Singularität: Evolution oder technologische Versklavung?

Die Theosis als Ende des Menschen, wie wir ihn kannten.

Von Lilly Gebert

„Die primäre politische und philosophische Frage des nächsten Jahrhunderts wird die Definition dessen sein, wer wir sind.“ — Ray Kurzweil1, Director of Engineering bei Google

“Welcome to the Machine”

Man mag von Slavoj Žižek halten, was man will. Mit seinem neuesten Interview im SRF trifft er den Nerv der Zeit: China als Impulsgeber für mehr staatliche Kontrolle, die Utopie einer Weltregierung als Unterbau endloser Korruption sowie das Abtreten unserer innersten Freiheiten durch das Eintreten technologischer Singularität. Was bislang wie das Potpourri totalitärer Allmachtsfantasien daherkam, scheint nun seine Meisterschaft im futurologischen Unitarismus gefunden zu haben: Inmitten des Anspruchs, zwecks Kontrolle und Sicherheit die vollständige Einheit von Geist und Realität zu erlangen, erwies sich das einzelne, individuelle Bewusstsein als eigentliches Hindernis. Es stört, widersetzt sich permanent jeder Form von Fortschritt; ist womöglich nicht einmal in der Lage zu erkennen, worin dieser bestünde. Beinahe unausweichlich scheint die Vision davon, mittels Abbau technologischer Barrieren den ganzen Menschen zum Gegenstand technologischer Gestaltung werden zu lassen, darin zu münden, das Menschsein selbst als etwas zu degradieren, das es zu überwinden gilt.

Damit kurzerhand die Dualität von Leib und Seele als Stadium der Regression abgestempelt, behaupten die Vertreter jener Singularitätstheorie, die einzige Möglichkeit, den Menschen vor sich selbst zu beschützen, bestünde im Auflösen seiner Körperlichkeit. Für sie sei “[e]ine Versöhnung der Realität mit dem Geist […] nur möglich, wenn wir unsere getrennte Individualität aufgeben und eins werden mit dem Geist, der die Realität selbst durchdringt, wenn sich unser Selbstbewusstsein als die Selbstbewusstheit der Realität selbst erlebt, kurzum: wenn wir in die Singularität eintreten”. So wie damit der Bezugsrahmen jenes “technologischen Fortschritts” in einen der “evolutionären Unabwendbarkeit” gekippt ist, wurde auch der Humanismus von jenem Konstrukt des Post-Humanismus abgelöst. Dort, wo Kosten-Nutzen-Abwägungen einst noch zu “unseren Gunsten” auszufallen vermochten, stellt sich zusehends die Frage danach, ob es im Anbetracht einer Technologie, die sich von selbst zu sublimieren vermag, überhaupt noch ein “uns” geben wird.

Transhumanismus als evolutionäre Unausweichlichkeit?

Verabschiedet wurde diese universale Eschatologie fernab jener, die unter ihr – zumindest leiblich – das Zeitliche segnen sollen. Verstehen Soziologen wie Andreas Reckwitz unter dem Begriff der “Singularität” das systematische Hervorbringen von Einzigartigkeiten, von Individualitäten, impliziert der Begriff der technologischen Singularität schließlich dessen genaues Gegenteil. Hier ist es nicht mehr der Mensch, der im Singular betrachtet wird, sondern die künstliche Intelligenz. So wie diese – der gnostischen New-Age-Lesart von Singularität zufolge – nicht allein als jener Zeitpunkt anzusehen ist, an dem künstliche Intelligenz (KI) die menschliche Intelligenz übertrifft, sondern vielmehr als die letzte wahre Erfindung des Menschen und damit als „die neue Stufe der Posthumanität“ sowie als „kosmisches Schlüsselereignis und die Erfüllung der göttlichen Selbstverwirklichung”2 giltwird auch ihr Eintreten mehr in Gang setzen als eine Reihe positiver Rückkopplungen. Zumindest lassen dies derartige Aussagen von Raymond Kurzweil, einem der führenden Vertreter in Sachen “technologischer Posthumanismus” schlussfolgern:

“Wenn wir in die 2040er kommen, werden wir in der Lage sein, die menschliche Intelligenz milliardenfach zu multiplizieren. Das wird eine tiefgreifende Veränderung sein, die in ihrer Natur einzigartig ist. Computer werden immer kleiner und kleiner. Letztendlich gehen sie in unseren Körper und Gehirn und machen uns gesünder, machen uns klüger.”3

“Wir haben Maschinen geschaffen, um unsere Muskeln zu erweitern, wir kommen inzwischen mit ein paar Tastenschlägen an das gesamte menschliche Wissen. Und wir werden mit der Künstlichen Intelligenz verschmelzen, um schlauer zu werden. […] Wir sind die Spezies, die sich selbst verändert – und das kam durch den zusätzlichen Neokortex, den wir vor zwei Millionen Jahren erhalten haben. Er hat uns in die Lage versetzt, Musik zu erfinden, Humor, Sprache, Wissenschaft, Technologie. Schon in den 2030ern werden wir mit einem „simulierten Neokortex“ in der Cloud verschmelzen. Wir werden unser Immunsystem mit Nanobots in unserem Körper überwachen. […] KI wird uns nicht ersetzen, sondern erweitern. […] Gott wurde beschrieben als unbegrenzt, allwissend, unendlich kreativ, unendlich liebend – genau diese Qualitäten verbessern wir exponentiell. Wir werden zwar nicht Gott, aber wir werden bezüglich dieser Qualitäten gottgleicher.“4

«Letztlich wird diese virtuelle Realität in das Gehirn eindringen und dann wirklich mit allen Sinnen verschmelzen. Virtuelle Realität wird letztlich alle Funktionen der realen Realität haben und noch viel mehr, das Sie aus Millionen von virtuellen Umgebungen auswählen können. Du kannst jemand anderes sein, du musst nicht jedes Mal denselben langweiligen Körper auswählen, wenn du andere Menschen und unterschiedliche Situationen sein kannst und mit der Zeit unsere biologischen Körper obsolet werden. Wir werden viele Körper haben und wir werden auf die Idee zurückblicken, nur einen Körper zu haben und von einem biologischen Körper abhängig zu sein, ohne Rückendeckung für eine Gedankenakte zu haben, als eine sehr primitive Zeit.»5

Darwins gefährliches Erbe

Zweifelsfrei: Technik, die sich von selbst weiterentwickelt, eigene Erfindungen hervorbringt und damit eine Art Autonomiestatus erreicht, wird uns seit Jahren als Bereicherung wie Erleichterung unserer Alltagswelt verkauft. Nicht wir kümmern uns um die Technik, die Technik kümmert sich um uns. So wie das Ende dieses Films bekannt sein sollte, macht auch Žižek im Punkte Singularität deutlich, dass sobald es darum geht, das menschliche Gehirn mit einer KI zu verbinden, es an sie “anzuschließen”, mehr auf dem Spiel steht als unser physisch-biologisches Überleben. Das Szenario, eine KI könne in gleichem Zuge, wie wir mit unseren Gedanken die KI steuern, in der Lage sein, unsere Gedanken zu steuern; ja in unseren Geist einzudringen, ist für ihn nicht nur gleichzusetzen mit dem Ende des Menschen, sondern – anders als angepriesen – im Zuge der Abnahme unserer innersten Entscheidungsprozesse durch die Technik auch das Ende jeder Individualität.

Die Forderung, die Grundlage der menschlichen Existenz müsse von Hardware auf Software umgestellt und sein Bewusstsein auf eine “postbiologische” (digitale) Einheit hochgeladen werden6, ist für Žižek als Konsequenz jener “totalen Vernetzung unseres Gehirns” gleichzusetzen mit dem – mit Jacques Lacan gesprochen – “zweiten Tod”; dem absoluten Nullpunkt des Symbolischen, dem Nichts, von dem aus etwas Neues geschaffen werden soll und muss. Der Unterschied zwischen dem “ersten Tod”, unserem physischen Sterben, und jenem “zweiten Tod” besteht für Lacan in ihrer Seinsbeziehung. Versteht Lacan unter Sein das Unveränderliche, das, was im Fluss der Transformationen unverrückbar bleibt, bedeutet der “zweite Tod” für ihn das Ende unseres Seins. Er ist das letzte Ziel des Destruktionsstrebens. Sowie er “all das aufhebt, was sich auf die Veränderung, auf den Zyklus von Werden und Vergehen, ja sogar auf die Geschichte bezieht, und das uns auf eine Ebene führt, die radikaler als alles ist, insofern sie als solche von der Sprache abhängt”7, initiiert sein Eintreten die Vernichtung des eigenen Namens, der elementarsten Verankerung eines Subjekts in der Sprache und der Sprache im Subjekt. Denn beraubt man einem Seienden seiner Sprachlichkeit, nimmt man ihm gleichsam jede Möglichkeit, seine Beziehung zum eigentlichen Sein in Frage zu stellen. Man kappt ihm nicht nur jede Verbindung zu sich und seiner Mitwelt und entbindet ihn seiner Orientierung; man entzieht ihm seines Seinsgrundes.

“Insofern die Posthumanität von unserem endlichen/sterblichen menschlichen Standpunkt aus gewissermaßen der Punkt des Absoluten ist, zu dem wir streben, der Nullpunkt, an dem die Lücke zwischen Denken und Handeln verschwindet, der Punkt, an dem ich zum Homo
Deus werde, begegnen wir hier einmal mehr dem Paradoxon des Zusammenstoßes mit dem Absoluten.” – 
Slavoj Žižek8

Der Anfang vom Ende: Die Theosis

Die Vorstellung eines Lebensnetzes, in dem sich neben Menschen auch Tiere, Pflanzen und Dinge emotional wie mental eingebettet finden, schreit geradezu vor animistischen wie pantheistischen Naturvorstellungen. Inwiefern aber kann ein von Grund auf unnatürlicher Rahmen die naturgegebene Würde und Autonomie all dieser Individuen wahren? Inwieweit ist eine KI dazu in der Lage, ohne Naturkontakt jene haarfeinen Assoziationsvorgänge wiederzugeben, haben wir sie doch selbst nicht einmal ansatzweise entschlüsselt? Und überhaupt: Werden wir in der Singularität unser individuelles Selbstbewusstsein behalten? Ist ein Netzwerk aus Maschinen, die unsere psychischen Zustände “lesen” und andere sogar “mitlesen” lassen, bereits Sozialismus? Wie viel Privatsphäre gewährt künstliche Intelligenz? Was muss man dafür tun, Gedanken bei sich behalten zu dürfen? Was darf man alles nicht tun? Was passiert, wenn wir uns an die Grenzen des Menschseins bewegen? Was passiert mit unserem Recht auf körperliche Unversehrtheit, hat unser Leib erst einmal ausgedient? Was ist mit der Religionsfreiheit, haben wir Gott erst einmal überwunden? Ist die Theosis, die “Vergöttlichung”, durch technologische Singularität, näher an der Selbstermächtigung oder näher an der Selbstkasteiung?

Was bleibt, sind Fragen. Was fehlt, ist Demut. Demut vor dem Leben, vor der Natur, vor uns selbst. Kopernikus (kosmologisch), Darwin (biologisch), Freud (psychologisch), Heinroth (ethologisch), Lorenz (epistemologisch), Wilson (soziobiologisch), das 21. Jahrhundert (neurobiologisch) – sie alle konnten uns nur aus einem Grund kränken: Wir können uns stets nur als Mitte, Krönung oder Herrscher über etwas betrachten, nie als Teil oder Bindeglied von etwas. Vor lauter Wut auf die Welt und ihr Drohen, uns aus ihr herauszuwerfen, haben wir nie eine andere Form des Umgangs gelernt: Wir üben uns in Selbsterhöhung, damit gemäß des Falles, man wolle uns etwas zuleide tun, wir aus der Position der Überlegenen handeln können. Wir hinterfragen nicht, wir wollen nicht verstehen. Was wir können, ist Degradieren. Degradieren, um nicht verstehen zu müssen, um nicht fühlen zu müssen.

Was wirkt, als hätte der Mensch sein Menschsein aufgegeben, ist wahrscheinlich auch so. Physisch, mental, emotional, seelisch, sozial – der Mensch glaubt, er sei oft und lang genug gestorben. Er ist es leid, auf der Suche nach seiner Rolle im Kosmos, seiner Einordnung in das große Ganze, fortwährend auf verschlossene Türen zu stoßen. Er möchte nicht länger auf Heilsbringer, göttliche Fügungen oder Formen der Erleuchtung warten. Er will sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Verständlich, aber übersehen wir im Punkte Singularität vielleicht, dass selbst wenn wir das von Gehlen diagnostizierte Mängelwesen vollends von seinen Prothesen befreit und die von Darwin verursachte Kränkung, nicht die Krönung der Schöpfung sein zu sollen, umgekehrt haben, noch immer nicht der Herr in unserem eigenen Haus sein werden? Wessen Souveränität begünstigt unser Eintreten in die technologische Singularität am Ende tatsächlich?

Verwirklicht sich der Mensch oder verwirklicht sich die Technik?

Icarus fallen – Auf der Suche nach Sinn in einer unsicheren Welt

Im Kampf gegen das Lebendige, das Geborenwerden und Zugrunde gehen, ist das, was es zu bewahren gilt, nie das Ewige. Es ist das Vergängliche. Wo die Natur verneint wird, sich Leben gegen das Leben richtet, sind es in erster Linie nicht Personen, von denen diese Feldzüge geführt werden. Es ist das Heideggersche “Man”, das sich in den Sprach- und Denkgeflechten des jeweiligen Zeitgeistes seine Bahnen versucht zu schlagen. Und das oftmals mit Erfolg.

Nichtsdestotrotz sollten wir uns immer wieder darüber bewusst werden, dass – mit Mary Bauermeister gesprochen – der heutige Zeitgeist aus der Zukunft impulsiert wird. Sprich, unser Dasein konstituiert sich aus dem, was wir uns für uns jetzt und in der Zukunft wünschen und vorstellen können. Wir entscheiden darüber, wer wir sind, wer wir sein wollen und wohin wir in Zukunft gehen möchten. Es gibt immer die Möglichkeit, Nein zu sagen. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die uns diese Entscheidungsfreiheit versuchen abzusprechen.

Lilly Gebert ist freischaffende Publizistin und Redakteurin bei „Die Freien„. Ihre Texte erscheinen unter anderem auf Rubikon sowie auf ihrem Blog „Treffpunkt im Unendlichen“.

Anmerkungen

Alle in diesem Beitrag verwendeten Fotos stammen von der NASA.

1

Kurzweil, Ray (2000): The Age of Spiritual Machines. When Computers Exceed Human Intelligence. New York (Penguin), Seite 15.

2

Žižek, Slavoj (2020): Hegel im verdrahteten Gehirn. Berlin (S. Fischer Verlag), Seite 92.

3

ebenda, Seite 89.

4

https://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,2033076-1,00.html

5

Raymond KurzweilTranscendent Man (2009)

6

Ray Kurzweil: The Future of Artificial Intelligence and its Impact on Society, Council on Foreign Relations.

7

Lacan, Jacques (1996): Das Werk. Das Seminar. Die Ethik der Psychoanalyse. Jacques-Alain Miller. Übers. von Norbert Haas. Buch 7. Hamburg (Quadriga), Seite 341.

8

Žižek, Slavoj (2020): Hegel im verdrahteten Gehirn. Berlin (S. Fischer Verlag), Seite 183.

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