Die Furcht vor der Freiheit und die Neue Normalität

Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit“

schrieb Hannah Arendt 1951 in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“

Sie diagnostizierte die Einsamkeit und Isolation der Menschen als Bedingung dafür, dass totalitäre Herrschaft überhaupt Akzeptanz und Zuspruch gewinnt. Die Bindungs- und Heimatlosigkeit der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg mit allen Symptomen wie Orientierungslosigkeit und Ohnmachtsgefühlen war der ideale Nährboden für die wachsende Attraktivität der Großideologien und schließlich für die Machtergreifung der Nazis. 

Man wird wohl konstatieren müssen, dass es heute nicht nennenswert weniger Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Einsamkeit unter den Menschen gibt. In Zeiten von Corona haben sich die Distanzgefühle, Isolationserfahrungen, Angst und Ohnmacht  noch mal deutlich vervielfacht. Auch die Ausgrenzungsmechanismen sind – ob durch Quarantäneverordnungen, Zugangsbeschränkungen, Zurechtweisung oder Diffamierung und Mundtotmachung – wieder allgegenwärtige Phänomene. 

Für den Durchschnittsmenschen ist aber nichts schwerer zu ertragen als das Gefühl, keiner größeren Gruppe zuzugehören. Selbst wenn man einer Ansicht eher kritisch gegenübersteht, zieht man es doch oft vor, ihr nicht zu widersprechen, sobald man dadurch riskiert, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden. Man konnte, wie Erich Fromm 1941 in „Die Furcht vor der Freiheit“ schrieb, damals beobachten, wie vielfach auch Menschen, die keine Nazis waren, den Nazismus gegen Kritik verteidigten, weil sie das Gefühl hatten, dass ein Angriff auf den Nazismus ein Angriff auf Deutschland war. Heute haben viele das Gefühl, dass ein Angriff auf die Corona-Maßnahmen ein Angriff auf unsere Gesellschaft ist – auf die Legitimität der Regierung oder des Staates an sich oder auf die gesamte Mentalität des Zeitgeistes, der man sich zugehörig fühlt.

Jeder Kritik an der eigenen Gruppe verstärkt dabei nur die Loyalität zu ihr, selbst bei denen, die sich bislang noch nicht vollkommen mit ihr identifiziert hatten, sondern schwankend waren. Heute ist dies nicht mehr eine Loyalität der Nation oder dem Volk gegenüber, sondern eine zu der Gesellschaftsschicht der Normalen und Erlaubten, der des wohlsituierten Zeitgeistes und des medialen Mainstreams, der von den immergleichen Verlautbarungen der immergleichen Arrivierten und Etablierten geprägt ist. 

Wer sich dieser Gesellschaftsschicht mitsamt ihrer Mentalität und Weltsicht einmal zugehörig fühlt, wer in ihr ein geistiges Zuhause hat, möchte nicht aus ihr verstoßen werden. Dieses Bedürfnis verengt allerdings das Spektrum dessen, was ernsthaft kritisiert wird, und kann so als Machtmittel und Stabilisierung benutzt werden. 

Wie Fromm wusste, hilft die Angst vor der Isolierung jeder Partei, einen großen Teil der Bevölkerung für sich zu gewinnen, sobald sie erst einmal an die Macht gekommen ist.

Daher ist die Technik der moralischen oder tatsächlichen Isolierung und Herausdrängung aus der Gesellschaft ein Mittel, die Macht der regierenden Partei zu stabilisieren.

Der Appell an die Emotionen, gepaart mit Angstmache und Einschüchterung, macht die Menschen zu begeisterten oder Anhängern der „guten Sache“ und zu unbewussten Verteidigern der neuen Normalität.

Diese Ideologie ist noch keine fest umrissene, auch wenn ihre Ziele und Pläne feststehen. Aber die „Neue Normalität“, die von Journalisten wie Intellektuellen nicht nur gepriesen, sondern als alternativlos und unhinterfragbar bezeichnet wird, hat weder ein Manifest noch Symbole, weder Lieder und Insignien noch einen identifizierbaren „Führer“, ja es gibt nicht einmal  eine einzelne Partei, die sich ihr verschrieben hätte. Man kann die Neue Normalität nicht wählen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man sie auch nicht abwählen wann. 

Die Neue Normalität ist eine ortlose und formlose Ideologie, eine Ideologie ohne Idee sozusagen. Sie kommt ohne weltanschauliche Forderung an ihre Anhänger aus, was sie zu einer idealen Ideologie für eine Zeit macht, in der die Menschen vor allem eines wollen: In ihrem hedonistischen Konsumismus nicht gestört werden. Sie ist, und das macht sie so gefährlich, aufgrund ihrer Gesichtslosigkeit und Ungreifbarkeit so unsichtbar und schwer nachweisbar wie ein Virus, und selbst ein intellektuelles Testverfahren kann in den Infektionsträgern oft nur noch verräterische Hüllen vorfinden. 

Die Tatsache, dass es sich quasi um eine ideologiefreie Ideologie handelt, die sich sich also weder die Rhetorik des Klassenkampfes noch die des rassistischen Biologismus und Sozialdarwinismus zu eigen macht, ist der Grund dafür, warum weder Rechte noch Linke sich ihr als Gegner entgegenstellen. Ihr Immunsystem ist auf einen anderen Feind eingestellt – wahlweise auf den mit roten Fahnen winkenden Weltkommunismus oder auf den kulturreaktionären Faschismus. Die Neue Normalität ist eine Ideologie, die noch dazu ohne gleichen Führer- und Personenkult auskommt und die ihre Gestalt gewechselt hat und in unserer Gesellschaft daher einen Organismus ohne nennenswerte Abwehrkräfte vorfindet. 

Anders als die Groß-Ideologien des 20. Jahrhunderts besitzt die Ideologie der Neuen Normalität noch kein bestimmendes Prinzip, das den Gläubigen erlaubt, die Komplexität der Welt in radikaler Einfachheit zu verstehen und ihnen so Entlastung anbietet. Nicht der Klassenkampf, nicht der Sozialdarwinismus treibt die Geschichte voran, es gibt überhaupt kein ideologisches Angebot für den einfachen Bürger. Die Entlastung geschieht allein über die Mechanismen der Zugehörigkeit zu den “Guten” und “Solidarischen” und über den Glauben an “die Wissenschaft” und den “Zeitgeist”. Inhaltlich könnte diese neue Ideologie, wenn überhaupt, nur als globaler technokratischer Transhumanismus bestimmt werden – allerdings ohne dass sich ihre Verfechter und Unterstützer in Politik, Medien und Geistesleben dessen bewusst wären.

Gleichwohl zielt das Bestreben dieser gesichtslosen Ideologie auf Globalität und Totalität. Auch für sie gilt, was Hannah Arendt 1951 konstatierte:

„Der Kampf um totale Herrschaft im Weltmaßstab und die Zerstörung aller anderen Staats- und Herrschaftsformen ist jedem totalitären Regime eigen.“

Gemeinsam mit den überkommenen Großideologien, die im Grunde ja auch schon technokratische Züge besaßen, hat die Neue Ideologie auch die Berufung auf “die Wissenschaft” – in einem postreligiös-aufgeklärten Zeitalter eben eine der wenigen Autoritäten. “Nationalsozialismus ist angewandte Biologie”, wie Rudolf Hess formulierte. Auch heute droht die “Anwendung” “der Wissenschaft” vonseiten der Politik nichts weniger als ihre Instrumentalisierung zu sein.

Wie ihre Vorgänger gewinnt die Neue Ideologie ihre Unterstützung nicht nur aus der Ignoranz der Bürger, sondern auch aus dem vorherrschenden Gesellschaftscharakter. Doch anders als im frühen 20. Jahrhundert ist der Gesellschaftscharakter der westlichen Industriestaaten des 21. Jahrhunderts im wesentlichen von Hedonismus und Infantilität geprägt, von einer verdrängten Unsicherheit gepaart mit einer Furcht oder einer Abneigung vor der Freiheit sowie von systematischer Verantwortungsabgabe und einer Sucht nach Harmlosigkeit oder zumindest, die eigenen Harmlosigkeit glaubhaft zu behaupten. Im Gegensatz zum Kleinbürger früherer Generationen geht es den Bürgern heute vor allem darum, als nicht feindselig, als tolerant, verständnisvoll und empathisch zu erscheinen, mit einem Wort, als ungefährlich. Hinzu kommt, nur im scheinbaren Widerspruch dazu, eine sadomasochistische Lust an der Unterwerfung sowie eine Gier nach Macht. All dies zeigt sich in der Problemlosigkeit, mit der das Spionieren, Denunzieren und die moralistische Entrüstung – allesamt nur ungenügende Rationalisierungen des Ressentiments – als gesellschaftsfähig angesehen sind.

„Verglichen mit psychischem oder gar physischem Zwang, mit denen z. B. Diktaturen ihre Bürger zu politischem Wohlverhalten bringen wollen, erscheint reiner Konformismus, wie er auch in modernen Demokratien gang und gäbe ist, harmlos. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Der Konformismus greift viel tiefer als physischer Zwang in unser Denken, ja in unsere Persönlichkeit ein: Konformismus verändert unsere eigenen Wünsche und Überzeugungen, und zwar oftmals, ohne dass uns das selbst überhaupt bewusst wird. Physischer Zwang mag imstande sein, uns von Protesten abzuhalten; der Konformismus dagegen kann dafür sorgen, dass wir zu Unterstützern der Diktatur werden, ja es kann sogar passieren, dass wir uns als Mitglieder einer Gruppe zu Handlungen hinreißen lassen, die unseren tiefsten Überzeugungen widersprechen.“

Diesen Worten aus Harald Welzers „Autonomie“ von 2015 ist hinzuzufügen: Konformismus kann auch dazu führen, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, Protest wäre notwendig, sinnvoll und legitim. Er kann uns nicht nur zu Unterstützern einer Diktatur werden lassen, sondern auch zu Mitläufern und schweigenden Abnicken, wenn Entwicklungen in Gang kommen, die die Freiheit im Namen von „Terrorbekämpfung“, „Krieg gegen die Kriminalität“ oder „Gesundheit“ unbefristet einschränken.

Und es muss gesagt werden, dass dadurch, dass der Konformismus unsere Überzeugungen verändert, wie Welzer zugibt, unsere konformen Handlungen ihnen nicht einmal mehr widersprechen – was uns umso blinder für ihre Folgen macht.

“Es gibt gegenwärtig Entwicklungen”, schreibt der Soziologe Harald Welzer über diese Folgen, “in Gestalt von Überwachungstechnologien, Big Data, Transparenzidealen, Shitstorms und Skandalisierungen, die unseren Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben in einer freien Gesellschaft widersprechen. Autonomie ist gefährdet. Und wir halten es für dringend notwendig, diese Errungenschaft zu verteidigen.“

Wie lange werden wir diese Notwendigkeit noch einsehen?

Der Konformismus und der übertriebene Respekt vor der Autorität, der vor allem den Gesellschaftscharakter der Deutschen seit Urzeiten ausmacht, zeigen sich heute nicht mehr in einer Anbetung von Königen und Kaisern noch von Gott oder Vaterland. Religion, Weltanschauung, Nation, Volk, Klasse oder Rasse haben als Autoritäten längst ausgedient – an ihre Stelle sind vor allem die Wissenschaft und die öffentliche Meinung getreten. Dabei wird unter Wissenschaft nicht etwa die wissenschaftliche Methode verstanden, sondern die nicht mehr kritisierbaren, ein für allemal festgestellten „Ergebnisse“ einzelner „Experten“. „The Science has settled“ bedeutet heute so viel wie: Der König ist tot, es lebe der König, es ist ein Dogma, oder ein „Habemus papam“. Die Willfährigkeit, mit der wir, für alle sichtbar im öffentlichen Raum, die zur Politik gemachten „Erkenntnisse“ einzelner Studien alltäglich umsetzen – unhinterfragt bis vorauseilend – ist ein unverkennbares Zeichen unseres Respekts für diese Autorität. 

Die öffentliche Meinung wiederum wird durch die stabilisierenden Intellektuellen, vor allem aber durch die Prominenten gebildet, die ihre Stimme und ihr Gesicht dem herrschenden Narrativ zur Verfügung stellen – beide stützen durch eine Mischung aus ehrlicher Besorgtheit, kognitiver Dissonanz, Opportunismus und Eigeninteresse den status quo und somit, paradoxerweise, die Ideologie der neuen Normalität.

Die Macht der Autorität leitet sich allerdings daraus ab, dass sich der Mensch mit ihr identifiziert und sie verteidigt, sobald er einen Angriff auf ihre Unhinterfragbarkeit und Selbstgewissheit wittert. Das geschwächte Individuum findet in der Macht „seiner“ Autorität Ersatz für das, was ihm an Selbstsicherheit und Orientierung fehlt. Ein Angriff auf „die Wissenschaft“ (das eigentlich nur ein Anwenden ihrer Prinzipien ist, nämlich das Hinterfragen und Überprüfen einzelner  Theorien, Hypothesen und Experimente) wird als narzisstische Kränkung der eigenen Identität empfunden. Wissenschaft als Autorität anzusehen bedeutet, wie gesagt, nicht etwa, sie als Prozess und Ethos zu begreifen, ihre Moral der wissenschaftlichen Methode, der Falsifikation, Kritik und unvoreingenommen Selbstprüfung als Vorbild zu nehmen, sondern ihre vermeintlichen „Erkenntnisse“ als sakrosankt zu begreifen. 

Zu fragen ist, wohin es führen wird, wenn die nun als Autoritäten anerkannten und als solche missbrauchten „Experten“, aber auch die affirmativen Prominenten und Hof-Intellektuellen abdanken müssen, sobald das Gebäude, das sie bisher gestützt haben, für jeden sichtbar eingestürzt ist. Die Abdankung der Autoritäten ist gleichbedeutend mit einer empfindlichen Verletzung der eigenen Identität – wenn sich der „kleine Mann“ mit diesen Institutionen identifiziert hat, was wird er dann tun, sobald sie alle dahin sind?  

„Wir wissen nicht“, schrieb Hannah Arendt, „aber wir können es ahnen, wie viele Menschen sich in Erkenntnis ihrer wachsenden Unfähigkeit, die Last des Lebens unter modernen Verhältnissen zu ertragen, sich willig einem System unterwerfen würden, das ihnen mit der Selbstbestimmung auch die Verantwortung für das eigene Leben abnimmt.“

Dieses System ist bereits vorhanden, und auch wenn es keine Lieder und Fahnen, nicht mal eine einzelne Partei hat (weil alle Parteien es nolens volens mittragen), hat es doch einen Namen und ein Ziel. Es ist der Große Umbau der Gesellschaft hin zu einer zentralistischen, planwirtschaftlichen Weltordnung, in der die Akzeptanz der Menschen den neuen Verboten und Maßnahmen gegenüber die Anwendung maximaler technokratischer Macht legitimieren wird. 

 

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