Ist Precht überhaupt noch Philosoph?

Ein Gastbeitrag von Thor Wanzek, Köln

Momente des irritierten Innehaltens und des ungläubigen Genauer-Hinhörens gab es lange vor der Zeitphase, die vor über einem Jahr begonnen hat und die seitdem gemeinhin als „Corona-Zeit“ bezeichnet wird. Momente, in denen hoffentlich zahlreiche Menschen überlegen, ob sich bestimmte Menschen beim laut Denken überhaupt noch selbst zuhören – oder ob ihre Aussagen nur noch laut sind, um im allgemeinen Getöse von Meinungen, Haltungen und Wichtigtuerei irgendwie relevant mitzutönen, und zwar weitgehend unabhängig von ihrem Gehalt.

Solche Momente stellen sich bei mir in jenem Zeitraum, in dem Corona längst nicht die einzige Herausforderung war und ist, zunehmend häufiger ein. Dass sie zunächst in nahezu komplette Sprachlosigkeit münden, kommt eher selten vor. Doch dieses „Kunststück“ gelang kürzlich Richard David Precht, dessen Interview im Kölner Stadt-Anzeiger mich befremdete, ja, mehr noch im wahrsten Sinne des Wortes entgeisterte, denn „ist der von allen guten Geistern verlassen?“ war die die erste Frage, die dem Gefühl nach aus meiner Magengegend nach oben quoll und sich Brechreiz erregend ihren Weg bahnte. In jenem in Textform gebrachten Gespräch fragt der Redakteur Joachim Frank dem Anschein nach mehrfach verwundert nach, weil ihn offenbar einige der Antworten Prechts überraschen. Unter Anderem erkundigt sich Frank:

Muss der drohende Schaden für die Gesundheit, den es abzuwenden gilt, auf längere Sicht nicht gegen andere Schäden abgewogen werden, die aus den fortdauernden Beschränkungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens rühren?

Daraufhin antwortet Precht:

Die tatsächlichen psychosozialen Schäden der Corona-Maßnahmen kennen wir nicht gut genug. Den bislang vorgelegten empirischen Studien misstraue ich zutiefst. Wenn zum Beispiel nach Art und Ausmaß physischer und psychischer Gewalt gefragt wird, denen Kinder in den Familien derzeit ausgesetzt sind, wüsste ich schon ganz gern, ob das in den Jahren vor Corona mit gleicher Akribie erforscht wurde. Richtig ist natürlich, dass Menschen durch die Pandemie wirtschaftlich und sozial in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das abzuwenden ist wichtig, steht in der Rangordnung staatlicher Schutzpflichten aber nicht an erster Stelle.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen ergeht. Ich jedenfalls vermutete, einem Irrtum aufzusitzen, mich verlesen zu haben. Also las ich erneut: „Den bislang vorgelegten empirischen Studien misstraue ich zutiefst. Wenn zum Beispiel nach Art und Ausmaß physischer und psychischer Gewalt gefragt wird, denen Kinder in den Familien derzeit ausgesetzt sind, wüsste ich schon ganz gern, ob das in den Jahren vor Corona mit gleicher Akribie erforscht wurde.“ Aha, verlesen hatte ich mich also nicht. Doch so kann das Richard David Precht – selbst wenn er es im Interview so gesagt hat – nicht gemeint haben?

Nun werden transkribierte Gespräche in Zeitungen nicht einfach abgedruckt, sondern dem Interviewten in aller Regel vor der Veröffentlichung zur Abnahme und ggf. zur Korrektur vorgelegt, nicht zuletzt, um etwaige Missverständnisse zu beseitigen. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass auch in diesem Fall der Buchautor die Möglichkeit bekam, das Interview gegenzulesen und seine Aussagen, wo nötig, zu korrigieren. Doch offenbar sah und sieht der Interviewte keine Notwendigkeit, die getroffene Aussage abzumildern oder gar zu korrigieren. Wie ich einige Tage später bemerken sollte, wiederholte er sie sinngemäß in der Zwischenzeit im Fernsehen. Somit steht fest: Richard David Precht misstraut bestimmten empirischen Studien zutiefst, und zwar jenen Studien, die andere Schäden (neben Corona) in den Fokus rücken, und die z.B. Kinder in Form von physischer und psychischer Gewalt betreffen. Ja, das musste ich erst mal sinken lassen.

Wir alle kennen die Redensart vom „gesunden Misstrauen“, und fast jeder von uns wird eine mehr oder minder konkrete Vorstellung davon haben, welches Misstrauen hilfreich ist und uns ggf. vor größerem Schaden bewahrt. So habe ich im vergangenen Jahr zum Beispiel gelernt, den Aussagen der nordrhein-westfälischen Bildungsministerin zu misstrauen. Nicht etwa, weil sie mir bereits zuvor schon unsympathisch gewesen wäre, sondern weil ich wiederholt die Erfahrung gemacht habe, dass Frau Gebauer die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern ignoriert, die Realitäten an Schulen in ihrem Land missachtet und sich konsequent unwillig zeigt, aus Fehlern zu lernen. Ähnliches ließe sich auch über unseren Landesvater und aktuellen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet sagen. Bei Menschen, welche die Warnungen von Experten an der Basis, zu denen ich ausdrücklich auch Kinder und Jugendliche selbst zähle, fortwährend missachtet, halte ich ein gewisses Misstrauen für angebracht – zumindest, wenn einem die Bedürfnisse und Rechte der jungen Menschen am Herz liegen.

Dass allerdings Herr Precht ausdrücklich jenen Studien misstraut, noch dazu „zutiefst“, die das Kindeswohl in den Fokus rücken, ist mir im Grunde unbegreiflich. „Hallo, geht’s noch?!“, möchte ich ausrufen. Seit Beginn der Corona-Krise weisen Expertinnen und Experten daraufhin, dass „soziale Distanz“ in vielerlei Hinsicht schädlich ist. Das gilt für die überlebenden jungen Opfer des Attentats in Hanau, denen kurz nach der Tat vertraute Gesprächspartner zum Beispiel im Jugendzentrum als echte Gegenüber einfach wegbrachen, ebenso wie für „ganz normale“ Kinder und Jugendliche mit ihren „ganz normalen“ Bedürfnissen und Belastungen. Sicher, es gibt Ausnahmen, doch nur vergleichsweise wenige Menschen erleben es als Erleichterung, wenn ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert und noch dazu fortwährend mit Angst, Angst und noch mehr Angst aufgeladen werden.

Für Kinder alles halb so schlimm? Hören wir Richard David Precht zu, dann drängt sich dieser Eindruck auf. Auch im Frühstücksfernsehen bei „Volle Kanne“ erklärte er am 30. April, dass Kinder die Pandemie „viel leichter wegstecken“ als Erwachsene und dass er „nicht sicher“ sei, „dass Kinder dauerhaft große psychische Schäden“ davontragen. Bei einem akademisch gebildeten Menschen, der seinen Bildungsauftrag u.a. in mehreren Bestseller-Büchern dokumentiert hat und der als Philosoph auftreten und reden möchte, können diese Aussagen kaum noch als „gewagt“ bezeichnet werden. Sie bringen Unwissenheit und Ignoranz zum Ausdruck, die an Menschenverachtung grenzen – und mich ratlos machen: Optimismus und auch Zweckoptimismus in Krisenzeiten in allen Ehren, doch weder können zahlreiche Aussagen von Expertinnen und Experten im vergangenen Jahr an Prechtvorbeigegangen sein, noch kann er als vermeintlicher Bildungsexperte und Philosoph nicht wissen, wie unterschiedlich auch Kinder auf Krisen reagieren. Die Berichte des englischen Kinderarztes und Psychoanalytiker Donald Winnicott über seine Erfahrungen mit kriegstraumatisierten Kindern können einem Richard David Precht nicht unbekannt sein. Und es kann ihm nicht entgehen, dass in der aktuellen Krise vor allem jene Kinder und Jugendlichen noch stärkeren Belastungen als zuvor ausgesetzt sind, deren Voraussetzungen ohnehin bescheiden sind. Dass wiederum vergleichsweise gut ausgestattete Kinder und Jugendliche diese herausfordernde Zeit auch relativ gut meistern können, steht dazu in keinem Widerspruch.

Mit seiner Beschwichtigung vortäuschenden, reale Missstände ignorierenden Art zementiert Precht derweil genau jene krass unterschiedlichen – und ungerechten – Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen, die er früher einmal selbst kritisiert hatte. Warum macht er das? Was befähigt ihn heute zu einem solch herablassenden Tonfall wie im oben erwähnten Interview? „Wenn zum Beispiel nach Art und Ausmaß physischer und psychischer Gewalt gefragt wird, denen Kinder in den Familien derzeit ausgesetzt sind, wüsste ich schon ganz gern, ob das in den Jahren vor Corona mit gleicher Akribie erforscht wurde.“

In der Tat war Suizidalität bereits vor der Corona-Krise eine Belastung, die auch bei Kindern im Grundschulalter leider zunehmend auftrat, und auch das müsste Herr Precht wissen. Dass solche existenziellen Krisen in den letzten Monaten nicht ab-, sondern zugenommen haben, pfeifen die sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern. Die Ergebnisse der Copsy-Studie können Precht nicht verborgen geblieben sein. Auch die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Der Freitag stellt unter Berufung auf Psychotherapeutinnen und -therapeuten ausdrücklich den gestiegenen Hilfebedarf, die besonderen Schwierigkeiten von jungen Menschen und angesichts katastrophal überlasteter Systeme die Risiken der Chronifizierung dar. Währenddessen vermutet Herr Precht, dass es Kinder schon nicht so schwer treffen wird. Verzeihung, was zur Hölle ist geschehen, dass dieser Mensch in solch erschreckendem Maße von den Bedürfnissen und Nöten der Menschen entkoppelt ist, über die er sich anmaßt, so Empathie-los zu reden?

Eine griechische Erzieherin, die ich in der Zusammenarbeit sehr schätzen gelernt habe, wird nicht müde, Grundschulkindern zu erklären, aus welcher Zeit und Kultur das Wort „Philosophie“ stammt und was es bedeutet. Ihr gelingt das mit Worten, die vor Liebe sprühen, nämlich vor Liebe zu den Kindern und vor Liebe zur Wahrheit – und genau letzteres ist nichts anderes als: Philosophie. Wenn ich lese und höre, was Richard David Precht dieser Tage insbesondere im Hinblick auf Kinder von sich gibt, dann wird mir um das Wohl derselben nicht nur noch mehr Angst und Bange, sondern es verbietet sich mir, diesen Herrn länger als Philosophen zu bezeichnen. Es ist offensichtlich: Precht redet und schreibt nicht mehr als Philosoph. Dafür fehlen ihm mittlerweile kindliche Neugier, Offenheit und Mut zum Weiterdenken. Doch er ist auch kein reiner Dampfplauderer, der im Frühstücksfernsehen harmlose Nichtigkeiten palavert. Angesichts seiner Reichweite und seines Status ist Richard David Precht mit seiner Ignoranz und Arroganz vor allem eines: In einer Zeit, die geprägt ist von Angst, von gegenseitigem Belauern und von sozialer Spaltung ist er gefährlich für jene zahlreichen Kinder und Jugendlichen, die ganz reale Belastungen kaum noch aushalten und nicht nur seelisch verkümmern. Genau deshalb misstraue ich Precht, und hoffe, dass seine selbstgefällig über die Köpfe der Menschen hinweg getroffenen Aussagen auch im weiten Rund als gefährlich entlarvt werden. Und dass sich viele Menschen stattdessen jenen liebevollen Expertinnen und Experten zuwenden, die den belasteten Menschen in Krisenzeiten ihr Ohr schenken und ernst nehmen.

Thor Wanzek, Köln (Reha-Pädagoge, Schulsozialarbeiter)

Webseite: http://www.thorheiten.de/

8 Kommentare

  1. Verehrter Herr Wanzek,

    Sie liegen völlig richtig. Dieser Herr Precht war vermutlich nie „Philosoph“, sondern eine Art Prostituierter. Anbei der Link zu einem kurzen Video auf meinem Kanal: Precht im März 2020 (!). Welcher Precht ist echt?
    Mit freundlichem Gruß
    Peter Urbansky (Ibiza Stadthimmel)
    https://t.me/ibizastadthimmel/126

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  2. Vor einigen Jahren war ich tatsächlich Fan von Precht. In der C. Krise zeigt nun so mancher sein wahres Gesicht. Da ich unter anderem auch Psychologische Beraterin bin, wage ich eine Antwort auf die Frage des Autors, was denn mit Precht’s Geistesverfassung geschehen ist. –
    Precht erzählte in vergangenen Zeiten öfter von seinen persönlichen vergangen Zeiten, unter anderem das er Mädchenkleidung in der Schule tragen musste! Ich bin mir sicher, er wurde dadurch schwer traumatisiert. Welche anderen grauenvollen Experimente seine Mutter noch an am ausgeübt hat, wage ich kaum zu imaginieren. Vermutlich hat er diese und weitere Verletzungen seiner Kindheit niemals angesehen oder therapeutisch erforscht. Das Ergebnis können wir uns nun ‚live on stage‘ mit gruseln ansehen. Empathielosigkeit ist dabei nur ein Symptom von vielen.

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  3. Laut Wikipedia untersuchte Herr Precht in seiner Dissertation die „gleitende Logik der Seele“ in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Die Psychoanalyse würde hier die Frage stellen, was ist Projektion, was ist Assoziation.

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  4. Herr Precht ist ein Unterhalter im Mainstream geworden.
    Er ist gefragt, hat sein Publikum und verdient sein Geld.
    Akzeptieren wir seine Entscheidung.
    Bei vielen Anderen fragen wir ja auch nicht.

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