Vom Regen in die Traufe – Ulrike Guérot und Matthias Burchardt im Gespräch

Unter einer alten Linde sitzen wir, Ulrike Guérot, Matthias Burchardt und ich, und philosophieren über die Zeit, in der wir uns befinden – in der Luft liegt ein Hauch von Biedermeier Stimmung.

Wäre unser Leben eine Geschichte, so die Politologin und der Bildungsphilosoph, dann befänden wir uns in einer unergründlichen, kafkaesken Erzählung. Die Intellektuellen wären die Landvermesser, die nun erkennen, dass ihre Theorien und Begrifflichkeiten uns nicht mehr greifen und unsere Welt nicht mehr erklären können. Diese Distanziertheit, ein sinnbildliches social distancing, wenn man so will, lässt sie vor einer Aporie stehen, vor der Unmöglichkeit, die philosophischen Fragen der Krise gänzlich zu erschließen. Wir sind, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Regen in die Traufe geraten.

Im Gespräch mit mir diskutieren Guérot und Burchardt über die Vermessung der Welt, das Regime der Zahlen, welches uns umgibt, und die daraus entstandene Dissoziation von der eigenen Empfindung. Wir sprechen über die Funktionslogik des neuen Politischen, den Realitätsverlust der Gesellschaft und ihre systematische Erblindung, indem die Simulation – das Simulacrum – zum Ausgangspunkt von politischem Handeln gemacht wird.

Prof. Dr. Ulrike Guérot ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Sie ist Professorin an der Donau-Universität Krems, Leiterin des Departements „Europapolitik und Demokratieforschung“ und Autorin zahlreicher Bücher, z.B. „Warum Europa eine Republik werden muss!“ https://www.donau-uni.ac.at/de/universitaet/organisation/mitarbeiterinnen/pages/ulrike-guerot.html

„Warum Europa eine Republik werden muss!“ https://www.buchhandlung-lorenzen.de/shop/item/9783801204792/warum-europa-eine-republik-werden-muss-von-ulrike-guerot-paperback

Dr. Matthias Burchardt ist Bildungsphilosoph, Publizist und akademischer Rat in Köln. Er wirkte mit an Schriften wie „Time for Change? – Schule zwischen demokratischem Bildungsauftrag und manipulativer Steuerung“ oder „Ja? Nein? … Jein! Kompass für den alltäglichen Gewissenskonflikt“. https://www.rubikon.news/autoren/matthias-burchardt

Geführt und aufgezeichnet wurde dieses Gespräch am 27. Juni in Köln.

2 Kommentare

  1. „… ich hoffe, es hat euch gefallen …“

    Tja. Anfangs das Traumtrio, oder einer der – aus meiner Sicht – möglichen, genialen Gesprächskonstellationen. Ich könnte Frau Guérot stundenlang zuhören, wie sie den Bogen dann doch immer noch kriegt, mit großer Präzision meist.
    Herr Burchardt hat mit ihr quasi Ball gespielt.

    Dann das Gewitter, das klopfende Gewissen der Regentropfen auf den Regenschirmen, Frau Guérot legt ihren ab, und nach einiger Zeit reicht Herr Burchardt ihr wieder den schwarzen Regenschirm. Besser hätte man es nicht inszenieren können. Das heisst, die farbliche Verteilung der Regenschirme war schon beabsichtigt. Ein Genuss. Optisch, akustisch und inhaltlich.

    Selbst die Rüge an Gunnar Kaiser wegen ‚der Wissenschaft‘ von Frau Guérot war zielführend, charmant und freundlich.

    Aber dann, das letzte Drittel.
    Die Medien. Die öffentlich rechtliche(n) M…

    Ich bin ja nicht in D aufgewachsen und als ich 1978 nach D kam, fand ich damals schon die ö-r schon arg ritualisiert, ‚gefraimt‘ (damals hätte ich gesagt, man kann alles sagen, was erlaubt ist), steif, prätentiös im Sinne von „die einzig Ernsthaften, das sind wir“. Ja, und alle auch recht … ähnlich untereinander. Die Ausnahmen waren die Dokumentationen, die investigativen Berichte.

    Nie habe ich geglaubt, es sei die öffentliche ‚Bestallung‘ der Medien, die ihre vermeintliche Unabhängigkeit garantiert und damit ‚die Demokratie ermöglicht‘ hat. Das war mir immer schon ein paar Nummern zu groß, eine gewollte gutgemeinte Lüge, wie eine Monstranz vor sich hergetragen, ein Amulett gegen vergangene Zeiten. Eine Absichtserklärung an die Zukunft und ein gutes Geschäft. Damals habe ich das Wort ‚Proporz‘ gelernt. Aber wie gesagt, ich bin damit nicht groß geworden, kein Muttermilch-bias sozusagen.

    Stutzig gemacht hat mich damals schon die stromlinienförmige Gleichheit, gepaart mit jener eigentümlichen, sehr deutschen Arroganz des „so wird es richtig gemacht, seht her“, und – natürlich – die GEZ. Zwangsgebühren für Demokatie? Echt mal! Kein Vertrauen in die Bevölkerung.
    Richtig, schon damals hatte ich keine Glotze.

    Und nun, mitte Juli 2021, wo wir lernen mussten, dass der Staat/die Regierung nicht nur die Medien, sondern auch die Wissenschaften gekauft hat (und das seit Jahren), soll dies weiterhin gut sein, ja sogar als anzustrebendes Modell für das internet dienen?!

    Kein Wort dazu, dass die ö-r, dass die Mainstreammedien der notwendige, wohlinformierte Komplize der Regierung waren und sind, ohne deren gezielte und absichtsvolle Mitarbeit dieser beispiellose, fast weltumspannende Coup nicht hätte steigen können. Keilriemen der Veränderung …

    Kein Wort zur strukturellen Gewalt, kein Wort zur de facto mit harter Hand durchgeführten Gewalt durch den Staat, kein Wort zur staatlichen Willkür und wie diese Willkür die Bevölkerung drangsaliert und ihre Antwort formt. Kein Wort dazu wie Behörden, Banken und private Wirtschaft Hand in Hand gehen.

    Und hier kommt kurz vor dem Vorhang der skeptische Blick, der zaghafte Versuch von Gunnar Kaiser wie ein erfrischender Regen herab, es mag ja abgesprochen gewesen sein, bestimmte berufsschädigende Bereiche nicht anzusprechen, … verständlich und zugleich vergeblich, wo das Donnergrollen doch schon gut zu hören ist.

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