Precht und die rote Ampel [Ein offener Brief]

Sehr geehrter Herr Precht, sehr geehrter Herr Berger,

auf den „Nachdenkseiten“ bin ich zufällig auf einen „Debattenbeitrag“ von Ihnen, sehr geehrter Herr Berger, gestoßen, der auch mich zum Nachdenken über das Spannungsverhältnis von Staatsmacht und bürgerlicher Freiheit am Beispiel Ihrer roten Ampel, sehr geehrter Herr Precht, inspiriert hat.

Vorab, dank einer roten Ampel bin ich mit Ihnen, Herr Precht, in diesem Frühsommer auf der Düsseldorfer Königsallee kurz ins Gespräch gekommen 😉

Ich hatte vormittags Ihr bemerkenswertes Interview im Handelsblatt u.a. mit dem streitbaren und leider mittlerweile dort nicht mehr beschäftigten stellvertretenden Chefredakteur Thomas Tuma gelesen und sprach Sie darauf an, während Sie ebenfalls mit dem Fahrrad auf die Grünphase warten mussten.

Meines Wissens ist die Einführung der Ampelanlagen, wie wir sie heute immer noch benutzen, in erster Linie durch die nach seiner Erfindung stark anwachsende Anzahl von Autos bedingt worden, da es zu erheblichen Schäden, Verletzungen und Todesfällen insbesondere bei den Benutzern selbst kam.

Die Milliarden Menschen, die bis dahin zu Fuß unterwegs waren und noch sind, brauchen miteinander und nebeneinander keine Ampeln, um weitestgehend unversehrt unterwegs zu sein – was auch für die meisten Radfahrer gilt.

Eigenverantwortlichkeit für den erwachsenen Fußgänger, die Möglichkeit, die Gefahr beim Überqueren der Fahrbahn selbst einzuschätzen und die Ampel lediglich als Angebot zu sehen, ist aber in Deutschland weiterhin verboten.

Der Staat, der damit die Bewegungsfreiheit aller erheblich einschränkt, hätte nun eigentlich zumindest die Verpflichtung, im ständigen Austausch mit seinen Bürgern und Nutzung aller technischen intelligenten Lösungen, die Aufstellung und Funktion von Ampelanlagen auf ein Minimum zu reduzieren.

Das Gegenteil ist der Fall:

Mit dem Argument, Ampeln retten Leben, lässt der Staat, besser gesagt seine Organe, ohne Diskussion immer noch jede Menge neuer Ampeln aufstellen, entscheidet alleinig über deren Programmierung und verhängt Strafen für Zuwiderhandlungen.

Konkret und dafür zurück zur schönen Königsallee.

Wenn ich in Düsseldorf Gesangsaufnahmen mit Künstler*innen machen möchte ( ich benutze hier die sich in meiner Branche in diesem Jahr massiv verbreitete Art der Schreibweise, bitte aber gleichzeitig um Verständnis, wenn ich sie ansonsten nicht anwende ), fahre ich gerne mit dem Fahrrad über die Kö zum nahegelegenen Tonstudio.

An einem sonnigen Herbsttag kreuzte ich dort die kleine Girardet Brücke, über die nur selten ein Auto fährt, es aber trotzdem zwei Ampelanlagen im Abstand von wenigen Metern für Fußgänger und Radfahrer gibt.

Die rote Ampel wird deshalb von Fußgängern und Radfahrer häufig missachtet, an diesem Tage auch von mir, nicht ohne vorher links und rechts zu schauen, um mich und andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden.

Versteckt hinter einem etwas entfernt parkenden Lieferwagen lauerten zwei Polizisten mir und weiteren Missetätern auf.

Ja, ich hätte einen Fehler gemacht, ich erklärte meine Bereitschaft zur sofortigen Zahlung des Bußgelds.

Das sei nicht möglich, man müsse erst einen Anhörungsbogen schicken, nein, meine Anschrift im benachbarten EU Ausland sei nicht zulässig. Mit einer Art Handy wurde in den Zentralregistern abgefragt, ob ich „sauber“ sei, ja, ein tolles Gerät, erklärte der Beamte auf mein Nachfragen.

Seit einem Jahr könne man so überall und jederzeit die Abfragen machen.

Nun, mehr als zwei Monate später, habe ich Post bekommen, eine Mahnung in Höhe von 94,50 Euro, darin enthalten 60.00 Euro für die Tat, 28.50 Euro Bearbeitungsgebühr, 6.00 Euro Mahngebühr.

Adressiert war sie nicht an mein Firmenpostfach in Düsseldorf, das ich den Polizisten alternativ genannt hatte, sondern an eine alte Düsseldorfer Privatanschrift.

Nein, den Anhörungsbogen habe man nicht geschickt, ich hätte die Tat ja bereits zugegeben, so die telefonische Erklärung der Bußgeldstelle.

Nein, ein Einspruch sei nicht möglich. Da die alte Privatanschrift ja falsch sei und eine Zustellung des Bußgeldbescheids dorthin nicht möglich gewesen sei, sei er öffentlich bekanntgemacht worden und damit rechtskräftig.

Und es gäbe einen Punkt in der Verkehrssünderkartei in Flensburg, wie mir der Herr von der Bußgeldstelle bei der Verabschiedung noch mitteilte.

Ich habe bezahlt und hoffe, daß die Sache tatsächlich damit erledigt ist.

Andernfalls lasse ich Sie dies gerne wissen, meine Herren.

Seitdem, lieber Herr Precht,  schleiche ich mit gesenktem Haupte durch die Strassen meiner geliebten Heimatstadt, denn ich bin nun auf derselben Stufe wie die vermeintlichen Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker angelangt, die den Ansagen unserer geliebten Regierenden nicht in vollem Umfang entsprechen.

Deshalb zeige ich täglich meinen ehrlichen Willen zur Reue und zur Umkehr.

Und so stehe ich nun auch am späten Abend geduldig am Straßenrand, bis mir als Fußgänger die Ampel grün anzeigt.

Auch wenn in der Zwischenzeit kein einziges Fahrzeug weit und breit zu sehen ist.

Spaß beiseite, ein Beispiel darf ich noch?

Einer meiner Söhne wohnte einige Zeit am Belsenplatz in Düsseldorf Oberkassel.

Um die Fahrtrichtung auf der Luegallee zu wechseln, darf man keinen sogenannten U-Turn machen, sondern muß ein Stück weiterfahren.

Ich besuchte eines Abends meinen Sohn, als das zur Straße hinausgehende Zimmer durch die Fenster plötzlich blau erleuchtet wurde.

Ich dachte, es sei etwas passiert und trat ans Fenster.

„Kannste Dir sparen“, meinte mein Sohn, „die Bullen machen das ständig so“.

Tatsächlich hatte der Polizeibeamte keine Lust, mit seinem Streifenwagen auf die Grünphase zu warten und machte bei rot den verbotenen U-Turn.

Zur Legitimation hatte er kurz das Blaulicht eingeschaltet, um es nach Abschluss seines doppelt illegalen Wendemanövers wieder auszumachen und entspannt mit seiner Kollegin die Luegallee hinaufzurollen.

Sehr geehrter Herr Precht, ich gehöre nicht zu denen, die in der aktuellen Situation gleich den Untergang des Abendlandes predigen, aber ein bisschen irritiert bin ich schon.

Diese plötzliche widerspruchslose Verbundenheit in der und für die vermeintlich große und gemeinsame Sache und die gleichzeitig ungewöhnlich heftige Ausgrenzung kritischer Stimmen, ist, ich gebe es zu, für mich äußerst irritierend.

Aber wahrscheinlich ist es mein persönliches Problem, da mir nun die Schilderungen meiner Großmutter, der Schauspielerin Ria Thiele, zum ersten Mal in meinem Leben merkwürdig plastisch erscheinen.

Sie wurde vor einigen Jahren mit einer Straßenbenennung in Düsseldorf geehrt, weil sie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ihren jüdischen Ehemann in die Emigration begleitete anstatt an der Seite ihres guten Freundes und alten Studienkollegen, Gustaf Gründgens, jetzt erst so richtig Karriere zu machen.

Herr Precht, ich möchte nicht  wie Herr Berger glauben, daß Sie sich bereits ähnlich wie damals der gute alte Staatsschauspieler Gustaf entsprechend als Staatsphilosoph der Regierung andienen.

Aber ist es nicht schon etwas verwunderlich, wieviele auf eine solche „Auszeichnung“ im Moment zu reflektieren scheinen?

Staatskabarettist, Staatskarnevalist, Staatskarikaturist, ja sogar Staats Punker, die Tätigkeiten scheinen unbegrenzt, nicht zu toppen natürlich die Position des Staats/Bundes Präsidenten.

Und für den, bei dem es zu all dem nicht reicht, bleibt immer noch die Möglichkeit, sich als Staatsmaskenträger ablichten und feiern zu lassen.

In meiner Kindheit habe ich viele Familiengeschichten über das Leben in der Nazi Zeit gehört, das gesamte Spektrum, über die, die in dieser Zeit ein gewaltiges Vermögen anhäuften und andere, wie die des Jugendlichen, der nach Australien zu flüchten hatte, während die Eltern hier der Barbarei zum Opfer fielen.

Er war ein bescheidener Mann, der nach dem Krieg mit seiner Frau in London eine Galerie eröffnete und noch zu Lebzeiten Kunstwerke ihrer Sammlung, sie erkannten u.a. sehr früh das Potenzial des Malers David Hockney,  der Modern Tate schenkten.

Als die Stadt Düsseldorf vor Jahren einige ihrer ehemaligen Bürgerinnen und Bürger auszeichnete, reiste er aus Großbritannien an den Rhein und erzählte uns einen ganzen Abend und die halbe Nacht zum erstenmal selbst und in aller Ruhe sein Erleben, wie sich eine Gesellschaft wandelt, polarisiert, sich gleichschalten lässt und am Ende zum Monstrum wird.

Es hat mich tief bewegt.

Mögen die guten und kritischen Geister in uns und um uns nicht nur im nächsten Jahr lebendiger denn je sein …

Ich wünsche Ihnen, meine Herren,

Alles Gute und herzliche Grüße,

Markus C.

( der vollständige Name ist der Redaktion bekannt )

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