Handbuch zur Spaltung der Gesellschaft

Ein Gastbeitrag von Christopher Reusch aus dem von ihm und Tristan Nolting veröffentlichten Buch Die Würde des Ungeimpften

Wie hypnotisiert schweift mein Blick über eine Zeitung und im Bruchteil einer Sekunde erfasse ich die Gestalt einer alten Dame, die gerade geimpft wird. Ich fühle Übelkeit. So viele Gründe, wieso mir in letzter Zeit so häufig schlecht wird. Mehrmals täglich möchte ich einen Eimer nehmen und ihn mit all den Dingen füllen, die mir auf den Magen schlagen.

Ich gehe durch die Stadt und aus einem Ladeneingang offenbart sich mir das scheinbar unschuldige Schild mit einer zunächst unscheinbaren Botschaft: „3G-Regel“. Ich gehe durch die Stadt und Gesprächsfetzen prasseln auf meine Trommelfelle ein wie ein Hagelschauer. „Das ganze letzte Jahr konnte ich ja nichts mehr machen, wegen Corona“, sagt ein junger Mann Mitte dreißig.

Das Radio scheppert vor sich hin und eine rauchige Frauenstimme rezitiert das, was hierzulande als Nachrichten bekannt ist: „Die Schulen sind wieder geöffnet. Um einen Anstieg der Zahlen zu vermeiden, müssen sich die Kinder zu ihrer eigenen Sicherheit jeden Tag vor Schulbeginn testen lassen. Des Weiteren empfehlt das Gesundheitsministerium eine Impfpflicht für Schulkinder…“.

Mein Magen verkrampft sich weiter. Neuerdings ist mein Alltag ein Minenfeld. Dem Medienwahnsinn auszuweichen scheint schier unmöglich. Hinter jeder Ecke lauern weitere bahnbrechende Neuigkeiten, welche eine Realität zeichnen, welche nicht die meine ist. Wut macht mich schwer. Angst macht mich schwer.

Ich sitze zu Tisch bei einer Familienfeier. Eigentlich war alles ganz nett, bis jemand plötzlich ein neues Thema anschlägt: „Bist du eigentlich geimpft?“, fragt eine Tante ihren Sitznachbarn ganz beiläufg. „Ja, letzte Woche habe ich die zweite Dosis bekommen“, antwortet der Gefragte. Das Gespräch dreht sich plötzlich nur noch um die Impfung. „Ich bekomme meine zweite nächste Woche Dienstag, dann bin ich noch vor euch fertig.“, sagt ein weiterer Gast stolz, als würde es um einen Wettbewerb gehen. Im Vertrauen weiß ich, dass einer der Anwesenden sich nur hat impfen lassen, weil ein Bekannter bei seinem Arzt einen Termin bekommen hatte. „Mich hat es genervt, dass er bei meinem Arzt einen Termin hatte. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, also rief ich sofort an und ließ mir einen Termin geben und kam sogar noch vor ihm dran.“, erzählte er mir mit schelmischem Grinsen.

Die Tante klappert die Runde ab und fragt jetzt jeden nacheinander, ob er geimpft wurde. Ihre Meinung zu dem Thema trieft förmlich auf den Tisch als sie einen mit abwägenden Augen mustert. Ich bin an der Reihe und sie fragt mich: „Und du?“ — „Niemals!“, antworte ich mit leicht zitternder Stimme. Ich bemerke, wie emotional dieses Thema für mich ist und befürchte, zu viel von meiner Gefühlslage in die Worte gegeben zu haben. „Da sage ich jetzt mal nichts zu.“, entgegnet die Tante voller Hochmut. Sie könnte nicht offensichtlicher zeigen, dass sie auf mich herabsieht. Sie verurteilt mich und der Rest schweigt betreten. Jemand der ebenfalls ungeimpft ist, eilt mir zur Hilfe und sagt: „Wir sagen doch auch nichts dazu, dass du geimpft bist!“ Bevor die Situation in einem absehbaren Streit endet, wird sicherheitshalber das Thema gewechselt.

Auch wenn wir einer Diskussion nur ganz knapp entgangen sind, ist der Keil platziert worden. Nicht erst durch das Gespräch. Der Keil sitzt und je weiter wir uns in eine vollständig geimpfte Zukunft bewegen, steigt der Druck. Ich sehe es überall um mich herum. Die meisten Menschen lassen sich nicht etwa impfen, weil sie sich oder andere schützen wollen. Die meisten Menschen impfen sich nur, weil ihnen gedroht wird. Freiheitsentzug ist die Konsequenz und einer nach dem anderen wirft das Handtuch. Jene, die vor einigen Wochen noch vehement verkündet haben, dass sie sich niemals impfen lassen werden, geben auf einmal betreten zu, dass sie sich doch haben impfen lassen. „Mir gingen die ständigen Fragen auf die Nerven, ob ich geimpft bin.“ „Ich wollte endlich mal wieder in den Urlaub fahren.“ „Meine Freunde wollte sich nicht mehr mit mir treen, wenn ich keine Impfung habe.“ Einer nach dem anderen fallen sie. Einer nach dem anderen knicken sie ein. Wir lange hältst du durch? Wann wird der Druck zu groß?

Bei all diesen Gesprächen, bei all diesen verurteilenden Blicken bin ich der Schädling. Ich bin der Egoist. Ich bin unsolidarisch. Ich bin stur. Ich bin schuld, wenn andere sterben. Ich sollte mich schämen. Niemanden – ich wiederhole – niemanden interessiert es, wieso ich mich nicht impfen lasse. Vielleicht habe ich Probleme mit Allergien oder habe früher einmal schlechte Erfahrungen mit Impfungen gemacht? Vielleicht habe ich panische Angst vor Nadeln. Es könnte auch sein, dass ich mich einfach nicht impfen lassen möchte, weil ich es einfach nicht möchte. Vielleicht habe ich keinen Grund und es ist einfach mein Gefühl, dass mir ganz eindeutig und mit absoluter Bestimmtheit sagt: „Ich werde mich nicht impfen lassen.“ „Wieso lässt du dich nicht impfen?“, fragt mich jemand. „Wieso lässt du dich impfen?“, frage ich zurück.

Ich würde mir etwas wünschen. Von ganzem Herzen wünsche ich mir, dass es wirklich eine freie Entscheidung ist, ob ich mich impfen lasse. Ich wünsche mir, dass ich nicht dazu gezwungen werde, mich impfen zu lassen. Ich wünsche mir, dass wir ehrlich miteinander umgehen. Ich wünsche mir, dass ich meine Meinung ohne Konsequenzen oder Ablehnung äußern darf. Ich wünsche mir, dass ich überall hingehen darf, wo ich hingehen möchte.

Vor allem wünsche ich mir jedoch das eine: Ich wünsche mir – mehr als alles andere – dass Regierungen Empfehlungen aussprechen dürfen. Die Regierung darf mir empfehlen, dass ich mich impfen lassen soll. Eine Regierung, die mich durch Gesetze dazu zwingt, etwas zu tun, dass ich nicht tun möchte, ist keine Regierung, der meine Freiheit am Herzen liegt. Ich wünsche mir eine Regierung, der Freiheit etwas bedeutet. Ich wünsche mir eine Regierung, der ich etwas bedeute. Ich wünsche mir eine Regierung, die nicht zulässt, dass sich die Gesellschaft in „geimpft“ und „ungeimpft“ spalten lässt.

Wir sprechen von Diskriminierung gegen „Schwarze“. Wir tragen die Farben des Regenbogens als Zeichen dafür, dass wir alle gleich sind. Wir erinnern uns ständig daran, dass wir vor einigen Jahren Menschen mit gelben Sternen markiert und verurteilt haben. Verurteilt, weil sie anders waren… Bin ich anders, weil ich „ungeimpft“ bin? Verdiene nicht auch ich ein Lächeln? Sollte nicht auch ich als „Ungeimpfter“ das Recht haben, zu reisen? Sollten nicht auch Menschen ohne Impfung, Test oder Sonstiges die Möglichkeit haben, an der Gesellschaft teilzunehmen? Die Richtung scheint klar zu sein. Je länger es dauert, desto weniger Freiheiten werde ich haben. Bezeichnet man dies nicht als Diskriminierung? Ist dies nicht eine Form von Rassismus?

Ich bin ein Mensch und ich leide, wenn ich verurteilt werde, weil ich eine andere Meinung habe. Meinungsfreiheit. Sollen wir es wagen? Sollen wir nicht einen Versuch wagen und es einmal probieren? Wie würde es sich wohl anfühlen, Menschen wie mich so zu belassen, wie sie sind, sodass sie Seite an Seite mit „Geimpften“ leben können? Wenn dies nicht geht, dann sperr mich weg. Verurteile mich. Bestrafe mich. Schaffe mich aus dem Weg. Ich schweige nicht. Ich zögere nicht. Ich bin hier. Ich bin stark. Ich bin Mensch.

3 Kommentare

  1. Ich muss Menschen bemitleiden, die ihrem Gefühl nicht mehr Vertrauen und auf dich, wenn du sagst „Es ist einfach mein Gefühl“ geringschätzig hinabsehen. Sie? Oh, sie sind soooo emanzipiert, sie „folgen der Wissenschaft“ und bilden sich groß was darauf ein. Gefühl ist was für irgendwelche in der Steinzeit lebende Eingeborene.
    Meine Sicht der Dinge ist eine andere: zum Unterschied zur „Zunge“, kann Gefühl nicht lügen. Und wenn es spürt, dass wir belogen werden, schlägt es Alarm. Doch die meisten von uns haben Gefühle schon längst entmündigt, so dass der Alarm verhallt. Zu ihrem Nachteil, leider!

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