Martin Amis: „Interessengebiet“

Es gibt Werke, die aufklären, und solche, die verdunkeln. Es gibt Werke, die Nähe ermöglichen, und solche, die Distanz schaffen. Martin Amis’ neuer Roman „Interessengebiet“ bringt sicherlich kein Licht ins Dunkel und auch Nähe zu seinen Figuren und den Ereignissen will er kaum zulassen. Angesichts seines Settings – das KZ Auschwitz, 1942ff. – garantiert das fast schon seine Lesbarkeit. Denn ein literarisches Werk, das mit dem Anspruch daherkäme, über Zweck, Gründe und Hintergründe des Holocaust aufzuklären, wäre wohl schon von der ersten Seite an zum Scheitern verurteilt. Die Frage nach dem Warum trotzdem immer neu zu stellen und immer neu vor der Aporie zu stehen, die die Vergangenheit uns aufgegeben hat, ist schon Aufgabe genug. Sich den einfachen Antworten und Erklärungen zu verweigern, ebenso.
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Martin Amis: Interessengebiet. Kein & Aber 2015.
Aber wie ist es mit der Nähe? Können wir guten Gewissens einen Roman lesen, der uns Identifikation in das Unerklärliche bieten will? Der Einfühlungsvermögen da bemüht, wo das Einfühlen schon an der Grenze zum moralisch Verwerflichen wäre? Auch dies kann und will der neue Amis nicht gewährleisten. Da ist es nur konsequent, wenn wir mit den Protagonisten von „Interessengebiet“ zwar längere, aber immer doch distanzierte Bekanntschaft machen. Und wenn ihre Geschichte uns eigentlich gleichgültig sein könnte. Angelus „Golo“ Thomsen, Verbindungsoffizier in den Buna-Werken, verliebt sich in Hannah Doll, die junge Frau des Lagerkommandanten. Den, einen Säufer und Ehebrecher, selbst- und gewaltverliebt, geht seinen Geschäften nach, führt gewissenhaft Buch über Tablettengebrauch und Stuhlgang und „kümmert“ sich um die von ihm geschwängerte Lagerinsassin Alisz Seisser. Eine weitere Geschichte erzählen die beiden in der Rückschau auf Hannahs ehemaligen Geliebten, den Widerstandskämpfer Dieter Krüger.
Der Roman wird abwechselnd aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt – Golos, Pauls und diejenige des jüdischen Häftlings Szmul. Dessen Rolle als „Sonderkommandoführer“, als der er die dreckigsten Aufgaben erledigen muss, die im KZ anfallen, macht ihn zum Vertreter der „anderen Seite“, ohne die der Roman vielleicht tatsächlich zu dem Skandal geworden wäre, für den sein Autor ihn gerne halten würde. Mit ihm, und das scheint die einzige Funktion seiner Anwesenheit zu sein, erhält der Roman ein Gleichgewicht, das angesichts der geschilderten Ereignisse nicht angebracht zu sein scheint. Den Mut, den ein Jonathan Littell hatte, als er in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ auf 1400 Seiten einen SS-Offizier seine Sicht der Dinge erzählen ließ, besitzt Amis nicht.
Golos und Pauls teils memoirenhafte, teils monologisierende Berichte, ihre Erinnerungen an die Zeit im „Kat Zet“ dienen vor allem der Beleuchtung der Charaktere, die sich in einem solchen System herausbilden – oder die ein solches System benötigt. Denn neben der Frage nach dem Grund ist es ja vor allem die Frage danach, wie Menschen sein müssen, um an den Verbrechen des Holocaust aktiv teilnehmen zu können. Und auch diese Frage, so unbeantwortbar auch sie sein mag, zu stellen, erfordert einen gewissen Mut, wenn man sie ehrlich angeht und keine Tabus scheut.
Amis’ Methode ist es nun, die KZ-Ebene konsequent mit dem Bereich Männlichkeit, Lust, Sex zu verbinden. Damit bringt er eben diesen Mut auf. Der Nazi erscheint – wie könnte es bei Amis anders sein – ganz als typischer Mann, als Schwein und Chauvinist, der selbst in seinen besten Momenten sein Gegenüber bloß als Mittel zum Zweck, nämlich zu Lustgewinn und Selbstbestätigung, sehen kann. Gemeinhin schockiert uns der Gedanke, dass Menschen, die abgrundtief Böses tun, dies aus ganz banalen, ja menschlichen Gründen tun können. Banal sind die Täter, weil sie auch Familienväter sind, Bier mögen und den Urlaub in Berchtesgaden verbringen. Dass das Böse aber banal ist, wird uns bei nichts so deutlich wie bei der Vorführung der Triebhaftigkeit der Täter, die in ihrer ganzen Armseligkeit, Niveaulosigkeit, fast bemitleidenswerten Durchschnittlichkeit eben wieder so menschlich-männlich wirken, dass man sich beim Lesen stellenweise gruselt. Golos Schürzenjägerei, seine moralische Indifferenz gegenüber den Inhaftierten, Pauls kaltblütige Berechnung in seinem Umgang mit seiner Frau und dem Sinti-Mädchen Alisz – all das zeigt Amis auf der höhe der Kunst, für die er seit dem Rachel-Tagebuch und Gierig berüchtigt ist.
Eine nur geringe Rolle spielt hier die mit Tätern wie Adolf Eichmann verbundene Freimachung von persönlicher Verantwortung, wie er sie unter einem fälschlicherweise als kantianisch verstandenen Pflichtbegriff zu rechtfertigen gesucht hat. Nur Befehle befolgt zu haben, nur seine Pflicht als Deutscher erfüllt zu haben, dies galt solchen Menschen als Ausweis ihrer Tugendhaftigkeit. Doch zu rechtfertigen suchen die Täter im Roman hier wenig bis nichts – teilweise sind sie sich der Immoralität ihrer Taten, ihrer gesamten Existenz bewusst, teilweise blenden sie sie wohlweislich aus.
Damit werfen sie die Frage auf, ab wann unsere Beschäftigung mit den gruseligen Gestalten der Geschichte zu bloßem Voyeurismus, selbstgerechtem noch dazu, verkommen ist. Dieser Voyeurismus, der auch bei dem Schauer vor der Beschreibung des schrecklichen Schicksals Szmuls oder Alisz nicht immer halt macht, wird befeuert von der gesamten Anlage des Romans, der so deutlich als wohl bedachte Provokation daherkommt. Das „Darf man das?“, das die Lektüre begleitet, ist oft nicht mehr als die ein wenig selbstgefällige Lust nach Sensation und Ärgernis, das Grenzenübertretenwollen um jeden Preis. In diesen Momenten kommt „Interessengebiet“ nicht über den Status einer literarischen Empörungsrequisite hinaus, die dem Autor wieder zu ein paar aufgeregten Zeilen in den Spalten des Klatschfeuilletons verhelfen soll.
Die internationale Einheit für solch berechnende Provokation auf dem Feld des modernen Romans ist seit den 70er Jahren der Amis. „Interessengebiet“ hat jedoch nur einen Amis von höchstens 0,5. Der französische und der deutsche Verlag, die Martin Amis’ Werke in der Vergangenheit veröffentlicht haben, wollten „Interessengebiet“ nicht verlegen. Nach der Lektüre ist man sich nicht sicher, ob es die moralische Fragwürdigkeit des Spiels mit Tabus ist, die zu der Ablehnung geführt hat, oder doch der Mangel an literarischer Qualität, der sich dem Roman durchaus vorwerfen lässt.
Dabei ist „Interessengebiet“ an vielen Stellen gelungen satirisch; die spröde, teils sarkastische Sprache passt zu den gescheiterten Figuren, die sie im Mund führen – wenn man von Szmul absieht, der eine Abgeklärtheit an den Tag legt, die man angesichts seiner Situation für nicht sehr plausibel hält. Die Banalität der Figuren und die Abgedroschenheit ihrer Sprache bildet geradezu deutliche Gegensätze zu dem Inhalt ihrer Erinnerungen, ihres Small Talks und ihrer oft unerträglichen Auslassungen über den Krieg, das „Wesen der Juden“, die Vorgänge der Sortierung an der Rampe und der Funktionalität der Gaskammern. Ein Gegensatz, der in seiner Geschmacklosigkeit zur Ausstattung eines jeden Romans gehört, der heute noch Schockpotenzial haben will. Ein wenig schwierig wird es für den deutschen Leser, der die im englischen Roman in einem recht seltsamen Deutsch stehenden Begriffe und Sätze, die Amis als eine Art Authentizitätsgarant einfügt, nicht ein für alle Mal als solche identifizieren kann. Der Übersetzer, Werner Schmitz, ist hier nicht zu beneiden. Die (beabsichtigte) Fehlerhaftigkeit des Originals beizubehalten, sie für den deutschen Leser jedoch nicht zum Ärgernis zu machen, ist eine kaum befriedigend zu lösende Aufgabe. Auch die seltsame Namensgebung, das beinahe holzschnittartige „Wagnerisieren“ deutscher Figuren mit ach so typischen Namen wie Frithuric, Suitbert, Romhilde oder Baldemar; die Tatsache, dass die Frau des Lagerkommandanten einen jüdischen Vornamen trägt; die oft unbeholfen daherkommenden historischen Verortungen, bei der sich der allwissende Erzähler mit seinem angelesenen Geschichtswissen meldet und die in der Rede der Figuren oft unnötig, unplausibel wirkt – all das trägt zu einer Art Verfremdungseffekt bei, der dem Roman nicht immer gut tut.
Der Schweizer Verlag Kein & Aber hat den Roman mit einem Nachwort versehen, in dem Amis Auskunft über die Hintergründe seiner Beschäftigung mit dem Thema sowie über historische Darstellungen und Quellen gibt. Hier finden sich die landläufigen Zitate von W. G. Sebald, Primo Levi u. a. Sie dienen vor allem der Absicherung und Selbstbestätigung: „Vielleicht kann man das Geschehene nicht begreifen, ja darf es nicht begreifen.“ (Levi) Interessant ist, dass man dieses Nachwort mit wenigen Änderungen hinter jedes zweite belletristische Werk stellen könnte, das sich mit der Nazizeit und der Judenverfolgung „beschäftigt“. Das Begreifverbot, will sagen: die nur zu gern in Anspruch genommene Lizenz zum Nichtverstehen des Holocaust steht einer echten, teilnehmenden Auseinandersetzung im Weg.
Daran wird deutlich, wie austauschbar das Setting doch ist. Die Frage, ob uns die Geschichte interessieren würde, wenn sie nicht in Auschwitz spielte, lastet auf dem Roman bleischwer. Einsicht darin, wie Menschen beschaffen sein müssen, die bei der geplanten millionenfachen Ermordung mitgemacht und von ihr profitiert haben, verschafft er uns nicht; am ehesten noch die Einsicht, dass die Protagonisten bis in höchste Stellen selber keine Antwort darauf hätten liefern können.
Die Geschichte, von der ein im Nachkriegsdeutschland spielender Epilog mehr ablenkt als dass er sie erklärt, ist schnell erzählt und im Grunde die alte: Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt … Holocaust-Kitsch ist das sicherlich noch nicht, dazu schreibt sich Amis zu geschickt an den herkömmlichen Stereotypen vorbei. Auch die Charaktere sind allesamt mehr oder weniger konturenlos, wie es sich gehört. Denn wahre Identifizierung, entweder mit Tätern oder mit Opfern, wäre das wahrhaft Schreckliche, etwas, was wir durch alle künstlerische Verfremdung hindurch nicht aushalten würden. Das „Ihr seid nicht besser“, das der SS-Offizier Dr. Max Aue in Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ formuliert, begleitet den Roman auf jeder Seite; hier jedoch können wir uns mit dem behaglichen Gefühl abwenden, dass das Gegenteil wahr ist. Auch die Unterscheidung zwischen Gut und Böse fällt, trotz aller menschlichen Züge, nicht schwer. Stets wissen wir, auf wessen Seite unsere Sympathie zu liegen hat. Vielleicht macht es uns Amis damit zu einfach.
Es gibt Leser, die Aufklärung suchen und Nähe zu dem, was sie nachvollziehen wollen. Es gibt aber auch solche, denen Dunkelheit und Distanz nicht nur reicht, sondern ganz genehm ist. Die werden in „Interessengebiet“ ein Werk finden, das von vornherein darauf verzichtet, Dunkelheit und Distanz zu überwinden.
 
 


Martin Amis: Interessengebiet. Roman.

Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Kein und Aber Verlag, Zürich 2015
ISBN 9783036957241
Gebunden, 416 Seiten, 25 EUR

T. C. Boyle: Die Terranauten [BücherSendung]

In der 4. Folge der BücherSendung sprechen David Eisermann und ich über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“ (Hanser).
Zu Gast waren wir beim Architekturbüro Michael – mit herzlichstem Dank, vor allem an Sophia Alfons Miosga!
Die Folge wurde produziert von VQM Productions

Die BücherSendung: Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“ und Isabelle Lehn „Binde 2 Vögel zusammen“

In der ersten Folge der BücherSendung plaudern Kerstin Eiwen, Simone Scharbert und Gunnar Kaiser über Jonathan Safran Foers neuen Roman „Hier bin ich“ und Isabelle Lehns Debüt „Binde zwei Vögel zusammen“.

 

 

Die Sendung wurde produziert von VQM Productions
http://ift.tt/2k2DExk

Zu Gast waren wir bei Sophia Alfons Miosga im Architekturbüro Michael, Köln. Mit herzlichstem Dank für die Gastfreundschaft!

Kerstin Eiwens Blog: http://ift.tt/2jfJhvi
Simone Scharberts Website: http://ift.tt/2k2vQMa

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[BUCH DES JAHRES] Tim Parks, Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Bis Jahresende erscheinen auf KaiserTV in lockerer Folge ein paar Buchempfehlungen: Leserinnen und Leser schreiben über ihr ganz eigenes BUCH DES JAHRES 2016.

Den Anfang macht Thomas Brasch mit seiner Vorstellung des neuen Buches von Tim Parks:

„Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“

 

 

Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren9783956141300. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl:

„Was versprechen sich Autoren vom Schreiben? Geld? Anerkennung? Einen Platz in der Gesellschaft? Ist es Therapie?“

Oder:

„Möchte ich lesen, was die anderen lesen, damit ich mich mit ihnen unterhalten kann? Welche anderen sind das? Lese ich, um meine Sicht auf die Welt zu bestätigen, oder um sie infrage zu stellen? Warum sind wir so oft unterschiedlicher Meinung über die Bücher, die wir lesen?“

Und schwergewichtiger:

„Können Bücher überhaupt irgendetwas verändern? Haben sie bei all ihrem angeblichen Liberalismus die Welt tatsächlich liberaler gemacht? Oder sind sie nur das Feigenblatt,…?“

In vier Teilen arbeitet sich Tim Parks an den eingangs gestellten Fragen ab. Nein, „abarbeiten“ ist ein unpassender Begriff für dieses sehr angenehm und schlüssig gegliederte Buch, das man nicht Sachbuch nennen mag, um ihm bloß nicht den Anschein trockener Wissenslektüre zu geben. Man schmunzelt beim Lesen dieser akademisch unverkrampft verfassten Prosa fast unentwegt.

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Zunächst betrachtet er „Die Welt des Buches“ und fragt sich, ob wir überhaupt Geschichten bedürfen. „Menschen tendieren dazu, Geschichten, egal welcher Art, zu benutzen, um ihren Glauben zu untermauern, nicht, um ihn infrage zu stellen.“

Eine These, die ich unterschreibe und gegen die sich aber viele fundamentalistische Leser wehren werden. Betrachten wir lang tradierte Werte unserer Kultur, so werden sie jedoch einzig in der Romanliteratur stetig manifestiert. Im realen Leben werden sie ständig von uns unterlaufen. Beziehungen können im Roman nur glücklich werden, wenn sie auf gegenseitig begehrender Liebe gegründet sind. Glück stelle sich für die Protagonisten nur ein, wenn ihnen ein freier Wille attestiert werden kann. Macht, so suggeriert man uns, sei per se immer ein Unterdrückungsmittel, um egoistische Interessen durchzusetzen. Und Freiheit ein Gut, für das zu sterben es sich lohne. Wahre Selbstverwirklichung ist den vielen Geschichtenerzählern nur vorstellbar, wenn Individualität entwickelt und toleriert wird. Und so fort.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Macht erweist sich hier als ein notwendiges Mittel, um Dinge zum Guten zu wenden oder Sicherheit zu bewahren. Beziehungen sind weitaus glücklicher, wenn das gemeinsame Vermögen in dem Maße wächst wie die Liebe abnimmt. Und die Beschneidung der Freiheit führt nicht zu Kämpfen, sondern wird weit eher gefordert, um sich in Sicherheit zu wiegen. Ein Robin Hood ist in unserer Realität ein Terrorist, Romeo und Julia sind naive Pubertiere und Pippi Langstrumpf eine wohlstandverwahrloste Göre. Da der Idealismus in Romanen sich diametral zur Realität verhält, setzen wir bei einem seriösen, anspruchsvollen Roman voraus, dass er unglücklich bzw. traurig endet. Nur dann können wir das Ende halbwegs glaubhaft finden.

Dann betrachtet Tim Parks ein jüngeres Phänomen, das die Leserschaft ebenfalls gerne ignoriert: Der langweilige neue globale Roman. Exemplarisch dafür las ich vor kurzemLeon de Winters „Geronimo“. „Seit einigen Jahren höre ich von Autoren …, wie enttäuscht sie seien, keinen englischsprachigen Verlag für ihre Werke gefunden zu haben; interessanter Weise beklagen sie sich darüber, dass dieser Misserfolg ihrem Prestige im eigenen Land schadet:…“ bemerkt Parks.

geronimo-9783257069716Auf das Phänomen der Globalisierung der Literatur geht er im Buch noch häufiger ein. So auch auf den Aspekt, warum immer mehr angelsächsische Literatur übersetzt und begeistert gelesen wird, obwohl hier inhaltlich und sprachlich kaum global geglättet wird, sondern alles sehr amerikanisch bleiben soll. Die Werke von Jonathan Franzen, den Parks nicht besonders schätzt, sind dafür ein zunächst irritierender Beleg. Doch bei tieferer Rückschau auf unser Leben, wird uns bald klar, dass wir die Generation sind, die von Kindheit an Englisch lernte und durch unzählige US-Filme, TV-Serien sowie Musik Amerika als eine uns vertraute, parallele Kultur verinnerlicht haben. Wir tauchen also – was viele Leser ja bevorzugen, statt auch mal befremdet zu lesen – bei US-Literatur in eine Parallelwelt ein, die wir wohlig exotisch fern finden, jedoch zugleich auch gut zu kennen glauben. Das ist bislang anderen „Kulturnationen“ nur sehr eingeschränkt gelungen.

Wenn Tim Parks dann der Frage nachgeht, warum wir uns bei Romanen so selten über deren Wertschätzung einig sind, stellt er eine sehr faszinierende und schlüssige These auf und zwar, „dass die Art, wie wir auf Romane reagieren, vor allem etwas mit der Art von „System“ (z.B. Familienkonstellation, Anm. von mir) oder „Gesprächen“ zu tun haben könnte, mit denen wir aufwuchsen und innerhalb derer wir uns eine Position suchen und eine Identität aufbauen mussten.“

Erläutert wird das u.a. anhand der eigenen Kindheitserfahrung: „In meiner Familie zum Beispiel zählten Mut oder Unabhängigkeit, Erfolg oder Gemeinschaftssinn nie besonders viel, sondern Güte, unter der gewöhnlich Verzicht verstanden wurde.“ Seine beiden Geschwister hätten sich dazu mit ihren literarischen Präferenzen entweder in Opposition begeben (Bruder), also wurde besonders abenteuersüchtig, oder brav angepasst (Schwester) und es dann bevorzugt, heile Welten zu betreten. Die Untermauerung seiner These kann ich aus Längengründen an dieser Stelle nicht weiter erörtern. Sie ist im Buch sehr plausibel.

Alle vier Teile (1. Die Welt des Buches, 2. Das Buch in der Welt, 3. Die Welt des Schriftstellers und 4. Schreiben rund um die Welt) sind überzeugende, jeweils andere interessante Perspektiven auf das betitelte Thema. Er widmet sich auch der kuriosen Wandlung im Auge der Betrachter, sobald sich ein Möchtegern-Schriftsteller als veröffentlichter Schriftsteller entpuppt, also aus der belächelten Autorenlarve ein im Buchhandel zu erwerbender Schmetterling wird: „…welche Auswirkungen hat dieses Umschwenken von Spott zu Verehrung auf den Autor und sein Werk, und auf die Literatur im Allgemeinen?“

Die Bedeutung des Geldes für das Schaffen wird ebenfalls erörtert, wie auch der Einfluss und die Bedeutung der Literaturagenten, Lektoren und Übersetzer, die in diesem Fall Ulrike Becker und Ruth Keen waren und m. E. sehr gut die Tonalität Tim Parks ins Deutsche übertragen konnten. Abgeschlossen wird das brillante Buch, indem Tim Parks amüsiert und kritisch die deutsche Verfilmung seines Romans „Cleaver“betrachtet:

„Ich habe das Gefühl, die Produzenten haben sowohl ästhetisch als auch angesichts des Rahmens, in dem sie das Projekt umsetzen mussten, die richtigen Entscheidungen getroffen. Der größenwahnsinnige Tim Parks allerdings hätte seinen Namen lieber auf den Leinwänden der großen weiten Welt gelesen.“

Tim Parks geht mit sich, seinen Kollegen sowie mit den von ihnen geschaffenen Werken sehr offen, nüchtern und klärend um. Er nimmt keine Rücksicht auf die häufige Verklärung, die sich gerne mit der Person des Schriftstellers als auch mit dessen Arbeiten bei vielen Lesern einstellt. Manch einer mag das schon als zynisch befinden, ich finde es erhellend, anregend und sicher nicht widerspruchsfrei:

„In einer Welt, die einerseits allergrößten Wert auf die Emanzipation des Individuums legt, die anderseits aber so komplex und vernetzt ist, dass sie ein gewisses Maß an Verhaltenskonformität verlangt, ist es sicher einleuchtend, dass wir uns gerne Erzählungen ausdenken, die unserem individuellen „fortschrittlichen“ Geist schmeicheln, aber uns davor abschrecken, in seinem Sinne zu handeln.“

Mir leuchtet das ein.

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Und Uwe Kalkowski traf Tim Parks mit Peter Stamm vor kurzem bei Zürich liest und fand: „Es war ein großes Vergnügen, diese beiden charmanten, witzigen und brillanten Autoren live zu erleben.“

 

Der Text erschien zuerst auf Thomas Braschs Blog „brasch & buch“

Mit freundlicher Genehmigung des Autors