Parabeln über die menschliche Einsamkeit – Wolfgang Sofsky: Einzelgänger

Ist es nicht unglaublich, daß wir maßlos unter unserer Einsamkeit leiden und uns doch mit einer brennenden Sehnsucht wünschen, allein zu sein?

Wie in Heinrich Bölls Aphorismus bewegen sich auch die Einzelgänger in Wolfgang Sofskys gleichnamigem Erzählband zwischen Leiden und einer ungestillten Sehnsucht, ohne dass sie sich dies jedoch eingestehen könnten. Sofskys Figuren, eher typenhaft als aus dem Leben gegriffen, eher symbolisch als psychologisch realistisch, klagen nicht über das Schicksal, in das sie ihr Schöpfer hineingeworfen hat. Es sind Zurückgezogene, Resignierte, Verweigerer – man fühlt sich beim Lesen bisweilen vor ein Edward-Hopper-Bild gesetzt (davor und nicht hinein; hier gibt es keine Identifikation, keinen lebendigen Nachvollzug – die Statik des Dargestellten entzieht es dem Bereich des Allzurealen). Das Leiden an der Einsamkeit drückt sich bei den einzelnen Typen eher verhalten aus, wenn überhaupt – oft verharrt es im Hintergrund. Die Sehnsucht nach ihr empfinden wir selbst immer wieder; kommen die Figuren auch als Sonderlinge daher, haftet ihrem Schicksal doch stets auch das Pathos der Unnahbarkeit an.
In den 23 Kürzestgeschichten, die der Band präsentiert, kommt der Mensch als Einsamer daher: Miniaturen, die sich zu einer Collage über die Stellung des Menschen in der Welt formen. Und diese Stellung ist keine positive, weder was die Fähigkeiten des Menschen zur Selbstüberwindung angeht, noch was die Möglichkeiten von Kultur und Gesellschaft betrifft, ihren Mitgliedern Halt und Orientierung zu verleihen. Es beginnt mit dem Paukenschlag einer nacherzählten, dabei verfremdeten Schöpfungsgeschichte, genauer des sechsten Tags, an dem Gott die Krone seiner Schöpfung missrät: Kein Gegenüber ist dem Mensch gegeben, dem er sich wirklich anvertrauen könnte, Isolation und innere Leere sind seine Kainsmale. In loser Folge reihen sich Mörder, Trinker, unnütz Gewordene, sich der Sprache Verweigernde, einsame Potentaten in den Reigen ein; der Mensch als Gefangener seiner eigenen Unfähigkeit, sich zu überschreiten und zum Anderen zu kommen.
Die Erzählungen changieren zwischen Mythos und Märchen, zwischen Anekdote und Alltagsbeobachtung. Ein Schlossherr, der in seinem Schloss keine Spiegel erlaubt, ein Leuchtturmwärter, dessen Arbeitsplatz längst wegrationalisiert wurde, eine Frau, die jede Nacht in einem anderen Hotel übernachtet, ein einsamer Antiquar, der die Aussichtslosigkeit seines Berufs beklagt, ein Reisender in eine Strafkolonie, der sich dort bald als Gefangener wiederfindet … Gewiss, Kafka schaut hier Sofsky über die Schulter, auch ein Bartleby oder die Figuren Wolfgang Hildesheimers. Stärker noch sind die kunstgeschichtlichen Bezüge: Verweise auf Bilder, die den Menschen als ewig Suchenden zeigen, seien es die eines Hieronymus Bosch, William Blake oder eben Hopper. Weltschmerz, Fatalismus und Ohnmacht angesichts der menschlichen Natur werden hier parabelhaft vorgeführt.
Der Stil des Bandes bewegt sich im Distanzierten, im Duktus der Bildbeschreibung, verrätselt und komplex, dabei elegant und sorgfältig. W. G. Sebald scheint hier stilistisches Vorbild zu sein. Lebensnähe ist das Anliegen nicht, dafür Verdichtung, zuweilen auch Pathos.
Wolfgang Sofsky, dem Soziologen, ist ein überzeugendes Debüt als Prosaautor gelungen. Im Grunde ist sein Erzählband jedoch kein völliges Novum – bereits in seinen Sachbüchern greift er ja zu erzählerischen Mitteln, löst sich souverän von den Sitten und Unsitten akademischen Schreibens. Und ebenso finden sich dort, beispielsweise im „Traktat über die Gewalt“ oder im „Buch der Laster“, Kulturskepsis und eine pessimistische Anthropologie. In „Einzelgänger“ haben wir, trotz aller erzähltechnischen, sprachlichen und genrehaften Verschiedenheiten in den einzelnen Kapiteln, ein stimmiges Panoptikum der menschlichen Einsamkeit, dem Leiden an und der Sehnsucht nach ihr.

Wolfgang Sofsky: Einzelgänger.
Matthes & Seitz, Berlin 2013
202 Seiten, 19,90 €

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Als man noch wusste, was das Abendland war

Wolfgang Sofskys Roman „Weisenfels“ macht den Leser zum Zeugen einer Reise ins Niemandsland
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Bei einer Zeitenwende, heißt es, kriegen nicht alle die Kurve. Der Protagonist aus Wolfgang Sofskys Buch „Weisenfels“ gehört zu denen, die ein Bemühen darum von vornherein ablehnen. So lebt er, fernab finanzieller Nöte und Alltagssorgen, der profanen Wirklichkeit abhanden gekommen, in der Abgeschiedenheit eines Schlosses, unberührt vom Treiben der gewöhnlichen Menschen. Aber diese Zeitenwende nimmt in Sofskys Text nur einen Zuschauerplatz ein – zauberberghaft hat sich ein „stehendes Jetzt“ der Welt bemächtigt, während im Flachland die Dinge ihren Gang gehen. Der Held, Detloff von Weisenfels, ist ein melancholisches Überbleibsel einer vergangenen, nicht unbedingt besseren, aber doch vermissten Welt, ein skeptischer Romantiker, ein Dandy des Scheiterns, egoman und von vergessen geglaubtem Dünkel. Aus einer Zeit, als in Kaffeehäusern noch geraucht wurde, „als man noch wußte, was das Abendland war“ – und als man „wußte“ noch mit scharfem S schrieb.

Ein unbenannter Ort in den Bergen, eher ein Dorf aus dem 19. Jahrhundert, dann ein Schloss, das seinem Verfall entgegenstrebt, dazu ein Angehöriger alteingesessenen Adels – ein Setting, das ein geräumiges Feld für Assoziationen eröffnet: Kafkas „Schloss“, Stifters „Nachsommer“, Rilkes „Malte“, Thomas Mann und so weiter … Doch hier und da finden sich noch Relikte der Gegenwart, einer Gegenwart, wie wir sie alle kennen: Supermärkte, synthetische Aromen, schnellwachsende Kiefern, Cocktailkirschen.

Das Schloss aber ist im selben Augenblick in sich versunkenes Refugium für elitäre Existenz und Gespräche bei Whisky und Zigarre als auch rein geistiger Ideen-Ort, durchweht von „gleichgültiger Weltlosigkeit“. Hier verwildern Marmorbilder im Park, hier liegen Thukydides und Pausanias in zweisprachigen Leinenausgaben im Regal: passende Kulisse für das Schauspiel der Aphorismen und Kontemplationen, die der Protagonist deklamiert. Und so ist auch „Weisenfels“ aus der Zeit gefallen und entfremdet uns – ex negativo – noch vom Allzu-Vertrauten.

Hier ist nichts wirklich, es ist eine phantasmagorische Landschaft, die Sofsky schafft, wie überhaupt die Reise des namenlosen Erzählers zu seinem Jugendfreund, eben diesem Detloff von Weisenfels, einer Traumreise gleicht. Nach dreißig Jahren erscheint dem Erzähler die Welt, in die er heimkehrt, fremd und seelenlos, auch das Verhalten seines alten Freundes oszilliert zwischen Gastfreundschaft und abweisender Unaufmerksamkeit: „Der Besucher wußte nicht, wohin er geraten war, und nichts half ihm über die Verwirrung hinweg.“ So geht es dem Leser mit guter Literatur, man gerät als Gast in ein Land, ohne zu wissen, ob man willkommen ist oder nicht. „Weisenfels“ ist ein Beispiel solch guter Literatur, die sich weigert, uns über unsere Verwirrung hinwegzuhelfen.

Schon die Genrezugehörigkeit der 230 Seiten ist ein Rätsel: Ist das ein Roman, eine längere Erzählung oder einfach nur ein Prosatext, der „Erzählung, Kunstbetrachtung und philosophische Reflexion kunstvoll miteinander verknüpft“, wie es in der Verlagsankündigung heißt? Kunstvoll ja, miteinander verknüpft – nein. Detloffs essayhafte Ausführungen stehen disparat da, ebenso wie die Figuren selbst mitsamt der gespenstischen Szenerie, und haben mit dem, was man die Überreste einer Erzählung nennen könnte, nicht viel zu tun. Hier lässt sich jemand über Kunst und Tod und Leben aus, dessen Ansichten uns nicht deswegen interessieren müssten, weil wir ihn als Person kennen lernen – ganz zu schweigen davon, dass Sofsky seinen Lesern hier irgendwelche Identifikationsangebote machen würde. Detloffs Sentenzen erreichen bisweilen die Emphase eines Oscar Wilde, wohlgemerkt ohne dessen Witz: „Was soll man tun angesichts des Mangels an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt?“ Pessimistisch, blasiert, auf jeden Fall unzeitgemäß könnte man seine Betrachtungen nennen und wo, wenn nicht in der Literatur, hat die Unzeitgemäßheit in diesen Zeiten ihren Platz?

Detloff (allein der Name!) bleibt ein Sonderling, ein „Narr aus überlebter Zeit“, sein Schicksal lässt uns kalt, ebenso wie der Fortgang der Geschichte. Es ist eine Geschichte fortschreitenden Verfalls, wirtschaftlicher wie moralischer Natur; die Familie von Weisenfels war lange Zeit der größte Arbeitgeber in der Region, man betrieb eine Kräuterschnapsfabrik, ein Hotel und ein Gestüt, doch Detloff, der letzte Erbe, schließt radikal mit seiner Vorwelt ab: „man könne sich seine Familie zwar nicht aussuchen, aber man könne selbst entscheiden, ob man eine Familie fortsetzen wolle, für die man nicht geboren sei.“ Zwischen Thomas Buddenbrook und Des Esseintes bleibt ihm nur die Flucht in misanthropische Aperçus: „Was er in Weisenfels tue, sei keine Passion, sondern nur eine Methode, die Zeit tozuschlagen. Er habe keine Mission, zutiefst verabscheue er Menschen mit Mission.“

Der Erzähler wird, und mit ihm der Leser, zum Zeugen gerufen für die stattfindende Abwicklung vom Überkommenen, darin findet er seinen Zweck. Wie er wohnen wir einer tabula rasa bei, die vor dem Schönen und Erhabenen keinen Halt macht. Banalität und Barbarei, hier geistig-ästhetischer Naur, sind auf dem Vormarsch. Eine „kleine Lust am Untergang“ des Abendlands bemächtigt sich unser. Den letzten Ausweg aus dieser Zeitenwende kann Detloff erwartungsgemäß nur in einer „Reise ins Niemandsland“ finden.

Sofskys Roman selber aber ist nur Beobachter der Reisevorbereitungen. Die Höhe seines Stils, geprägt von spröder Eleganz, bleibt konstant auf elitärem Niveau, die beinah harmonische Verfasstheit von „Weisenfels“ macht den Abstieg seines Protagonisten nicht mit. In Sprache und Stil, in Tonfall und Textur, vor allem aber in seiner Verweigerungshaltung dem konventionellen Erzählen gegenüber behauptet er ein Kunstverständnis, dessen Verlust er gleichzeitig beklagt.

Wolfgang Sofsky: Weisenfels. Roman.
Matthes & Seitz, Berlin 2014
235 Seiten, 22,90 €
ISBN: 3957570050

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