nigeria eine vielsagende Szene, in der es nicht nur um legendäre Erlöser-Lichtgestalten an sich, sondern auch Maradonas ganz eigentümliche Interpretation dieser Rolle geht. Überraschenderweise gelang der Albiceleste (Sportmoderator*innen sind immer auf der Suche nach dem sinnigsten Synonym) doch ein Sieg und das Weiterkommen, und so wurde der unvermeidliche Maradona eingeblendet, wie er dort oben auf den einer VIP-Tribüne nachempfundenen Wolken des Olymp ausgelassen feierte.
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Gerade als der deutsche Kommentator anhob, von „Legende“ und „Das letzten Mal war 1986“ zu faseln, streckte Maradona beide Mittelfinger zur obszönen Geste irgendwelchen Fans, die unter ihm, im Reich der Irdischen weilten, entgegen. Die reaktionsschnelle Regie reagierte rasch und blendete ab. Da die Hand Gottes nun aber für alle sichtbar ein Zeichen gegeben hatte, sah sich der deutsche Moderator verpflichtet, ein launisches „Die Geste kann er sich sparen“ hinterherzuwerfen.
Natürlich, so eine Geste braucht keiner, das wissen wir nicht erst seit Effenberg und Per Steinbrück. Und nötig hat er sie doch auch nicht, der gute Diego. Was mag einen Gott, fragte ich mich in diesem Moment, dazu hinreißen, seine Befindlichkeiten derart menschlich, allzu menschlich zum Ausdruck zu bringen? Niemand zeigt doch ohne Grund den Stinkefinger. Wer zwei zeigt, mag gleich doppelten Grund haben. Sollte Maradona womöglich zuvor provoziert worden sein, z. B. von nigerianischen Fans, oder auch von neutralen russischen Zuschauern, oder gar von Argentiniern selbst, die die Gunst der Stunde nutzten, wie Prometheus gegen den Himmel zu wettern?
Kommunikation hat keine Interpunktion, heißt es bei Friedemann Schulz von Thun, das heißt: Der eigentliche Beginn einer Kommunikation kann nicht festgelegt werden. Und so ist auch nicht unbedingt klar, was dem doppelten Stinkefinger vorausgegangen sein mag. Was, wenn Maradonas Geste gar gerechtfertigt war? Wenn sie die Gebärde der Genugtuung und göttlichen Gerechtigkeit war – für uns nicht erkennbar, weil wir Sterblichen fehlbar sind und Gottes ganzen Plan nicht kennen? Das Siegeszeichen des Sol invictus, des unbesiegbaren Sonnengottes – und prangt nicht auch auf der argentinischen Flagge das Antlitz der Sonne unübersehbar?
Sind die erhobenen Mittelfinger des gedemütigten Diego, des armen Armando, des Schmerzensmannes Maradona ein kokaingeschwängertes “In hoc signo vinces”? Vielleicht müssen wir uns ja alle Gesten, alle Worte und Gefühlsäußerungen der Menschen stets auch als Reaktion vorstellen – auch das Obszöne, auch den Hass? Wodurch sie vielleicht nicht gerechtfertigt, aber doch erklärbar werden …?

Maradona, das Lamm Gottes

Maradona nun stelle ich mir als argentinischen Jesus vor. Nachdem er 1986 die Nation im Alleingang erlöst hat, ist er aufgefahren in den Himmel, wo er sitzt zur Rechten von Sepp Blatter und irgendeinem russischen Scheich, zu richten die Lebenden und die Toten. Manchmal gibt er seinen Jüngern auch andere Zeichen: ein Messi-Trikot zu schwenken, das ist seine Art zu sagen: “Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sprach: dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden.” Messi aber trägt an seinem Status des Auserwählten schwerer als Jesus und Neo zusammen.
Bildschirmfoto 2018-06-29 um 08.28.02.pngDas Koka-Karma hat den auferstandenen Armando jedoch offensichtlich nicht in ein emotionsloses Elysium oder ein nüchternes Nirvana, sondern auf den griechischen Olymp befördert, wo die Götter wie Menschen sind. Neidisch, eifersüchtig, müde, reizbar, zornig – und so lässt sich eben auch ein Erlöser im Afterlife zur menschlichen Reaktion hinreißen. Jan Skudlarek hat da auch mal ein Buch drüber geschrieben.
Seit ich nun Maradonas Mittelfinger-Geste gesehen habe, weiß ich, welche Gebärde Zeus vom Olymp herabsandte, nachdem er Prometheus im Kaukasus in Ketten legen und einen Adler seine Leber fressen ließ: “Fuck you, Prometheus!” So weit ist es dann am Abend des Spiels gegen Nigeria nicht gekommen.

Jesut Özil

A propos Mesut Özil. Özil, selber weit entfernt davon, je als Lichtgestalt des deutschen Fußballs zu gelten, wäre eventuell ein zweiter Christus geworden. Auch er trägt die Sünden der ganzen Menschheit auf seinen Schultern, was zumindest seine Körpersprache erklären würde. Und ist nicht die gesamte „Mannschaft“ die poor, huddled masses yearning to breathe free, die nach kräftezehrendem Exodus endlich ins gelobte Land kommen? Auch das würden ja – horribile dictu – „Laufbereitschaft“ und „Tempo“ der Deutschen zumindest verständlicher machen.
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Jesut Özil, der Schmerzensmann, der müde Melancholiker, der stellvertretend für uns leidet. Sehet, welch ein Mensch! Gedemütigt von wutmenschlichen Voyeuren, die am Rande seines Leidensweges stehen und ihn auspfeifen, gelitten unter Pontius Pilatus und zum Sündenbock gemacht für alles, was schief läuft im Land und im deutschen Fußball. Und das nur, weil er an seinem Vater … äh Präsidenten treu festgehalten hat? Mein Reich ist nicht von dieser Welt, wird sich Özil vielleicht schon nach dem Mexiko-Spiel gesagt haben. Zu einem “Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?” ist es dann in Özils Passionsspielen aber nicht gekommen.
Denn Özil hat uns nicht erlöst. Dieser Kelch ging an ihm vorüber. Aber was wäre, wenn …? Wäre die Maradona-Geste dann vielleicht auch verständlich gewesen? Unantastbar in der Ruhmeshalle schwebend hätte Özil beide Mittelfinger den Trollen und Hatern hinstrecken können, eine Geste kosmischer Gerechtigkeit und Genugtuung, und sagen: „Fuck you, Trolle und Hater!“
Wir wissen es nicht, weil es eben nicht so kam. Vielleicht hätte er aber nur still in sich gekehrt, wie vor jedem Spiel, wenn er während der Nationalhymne betet, um Erbarmen für uns kleine Sünderlein angehalten: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Falls es dann doch so kommt, 2022, nach vier Jahren in der Wüste – falls Özil uns doch noch erlöst und der Löw neben dem Lahm liegen wird – falls das irdische Paradies anbricht und das Manna in Form des WM-Pokals vom Himmel fällt, weil Özil die Weltmeisterschaft im Alleingang entscheidet: Dann will’s mal wieder keiner gewesen sein.

So lange wasche ich meine Hände schon mal in Unschuld.

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