Zehn literarische Videos auf KaiserTV (und ein Extra)

Videos mit rein literarischen Themen werden generell etwas weniger gesehen und nachgefragt. Ob es sich um Neuerscheinungen der Gegenwartsliteratur, neue Übersetzungen oder um die Klassiker der Weltliteratur handelt – im Vergleich zu philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen haben meine Literaturvideos ein bisschen weniger Erfolg beim Publikum.

Gleichwohl hatte ich immer Lust, über die alten und neuen Titel der Belletristik zu berichten, sie zu rezensieren, zu kritisieren, und werde das wohl auch weiterhin tun.

Hier folgt nun die Top 10 der erfolgreichsten Literaturvideos auf KaiserTV:

10. Die BücherSendung

Dieses Format war ein sehr früher Versuch, eine Art literarisches Quartett auf Youtube zu etablieren. Kerstin Eiwen, Simone Scharbert und ich besprachen Jonathan Safran Foers „Hier bin ich“ und Isabelle Lehns „Und binde zwei Vögel zusammen“. Leider blieb es nicht nur beim Trio, sondern auch bei dieser ersten Sendung …

9. Paul Auster: 4 3 2 1

Paul Auster fasziniert mich schon seit langem, nämlich seit Silvester 2003, als ich zum ersten Mal „Mond über Manhattan“ las. 2017 folgte dann meine Rezension zu Paul Austers Mammut-Werk „4 3 2 1“.

8. Das Gilgamesh-Epos

An meinem Geburtstag im Jahr 2018 begann ich eines meiner vielen Langzeitprojekte, die ich dann irgendwann aus Unlust oder anderweitiger Motivation aufgegeben habe. Ich wollte 52 Bücher der Weltliteratur innerhalb eines Jahres vorstellen. Jede Woche eins. Bis zum dritten Buch bin ich gekommen, vielleicht wird die Reihe ja irgendwann fortgesetzt. Das zweite Buch war Homers „Odyssee“.

https://youtu.be/rUQg-DVTkEM

7. Jana Hensel: Keinland

Hier mal ein Interview mit der Autorin selber. Mit Jana Hensel spreche ich über ihren ersten Roman „Keinland“.

6. Eckhart Nickel: Hysteria

Ein weiteres Mittelzeitprojekt war der literarische Adventskalender, in dem ich täglich eines des besten Bücher des Jahres vorstellen wollte, die mir Menschen aus der Literaturwelt vorschlugen – das Projekt läuft noch bzw. ich dehne es auf die Zeit nach Weihnachten aus, aber ein paar Türchen habe ich tatsächlich verpasst. Ijoma Mangolds Vorschlag war der Roman „Hysteria“ von Eckhart Nickel.

5. T. C. Boyle: Die Terranauten

Immer wieder fruchtbar ist das Gespräch über Bücher mit David Eisermann – mehrere Interviews haben wir bislang geführt, so zum Beispiel über Tom Wolfe. In diesem Video sprechen wir über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“.

4. Isherwood, Aciman, Mishima, E. M. Forster

2018 war ich auf drei Gay Pride Parades, in Köln, in Hamburg und in London. Am Flughafen von London dachte ich dann, ich könnte mal spontan meine Lieblingsromane über schwule Liebe vorstellen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des faszinierenden „Call me by your name“ von André Aciman, das 2018 zur Liste hinzugekommen war. Bei den anderen Romanen handelt es sich um Klassiker wie „A Single Man“ von Christopher Isherwood oder Yukio Mishimas „Confessions of a Mask“.

3. Philip Roth: Der menschliche Makel

2018 starb der zweite amerikanische Schriftsteller, der mich stark beeinflusst hat: Philip Roth. Beim Vorstellen eines seines besten Romane merkte ich, wie aktuell viele seiner Themen heute noch sind.

2. Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Mein zweiterfolgreichstes Video ist die Lesung von Hesses Essay (einem Hessay, sozusagen) über „Eigensinn“. Aber auch meine Rezension eines seiner bekanntesten Romane hat mit über 10.000 Abrufen einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

1. Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein

Eigentlich kein literarisches Werk, sondern ein Essay, geht es Woolf doch hier ums Schreiben generell und um weibliches Schreiben im Speziellen, sodass ich meine Vorstellung von „A Room of One’s Own“ zu den literarischen Videos zähle.

Und ein Extra: Noch ein Interview mit einem Bestsellerautor!

Viel Freude hat es mir gemacht, mit Takis Würger über seinen Erfolgsroman „Der Club“ zu sprechen. Im Jahr 2019 kommt dann auch das Gespräch mit ihm über seinen neuen Roman „Stella“.

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Frauen und Literatur. Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer

Der Stoff, aus dem die Wissenschaft gemacht ist

Tom Wolfe beschäftigt sich in „Das Königreich der Sprache“ mit der Frage nach dem Sprachursprung – und mehr noch mit den Eitelkeiten des Wissenschaftsbetriebs

Der Gebrauch der Sprache unterscheidet uns von den Tieren. Und so ist die Frage nach dem Ursprung der Sprache gleichzeitig eine Frage nach der Menschwerdung unserer Spezies. Zugespitzt könnte man sagen: Die Frage, ob die Sprache von Gott gegeben, angeboren oder ein Artefakt ist, begleitet die Geistesgeschichte seit dem ersten Wort, das der Mensch sprach – zumindest seit Jean-Jacques Rousseau, Étienne Bonnot de Condillac und Johann Gottfried Herder. Auch Tom Wolfe, der kürzlich verstorbene Schriftsteller, Kritiker und Journalist, hat sich am Ende seines Lebens mit ihr befasst. Der berühmte Vertreter des New Journalism, in Erscheinung getreten mit Essays über Radical Chic, Popkultur und Architektur, mit literarischen Reportagen und Romanen wie Fegefeuer der Eitelkeiten ist nun also unter die Sprachwissenschaftler gegangen?

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Weit gefehlt, denn das in der Mitte seines neunten Lebensjahrzehnts geschriebene Buch Das Königreich der Sprache ist kein linguistisches Sachbuch. Im Grunde geht es ihm nicht einmal um die Sprachursprungsfrage im engeren Sinne. Schon zu Beginn nämlich verkünden „acht schwergewichtige Evolutionsforscher – Linguisten, darunter ein ,Computerlinguist‘, Biologen, Anthropologen, dass sie sich geschlagen geben, das Handtuch warfen, einknickten, kniffen angesichts der Frage, wie Sprache entstand und wie sie funktioniert.“ Namhafte Forscher können also auch im 21. Jahrhundert noch nicht sagen, woraus und wie sich die menschliche Sprache entwickelt hat. Sollen wir es dann von einem amüsant geschrieben Bändchen aus der Feder eines literarischen Journalisten erwarten, der sich in fremden Fachgebietsgewässern aufhält?

Das müssen wir keinesfalls, denn Wolfes Buch ist nicht nur geistreich und dicht geschrieben, witzig und pointiert, wie man es von ihm gewohnt ist, sondern es kreist auch um eine ganz andere Frage, nämlich um die, wie die Wissenschaft zu Erkenntnis gelangt. Dies aber nicht im wissenschaftstheoretischen Sinne à la Karl Popper und Paul Feyerabend; es geht vielmehr um die Eitelkeiten der großen und kleinen Protagonisten, die sich einmal mehr als tierisch witzig, zuweilen aber auch tragisch herausstellen.

512NKJrlIHL._SX309_BO1,204,203,200_Einer dieser Könige im Sprachwissenschaftsbetrieb ist Noam Chomsky, der mit seiner Theorie einer universellen Grammatik behauptet, Sprache greife auf angeborene Strukturen zurück. Wolfe glaubt nun, diese renommierte Theorie aushebeln zu können. Als Kunstgriff führt er einen Gewährsmann ins Feld – Daniel Everett, ursprünglich Missionar, dann Anthropologe, der aus der Erforschung der Sprache von Urvölkern versucht, etwas über den Ursprung der Sprache an sich abzuleiten. Everett besuchte in den 1970er Jahren „das glücklichste Volk der Erde“ in Brasilien, die Pirahã, die sich einer Art „Schwundsprache“ bedienen. Diese sei „deutlich von der charakteristischen Kultur und einzigartigen Lebensweise der Pirahã geformt worden – und nicht von irgendeinem ,Sprachorgan‘, nicht von irgendeiner ,universellen Grammatik‘ oder ‚Tiefenstruktur‘ oder ‚Spracherwerbsvorrichtung‘, die Chomsky zufolge allen Sprachen gemein waren.“ Ein Volk, das in einer Sprache ohne Grammatik spricht – eine Widerlegung der Chomsky’schen Theorie der Universalgrammatik?

Doch wie gesagt: Weniger als um den wahren Ursprung der Sprache geht es um die Gepflogenheiten, Mechanismen, Fallstricke im Wissenschaftsbetrieb – auch hier, wer hätte es gedacht, ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Chomsky nämlich, mit dem Wolfe offenbar noch eine Rechnung offen hatte, habe versucht, Everett mundtot zu machen, um sein Lebenswerk nicht zerstört zu sehen. Der Stoff, aus dem Campus-Romane gemacht sind – vielleicht sogar die Wissenschaft an sich.

Diese Auseinandersetzung wird von Wolfe anekdotenreich und spannend aufbereitet. Die Lektüre ist ein derartiges Vergnügen, dass man bedauert, dass nicht jeder wissenschaftsstreit bisher so bissig und amüsant erzählt wurde. Aber zumindest ein weiterer findet sich bereits bei Wolfe. Neben den Seitenhieben auf Chomsky spielt nämlich eine ganz andere Kontroverse ebenfalls eine große Rolle in Das Königreich der Sprache. Parallel zur David-und-Goliath-Konstellation Everett vs. Chomsky zeichnet Wolfe die Entstehung der Evolutionstheorie nach und versetzt Darwin in die Rolle des übermächtigen Goliath, während sein Zeitgenosse Alfred Russel Wallace der unbekannt gebliebene „eigentliche“ Erfinder der Lehre von der Evolution sei. Zumindest sei er nicht so ein Stubengelehrter wie Darwin gewesen, sondern sei ins Feld gegangen, ein „Fliegenfänger“, dem es um empirisches Material zu tun war. Über Chomsky urteilt Wolfe polemisch: „Er ist niemals outdoors, außer um zum Flughafen zu fahren und von dort zu andern Universitäten zu fliegen, auf dass man ihm die Ehrendoktorwürde verleihe … mehr als neununddreißig nach letzter Zählung.“

Sinngemäß lautet sein Verdikt über Darwin:

Gentlemen wie Darwin betrachteten Fliegenfänger [wie Wallace] nicht als naturforschende Kollegen, sondern als Lieferanten auf der Stufe von Farmern und Cottage-Webern. Allein schon der Gedanke, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, geschweige denn als malaiischer Insektenhändler, reicht aus, um Juckreiz und manisches Kratzen bei einem Gentleman auszulösen.

Wallace und Everett kennt außerhalb ihrer Fachgebiete kein Mensch. Darwin und Chomsky aber sind die großen Stars. Und der Star des literarischen Journalismus Tom Wolfe zeigt, wie es dazu kam – und darüber hinaus, dass nicht Wahrheitsliebe und die peer-reviewte Theorie, sondern persönliches Charisma, gute Vernetzung und Skrupellosigkeit den Wissenschaftskönigen die Festigung ihrer Macht ermöglicht haben. So viel Skrupellosigkeit, dass man sich nicht nur fragen muss: Sind Wissenschaftler auch nur Menschen? Sondern auch: Sind wir Menschen dann doch wieder nur allzu menschliche Tiere?

 

Tom Wolfe: Das Königreich der Sprache.
Übersetzt aus dem Englischen von Yvonne Badal.
Blessing Verlag, München 2017.
224 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783896675880

 

Kritik erstmals erschienen in: Literaturkritik.de

52 Wochen – 52 Bücher

Ich werde ja bald 29, und da habe ich mir gedacht, das nächste Lebensjahr begehe ich, indem ich auf KaiserTV die 52 besten Bücher der Weltliteratur vorstelle – vom Gilgamesh-Epos bis zu „Unter …“ ääääh bis zu Daniel Kehlmann oder so. Jede Woche eins. 
„Das ist ja alles schön und gut“, mögt ihr sagen, „aber was habe ich damit zu tun?“ … Und das ist der Moment, wo IHR ins Spiel kommt: Ihr dürft Bücher nicht nur vorschlagen, sondern auch Sendungen sponsern!  

Für jede Spende wird euer Name, euer Unternehmen, euer Buch, euer Blog, euer Produkt oder Projekt an prominenter Stelle erwähnt und angepriesen. Zudem wird es im Goldenen Buch der Guten Taten (GBGT) bei einem höchsten Wesen eurer Wahl festgehalten. 


Ab 10 €  seid ihr dabei. Alle Spenden gehen, wie immer, zu  % an die Valerian Literaturstiftung für Kinder und Jugendliche in Berlin. 

 

Spenden und einen Roman vorschlagen könnt ihr hier!

Aus der Geschichte der Trennungen – Jeffrey Eugenides’ Roman/Epos „Middlesex“

Zwischen Geschlecht und Charakter – Jeffrey Eugenides’ Roman/Epos „Middlesex“

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Auch wenn ich die Werbestrategie des Rowohlt-Verlages, die dem „unaussprechlichen“ Nachnamen des Autors [ju:’dʒenidəs] die Unvergesslichkeit seines neuesten Werkes [‚midlseks] gegenüber stellt, nicht ganz nachvollziehen kann (es gibt wohl weit zungenbrecherischere Autorennamen als diesen – man denke nur an Stanisław Przybyszewski oder Teixeira de Pascoais), so gebe ich doch zu, dass sich in diesem Namen Belangvolles offenbart: Da trägt nun (so ironischerweise, wie der Protagonist des Gen-Thrillers „Gattaca“ Eugene heißt) der Autor eines (Pseudo-)Hermaphroditenromans den Namen Eugenides, also (ebenso frei wie gewagt übersetzt): „der von einem guten Gen Abstammende“.

Was hier mittels Klammer und Strich von dem Hauptwort abgetrennt wurde, das Präfixoid „Pseudo“, bezieht sich zum einen auf den ersten Wortteil, da es sich bei dem Helden und Erzähler nicht im eigentlichen Wortsinn um einen Hermaphroditen handelt, sondern um einen Mann, dessen primäre Geschlechtsmerkmale denen einer Frau gleichen. Zum anderen ist es auch kein wirklicher Hermaphroditenroman, den Eugenides nach seiner zehnjährigen Arbeit an „Middlesex“, nach seiner Odyssee durch gender-trouble, Genetik und griechisch-amerikanisch-deutsche Geschichte vorgelegt hat. Denn es geht nicht oder nur vordergründig um die Probleme, die ein Hermaphrodit in einer/unserer Gesellschaft hat. Ob es vielleicht nicht einmal ein Roman ist, sondern überhaupt eher ein Pseudo-Roman, ist eine schwierige, aber nebensächliche Frage. Ein postmodernes Epos? Zumindest aufgrund einiger grundlegende Charakteristika wie die „Gestaltung umfassender zeitlicher, biographischer und weltanschaulich-philosophischer Zusammenhänge“, eine „auf die langsame Entfaltung der Fabel gerichtete Erzählweise, breite Schilderungen und ein ruhiger, gemessener Vortrag“ (Volker Meid) kann sich „Middlesex“ mit seinen homerischen Vorgängern und –bildern vergleichen lassen. Roman oder Epos – vielleicht ein Zwitter aus beidem.

Umfassende zeitliche Zusammenhänge: 1922, die „kleinasiatische Katastrophe“, die Türken unter Atatürk erobern Smyrna, ermorden 25.000 Griechen. 200.000 Menschen werden vertrieben, darunter auch die Geschwister Desdemona und Eleutherios „Lefty“ Stephanides, die Großeltern des vierzig Jahre später geborenen Ich-Erzählers. Das Schiff nach Amerika, auf dem die Bruder und Schwester die Seiden- gegen die Inzucht austauschen. Dann (im Zeitraffer hier, was dort mehrere hundert Seiten füllt) die „Einbürgerung“ in die amerikanische Gesellschaft, Prohibition, Zweiter Weltkrieg, die race riots von Detroit, Vietnam, Watergate, die Zypern-Krise.

Biographische Zusammenhänge: Der auch pränatal schon allwissende Erzähler Cal Stephanides kommt 1960 in Detroit als Junge, aber aufgrund eines 5-alpha-Reduktase-Mangelsyndroms mit weiblich aussehenden Geschlechtsorganen zur Welt. Dank des altersweitsichtigen Arztes bleibt die eigentliche Identität unentdeckt und Cal wird als Mädchen („Calliope“, die Muse der ernsten Poesie!) erzogen, bis er/sie im Alter von vierzehn Jahren „als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan“ ein zweites Mal geboren wird. Später wird Cal als Diplomat in Berlin leben, wo er seine und seiner Vorfahren Erinnerungen niederschreibt.

Weltanschaulich-philosophische Zusammenhänge: Mythologische Anspielungen (wie Teiresias, der blinde Seher, den Calliope auf einer Schulaufführung spielt, war Cal „erst das eine, dann das andere“; Homer, Platon, Ovid etc.), gender-Problematik, Men’s Studies, die Macht der Gene und der Genetik, postmodernes Erzählen. Das ist viel für ein einzelnes Buch, auch für 734 Seiten, und eine derart breite Palette an „Diskursen“ wurde schon weit ungeschickter mit dem plot der Geschichte verbunden. Manchmal schimmert das Geschichtslexikon oder der fachwissenschaftliche Artikel unter den Seiten von „Middlesex“ noch durch, aber der Erzähler, vielleicht gar der Autor, scheint das zu ahnen und sich nicht daran zu stören. Dann kehrt er „die Werkstatt“ geradezu heraus, ohne jedoch allzu angestrengt postmodern zu wirken. Wenn er beispielsweise vom Weihnachtsmann und Rentier der Zwanziger Jahre erzählt, führt er Angelesenes zur Erläuterung an: „Rudolph gab es da noch nicht, daher hat das Rentier eine schwarze Nase.“ An anderen Stellen wiederum zitiert er geschichtswissenschaftliche Aufsätze, als könnte er his story und history nur mittels solcher Tricks in glaubwürdige Verbindung bringen. Wie Cal selber zugibt: „Das kleinste Bröckchen Wahrheit ließ die größten Lügen glaubhaft werden.“

Überhaupt die Glaubwürdigkeit. „Was soll ein Roman?“ hat Fontane einmal gefragt und geantwortet: „Er soll uns, unter Vermeidung alles Übertriebenen und Hässlichen, eine Geschichte erzählen, an die wir glauben.“ Und so tut der Erzähler sein Bestes, die zahlreichen Episoden, die zu seiner Geburt führen, so zu schildern, dass der Leser von ihrer Plausibilität überzeugt sein kann. Tristram-Shandy-esk kommt er vor lauter Hinführung erst nach der Hälfte des Buches zu dem, wohin die Episoden führen sollten, und es scheint bisweilen, als werde das alles nur erzählt, um klar zu machen, dass es eigentlich viel zu wenig (bis auf das durch Inzucht mutierte Gen) mit dem zu tun hat, was es erklären will. Aber, mit Jean Paul gesprochen, die Episode ist im epischen Roman kaum Episode, da er das Leben episodisch nimmt. Da Calliope für Cal eine, wenn auch nicht unbedeutende Episode ist.

Man darf das im deutschen Sprachraum von Gegenwartsliteratur kaum noch uneingeschränkt behaupten, aber „Middlesex“ mit seinen detaillierten und lebensnah wirkenden Geschichtsszenen, seiner ungeheuren Einfühlungskraft in das disparate Personal des Romans und mit seinen voller Sympathie für die Heldin/den Helden entworfenen Entwicklungsepisoden ist sicher so etwas wie ein Bildungsroman. Es geht um die Bildung des „Geschlechts“, und doch wieder nicht. Die Geschichte des Romans kommt gewissermaßen darauf hinaus, wie Musil sagt, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird. Cals pränatale Vergangenheit, sein Aufwachsen in einer upper-middle-class-Familie griechisch-amerikanischen Zuschnitts, seine Identität als (scheinbar) spätpubertierendes Mädchen, das vergeblich auf die Menarche wartet und sich in (scheinbar) andere Mädchen verliebt, seine ganze Lebensgeschichte gleicht zuweilen mehr einer Familienaufstellung, einer interessanten therapeutischen Sitzung, einem „mutigen Befreiungsakt“, wie der Erzähler zugibt.

Nach Auskunft des Autors hat es ihn größte Mühe gekostet, eine Erzählstimme zu finden, die gleichzeitig „weiblich“ und „männlich“ ist. Es ist ihm nicht gelungen, aber er hat damit deutlich gemacht, dass es vielleicht gar nicht möglich ist. Gleichwohl ist es erstaunlich, wie „einfühlsam“ der „männliche“ Erzähler von seiner „weiblichen“ Vergangenheit erzählt. Als Kind wirkte er auf Eltern, Freundinnen und Jungen weiblich, ohne dass jedoch das eintrat, was ihm seine Identität als „Frau“ bestätigt hätte. In der Gegenwartsebene des Romans flaniert der Vierzigjährige durch Berlin, trägt handgefertigte Schuhe und lässt seinen männlichen Habitus auf das andere Geschlecht wirken, ohne dass er jedoch das, was ihn gemeinhin als „Mann“ ausweisen würde, vollführen kann. Es bleibt bei „unvollständigen Verführungen“.

Der Roman „Middlesex“, die Metapher bietet sich an, ist sicher auf eine ganz spezielle Weise ein Zwitterwesen. Seine Erzählhaltung schwankt zwischen „Tolstoj und Pynchon“, wie Eugenides sagt. Er entscheidet sich nicht zwischen (Immigranten-)Familienroman und (Hermaphroditen-)Bildungsroman. Er entscheidet sich nicht zwischen männlichem und weiblichem Helden, zwischen der Macht der Gene und der des Milieus, zwischen „Geschlecht und Charakter“. Diese Unentschiedenheit, dieser vergebliche Wille, alle binären Trennungen hinter sich zu lassen, machen die Stärke und die Einzigartigkeit von Eugenides’ Werk aus. Denn Trennungen gibt es in Cals Welt (es handelt sich schließlich um das 20. Jahrhundert) eine ganze Menge, angefangen beim griechisch-türkischen Konflikt über „die geteilte Stadt“ Berlin-Ost-West, Mann-Frau, Calliope-Cal, und noch lange nicht endend wiederum beim griechisch-türkischen Konflikt der Zypern-Krise. An diesen Trennungen schreibt Cal seine Geschichte entlang, die er als „Kampf um Vereinigung, um Einheit“ begreift. Über Berlin schreibt er: „Diese einst geteilte Stadt erinnert mich an mich.“

Jeffrey Eugenides scheint tatsächlich aus einem guten Genpool zu stammen, demselben vielleicht, dem auch so verschiedene Schriftsteller wie Saul Bellow, Philip Roth oder Jonathan Franzen ihre erzählerische Leistungskraft zu verdanken haben. Man muss schon staunen, wie es dem Autor gelingt, die einzelnen „Ungeheuerlichkeiten“ so zu erzählen, dass sie alles andere als „pervers“ wirken. Schon Desdemonas und Eleutherios’ Liebe zueinander wird so eindringlich und mitfühlend geschildert, dass man sie für das Natürlichste auf der Welt hält. Denn auch darum geht es in „Middlesex“: um Natürlichkeit, Normalität, Wahrhaftigkeit. Das Mädchen Calliope kommt dem Leser nach mehreren hundert Seiten in all ihrer Abnormalität gewöhnlicher und unaufregender, mithin normaler vor, als viele anderen Figuren des Romans. Und das ist nicht das geringste Verdienst dieses auf seine Art unvergesslichen Romans.

 

 

Jeffrey Eugenides: Middlesex. Roman.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003.

735 Seiten, 24,90 EUR.

ISBN 3498016709

 

 

Inventing Philip Roth

Das aktuelle Heft der Zeitschrift „DU“ beschäftigt sich mit dem amerikanischen Starautor.

 (Dieser Text erschien zuerst in Jüdische Allgemeine, Nr. 22, 2003)

 

Aus der Schweiz kommt viel Gescheits, heißt es, und als Beispiel wäre das Kultur-Magazin „DU“ zu nennen, das Monat für Monat aufs Neue den Kampf gegen Verdummung und Seichtheit aufnimmt, mit Beiträgen gleichbleibend hoher Qualität, in schmissigem Gewand und mit den vielfältigsten Themen von Almodóvar über Eiscreme bis zu – Philip Roth. Thema des Monats Oktober nämlich ist der 70-jährige amerikanische Schriftsteller, Pulitzerpreisträger und „National Book Award“-Gewinner, Verfasser von Bestsellern wie „Portnoys Beschwerden“ oder dem kürzlich verfilmten Roman „Der menschliche Makel“.Hans-Heinrich-Verl-Tamedia-AG-Brunold-Coninx+Du-740-Philip-Roth-Amerika-erfinden-Zweisprachige

Mit diesen dürftigen Angaben ist die Person, besser gesagt das Phänomen „Philip Roth“, natürlich nur unzulänglich umschrieben. Eine bessere, feinsinnigere, gedankenreiche und tiefgründige Analyse des Menschen und des Werkes versuchen die zehn Beitragenden des neuen „DU“-Heftes, das den treffenden Titel „Philip Roth. Amerika erfinden.“ trägt und, „als Ausdruck der Unzertrennlichkeit kontinentaler und transatlantischer Literatur“, durchweg als zweisprachige Ausgabe daherkommt. Die hier versammelten Hommagen sind vom Ansatz her äußerst vielförmig und haben miteinander wohl nur den hohen Respekt vor ihrem Gegenstand und die Einsicht gemein, Person und Werk niemals ganz ergründen zu wollen. Unter den Verfassern finden sich namhafte Autoren wie Saul Bellow, Marcel Reich-Ranicki oder Jeffrey Eugenides, wobei die deutsch-amerikanische Zweisamkeit durch die Essays des tschechischen Publizisten Antonín J. Liehm sowie des israelischen Romanciers Yitzhak Laor unterbrochen wird. Laor etwa geht der Frage nach, warum die Bücher des Weltstars Roth im israelischen Literaturbetrieb eines so marginale Rolle spielen, und stellt anlässlich des Israel-Romans „Operation Shylock“ die Vermutung an, dass, wenn man als Jude über eine Gegenwart schreibe, die nicht von Antisemitismus, Gewalterfahrung und dem „Weg nach Jerusalem“ geprägt sei, ein israelisches Publikum dies eher als bedrohlich empfinde.

Auch die anderen Beiträge beschäftigen sich ausführlich mit den verschiedenartigen Wirkungen, die die Lektüre von Roths Romanen nach sich zieht. In einer bekenntnisartigen Selbstanalyse bezeichnet Jeffrey Eugenides seinen älteren Kollegen als „Juden von Newark“, der ihn vom Saulus zum Paulus gemacht habe. Überhaupt das Judentum: Roths große Themen, schreibt Reich-Ranicki, seien die Liebe, die Literatur und die Juden (wobei Roths Kunst darin liegt, diese drei Themen immer wieder miteinander zu vermischen). „In ihm erkennen wir uns alle wieder!“, lautet der Titel des kleinen Aufsatzes, und es ist nicht ganz klar, auf wen sich dieses „uns“ bezieht, wenn Reich-Ranicki auch zugibt, man brauche „nicht mit dem Judentum geschlagen zu sein, um sich in Roths Figuren wiederzuerkennen.“

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Philip Roth

Die feministische Kritik an dem „obszönen und frauenfeindlichen Sexisten“ Roth kommt in dem komplett von Männern verfassten „DU“-Heft kaum zur Sprache, dafür umso mehr die Auseinandersetzung mit dem Jüdischsein sowie die Bestandsaufnahme der amerikanischen Geschichte und Gegenwart. Im Editorial wird Roth sogar als raffinierter Antisemit bezeichnet, der mit seinen niederträchtig gezeichneten, sexbesessenen Juden die gängigen Vorurteile untermaure. Roths deutscher Verleger Michael Krüger hingegen beschreibt seinen Autor als „Historiker einer Gefühlswelt“, der die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft exakt beobachte und mit Hilfe des Schreibens zu begreifen versucht.

Die Lektüre des Roth-Heftes von „DU“ ist durchweg anregend und ergötzlich. Die exzellenten Photographien von Lars Tunbjørk und Olaf Becker, zum Teil aber auch aus Roths Familienalbum, tragen das Ihre dazu bei. Diese Bilder zeigen den Autor aus einer recht ungewöhnlichen, fast „lebensnahen“ Perspektive. Dennoch bleibt es wohl am Ende bei der Feststellung Yitzhak Laors: Roths Werk „ist zu umfangreich, als dass man auch nur eine vorläufige Arbeitshypothese aufstellen könnte.“

Philip Roth. Amerika erfinden. Zweisprachige Ausgabe.

„Du“-Heft Nr.  740, Zürich 2003, 114 Seiten, 11 Euro.