Wir sind der kritische Geist in der Krise

Wer sich jemals ansatzweise mit Wissenschaft beschäftigt hat, dem sollte klar sein, dass Wissenschaft in wesentlichen Teilen auf Diskurs beruht. Darauf beruht, Thesen aufzustellen, sie zu bestätigen oder zu widerlegen, und zwar frei und unabhängig. Dieser wichtige wissenschaftliche Grundgedanke scheint in der Corona-Krise allerdings ins Hintertreffen geraten zu sein. Darauf will eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen nun mit einer Erklärung namens „Kritischer Geist in der Krise“ aufmerksam machen.

Auf drei Seiten fassen die Autoren der Erklärung zentrale Charakteristika und Aufgaben der Wissenschaft zusammen, schildern ihre Bedenken angesichts der aktuellen Lage und zeigen auf, wie wichtig Wissenschaft insbesondere in Krisenzeiten ist: „Gerade in Krisenzeiten muss es die Aufgabe von Wissenschaft bleiben, fragwürdige Umstände als solche zu benennen und zu hinterfragen. Eine der Aufklärung verpflichtete Wissenschaft konstituiert sich dabei durch selbständiges, selbstkritisches, umfassendes, systematisches und konsequentes Streben nach Erkenntnis.“ Neben diesen und weiteren Aspekten heben sie nicht zuletzt die Rolle der Wissenschaft für die Bildung hervor: „Wissenschaft muss durch freie und auf das Selbstdenken hinleitende Lehre zu sachlicher Urteilsfähigkeit, Kritikfähigkeit und Persönlichkeitsbildung junger Menschen beitragen.“

Auf der Homepage kritischer-geist.de erläutern die Initiatoren: „Im Laufe des letzten Jahres beobachteten wir eine Entwicklung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik, die aus unserer Sicht der Unabhängigkeit und der Freiheit der Wissenschaft schaden kann. Wissenschaftliche Expertise wurde von politischer Seite meistens selektiv zur Entscheidungsfindung und -begründung herangezogen. Die ganze Breite der verfügbaren wissenschaftlichen Analysen und Einschätzungen wurde in der Öffentlichkeit unzureichend abgebildet und kaum diskutiert; Expertenmeinungen, die nicht unmittelbar politisch gewollte Maßnahmen unterstützten, wurden oft ausgeblendet.“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befürchten, dass sich diese Entwicklung auch auf zukünftige wichtige Gesellschaftsfragen auswirken könnte, und möchten dieser problematischen Entwicklung eine kritisch-konstruktive Beschreibung von Wissenschaft entgegenstellen. Das Ziel: zu einer notwendigen Debatte zu animieren und beizutragen. „Wir beschreiben hier die aus unserer Sicht wichtigsten und grundlegenden Aspekte der Rolle der Wissenschaft in einer freiheitlichen und aufgeklärten Gesellschaft.“

Namenhafte Autoren und Unterstützer der Erklärung sind unter anderem Professorin für Strafrecht und Rechtsphilosophie Dr. Katrin Gierhake, Professor der Philosophie Dr. Michael Esfeld und Pädiatrischer Infektiologe und Kinderonkologe Professor Dr. Arne Simon, sowie die Philosophin Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter.

Jeder, der möchte, ist herzlich eingeladen, die Erklärung mit seinem Namen zu unterstützen: https://kritischer-geist.de/#unterstuetzen.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s