Geschichten erzählen – Ursula K. Le Guin

Nach Nahrung, Schutz und Kameradschaft sind es Geschichten, die wir am meisten auf der Welt brauchen.

– Philip Pullman

Wozu Kunst? Wozu Literatur? Wozu Geschichten erzählen?

Kunst stört uns, Kunst weckt uns. Kunst holt uns aus unseren Routinen heraus. Geschichten zeigen uns eine andere Welt als die, die vor unseren Augen liegt. Sie  weiten unsere Perspektive, unsere Sicht auf das Leben, unsere Fähigkeit, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und unser Verständnis von Schönheit.

ursula-k-le-guinAuf brainpickings.com findet sich ein Artikel, der die Ansichten der vor kurzem gestorbenen Schriftstellerin Ursula K. Le Guin (21. Oktober 1929 – 22. Januar 2018) zusammenfasst. In einem Interview mit dem Umweltschützer Jonathan White  spricht sie über die Rolle der Kunst in unserem Leben:

Die alltägliche Routine der meisten Erwachsenen ist so schwer und künstlich, dass wir von einem Großteil der Welt getrennt sind. Wir müssen dies tun, um unsere Arbeit zu erledigen. Ich denke, ein Zweck der Kunst ist es, uns aus diesen Routinen herauszuholen. Wenn wir Musik oder Poesie oder Geschichten hören, öffnet sich die Welt wieder. Wir sind hineingezogen – oder heraus – und die Fenster unserer Wahrnehmung sind gereinigt, wie William Blake gesagt hat. Das Gleiche kann passieren, wenn wir in der Nähe von kleinen Kindern sind oder von Erwachsenen, die diese Gewohnheit, die Welt zu auszusperren, wieder verlernt haben.

Kunst gibt uns in unserer säkularen Kultur die Möglichkeit, das Gefühl der Heiligkeit und der Moral wiederherzustellen:

Unsere Kultur hält das Geschichtenerzählen nicht für heilig; wir reservieren dafür keine Zeit während des Jahres. Wir halten nichts für heilig außer dem, was die organisierte Religion dafür erklärt. Künstler folgen einem heiligen Ruf, obwohl dagegen wären, wenn man ihre Arbeit so bezeichnen würde. Künstler haben das Glück, eine Form zu haben, in der sie sich ausdrücken können; das hat eine Heiligkeit an sich und ein großartiges Verantwortungsgefühl. Wir müssen es richtig machen. Warum müssen wir es richtig machen? Denn das ist der springende Punkt: entweder ist es richtig oder es ist alles falsch.

LeGuin-750Le Guin – die die letzten fünfundsechzig Jahre ihres Lebens mit einem Historiker verheiratet war – sieht eine Lücke zwischen den Ereignissen der Vergangenheit und ihrer selektiven Nacherzählung, die wir Historie nennen:

Geschichte ist eine Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, genau wie der Mythos, Fiktion oder mündliches Erzählen. Aber in den letzten hundert Jahren hat die Geschichtemit ihrem Anspruch auf absolute, objektive Wahrheit die anderen Formen des Geschichtenerzählens verdrängt. Wissenschaftler wollten Historiker sein, Historiker standen außerhalb der Geschichte und erzählten, wie es war. All das hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal verändert. Historiker lachen jetzt über den Schein der objektiven Wahrheit. Sie sind sich einig, dass jedes Zeitalter seine eigene Geschichte hat, und wenn es eine objektive Wahrheit gibt, können wir es nicht mit Worten erreichen. Geschichte ist keine Wissenschaft, es ist eine Kunst.

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Ursula K. Le Guin

Paradox ist, dass Worte sowohl unser Werkzeug sind, Wahrheit zu erkennen, als auch eine Waffe der Verzerrung und Propaganda. Unsere Vorstellung von Geschichte ist stark in der schriftlichen Aufzeichnung verwurzelt ist – in ihr ergeben sich die Möglichkeiten, offenzulegen und zu verbergen, was wahr ist. Dies ist eine Dualität von Sprache, die Hannah Arendt in ihrem Essay über Wahrheit und Lüge in der Politik einprägsam untersucht hat. Le Guin hat diesen Doppelcharakter von Sprache und Worten einmal auf die Kunst an sich bezogen:

„Ich spreche von den Göttern, ich bin Atheistin. Aber ich bin auch eine Künstlerin und deshalb eine Lügnerin. Mißtraue allem, was ich sage. Ich sage die Wahrheit.“

Im Interview überlegt sie, vor welcher Herausforderungen und welcher Verantwortung nun diejenigen stehen, deren Aufgabe es ist, die Realität in Worte fassen:

Wer Schriftsteller ist, will, dass die Sprache wirklich bedeutsam ist und genau das bedeutet, was sie sagt. Deshalb muss die Sprache der Politiker, die von allem, nur nicht von brutalen Zeichen frei ist, etwas sein, von dem sich ein Autor so weit wie möglich entfernt. Wenn Sie glauben, dass Worte Taten sind, wie ich es tue, dann müssen Autoren dafür verantwortlich gemacht werden, was ihre Worte tun.

Sprache formt unser Denken – auch das hat Vor- und Nachteile. Und so ist sie auch ein Hebel, um die Gesellschaft zu verändern. Le Guin fügt hinzu:

Wir können unsere Gesellschaft nicht umstrukturieren, ohne die englische Sprache neu zu strukturieren. Eins spiegelt das andere wider. Viele Leute haben genug von dem riesigen Reich von Metaphern, die mit Krieg und Konflikt zu tun haben [und] der Verbreitung von Kampfmetaphern, wie zum Beispiel „ein Krieger zu sein“, „sich aufzurichten“, „zu besiegen“ und so weiter. Als Reaktion darauf könnte ich sagen, dass, sobald man sich dieser Kampfmetaphern bewusst wird, man anfangen kann, gegen sie zu kämpfen. Das ist eine Option. Ein anderer besteht darin, zu erkennen, dass ein Konflikt nicht die einzige menschliche Reaktion auf eine Situation ist und dass er beginnt, andere Metaphern zu finden, wie „Widerstand“, „Überlisten“, „Überspringen“ oder „Untergraben“. Diese Art von Bewusstsein kann die Tür zu allen möglichen neuen Verhaltensweisen öffnen.

Die Literatur, so Le Guin, erweitert das Verständnis unserer eigenen Erfahrung, indem wir bereichern, was sie an Sprachmöglichkeiten zur Verfügung stellt:

Eine der Funktionen von Kunst ist es, den Menschen die Worte zu geben, ihre eigene Erfahrung zu erfahren. In jeder Kultur gibt es immer Gebiete mit großer Stille, und ein Teil der Arbeit eines Künstlers besteht darin, in diese Bereiche zu gehen und dann aus der Stille herauszukommen und etwas zu sagen zu haben. Es ist ein Grund, warum wir Poesie lesen, weil Dichter uns die Wörter geben können, die wir brauchen. Wenn wir gute Poesie lesen, sagen wir oft: „Ja, das ist es. So fühle ich mich.‘

Der Schrifsteller James Baldwin sagte einmal, dass „ein Künstler eine Art emotionaler oder spiritueller Historiker ist, dessen Rolle es ist, uns den Fluch und den Ruhm erkennen zu lassen, der darin liegt, zu erkennen, wer und was man ist.“ Le Guin bezieht dies nun auf das Erzählen von Geschichten:

Geschichten zu erzählen ist ein Werkzeug, um zu herauszubekommen, wer wir sind und was wir wollen. Wenn wir nicht entdecken, dass unsere Erfahrungen in Gedichten und Geschichten beschrieben sind, dann gehen wir davon aus, dass unsere Erfahrungen unbedeutend sind.

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Quelle: https://www.brainpickings.org/2018/01/30/ursula-k-le-guin-walking-on-the-water/

Irene Dische: „Schwarz und Weiß“ – Gerd Sonntags Buch des Jahres

„Schwarz und Weiß“ ist die ultimative Liebesgeschichte, und so schön beginnt sie: die hyperintelligente Lili aus Upper West Side trifft den blauäugigen Farbigen Duke aus Florida –, das perfekte amerikanische Paar am dafür geeignetsten Ort und zu gegebener Zeit: nämlich in den frühen 70er Jahren in New York, als es in linksliberalen intellektuellen Kreisen chic wurde, wider den obsoleten Rassenhass zu interagieren.

81Hulb3hWVLDoch den Roman eine Liebesgeschichte zu nennen, ist schon eine ziemlich zynische, wenn nicht gar dreiste Behauptung: Denn was Irene Dische ihren geneigten Lesern auf den folgenden fast 500 von Bosheit triefenden Seiten anrichtet und zumutet, ist nicht weniger als die Vivisektion des amerikanischen Alptraums, und zwar im schmerzhaften Längsschnitt von Norden nach Süden, von New York bis ins disparate rassistische Florida, als würde ein verschmitzt lächelnder Woody Allen auf der Höhe seiner Schaffenskraft seine blutigen Reißzähne zeigen und eine gespaltene Zunge.

„Schwarz und Weiß“ ist ein hoffnungslos nihilistischer Roman; keine liberale politische Idee, keine menschliche Beziehung hält den Egoismen der Beteiligten stand. Irene Dische hat eine brillante Satire geschrieben, die den Leser mitten in das leere Herz einer Nation führt. Und doch ist es ein höchst vergnüglicher und unterhaltsamer Roman, wenn man die nötige Distanz wahrt.

Was diesbezüglich die unauslöschbare, grenzenlose Liebe zwischen Lili und ihrem treuen Duke angeht – wie sagt Mephistopheles so treffend über Lilith: „Adams erste Frau. / Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt. / Wenn sie damit den jungen Mann erlangt, / So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Irene Dische: Schwarz und WeißWas mich betrifft, so erschien mir im fortschreitenden Verlauf der Lektüre die beste Lösung für die faszinierend schöne Protagonistin zu sein: ein halber Liter Superbenzin unter Zuhilfenahme eines Zippos.

Gerd Sonntag

 

 

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman

Hoffmann und Campe, 2017.

488 Seiten

Paul Auster: 4 3 2 1.

„Wir schreiben um das Leben zweimal zu schmecken, im Augenblick und im Rückblick“, heißt es bei Anaïs Nin. Beim Lesen gilt das Gleiche – wir verdoppeln unser Leben, schmecken es zweimal, und haben zudem Teil an mannigfachen anderen Leben und Geschichten. Paul Auster scheint selbst das nicht gereicht zu haben: Gleich vier mal schreibt er ein Leben auf, das seins ist und doch nicht ist. Archibald Ferguson, der Held in Austers neuem Roman „4 3 2 1“, ist biografisch so eng an das angelehnt, was wir über den realen Paul Auster zu wissen meinen, dass der kundige Auster-Fans nicht anders kann, als zu rätseln, was an den vielen hier erzählten Episoden nun reine Fiktion ist und was auf der Wirklichkeit beruht.

Es ist die Geschichte eines jungen Amerikaners in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – aber nicht einmal, sondern gleich viermal erzählt. Die Ferguson-Variationen sozusagen.

Für uns ist es ja deswegen schwer, Entscheidungen zu treffen im Leben, weil wir damit andere Wege nicht gehen, andere Möglichkeiten ausschließen, andere Leben nicht leben. Stattdessen warten wir lieber mit einer Entscheidung und merken nicht, dass auch dieses Warten schon eine Entscheidung ist. Beim Schreiben ist es genauso, vielleicht sogar unterm Brennglas verschärft: Schreibblockaden treten auf, weil sich der oder die Schreibende nicht traut, die anderen Leben und Möglichkeiten zu verwerfen. Von den tausend Ideen im Kopf soll man sich nun für eine, nur eine entscheiden? Warum gerade die? Warum nicht diese oder jene? Man fühlt sich wie eine Hebamme, die bei der Geburt von Vierlingen entscheiden müsste, welches Kind leben soll!

Paul Auster hat es sich, angesichts solch existenzieller Entscheidungen, mit denen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller konfrontiert sehen, diesmal leichter gemacht. Auch wenn man das angesichts eines solchen Schwergewichts, 1250 Seiten dick, nicht unironisch sagen kann. Leicht ist es nicht. 4 3 2 1 ist ein Epos voller Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und immer wieder dem Zufalls. Aber Paul Auster hat sich eben bei der Frage, welchen Archie Ferguson er denn nun zum Leben verhelfen soll, dafür entschieden, allen Vierlingen eine Chance zu geben.

Archibald Ferguson wächst im Newark der fünfziger Jahre auf. Auf der nicht so glorreichen Seite des Hudson River. Dann die vier Ausfertigungen. Alle Archies sind einander recht ähnlich. Die Unterschiede: der eine provinziell und bescheiden; der nächste kämpferisch und vom Unglück verfolgt; dann wieder politisch aktiv und ergriffen von den Zeitläuften; der letzte künstlerisch begabt. Die Orte: New Jersey, die Columbia University, Paris. Die Gemeinsamkeiten sind seine osteuropäisch-jüdische Herkunft, die Frau, der er immer wieder verfällt, seine Liebe zum Schreiben, zum Kino und zum Baseball und nicht zuletzt sein ganzes poetisch-innerliches Seelenleben.

Um ein anderes Bild zu bemühen: Wie bei einem zu vererbenden Ring hat Auster hier gleich vier Versionen angefertigt, ohne je zu verraten, welche denn das Original ist. Was ist echt, was ist nur Variante und Abklatsch? Diese Frage kommt bei der Lektüre nicht auf. Die vier Archies sind gleichberechtigt, auch wenn einer von ihnen schon recht bald stirbt und es dann 1000 Seiten ohne ihn weitergeht. Er war eben eine Möglichkeit, wie ein Leben hätte verlaufen können. Und auch der Tod ist eine Möglichkeit im Leben.

„Verlaufen können“ – nicht „gelebt werden können“. Das Erstaunliche bei Austers Schreiben ist nämlich die Verherrlichung des Zufalls. Nicht erst seit „4 3 2 1“, sondern spätestens seit dem Roman „Musik des Zufalls“ von 1990. Es geht nicht um die Freiheit, den Willen, die Entscheidungen, die man selbstbestimmt im Leben trifft. Die Menschen leben ihre Leben nicht aktiv, führen sie nicht, sondern ihre Leben verlaufen in einem bestimmten Muster – das wiederum ganz anders hätte sein können, das im Grunde kontingent ist. Auster ist darin ganz und gar unamerikanisch – aber auch jenseits von jedem Sartre’schen Existenzialismus, in dem der Mensch sich seine Umstände, damit seine Existenz, selbst schafft.

So handelt es sich bei den verschiedenen Varianten von Archie Fergusons Leben nicht um Fragen wie: Was wäre gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Es ist nicht die berühmte „Road not Taken“ von Robert Frost. Sondern: Was wäre gewesen, wenn damals irgendetwas anders gelaufen wäre? Wenn die Würfel anders gefallen, mein Vater reich gewesen wäre und so weiter. Archie entscheidet im Grunde genommen nichts Entscheidendes. Er wird gelebt und wir sehen ihm dabei zu.

Paul_Auster_in_New_York_City_2008„4 3 2 1“ ist Austers Lebenswerk im wahrsten Sinne des Wortes: weil es sein dickstes Buch ist, sein aufwändigstes, das, in dem es nicht nur um sein gelebtes Leben, sondern auch um seine nicht gelebten Leben geht, und eines, das sich überhaupt die Frage stellt, wie ein nur Augenblicke währender Zufall über ein ganzes Leben entscheiden kann. Die Macht des Zufalls eben. „Kein Sieger glaubt an den Zufall“, sagt Friedrich Nietzsche, aber der Romanheld ist ja kein Sieger, kein Willensmensch, sondern einer, der vom Leben (und seinen Gefühlen) hin und her geworfen wird. Und Paul Auster ist einer, der im Alter auf dieses Leben zurückblickt und es im Rückblick zu verstehen versucht. Wir Lesende sind wiederum solche, die Auster beim Rückblicken zusehen und uns fragen, welche Winke des Zufall uns dorthin haben gehen lassen, wo wir jetzt sind.

Das Seltsame mit dem Gewöhnlichen zu verbinden, die Welt so genau beobachten wie ein in der Wolle gewaschener Realist, und doch eine Form zu finden, mit der die Wirklichkeit durch eine andere, leicht verzerrende Linse zu sehen ist – das war es, was Ferguson anstrebte.

Paul Austers Roman ist so ein leicht verzerrter realistischer Roman, dazu ein Bildungsroman, eine Coming-of-age-Geschichte, die die Zeit der 60er Jahre in New York als Folie benutzt, um uns die Hoffnungen und Nöte einer ganzen Generation zu verdeutlichen. Die Bürgerrechtsbewegung, die Studentenproteste von 1968, Vietnam. Denn wenn das die Kindheit und Jugend Amerikas war, können wir vielleicht besser verstehen, in welche Midlife Crisis es in der Zwischenzeit geraten ist. Übrigens: Im Alter von 70 Jahren einen Coming-of-Age-Roman zu schreiben, der nicht total altväterlich ist und dem eigenen Fühlen als junger Mensch, seinen Sehnsüchten und (sexuellen) Begierden immer noch nah, das muss Auster erstmal einer nachmachen .

Ich ist doch kein anderer?

Bleibt die Frage, was wir mit dem Experiment anfangen sollen. Denn das Rätsel ist ja: Wenn der Zufall so über unser Leben bestimmt – wer sind dann wir noch? Ein Spielball des Schicksals? Ein Würfelwurf? Ich ist ein anderer? Nur niemals wir selbst?

Zwar macht es einen Unterschied, ob Archie vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder in New York lebt, in der Upperclass oder prekär. Aber im Grunde, verändert sich der Archie nicht, dem wir begegnen. Sein Charakter bleibt derselbe.

Und das ist schon wirklich seltsam: Wenn der Zufall über alles bestimmt, wie kann es dann noch etwas so Festes wie eine Seele geben, die sich irgendwie treu bleibt?

Treu bleiben die vier Archies nämlich einem gewissen Typus. Es ist noch immer und immer wieder die typische Paul-Auster-Figur, die wir seit „Mond über Manhattan“ kennen und lieben. Es wird hier eine unzerstörbare Identität der Person behauptet. Archie bleibt Individuum, bei allen Spaltungsversuchen unteilbar. Und seine Einheit, ganz unpostmodern, ja fast klassisch, spiegelt sich auch im Stil wieder. Die verschiedenen Leben werden nicht verschieden erzählt. Es ist immer ein und derselbe olympische Erzähler, distanziert auktorial wie bei Dickens, der die Einheit auf einer höheren, der narrativen Ebene herstellt.

Die Sprachmelodie bleibt gleich, eine oft wunderschöner, suggestiver, klingender Ton. Sätze, die über mehrere Seiten gehen. Die Erzählhaltung bleibt gleich, die Ernsthaftigkeit, der konzentrierte, liebevolle Blick auf sein Sujet. Sein Lieblingskind. Der Roman sollte sogar den Titel „Ferguson“ tragen, aber dann kam Auster die Gegenwart dazwischen und der Ort Ferguson weckt heute andere Assoziationen.

 

Es ist im Grunde also konventionelles Erzählen, dass jegliche ironische Brechung und modern-postmoderne Spiegelfechterei verweigert. Chronologisch ist es und stellt das Geschehen innerhalb der jeweiligen Version als geradezu notwendig dar. So musste es kommen, so und nicht anders. Darin verweigert sich der Roman allerdings auch seiner eigenen philosophischen Grundannahme, dass der Mensch nämlich zufällig sei wie der Wurf eines Würfels.buch1502_v-panorama

Das ist auf einer literaturtheoretischen Weise schizophren. Alles ist Zufall, alles ist willkürlich aber das Erzählen ist notwendig. Doch das tut dem Genuss beim Lesen keinen Abbruch, im Gegenteil. Schreiben, sagt E. L. Doctorow, ist eine sozial akzeptierte Form von Schizophrenie, und Auster macht es uns hier ein weiteres Mal vor, wie man sich in drei, vier oder fünf Menschen teilen kann, ohne verrückt zu werden. Mehr noch: „4 3 2 1“ zeigt, wie die künstlerische Schizophrenie Voraussetzung dafür ist, die Freude am Fabulieren einmal richtig ausleben zu können.

 

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman.

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017.

 

 

 

Martin Amis: „Interessengebiet“

Es gibt Werke, die aufklären, und solche, die verdunkeln. Es gibt Werke, die Nähe ermöglichen, und solche, die Distanz schaffen. Martin Amis’ neuer Roman „Interessengebiet“ bringt sicherlich kein Licht ins Dunkel und auch Nähe zu seinen Figuren und den Ereignissen will er kaum zulassen. Angesichts seines Settings – das KZ Auschwitz, 1942ff. – garantiert das fast schon seine Lesbarkeit. Denn ein literarisches Werk, das mit dem Anspruch daherkäme, über Zweck, Gründe und Hintergründe des Holocaust aufzuklären, wäre wohl schon von der ersten Seite an zum Scheitern verurteilt. Die Frage nach dem Warum trotzdem immer neu zu stellen und immer neu vor der Aporie zu stehen, die die Vergangenheit uns aufgegeben hat, ist schon Aufgabe genug. Sich den einfachen Antworten und Erklärungen zu verweigern, ebenso.
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Martin Amis: Interessengebiet. Kein & Aber 2015.
Aber wie ist es mit der Nähe? Können wir guten Gewissens einen Roman lesen, der uns Identifikation in das Unerklärliche bieten will? Der Einfühlungsvermögen da bemüht, wo das Einfühlen schon an der Grenze zum moralisch Verwerflichen wäre? Auch dies kann und will der neue Amis nicht gewährleisten. Da ist es nur konsequent, wenn wir mit den Protagonisten von „Interessengebiet“ zwar längere, aber immer doch distanzierte Bekanntschaft machen. Und wenn ihre Geschichte uns eigentlich gleichgültig sein könnte. Angelus „Golo“ Thomsen, Verbindungsoffizier in den Buna-Werken, verliebt sich in Hannah Doll, die junge Frau des Lagerkommandanten. Den, einen Säufer und Ehebrecher, selbst- und gewaltverliebt, geht seinen Geschäften nach, führt gewissenhaft Buch über Tablettengebrauch und Stuhlgang und „kümmert“ sich um die von ihm geschwängerte Lagerinsassin Alisz Seisser. Eine weitere Geschichte erzählen die beiden in der Rückschau auf Hannahs ehemaligen Geliebten, den Widerstandskämpfer Dieter Krüger.
Der Roman wird abwechselnd aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt – Golos, Pauls und diejenige des jüdischen Häftlings Szmul. Dessen Rolle als „Sonderkommandoführer“, als der er die dreckigsten Aufgaben erledigen muss, die im KZ anfallen, macht ihn zum Vertreter der „anderen Seite“, ohne die der Roman vielleicht tatsächlich zu dem Skandal geworden wäre, für den sein Autor ihn gerne halten würde. Mit ihm, und das scheint die einzige Funktion seiner Anwesenheit zu sein, erhält der Roman ein Gleichgewicht, das angesichts der geschilderten Ereignisse nicht angebracht zu sein scheint. Den Mut, den ein Jonathan Littell hatte, als er in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ auf 1400 Seiten einen SS-Offizier seine Sicht der Dinge erzählen ließ, besitzt Amis nicht.
Golos und Pauls teils memoirenhafte, teils monologisierende Berichte, ihre Erinnerungen an die Zeit im „Kat Zet“ dienen vor allem der Beleuchtung der Charaktere, die sich in einem solchen System herausbilden – oder die ein solches System benötigt. Denn neben der Frage nach dem Grund ist es ja vor allem die Frage danach, wie Menschen sein müssen, um an den Verbrechen des Holocaust aktiv teilnehmen zu können. Und auch diese Frage, so unbeantwortbar auch sie sein mag, zu stellen, erfordert einen gewissen Mut, wenn man sie ehrlich angeht und keine Tabus scheut.
Amis’ Methode ist es nun, die KZ-Ebene konsequent mit dem Bereich Männlichkeit, Lust, Sex zu verbinden. Damit bringt er eben diesen Mut auf. Der Nazi erscheint – wie könnte es bei Amis anders sein – ganz als typischer Mann, als Schwein und Chauvinist, der selbst in seinen besten Momenten sein Gegenüber bloß als Mittel zum Zweck, nämlich zu Lustgewinn und Selbstbestätigung, sehen kann. Gemeinhin schockiert uns der Gedanke, dass Menschen, die abgrundtief Böses tun, dies aus ganz banalen, ja menschlichen Gründen tun können. Banal sind die Täter, weil sie auch Familienväter sind, Bier mögen und den Urlaub in Berchtesgaden verbringen. Dass das Böse aber banal ist, wird uns bei nichts so deutlich wie bei der Vorführung der Triebhaftigkeit der Täter, die in ihrer ganzen Armseligkeit, Niveaulosigkeit, fast bemitleidenswerten Durchschnittlichkeit eben wieder so menschlich-männlich wirken, dass man sich beim Lesen stellenweise gruselt. Golos Schürzenjägerei, seine moralische Indifferenz gegenüber den Inhaftierten, Pauls kaltblütige Berechnung in seinem Umgang mit seiner Frau und dem Sinti-Mädchen Alisz – all das zeigt Amis auf der höhe der Kunst, für die er seit dem Rachel-Tagebuch und Gierig berüchtigt ist.
Eine nur geringe Rolle spielt hier die mit Tätern wie Adolf Eichmann verbundene Freimachung von persönlicher Verantwortung, wie er sie unter einem fälschlicherweise als kantianisch verstandenen Pflichtbegriff zu rechtfertigen gesucht hat. Nur Befehle befolgt zu haben, nur seine Pflicht als Deutscher erfüllt zu haben, dies galt solchen Menschen als Ausweis ihrer Tugendhaftigkeit. Doch zu rechtfertigen suchen die Täter im Roman hier wenig bis nichts – teilweise sind sie sich der Immoralität ihrer Taten, ihrer gesamten Existenz bewusst, teilweise blenden sie sie wohlweislich aus.
Damit werfen sie die Frage auf, ab wann unsere Beschäftigung mit den gruseligen Gestalten der Geschichte zu bloßem Voyeurismus, selbstgerechtem noch dazu, verkommen ist. Dieser Voyeurismus, der auch bei dem Schauer vor der Beschreibung des schrecklichen Schicksals Szmuls oder Alisz nicht immer halt macht, wird befeuert von der gesamten Anlage des Romans, der so deutlich als wohl bedachte Provokation daherkommt. Das „Darf man das?“, das die Lektüre begleitet, ist oft nicht mehr als die ein wenig selbstgefällige Lust nach Sensation und Ärgernis, das Grenzenübertretenwollen um jeden Preis. In diesen Momenten kommt „Interessengebiet“ nicht über den Status einer literarischen Empörungsrequisite hinaus, die dem Autor wieder zu ein paar aufgeregten Zeilen in den Spalten des Klatschfeuilletons verhelfen soll.
Die internationale Einheit für solch berechnende Provokation auf dem Feld des modernen Romans ist seit den 70er Jahren der Amis. „Interessengebiet“ hat jedoch nur einen Amis von höchstens 0,5. Der französische und der deutsche Verlag, die Martin Amis’ Werke in der Vergangenheit veröffentlicht haben, wollten „Interessengebiet“ nicht verlegen. Nach der Lektüre ist man sich nicht sicher, ob es die moralische Fragwürdigkeit des Spiels mit Tabus ist, die zu der Ablehnung geführt hat, oder doch der Mangel an literarischer Qualität, der sich dem Roman durchaus vorwerfen lässt.
Dabei ist „Interessengebiet“ an vielen Stellen gelungen satirisch; die spröde, teils sarkastische Sprache passt zu den gescheiterten Figuren, die sie im Mund führen – wenn man von Szmul absieht, der eine Abgeklärtheit an den Tag legt, die man angesichts seiner Situation für nicht sehr plausibel hält. Die Banalität der Figuren und die Abgedroschenheit ihrer Sprache bildet geradezu deutliche Gegensätze zu dem Inhalt ihrer Erinnerungen, ihres Small Talks und ihrer oft unerträglichen Auslassungen über den Krieg, das „Wesen der Juden“, die Vorgänge der Sortierung an der Rampe und der Funktionalität der Gaskammern. Ein Gegensatz, der in seiner Geschmacklosigkeit zur Ausstattung eines jeden Romans gehört, der heute noch Schockpotenzial haben will. Ein wenig schwierig wird es für den deutschen Leser, der die im englischen Roman in einem recht seltsamen Deutsch stehenden Begriffe und Sätze, die Amis als eine Art Authentizitätsgarant einfügt, nicht ein für alle Mal als solche identifizieren kann. Der Übersetzer, Werner Schmitz, ist hier nicht zu beneiden. Die (beabsichtigte) Fehlerhaftigkeit des Originals beizubehalten, sie für den deutschen Leser jedoch nicht zum Ärgernis zu machen, ist eine kaum befriedigend zu lösende Aufgabe. Auch die seltsame Namensgebung, das beinahe holzschnittartige „Wagnerisieren“ deutscher Figuren mit ach so typischen Namen wie Frithuric, Suitbert, Romhilde oder Baldemar; die Tatsache, dass die Frau des Lagerkommandanten einen jüdischen Vornamen trägt; die oft unbeholfen daherkommenden historischen Verortungen, bei der sich der allwissende Erzähler mit seinem angelesenen Geschichtswissen meldet und die in der Rede der Figuren oft unnötig, unplausibel wirkt – all das trägt zu einer Art Verfremdungseffekt bei, der dem Roman nicht immer gut tut.
Der Schweizer Verlag Kein & Aber hat den Roman mit einem Nachwort versehen, in dem Amis Auskunft über die Hintergründe seiner Beschäftigung mit dem Thema sowie über historische Darstellungen und Quellen gibt. Hier finden sich die landläufigen Zitate von W. G. Sebald, Primo Levi u. a. Sie dienen vor allem der Absicherung und Selbstbestätigung: „Vielleicht kann man das Geschehene nicht begreifen, ja darf es nicht begreifen.“ (Levi) Interessant ist, dass man dieses Nachwort mit wenigen Änderungen hinter jedes zweite belletristische Werk stellen könnte, das sich mit der Nazizeit und der Judenverfolgung „beschäftigt“. Das Begreifverbot, will sagen: die nur zu gern in Anspruch genommene Lizenz zum Nichtverstehen des Holocaust steht einer echten, teilnehmenden Auseinandersetzung im Weg.
Daran wird deutlich, wie austauschbar das Setting doch ist. Die Frage, ob uns die Geschichte interessieren würde, wenn sie nicht in Auschwitz spielte, lastet auf dem Roman bleischwer. Einsicht darin, wie Menschen beschaffen sein müssen, die bei der geplanten millionenfachen Ermordung mitgemacht und von ihr profitiert haben, verschafft er uns nicht; am ehesten noch die Einsicht, dass die Protagonisten bis in höchste Stellen selber keine Antwort darauf hätten liefern können.
Die Geschichte, von der ein im Nachkriegsdeutschland spielender Epilog mehr ablenkt als dass er sie erklärt, ist schnell erzählt und im Grunde die alte: Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt … Holocaust-Kitsch ist das sicherlich noch nicht, dazu schreibt sich Amis zu geschickt an den herkömmlichen Stereotypen vorbei. Auch die Charaktere sind allesamt mehr oder weniger konturenlos, wie es sich gehört. Denn wahre Identifizierung, entweder mit Tätern oder mit Opfern, wäre das wahrhaft Schreckliche, etwas, was wir durch alle künstlerische Verfremdung hindurch nicht aushalten würden. Das „Ihr seid nicht besser“, das der SS-Offizier Dr. Max Aue in Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ formuliert, begleitet den Roman auf jeder Seite; hier jedoch können wir uns mit dem behaglichen Gefühl abwenden, dass das Gegenteil wahr ist. Auch die Unterscheidung zwischen Gut und Böse fällt, trotz aller menschlichen Züge, nicht schwer. Stets wissen wir, auf wessen Seite unsere Sympathie zu liegen hat. Vielleicht macht es uns Amis damit zu einfach.
Es gibt Leser, die Aufklärung suchen und Nähe zu dem, was sie nachvollziehen wollen. Es gibt aber auch solche, denen Dunkelheit und Distanz nicht nur reicht, sondern ganz genehm ist. Die werden in „Interessengebiet“ ein Werk finden, das von vornherein darauf verzichtet, Dunkelheit und Distanz zu überwinden.
 
 


Martin Amis: Interessengebiet. Roman.

Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Kein und Aber Verlag, Zürich 2015
ISBN 9783036957241
Gebunden, 416 Seiten, 25 EUR

T. C. Boyle: Die Terranauten [BücherSendung]

In der 4. Folge der BücherSendung sprechen David Eisermann und ich über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“ (Hanser).
Zu Gast waren wir beim Architekturbüro Michael – mit herzlichstem Dank, vor allem an Sophia Alfons Miosga!
Die Folge wurde produziert von VQM Productions