Der Weg des geringsten Widerstands

von Frank Bölter

Ich arbeite schon eine Weile an der Veränderung der Gesellschaft mit den Mitteln und
Möglichkeiten der Kunst. So bin ich am 1. September 2021 mit einem zehn Kilogramm schweren Straßennamenschild mit der Aufschrift „Weg des geringsten Widerstandes“ von meiner Haustür in Köln aufgebrochen, um auf einem beinah 650 Kilometer langen Marsch quer durchs Land über Stock und Stein, durch Feld und Flur, Wald und Weg, zu Mann und Maus nach Berlin den Menschen unterwegs wie der politischen Elite am Tag der Bundestagswahl am 26. September 2021 die Frage zu stellen, welchen Weg im Leben sie gegangen sind und ob sie tatsächlich immer noch daran festhalten wollen?

Diese tiefgreifende und richtungsweisende Frage aus dem Reich der Weisheit, Spiritualität und des Bewusstseins – ob ich bereit bin, schwierige Umstände im Leben in Kauf zu nehmen oder diesen doch besser aus dem Weg gehe – stellte den Menschen ein Mann im dunklen Anzug mit Krawatte, ein Straßenschild auf der Schulter an Ihnen vorbei schleppend in einer Zeit, in der Politik und Journalismus diese, eigentlich ihnen obliegende Aufgabe völlig aus den Augen verloren, wenn nicht gar verraten haben. Die Irritation, dass jemand im männlichen Karrierekostüm einen sonst festen und schwerfälligen Wegweiser durchs Land trägt, war Anlass und Grund für viele Menschen, sich zu öffnen, die Zunge zu lockern und ihre Wunden zu zeigen. Manchmal wurde auch das Herz auf der Zunge ein Stück mitgetragen.

„Warum tust Du Dir das an? Und uns? Und vor allem mir?“, fragte mich ausgerechnet neulich meine Mutter. Ich solle doch auch mal an meine Familie denken und auch an sie. „Das tue ich, und zwar die ganze Zeit!“, hörte ich mich darauf antworten. Ich will mich nämlich später nicht von
meinem Sohn fragen lassen müssen, warum ich zugelassen habe, was längst Gestalt annimmt
und von vielen Menschen noch immer verdrängt wird, weil sie (noch) die Möglichkeit dazu haben? Und wenn diese Frage kommt, kann ich zumindest sagen, ich habe mich auf die Socken gemacht, um Gleichgesinnte zu suchen, um mit ihnen gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu ziehen und habe das Problem nicht durch Untätigkeit noch weiter stabilisiert. Dieselbe Frage habe ich übrigens als kleiner Junge meinen Großeltern gestellt und außer Ausflüchten in die Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens oder des verzweifelten Waschens der eigenen Hände in Unschuld nichts wirklich Wahrhaftiges zu hören bekommen.

„Wir“ bekommen wohl erst jetzt die Chance, wirklich etwas zu ändern, auch wenn der Schlüssel
dazu beim Kehren vor der eigenen Haustür liegt. Das hört sich leichter an als es ist, denn unter der Matte liegt mehr als so mancher vermutet. Und wir müssen das alles selbst in die Hand nehmen und nicht mehr die Verantwortung für den eigenen Dreck bei anderen suchen. Der Griff an die eigene Nase ist oft der Schwierigste. Insgesamt stehen die Menschen damit vor dem größten Umbruch in ihrer Geschichte. Damit meine ich nicht irgendeinen der Resets, von denen überall die Rede ist. Diese sind nur Ausdruck von Absichten und Formen auf politischen oder gesellschaftlichen Bühnen, wo sich wieder andere auf Kosten unserer Ohnmacht ermächtigen wollen. Ich sehe die Lösung eher im Wenden des Blicks nach innen und damit verbunden mit einem Bewusstwerden seiner selbst. Wir werden damit insgesamt eine große Veränderung vom ego- zum noskonzentrierten Bewusstsein erleben, auch wenn viele diesen wohl nicht mitzugehen im Stande sein werden oder Unwillens sind. Entweder gehst du eben mit der Zeit oder du gehst mit der Zeit. Wir haben die Wahl…

Die tieferliegenden Gründe für die derzeitigen Krisen liegen also eher in der Entscheidung – der
eigenen Entwicklung, die sich immer über persönliche Krisen zeigt – aus dem Weg zu gehen und
weniger in der Symptomatik irgendeines Virus, einer Energie- oder Lebensmittelknappheit oder
einem Regelzwang irgendeines verzweifelten Machapparates.Sie liegen in der Abgabe von Eigenverantwortung, einer kompletten Aufgabe des Selbstwertes und einem völligen Mangel an
Mitteln zur Selbstermächtigung.

Ich zeige lediglich Wege auf, wie man diese Ohnmacht im Leben auflösen kann und wieder in diesen ursprünglichen Normalzustand zurückfindet. Ich muss mich dazu vielleicht mal trauen, ein Schild zu schultern, durchs Land zu ziehen und die Leute zu fragen, was sie in diesen Zeiten so bewegt. So fragte mich im brandenburgischen Eilenstedt ein älterer Herr an einer Laterne, an der die üblichen Wahlplakate mit den üblichen sinnentleerten Slogans der üblichen sinnentleerten Parteien prangten, was ich im Schilde führte? Ich erklärte, ich brächte die Frage, welchem Weg im Leben er denn bisher gegangen sei, vorbei und wollte wissen, ob er diesen Weg fortzusetzen gedenke? Nebenbei wolle ich mir ein Bild vom Zustand dieses Landes machen und mit den Leuten vor Ort sprechen. Er konnte kaum glauben, was er da hörte und erklärte mich zunächst für verrückt. Er wisse aus eigener Erfahrung als ehemaliger Ortsrat, so erzählte er, dass sich wirklich niemand auch nur im Geringsten für die Belange der Menschen interessiere und von den auf den Plakaten Abgebildeten schon gar nicht. Von denen sei auch noch niemand hier gewesen. Ich würde also deren Arbeit machen. Die Frage blieb über dem kleinen Städtchen hängen, wer nun der Verrückte war, der Mann mit dem Schild, der zu den Leuten geht und sie fragt, wie es ihnen in Zeiten wie diesen geht oder die auf dem Plakat abgebildeten angeblichen Volksvertreter? So ergab sich insgesamt ein interessantes Landschaftsstimmungsbild auf der Landkarte zwischen Köln und Berlin, auf der ich einen Strich zog und diesen im Wahlkampfherbst des Jahres 2021 ablief.

Nun bin ich Anfang Oktober 2022 erneut von meiner Haustür aufgebrochen, um am 20. Oktober, dem Geburtstag des im französischen Sprachraum wohl berühmtesten Poeten des Widerstandes
und zivilen Ungehorsams, Arthur Rimbaud (1854 – 1891) in dessen Geburtsort Charleville Mézières in Frankreich vor seiner Haustür zu stehen. Auf dem Weg über Berg und Tal der Eifel, durch die Höhen und Tiefen der belgischen Ardennen entstand ein etwas anderes, internationales Stimmungsbild, das die aktuellen Unterschiede in der Auffassungsgabe, Indoktrination und Humorverständnis der Bevölkerung aufscheinen ließ. An der Grenze zu Belgien wurde das deutsche Schild selbstverständlich in das französischsprachige ausgetauscht und die Suche nach Austausch mit den Menschen mit demselben Enthusiasmus formvollendet bei aller Anstrengung fortgesetzt. Interessanterweise haben in Belgien schon beinah alle den Betrug an den Menschen erkannt, während in Frankreich noch ein kleiner Teil die große Lüge für unmöglich hält. In der Eifel kann man vom Erkenntnisprozess noch wenig erkennen, es sein denn, man versteckt diesen hinter einer Maske…

So kann bestimmt jeder seinen Weg gehen, um sich selbst wiederzufinden in diesem Land, das
gerade in der sich zuspitzenden Krise alle Möglichkeiten bietet, „Nein“ zu den bisherigen
Lebensbedingungen von Bevormundung, Fremdbestimmung und Selbstaufgabe zu sagen, um
diese in Selbstermächtigung, Eigenverantwortung und Mündigkeit zu verwandeln. Jeder auf seine
eigene Art und Weise.

Im November 2022, Frank Bölter. Frank Bölter (*1969) ist bildender Künstler und verbindet in seinen künstlerischen Unternehmungen unterschiedlichste Öffentlichkeiten in gemeinschaftliche Erfahrungsprozesse mit offenem Ausgang. Er lebt und arbeitet in Köln.

Erscheint demnächst:
„Frank Bölter – Weg des geringsten Widerstandes“, erscheint demnächst im Verlag für moderne
Kunst, Wien
Buchvorstellung „Frank Bölter – Weg des geringsten Widerstandes“, demnächst im Museum
Schloss Morsbroich, Leverkusen.


wegdesgeringstenwiderstandes.de
lechemindelamoindreresistance.de
frankboelter.com

3 Kommentare

  1. Das ist interessant, weil ich jemanden kannte, der ebenfalls vor etwa 30 Jahren oder noch länger her ein ähnliches Kunsthappening vollzog, indem er einen großen Stein durch Deutschland rollen wollte. Wie weit er kam, weiss ich gar nicht. Aber die Motivation und die Gründe waren ganz ähblich. Rolf Tepel, ein ehemaliger Mitschüler, und später im Kampf gegen Behörden stadtbekannt.

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