Es ist vorbei – »letzte Ölung« für die Kirche

Massenaustritte leiten »humanes Sterben« der Kirche ein

Ein Gastbeitrag von Bettina und Philipp Tropf

Am letzten Freitag sind die Server der Stadtverwaltung in Köln zusammengebrochen, weil für die Buchung von Online-Terminen für Kirchenaustritte eine eklatant zu hohe Nachfrage herrschte. »Ich kann Ihnen sagen, dass wir mehr oder weniger zeitgleich etwa 5000 Zugriffsversuche hatten«, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Köln am Freitag. Die Machenschaften von Kardinal Woelki sind den katholischen Gläubigen zwischen Niederrhein und Bergischem Land zu viel. Stadtdechant Robert Kleine, Kölns oberster Repräsentant der katholischen Kirche nach dem Kardinal selbst, sagte, er könne derzeit niemandem einen Austritt aus der Kirche verdenken.

Vertuschung als Prinzip der Kirche

Die Enthüllungen über den unverantwortlichen Umgang der katholischen Kirche mit ihren pädophilen Priestern in Vergangenheit und Gegenwart entsetzten uns ja schon seit mehr als zehn Jahren in immer wiederkehrenden Abständen. Auch die ambivalente Haltung zur Homosexualität erhält groteske Züge angesichts der fortgesetzten öffentlichen Ächtung der Betroffenen einerseits und des außerordentlich hohen Anteils Homosexueller in den Reihen des Priester- und Bischofsstandes andererseits. Aber was hier geschieht ist beispiellos: Rainer Maria Woelki, Kardinalpriester der römisch-katholischen Kirche, hält den Gutachterbericht, der den Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen katholische Priester untersucht hat, unter Verschluß!

»Wir haben keine Hoheit, über den Kardinal hinweg oder ohne ihn oder an ihm vorbei in dieser Frage auch nur ein Stück weiterzukommen«, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zum Auftakt ihrer dreitägigen Frühjahrsvollversammlung. Die dadurch entstandene Vertrauenskrise im Erzbistum Köln habe »Auswirkungen auf die ganze katholische Kirche« und sogar die evangelische Kirche, sagte Bätzing. »Hier gibt es eine Haftungsgemeinschaft, die die Institutionen insgesamt trifft.«

Massive Enttäuschung nach „Missbrauchsgipfel“ und „Amazonas-Synode“

Das vermeintliche »Jubeljahr« 2019/20 zum I. Vatikantischen Konzil (1869/70), auf dem sie sich das Unfehlbarkeitsdogma gab, war bereits ein annus horribilis für die Kirche! Der gescheiterte »Missbrauchsgipfel« im Februar 2019, der Fehlschlag durch die »Amazonas-Synode« im darauffolgenden Oktober und das reaktionäre Schreiben der Kleruskongregation »Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche« vom Juli 2020 zeigen überdeutlich: Es ändert sich nichts!

Vor der »Amazonas-Synode« schürte Franziskus Hoffnung, dass unter Umständen Priester bestimmter Regionen nicht im Zölibat leben müssten. Monatelang hielt die katholische Welt den Atem an, ob er seine Ankündigungen wahrmachen oder wieder vor Tradition und Kurie in die Knie sinken würde. Im Februar kam das sehnsüchtig erwartete, nachsynodale Schreiben »Querida Amazonia« von Papst Franziskus. Tiefe Enttäuschung machte sich breit: Er musste – entgegen seiner Beteuerungen – schmählich einräumen, keine der Türen öffnen zu können – weder die zur Weihe verheirateter Männer, noch die von Frauen. Die konservative katholische Zeitung Die Tagespost titelte mit Genugtuung »Alles bleibt, wie es immer war«. Dagegen äußerte die eher reformorientierte Online-Plattform katholisch.de beinahe verzweifelt »Nicht einmal eine hoffnungsvolle Fußnote«.

Das weltfremde, fast zynische Begleitschreiben zum sogenannten »Missbrauchsgipfel« »Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs« des früheren Papstes Benedikt bringt es unmissverständlich auf den Punkt: Von den »Heiligkeiten« kommt keine Bitte um Verzeihung, keine Reue, keine Empathie für die Opfer! Dagegen Schuldverteilung auf »Sportlehrer«, die »68er-Generation« und eine »übersexualisierte«, vom »Teufel« befallene Gesamtgesellschaft. So unterschiedlich die Päpste auch sind, hier klingen sie beide gleich.

Priestermangel? Nein, Gläubigenmangel!

Die katholische Kirche in Deutschland hat kaum noch Priester. Deshalb übernehmen immer mehr Nicht-Kleriker Leitungsfunktionen. Der Papst selbst hat letzten Sommer diesem Umstand einen nachhaltigen Riegel vorgeschoben – zum Leidwesen der wenigen Gläubigen, die hierzulande noch Interesse an ihrer Kirche haben. Das jahrzehntelange, leidvolle Ringen der Katholiken um eine kollegiale Zusammenarbeit von Laien und Klerikern, der aussichtslose Kampf gegen die Unterversorgung durch den Priestermangel und das chancenlose Bemühen, doch noch »die Kirche im Dorf zu lassen«, wird dort vom Papst samt seiner Entourage in Rom federstrichartig zunichte gemacht. Mit ihrem Schreiben vom Juli 2020 »Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche« leitete die Kleruskongregation in Rom – mit dem ausdrücklichen Segen des Papstes – den unumkehrbaren Sterbeprozess der Kirche in Deutschland ein, den die Gläubigen nun zu einem beschleunigten Abschluss bringen zu wollen scheinen.

Verlust an Bindekraft

In den letzten Jahren waren die Kirchenaustritte ohnehin schon auf einem historischen Höchststand: In den vergangenen zwei Jahren sind in Deutschland annähernd eine Million Menschen aus der Kirche ausgetreten. Corona-bedingt sind 2020 nochmals annähernd eine Million weitere Austritte dazugekommen. Die dpa meldete Ende des vergangenen Jahres unter Berufung auf kirchliche Experten: Die Massenaustritte geschähen vor allem deshalb, weil die katholische Kirche zunehmend an Bindekraft verliere. Im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen es zum »guten Ton« gehört habe, Mitglied der Kirche zu sein, und »ein Austritt soziale Sanktionen nach sich zog«, sei es heute vielmehr so, dass sich der »Katholik dafür rechtfertigen müsse, wenn er noch Mitglied bleibt«. Insbesondere Frauen, die bisher in den Pfarreien engagiert mitgearbeitet hätten, zögen zunehmend die Konsequenzen aus einer fehlenden Bereitschaft der Kirche zur Veränderung.

Mit dem Woelki-Skandal mündet das bereits schon länger spürbare Siechtum der Kirche gerade in den sichtbaren und unumkehrbaren Sterbeprozess ein! Diesem Sterbeprozess – so mag es dem kritischen Beobachter erscheinen – wollen die Gläubigen nun ein »humanes« Ende bereiten, indem sie in einer Geschwindigkeit austreten, dass sogar die technische Ausstattung einer Stadt wie Köln überlastet zusammenbricht. Das kommt der »letzten Ölung« für die Kirche durch ihre eigenen Mitglieder gleich.

Über die Autoren: Bettina und Philipp Tropf wohnen bei Aschaffenburg und führen gemeinsam das Unternehmen Bephitro. 2020 haben sie das Buch „Todesursache: Unfehlbarkeit!: Eine Kirche nimmt Abschied von dieser Welt“ veröffentlicht und innerhalb von 3 Monaten 1.000 Exemplare verkauft. Dr. theol. Philipp Tropf promovierte 2009 im Fach Kirchengeschichte. In Würzburg empfing er die Priesterweihe. Ende 2017 wurde er durch die Amtskirche mit Berufsverbot belegt, nachdem er sich offen zu seiner Frau Bettina bekannt hatte. Seit November 2020 ist Philipp Tropf auch Bundesgeschäftsführer der WerteUnion.

2 Gedanken zu “Es ist vorbei – »letzte Ölung« für die Kirche

  1. Ich werde auch austreten – nicht aus der katholischen, sondern aus der evangelischen Kirche. Die großen Kirchen haben es nicht geschafft in dieser Krise den Unerhörten eine Stimme zu verleihen, statt dessen trugen sie mehrheitlich die Angst aus Medien und Politik weiter. Das möchte ich nicht mehr mittragen. Nächstes Jahr hätte ich goldene Konfirmation. Daraus wird wohn nix.

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