„Dann dürfen ungeimpfte Österreicher ihre Wohnung nur noch in Ausnahmefällen verlassen“

Über die Gleichsetzung von Radikalität und Effektivität in der österreichischen Regierung.

Von Robert Meier

Österreich verschärft erneut seine Anti-Corona-Maßnahmen. Bundeskanzler Alexander Schallenberg, der Nachfolger des kürzlich zurückgetretenen Sebastian Kurz, führte am 23.10.2021 den Lockdown für Ungeimpfte ein. Demnach dürften ungeimpfte Österreicher „ihre Wohnung nur noch in Ausnahmefällen verlassen“, sobald mehr als 600 Intensivbetten des Landes mit Corona-Patienten belegt sind. Unter „Ausnahmefällen“ würden die Nahrungsmittelbeschaffung und der Arbeitsweg subsummiert. Ausgenommen seien lediglich jene, die man nicht impfen könne – etwa Kinder unter 12 Jahren und Menschen mit medizinischer Kontraindikation.

Fragen über Fragen

Ein solcher Regierungsbeschluss wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet:

1. Ist es faktisch korrekt, dass nur die Ungeimpften das Corona-Virus bekommen, daran erkranken und es übertragen können?

Angesichts jüngster Ergebnisse lautet die Antwort darauf eindeutig: Nein! Studien und Artikel, die das Gegenteil aussagen, finden sich beispielsweise hier, hier, hier und hier. Die Kurzfassung lautet: Auch Geimpfte und Genesene können (schwer) erkranken und die Krankheit verbreiten. Somit bestehen begründete Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Verschärfung.

2. Kann wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass die aktuelle Delta-Variante des Corona-Virus an der frischen Luft oder in großen Räumlichkeiten besonders häufig übertragen wird und folglich für einen Anstieg der „Infektionszahlen“ sorgt?

Auch diese Frage muss mit einem klaren „Nein!“ beantwortet werden. So schreibt der WDR im August 2021, die Gesellschaft für Aerosolforschung e. V. (GAeF) habe in einem Brief an die Bundesregierung darauf hingewiesen, „dass es sehr unwahrscheinlich ist, sich im Freien anzustecken.“ Man müsse sich beim Spazieren, Fahrradfahren oder Sporttreiben keine Sorgen machen. Hauptübertragungsorte seien schlecht belüftete Innenräume, in denen sich viele Menschen gleichzeitig aufhalten.

Diese Einschätzung widerspricht der Einschätzung der österreichischen Regierung auf ganzer Linie, sodass auch hier weitere Fragen gestellt werden müssen: Was nützt eine Ausgangssperre für Ungeimpfte, wenn die Gefahr, sich oder einen anderen im Freien anzustecken, verschwindend gering ist? Warum verbietet man einem Ungeimpften die Teilnahme am Sport (an der frischen Luft oder in einer gut durchlüfteten Halle), gestattet ihm aber stundenlanges Sitzen in einem Großraumbüro?

3. Wer liegt auf Österreichs Intensivstationen und stirbt dort hauptsächlich an Corona?

Das Covid-19-Dashboard des AGES verzeichnet folgende Alterststruktur bei den Sterbefällen: Bis zum 44. Lebensjahr besteht nicht die geringste Gefahr, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Von 100 Männern im Alter zwischen 55 und 64 Jahren haben 0,9 Männer ein erhöhtes Sterberisiko, bei den Frauen desselben Alters sinkt dieser Wert auf 0,4. Deutlich betroffen sind hingegen jene Menschen, die von Beginn an als die Hauptrisikogruppe identifiziert wurden: Menschen ab einem Alter von 75 Jahren mit schweren Vorerkrankungen. Gemäß AGES sterben von einhundert über-84-Jährigen 28,6 Männer und 17,7 Frauen. Das Durchschnittsalter der Patienten auf den Intensivstationen beträgt 79.

Die Hauptfrage müsste hier also lauten: Wer kann mithilfe welcher Daten nachweisen, dass das Wegsperren von Ungeimpften einen entscheidenden Einfluss auf die Krankheitszahlen in dieser Bevölkerungsgruppe hat? Antwort: Keiner. Denn Daten, die einen solchen Zusammenhang zweifelsfrei belegen, existieren nicht.

4. Ist die Erfassung der Intensivfälle mittels PCR-Test ein zuverlässiger Indikator für die Beurteilung des Infektionsgeschehens auf den Intensivstationen?

Auch hier scheint ein „Nein!“ die richtige Antwort zu sein. Der PCR-Test war von Anfang an der zentrale Zankapfel, wenn es um die Definition so genannter „Corona-Fälle“ ging. Nachdem „Faktenchecker“ und öffentlich-rechtliche Medien lange Zeit vermieden hatten, differenziert über dieses Thema zu berichten, erklärte sogar RTL in einer Punkt-12-Sendung mit Katja Burkhard, warum der massenhafte Einsatz von PCR-Tests kein guter Messwert für das Infektionsgeschehen ist. Der Arzt und Publizist Gunter Frank schreibt dazu auf achgut.com folgendes:

„Der erfahrene Kliniker stellt die Diagnose einer viralen Atemwegsinfektion wie COVID-19 nicht anhand eines PCR-Tests. Diese Diagnose ist vor allem eine Ausschlussdiagnose, unterstützt vor allem von dem typischen CT-Bild einer beidseitigen schweren Lungenentzündung. Der Test ist allerhöchstens ein Baustein einer solchen Diagnosestellung, und zwar ein unzuverlässiger. Er ist oft falsch negativ, weil die Aerosole mit den Viren bei manchen Patienten direkt in die Lungen gerieten, ohne sich auf den Rachenschleimhäuten aufzuhalten. Gleichzeitig spricht ein positiver Test bekanntlich nicht gleich für eine Infektion, sprich Eindringen des Virus durch die Schleimhautbarriere. Oft ist er z.B. deswegen falsch positiv. Somit ist eine COVID-Statistik, beruhend auf positiven PCR-Tests, schnell irreführend.“

Mit Blick auf die Intensivbettenbelegung in Österreich (und natürlich auch in Deutschland) kommt also die Frage auf: Wenn der PCR-Test keine zuverlässige Messmethode ist und außer einem Positiv-Ergebnis nichts anderes in die Covid-Meldestatistik eingeht, woher will die Regierung dann wissen, wie viele Fälle auf den Intensivstationen tatsächlich aufgrund des Virus hospitalisiert wurden und werden? Und weiter: Wie kann man anhand ungenau erfasster Gesundheitsdaten Rückschlüsse auf die Ursache des Patientenaufkommens ziehen?

5. Hat die österreichische Regierung einen wissenschaftlich einwandfreien Nachweis über die Wirksamkeit von Lockdowns?

Lockdowns waren und sind als Eindämmungsmaßnahme höchst umstritten. Die wohl bekannteste Lockdown-Studie der Stanford-Universität unter der Leitung von John P. A. Ioannidis zeigte auf, dass lediglich leichte nicht-pharmazeutische Maßnahmen (soft non-pharmaceutical interventions) einen gewissen Vorteil bei der Eindämmung des Virus brachten.  Harte nicht-pharmazeutische Maßnahmen (wie Lockdowns) hätten hingegen keinen Effekt. Auch eine Studie zur Virustransmission unter Marine-Rekruten während einer Quarantäne zeigte auf, dass strenge Isolationsmaßnahmen keine positiven Auswirkungen haben.

Demnach stellen sich auch hier die Fragen: Sind diese Daten der österreichischen Regierung bekannt? Wenn nein, wird es höchste Zeit, dass sie sich damit beschäftigt. Wenn ja: Warum zieht sie strengste Maßnahmen in Erwägung, obwohl ihre Wirksamkeit mehr als fragwürdig ist?

Fazit und Ausblick

Die Datengrundlage, auf der die Entscheidung des neuen österreichischen Bundeskanzlers fußt, ist dünn und die Liste der Fragen, die man stellen könnte, endlos. Mit Blick auf die Schwierigkeiten, Widersprüche und Ungereimtheiten bei der Datenerhebung – und mit Blick auf die Unwirksamkeit desselben Vorgehens in der jüngsten Vergangenheit – erscheinen radikale Maßnahmen wie ein Lockdown für Ungeimpfte höchst zweifelhaft. Allerdings scheint ein derartiger Ansatz in Österreich bereits Tradition zu haben. So erhielten beispielsweise mehrere Österreicher im Dezember 2020 eine Geldstraße in Höhe von 300,00 €, „weil sie mit ihrem positiv auf Corona getesteten Partner unter einem Dach“ lebten. Es sieht so aus, als setze diese Regierung Radikalität und Effektivität gleich, ohne zu überprüfen, ob beide in einem positiven Zusammenhang stehen. Damals wie heute muss festgehalten werden: Diese Maßnahmen sind unverhältnismäßig und verstoßen somit gegen das auch in Österreich geltende Verhältnismäßigkeitsprinzip. Das hält die österreichische Regierung jedoch nicht davon ab, ab dem 01.11.2021 eine bundesweite 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz einzuführen.

Zuletzt gesellt sich zur „allseitigen Sorge um die Gesundheit der Österreicher“ noch eine Prise Politzynismus hinzu: Österreichs Gesundheitsminister, Wolfgang Mückstein, gibt seinen ungeimpften Landsleuten zu verstehen, dass diese Einschränkungen keineswegs alternativlos seien. Es gebe eine Alternative zur gesundheitsförderlichen Wohnhaft: die Impfung. Dass es sich dabei um einen Akt der staatlichen Erpressung handelt, müsste einem Gesundheitsminister eigentlich auffallen, denn schließlich bietet er den Ungeimpften keine echte Alternative im Sinne einer freien Wahl ohne Nachteile. Eine echte Alternative kennt keinen indirekten Zwang und auch keinen staatlich forcierten Gruppendruck. Zu sagen, dass die Impfung der einzige Ausweg sei, ist faktisch falsch – ebenso falsch wie eine Scheinwahl zwischen Pest und Cholera, die einem Ungeimpften de facto das Mitspracherecht am eigenen Körper unter dem Deckmantel einer pathologischen Kollektivmoral streitig macht, indem sie ihm einen medizinischen Eingriff aufzwingt, ihm jedoch die Ausübung seiner Grundrechte verbietet, sollte er sich diesem Zwang nicht fügen.  Mit Alexander Schellenberg hat Österreich „einen weltgewandten Diplomaten“ zum Bundeskanzler. Bleibt zu hoffen, dass er sein diplomatisches Geschick zukünftig auch in puncto Corona-Maßnahmen beweist.

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