Ich mach da nicht mit (Lorenzo, 18)

Plötzlich Realität

Was hättest du wohl geantwortet, wenn dir jemand im Januar 2020 gesagt hätte, dass du über ein Jahr lang auf unbestimmte Dauer kaum andere Leute treffen darfst, die Schulen und Unis die meiste Zeit geschlossen sind und sich mit einem Digitalunterricht als Ersatz abgeben müssen und du kaum verreisen kannst?

Du hättest diese Person nur ausgelacht und als Verschwörungstheoretiker abgetan – und dennoch ist das heute die Realität für uns alle.

Meine Beobachtung ist, dass sich die Mehrheit mit all dem abgefunden zu haben scheint – aber nicht ohne eine diffuses Gefühl von „Irgendwas stimmt hier nicht; Ist das alles nur ein schlechter Traum?“ und einem fast schon verzweifeltem Drang zur Hoffnung. „Ab Sommer wird sicher wieder alles langsam normal; Die Impfung wird es schon richten“ Oder: „Irgendwann müssen sie ja alles wieder aufmachen“ – alles nach dem Motto: „Ja, die Situation ist schon blöd, aber was will man denn machen? Wir müssen einfach abwarten, was die Politiker entscheiden…“

Raus aus der Ohnmacht

Wenn wir COVID19 „zusammen erfolgreich besiegt“ haben werden – so in etwa wird die Rhetorik der Politiker sein – was machen wir dann, wenn sich der nächste neue Krankheitserreger à la Corona global verbreiten wird? Werden wir auch dann wieder monatelang in einen Lockdown gehen, die Schulen und Unis gleich ganz ins Digitale verlegen und auch noch den restlichen Wohlstand der Bürger vernichten? Solche und viele weitere Fragen müssten in der Öffentlichkeit eigentlich breit diskutiert werden, wenn wir uns als demokratische Gesellschaft verstehen wollen, doch unsere Zukunft wird gerade vor unseren Augen von Anderen entschieden.

Du könntest Einspruch erheben: “Aber diese Fragen sind zu groß. Ich verstehe nichts davon.“ Das ist a) richtig und b) falsch: Natürlich sind wir alle keine Experten. Dennoch kann sich jeder überlegen, ob nicht ein Rückgang zu dem, was wir mal als Normalität bezeichneten – die Älteren unter Euch erinnern sich vielleicht noch an Konzerte, Familienfeiern oder volle Fußballstadien – sinnvoller wäre, als das was uns die Politik als „Neue Normalität“ verkauft. Wir erleben die größten Freiheitseinschränkungen in der Geschichte des Landes. Man braucht kein Jurist zu sein, um zu erkennen, dass elementare Bürgerrechte wie Bewegungsfreiheit oder freie Ausübung der Arbeit beschnitten bzw. glatt ignoriert werden.

Der Grund dafür sich wirklich zu fragen, wie man zur aktuellen Situation steht, ist also die Erkenntnis, dass die Coronapolitik unsere Zukunft in jedem Lebensbereich beeinflussen wird. Dies gilt auch für eine ganz persönliche Ebene: Soll ich studieren wenn es keine Präsenzveranstaltungen gibt? Wo finde ich aktuell Arbeit? Ist mein Geld im Euro sicher? Gleitet Deutschland langsam in einen neuartigen Totalitarismus? Oder natürlich auch: Werde ich, meine Eltern oder Großeltern sich anstecken und womöglich schwer erkranken? Diese Unsicherheit der eigenen Zukunft entgegen führt zu einen Gefühl des Kontrollverlustes über seine Entscheidungen.

Drei Schritte zu einer selbstbestimmten Haltung

Erster Schritt: Erkenntnis auf rationaler und emotionaler Ebene

Der erste Schritt ist das Nachdenken darüber, in welcher Situation wir uns befinden und in welche Richtung wir uns bewegen. Dazu gehören einerseits wissenschaftliche Fakten zum Virus und andererseits Fakten zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Lockdowns. Auf der Kostenseite sei genannt: Wohlstandsverlust bzw. Verschiebung hin zu den riesigen Digitalkonzernen (Amazon statt Einzelhandel, Netflix statt Kino etc.), die psychischen Folgen, wie stark erhöhte Raten für Depressionen, Angststörungen (v.a bei Kindern und Jugendlichen) oder auch die zunehmende globale Armut und Hunger. So schätzt die UN, dass mehr Menschen durch die Folgen der Maßnahmen an Hunger sterben werden, als an dem Virus selbst.

Der Nutzen ist schwerer einzuschätzen, was in der Natur präventiver Maßnahmen liegt. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie die Situation in Deutschland ohne Lockdowns gewesen wäre? Ein Vergleich mit Ländern wie Schweden legt aber nahe, dass es wahrscheinlich nicht so schlimm gekommen wäre, wie es anfangs in Horrorszenarien vom RKI prognostiziert wurde, auch wenn gewisse Maßnahmen und Verhaltensregeln in den ersten paar Wochen der Unwissenheit sicherlich sinnvoll und wichtig waren, um Risikogruppen zu schützen. Statt auf Eigenverantwortung (wie teils in Schweden) wird aber auf allgemeine Verbote gesetzt, was viel über das mangelnde Vertrauen der Politiker gegenüber „ihren“ Bürgern aussagt.

Mit etwas Wissen gelangt man auf die zweite Ebene – die der emotionalen Erkenntnis: Hier kann man sich fragen: Halte ich mit dem Wissen, das ich habe, den politischen Kurs für gerechtfertigt? Was sagt mein innerer Kompass? Gehen wir als Gesellschaft in eine Richtung, die ich befürworte?

Wer in sich hineinhorcht, wird auch Antworten finden und sich dieser bewusst machen. Unterbewusst hat wohl jeder schon seine Einstellungen, die aber oft allzu stark von den Medien und dem Umfeld beeinflusst werden. Davon gilt es sich zu einem gewissen Grade frei zu machen – indem man zum Beispiel mal auf die Tagesschau verzichtet – um zu einer möglichst autonomen Bewertung zu kommen.


Zweiter Schritt: Wohin soll es gehen?

Soll dies auch in Zukunft der Umgang mit einem Virus sein? Sollten wir uns nicht viel mehr auf Prävention und dem gezielten Schutz der Risikogruppen fokussieren? Brauchen wir nicht ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit, dass psychosoziale Aspekte miteinbezieht? Und außerdem: Geht es dem Staat wirklich ausschließlich um die Gesundheit der Bürger oder auch um eine Ausweitung der Macht und Kontrolle? Die große Abhängigkeit von den Politikern spüren aktuell sicherlich viele.

Was ist uns wichtiger: Der Wert der Freiheit oder der der Sicherheit, zu welcher auch die Sicherheit vor dem eigenen Tod, also die Gesundheit, gehört? Es ist eine schlechte Idee, fast alle Freiheiten zu opfern, um vermeintlich etwas mehr Sicherheit zu erlangen. Ich glaube auch, dass sich die Allermeisten bei klarem Verstand für die Freiheiten und Rechte entscheiden würden, die bis Januar 2020 unumstritten waren: Bewegungsfreiheit, ein Recht auf soziale und nicht nur digitale Interaktion, Kirchengänge, freier Warenhandel, freie Berufsausübung, etc. Nach mehr als einem Jahr Maßnahmen ohne klar kommunizierte und unveränderbare Kriterien für einen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand, habe ich leider fast den Verdacht, ein solcher Ausstieg ist gar nicht geplant.

Wie willst du in den nächsten Jahren leben: Mit 1,5m Abstand? Mit Masken? In einer Realität, in der es ein Verbrechen ist, sich zu fünft zu treffen? Hat das letzte Jahr nicht schon genug zu einer Atomisierung und Spaltung der Gesellschaft geführt? Ist es nicht an der Zeit, dass wir als Gesellschaft eine konstruktive Diskussion darüber führen, wie wir leben wollen, statt es uns von der Politik vorschreiben zu lassen?


Dritter Schritt: Solltest du etwas tun, und wenn ja, was?

Sich für seine selbst bewusst gemachten Ideale einzusetzen, gehört meiner Meinung nach zu den größten Dingen im Leben, doch genau das wird uns heute erschwert. Nicht nur sind soziale Interaktionen und Kulturveranstaltungen verboten, ein allzu hohes Maß an Freiheit und Lebendigkeit wird sogar als „gefährdend und egoistisch“ geframed. Daher sollten wir sehr wohl etwas tun, wenn wir nicht dabei zusehen wollen, wie unsere Werte und Ideale der Freiheit, Lebendigkeit und Selbstbestimmung des eigenen Lebens im Zuge bzw. unter Vorwand der Pandemiebekämpfung vollends verschwinden.

Wer sich nicht ausspricht, wird sich immer selbst vorwerfen, nicht nach seinen innersten Überzeugungen gehandelt zu haben. Doch der Preis dafür ist leider oft die unsachliche Diffamierung von denen, die dem Konformitätsdruck nachgeben und „mitmachen“ und dann ihre niedrige Toleranz selbst für die gemäßigten Positionen zur Schau stellen. So gibt es vor allem in den klassischen Medien einen engen Meinungskorridor, der dazu führt, dass viele ihre wirkliche Meinung nicht äußern – aus Angst vor Stigmatisierung.

Um einen ehrlichen Dialog zu beginnen, muss dieses erstickende gesellschaftliche Klima aufgebrochen werden. Daher sage ich: „Nein, ich mache da nicht mit. Ich unterstütze das nicht“. Ich mache nicht mit beim gleichgültigen Abnicken der Außerkraftsetzung unserer Grundrechte. Ich denke selbst, anstatt mich dem Konformitätsdruck zu beugen. Ich mache nicht mit beim Ignorieren und Verdrängen der Kollateralschäden und bei der Abwälzung dieser auf die künftigen Generationen. Ich verweigere mich der Unterdrückung innerster Bedürfnisse und der Negation des Menschen als soziales Wesen.

Lorenzo ist 18 Jahre alt, wohnt in Hamburg und ist aktuell im Gap Year zwischen Schule und Studium.

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