Der Feind im Inneren

Ein Gastbeitrag von Robert Meier, Sprechwissenschaftler und Sprecher

Du atmest, also bist Du gefährlich!

Das „Feindbild Corona“ zeigt eindrucksvoll die Verlagerung des „Feindes“ von außen nach innen. Es gilt, einen unsichtbaren Gegner zu bekämpfen – einen unberechenbaren Feind, der angeblich überall lauert, weil er weder vor Grenzen noch vor Kulturen Halt macht. Die Angst vor diesem Feind ist doppelt potent, denn der Gegner scheint nicht nur den Körper des anderen als Angriffsbasis zu nutzen, sondern auch den eigenen. Die schlimmste und gleichzeitig wirksamste Angst ist die vor der unabsichtlichen Tötung eines Mitmenschen, ausgelöst durch nichts anderes als den eigenen Atem.

Das Bundesinnenministerium schrieb diesbezüglich in seinem Panikpapier von einer „gewünschten Schockwirkung“. Nimmt nun der Einzelne an, dass schon das reine Atmen in Gegenwart eines anderen zum unkontrollierbaren und potenziell tödlichen Risiko wird, ist dadurch eine weitreichende psychische und gesellschaftliche Behinderung programmiert. Der Quell allen Lebens, der lebensbejahende Vorgang des Atmens, verändert sich so zu einem Quell ständiger Angst und übertriebener Vorsicht. Weltweit wurden die Menschen pausenlos mit ihrer Urangst vor dem Ersticken oder der möglichen Schuld am Tod eines anderen konfrontiert, und zwar so lange, bis sie folgende Glaubenssätze übernommen hatten und seitdem gegen jeden noch so begründeten Zweifel verteidigen müssen:

1. „Du atmest, also bist Du gefährlich!“

2. „Ich atme, also bin ich gefährlich!“

Diese fatalen und falschen Glaubenssätze folgen einer scheinbar zwingenden Logik:

1. Jeder Mensch ist ein potenzieller Virusüberträger.
2. Das Virus, das übertragen werden kann, ist für alle gefährlich.
3. Deshalb ist jeder Mensch für einen anderen Menschen eine potenzielle Gefahr.

Logisch, aber trotzdem falsch

Zwar ist dieser logische Schluss in sich korrekt, aber inhaltlich ist er dennoch falsch, da jede Behauptung für sich unhaltbar ist. Zum einen zeigen die bislang gesammelten Daten, dass die Voraussetzung, also die erste Behauptung, nicht bestätigt werden kann. Bei einer absoluten Betroffenenzahl von etwas über 0,2% der Gesamtbevölkerung erscheint die Angst vor einer allgegenwärtigen Ansteckung als unbegründet. Bezieht man die Möglichkeit einer „Kreuzimmunität“ ein, könnte man angesichts der verhältnismäßig niedrigen Fallzahlen auch den Gedanken entwickeln, dass ein Großteil der Bevölkerung bereits gegen SARS-CoV-2 immun war und ist. Eine dritte Möglichkeit wäre das großflächige Durchlaufen einer Infektion, jedoch ohne das prognostizierte Massensterben oder andere Panikszenarien.

Damit kann auch die zweite Aussage nicht mehr stimmen, denn die Zahl der schweren Verläufe und die genau definierte Risikogruppe zeigen deutlich, wer tatsächlich gefährdet ist – und wer nicht. Das soll nicht heißen, dass es außerhalb der definierten Risikogruppe keine schweren Verläufe gibt, aber diese Fälle treten verhältnismäßig selten auf und dienen nicht als prototypisches Verlaufsbeispiel. Schließlich ist auch die Schlussfolgerung falsch, denn wer kerngesund ist, kann niemanden anstecken, wer bereits immun ist, muss keinen schweren Verlauf fürchten, und wer eine Infektion durchgemacht hat, ohne einen schweren Verlauf zu erleiden, der hat ein intaktes Immunsystem und kann sich jede Panik sparen.

Die schädliche Umkehr

Es steht unterdessen außer Frage, dass auch weiterhin schwere Verläufe auftreten werden und dass die vulnerablen Gruppen bestmöglich geschützt werden müssen. Allerdings steht heute eindeutig fest, dass das Gros der Bevölkerung nicht in diesem unverhältnismäßigen Ausmaß geschützt werden muss und die radikalsten Maßnahmen wesentlich mehr Schaden angerichtet als genützt haben.

Vor allem das Miteinander, das Soziale, das Füreinander-da-Sein hat sich radikal gewandelt. Das Ideal des empathischen und rücksichtvollen Miteinanders unterliegt seit geraumer Zeit einer schädlichen Umkehr: Hat man früher seine Empathie und Wärme durch eine Umarmung oder einen freundlichen Besuch gezeigt, zeichnet man sich heute als empathisch und warm aus, indem man beides NICHT tut. Mühselig haben Medien und Politik versucht, das Loch, das durch die Verkrüppelung der menschlichen Begegnung im Zuge der Maßnahmen entstanden ist, mit wohlfeilen, idealistischen Floskeln zu stopfen. Rücksicht, Empathie, Solidarität, Respekt und gegenseitige Achtung – all diese Begriffe haben eine beispiellose Entwertung erfahren. Sie wurden nur noch im Lichte einer einzigen Sache betrachtet und somit für den „alternativlosen“ Kurs der Regierung missbraucht.

Schwarz-Weiß-Denken

Seit Beginn der Pandemie galt: Rücksichtsvoll, solidarisch und empathisch ist nur, wer sich den neuen Regeln unterwirft. Jeder, der das nicht tut, ist „unverantwortlich“ und „asozial“ – manch ein Radikaler schien sich sogar berechtigt zu fühlen, Menschen, die dieser Reduktion nicht folgten, als „Volksschädlinge“ zu verunglimpfen. Statt frühzeitig Nutzen und Nachteil der Maßnahmen zu analysieren und konstruktive Schlüsse daraus zu ziehen, die der Beruhigung und Befriedung der Bevölkerung dienlich gewesen wären, hat sich ein Lagerdenken durchgesetzt, das seinesgleichen sucht. Die differenzierte Analyse wich einer reduktionistischen Schwarz-Weiss-Denke, die fortan nur noch zwischen „folgsam oder egoistisch“, „schlau oder hirnlos“, „geimpft oder ungeimpft“ unterschied.

Die tiefe Spaltung unserer Gesellschaft ist nicht das Ergebnis eines unkontrolliert wütenden Virus, sie ist das Ergebnis unverhältnismäßiger, unverantwortlicher Maßnahmen und einer außer Kontrolle geratenen Angstmaschine, die ihrem pathologischen Panikmodus nicht mehr entfliehen kann, da sie sonst dazu gezwungen wäre, ihre massiven Fehler einzugestehen.

Wie kommen wir da wieder heraus?

Eine der entscheidenden Fragen lautet also: Wie kommen wir aus der Misstrauensfalle heraus und erkennen, dass wir selbst und unsere Mitmenschen nicht gefährlicher sind als sonst? Einige sinnvolle Ansätze wären:

Vernünftige Risikoanalyse

1. Wir schauen nüchtern auf die Daten und lernen, das automatisierte „Worst-Case-Szenario“ in unserem Kopf gegen eine realistische Risikoanalyse einzutauschen. Wie sich eindrucksvoll gezeigt hat, führt der Versuch, jegliches Risiko zu vermeiden, unweigerlich ins Chaos und wirkt sich negativ auf das gesamte System aus. Der Leitsatz „vernünftigen“ Handelns heißt dann nicht mehr „Zeig mir die Daten und lass mich meine Schlüsse ziehen.“, sondern „Better safe than sorry.“

Realistische Logik

2. Infolgedessen könnten wir der anfangs beschriebenen Logik eine andere, realistische Logik entgegensetzen:

a. 99% der Menschen sind entweder gesund oder genesen.
b. Wer gesund oder genesen ist, ist in den meisten Fällen für niemanden gefährlich. c. Folglich sind die meisten Menschen füreinander ungefährlich.

Respektvoller Umgang

3. Wir könnten uns respektvoll miteinander unterhalten, ohne dass wir uns eines stetig wachsenden, infantilen Diffamiervokabulars bedienen. „Leugner, Schwurbler, Verschwörungstheoretiker, Spinner, Verweigerer, Volksschädling, Impfmuffel, Impfschwänzer, Covidiot“ aber auch „Schlafschafe und Blinde“ – derlei Betitelungen sollten wir konstant aus unserer Sprache heraushalten, wenn wir einander wieder näher kommen wollen.

Den Mensch in seiner Gänze wahrnehmen

4. Wir könnten den Wert eines Menschen und seine Persönlichkeit wieder in ganzer Fülle wahrnehmen, anstatt unsere Sicht auf ihn von wenigen medizinischen Parametern abhängig zu machen. Wer sich nicht gegen COVID-19 impfen lassen will, ist nicht automatisch ein Impfgegner. Wer sich nicht dauerhaft testen lassen will, weil er kerngesund ist, ist nicht unverantwortlich und wer den widersprüchlichen Erklärungen von Politik und Medien skeptisch gegenübersteht, ist nicht sofort ein „Verschwörungsideologe“.

Genauso wenig ist ein Mensch ein „blödes Schlafschaf“, wenn er – von Angst und Sorge getrieben – aus angeblichen „Vernunftgründen“ in der Öffentlichkeit eine Maske trägt oder sich impfen lassen will, obwohl er gar nicht gefährdet ist. Dieser Mensch ist offenbar schwer verängstigt und braucht den scheinbar „sicheren Anker“ mehr als die meisten. Auch diese pathologische Angst hängt nicht mit dem Virus selbst zusammen, sondern mit der Angstpolitik, die sich des Virus bedient hat, um ein ganzes Volk in Angst und Schrecken zu versetzen. Von den erpresserischen Methoden bzw. der „Freiheitsrückgabe“ nach erfolgter Impfung ganz zu schweigen. Die Angst, seine per Grundgesetz garantierten Freiheiten nicht mehr ausüben zu können, dürfte einer der Hauptgründe dafür sein, weshalb sich viele Menschen impfen lassen, für die überhaupt keine medizinische Notwendigkeit besteht.

Die Verschiebung der Prioritäten wahrnehmen

5. Wir könnten uns der nur schwer fassbaren Prioritätenverschiebung bewusst werden, die überall stattfindet. Ging es vielen Menschen zu Beginn der Pandemie noch um den Gesundheitsschutz, geht es ihnen mittlerweile weiträumig um die Zugehörigkeit zur vermeintlich „richtigen“ Gruppe. Eine Folge der Spaltung ist die erhöhte Angst vor dem „Ausschluss aus der Herde“. Wir könnten unseren Blick dafür schärfen, dass der zentrale Motor für die Folgsamkeit und Vorsicht vieler Menschen schon lange nicht mehr die Angst vor einem Virus ist, sondern die Angst vor Sanktionen, sollten sie sich nicht an das neu eingeführte Reglement halten. Nur so bekommen wir einen authentischen Eindruck davon, was unser Gegenüber tatsächlich zu seinem Verhalten bewegt – und nur so können wir im Dialog gezielt ansprechen, worum es eigentlich geht.

Zweifel als Tugend

6. Wir sollten den begründeten Zweifel wieder zu dem machen, was er einmal war: Eine Tugend, die in alle Richtungen gelebt werden kann. Seit geraumer Zeit wird auch das Wort „Zweifler“ synonym für „Maßnahmengegner“ benutzt und damit zugunsten einer bestimmten politischen Sicht instrumentalisiert. Hegt ein Mensch begründete Zweifel an den Maßnahmen und äußert sie unverblümt, läuft er Gefahr, recht schnell mit einer Vokabel belegt und in die Schublade der „Spinner“ geworfen zu werden. Umgekehrt wird einem Menschen, der am gesunden Menschenverstand eines „Impfverweigerers“ zweifelt, häufig genau dieser „gesunde Menschenverstand“ attestiert. Diese einseitige Interpretation des Zweifels ist schädlich, denn sie legitimiert den Zweifels nur noch im Zusammenhang mit einer bestimmten Gruppe als förderliche und positive Anstrengung des eigenen Geistes. Entscheidend ist dann nicht mehr, ob der Zweifel angebracht ist und worauf er sich bezieht, sondern vor allem, wer ihn aus welchen Gründen äußert. Damit reiht sich der Umgang mit dem Zweifel hier in eine Reihe identitätspolitischer Maßnahmen ein, deren Ziel nicht die Lösung des Problems ist, sondern sein Fortbestehen. Wenn wir zu einem ausgewogenen und sachlichen Diskurs zurückkehren wollen, erscheint es unumgänglich, der Entwertung wichtiger Begriffe (Querdenker, Kritiker, Zweifler etc.) entgegenzuarbeiten. Und das geht nur in einem offenen Dialog.

Selber denken

7. Wir könnten unser Selbstvertrauen stärken und wieder beginnen, für uns selbst zu denken, anstatt alles Denken und Bestimmen einer politischen Instanz zu überlassen. Wir könnten uns entfernen von dem irrigen Glaubenssatz, ein Mensch in einem hohen politischen Amt – wahlweise auch ein ausgewählter „Experte“ – wisse besser, was für uns gut und richtig ist, als wir selbst. Vor allem die letzten 17 Monate haben gezeigt, dass dieser Glaubenssatz großflächigen Schaden anrichtet, wenn die Politiker, die ihn ausnutzen, ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Wir könnten lernen, wieder auf unser Urteilsvermögen zu vertrauen, indem wir die periodisch wiederkehrenden Horrorszenarien und wahnwitzigen Hochrechnungen als das erkennen, was sie sind: vollkommen übertrieben und durch nichts zu bestätigen. Wir könnten aus den letzten 17 Monaten die Erkenntnis ziehen, dass Angst und Panik die größten Feinde sind, denen wir uns stellen müssen. Statt jemand anderen in unserem Inneren immer wieder nach Corona suchen zu lassen, sollten wir selbst nach innen schauen und sorgfältig betrachten, was Angst und Panik mit uns gemacht haben – und was wir gegen die schädlichen Auswirkungen tun können.

Wir könnten uns zusammensetzen und die fruchtbare Erfahrung eines Dialoges machen, in dem das bessere Argument zählt – nicht die politische oder gesellschaftliche Zugehörigkeit desjenigen, der es äußert. Mit etwas Glück kommen wir gemäß Eric Berne sogar zu dem Schluss:

Ich bin OK – Du bist OK.“

4 Kommentare

  1. Sehr differenziert und spürbar geschrieben, vielen Dank. Ich spüre es auf Arbeit ( ich arbeite im pädagogischen Umfeld) immer intensiver. Bin Sonderling, Sonderbar, gar gefährlich? Ich kann nur mit den Kopf schütteln und ja, es schmerzt auch. Werte, welche sonst hochgehalten wurden, sind nun aufgelöst und wurden durch blinden Gehorsam ersetzt. Es ist fast nicht mehr auszuhalten. Dennoch atme ich tgl. Tief durch und stelle mich der Herausforderung, mit der tiefen Hoffnung, das sich etwas grundlegendes Wandelt und ich meinen Teil dazu beigetragen kann. Lieber Gunnar, ich finde deine Beiträge sehr wertvoll, hab Dank dafür. Liebe Grüße aus Leipzig

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  2. ich frage mich, welche Positionierung wohl im Rahmen der Großen Politik hinter einem solchen Redebeitrag lauert und wie weit diese mit der Verbal Kints übereinstimmt. vermutlich weitestgehend. vermutlich der Dimension des Dilemmas nicht gerechtwerdend.

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