Geschützt: Prophet der Vernichtung – Götz Aly im Gespräch

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Moralfalle, Hitler, Hochdeutschland und Drachenwand: Meine Bücher des Monats Januar 2019

Ich stelle euch die Bücher vor, die ich im Januar 2019 gelesen habe:

David Clay Large: Hitlers München
Arno Geiger: Unter der Drachenwand 
Bernd Stegemann: Die Moralfalle
Alexander Schimmelbuch: Hochdeutschland

1968 – Untergang des Abendlandes oder notwendige Revolution? Dietz Bering im Gespräch

War 1968 der Beginn des Untergangs des Abendlandes, der eine Ideologie in die Welt setzte, die die Familien zerstört, die Gemeinschaften geschwächt, den Glauben an ewige Werte und die Religion verlacht und die westlichen Kultur verteufelt hat – oder war es eine notwendige Revolution der Denkungsart, die eine Liberalisierung und Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen mit sich gebracht hat, dazu Befreiungsbewegungen der Ausgebeuteten dieser Erde, zur Gleichstellung der Geschlechter und Kritik an Gehorsam und Autoritätsdenken? Ich spreche mit dem Sprachwissenschaftler und Antisemitismus-Forscher Prof. Dr. Dietz Bering über seine persönlichen Erlebnisse und Wahrnehmungen um 1968 herum, sowie über Ursachen und Folgen der Kulturellen Revolution.

Die Welt aus den Angeln – Philipp Blom im Gespräch

Vor vierhundert Jahren veränderte sich das Klima in Europa auf dramatische Weise und stieß damit viele Prozesse an, die zu einer neuartigen Weltsicht geführt haben. Aufklärerisches Gedankengut, die wissenschaftliche Methode, religiöse Toleranz, der Kapitalismus und die Idee der Menschenrechte haben sich in dieser Zeit entwickeltals Antwort der Menschen auf sich wandelnde Lebensbedingungen. InDie Welt aus den Angelnbeleuchtet der Historiker Philipp Blom die Zeit der sogenannten Kleinen Eiszeit und legt dar, wie sich die Mentalität entwickelt hat, die die westlichen Gesellschaften heute prägt.

Aber wenn der Klimawandel nach 1570 sich positiv auf den Fortgang der Menschheit ausgewirkt hatsollten wir dann nicht einem erneuten Klimawandel heute gelassener entgegenblicken?

Philipp Blom  beantwortet diese und weitere Fragen im Gespräch.

Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700

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Herr Blom, in Ihrem Buch „Die Welt aus den Angeln“ beschreiben Sie die Moderne als Produkt der Kleinen Eiszeit. Welcher Aspekt des Klimawandels vor vierhundert Jahren hatte Ihrer Ansicht nach auf das Leben der Menschen den bedeutendsten Einfluss?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Kleine Eiszeit war nicht alleinverantwortlich für die Entstehung der modernen Welt, aber sie einen wichtigen Einfluss ausgeübt und gewisse Entwicklungen beschleunigt. Das feudale Europa hatte zuerst nur wenige Möglichkeiten, auf Ernte-Ausfälle zu reagieren und sie zum Beispiel durch Importe auszugleichen und die Naturereignisse zu verstehen. Diese Möglichkeiten aber bildeten sich bald heraus: stärkere internationale Märkte und der Anfang einer wissenschaftlichen Weltsicht. Auch die aufgeklärte Toleranz entstand aus dieser Betonung auf Austausch und auf empirisches Wissen.

Die Kleine Eiszeit hat einen Abschied aus einer zutiefst religiös geprägten Welt und den Aufbruch in ein zunehmend aufgeklärtes, naturwissenschaftlich geprägtes Denken möglich gemacht. Wie hängen modernes Denken und Klimawandel miteinander zusammen?

Die ersten katastrophalen Ernten wurden gegen Ende des 16. Jhds. als Botschaften Gottes verstanden, als Strafe. Also reagierten die Menschen auf die einzig logische Weise: Durch Bußprozessionen, Gottesdienste, feurige Predigten, und durch Hexenverbrennungen. Im Laufe des 17. Jhd. aber beginnt sich das zu ändern. Wettertagebücher halten Naturereignisse ohne Bezug auf die Bibel fest, Wissenschaftler helfen, die Krise der Landwirtschaft durch praktische Ratschläge für die Bauern zu lösen, Handelszentren florieren und resultieren besonders in den Städten in einer höheren Alphabetisierungsrate, in mehr religiöser Toleranz, mehr Debatte im entstehenden öffentlichen Raum. Das sind alles keine direkten Konsequenzen aus der klimatischen Abkühlung, aber sie wurden durch die daraus resultierende Krise wesentlich beschleunigt.

Im 17. Jahrhundert hat sich eine säkulare Philosophie herausgebildet, die sich zunehmend von religiöser Bevormundung befreit hat. Inwiefern hat die klimatische Abkühlung dazu beigetragen? Sehen Sie in dem Einfluss der Kleinen Eiszeit einen begünstigenden Umstand oder einen notwendigen Anstoß zu den beschriebenen Entwicklungen – eine conditio sine qua non?

Eigentlich war es hauptsächlich der Aufstieg der Mittelschicht, der diese Veränderung möglich machte. Ihre Mitglieder – die Kaufleute, Lehrer, Anwälte, Verwalter, Beamten, Künstler – hatten bald viel wirtschaftliche und kulturelle Macht, blieben aber größtenteils von der politischen Macht ausgeschlossen. Es lag auf der Hand, in dieser Situation das einzige Argument zu nutzen, dass die Mittelschicht hatte: Wir sind alle gleich an Rechten und Freiheiten, haben das gleiche Recht, unser Leben frei zu gestalten. Tatsächlich waren die wichtigsten Philosophen der Aufklärung sehr häufig Teil dieser gebildeten Mittelschicht, von René Descartes (einem Artillerieoffizier), zu Baruch de Spinoza (einem Kaufmann), Thomas Hobbes (Hauslehrer) und Pierre Bayle (Schulmeister). Es war also – auch – die Macht der historischen Umstände, die diese Debatte formte, verbunden mit dem Buchdruck, der solchen Ideen jetzt erlaubte, ein weites Publikum zu erreichen.

Wenn Sie die Kleine Eiszeit mit anderen, zeitgleich ablaufenden Prozessen vergleichen – die Reformation etwa, die Bauernkriege, die Erfindung des Buchdrucks, die Wiederentdeckung antiker Autoren in der Renaissance – ist sie ein Einfluss unter vielen oder das entscheidende Moment in der Entwicklung zur Moderne?

Das ist schwer zu sagen. Sie hat aber vielleicht die europäischen Gesellschaften wirtschaftlich am stärksten verändert. Nicht alle Länder und alle Klassen waren von Reformation und Renaissance gleichmäßig betroffen und die Renaissance war im wesentlichen ein Elitephänomen, der Klimawandel aber ließ niemanden unberührt.

Sie stellen eine Reihe bedeutender Denker der Zeit vor: Carolus Clusius, Voltaire, Descartes, Gassendi, Giordano Bruno, Spinoza. Welche Figur hat Sie während Ihrer Recherchen am meisten fasziniert? Welche ließe sich am ehesten heranziehen, um den mentalitätsgeschichtlichen Wandel zu veranschaulichen?

Spinoza ist ein Freund, den ich schon lange bewundere, aber auch der immens kämpferische und klarsichtige Pierre Bayle ist eine großartige Persönlichkeit. Wer den Wandel am besten veranschaulicht? Vielleicht tatsächlich Spinoza, der sich von einer sehr traditionsverbundenen Gemeinschaft löst (nun ja, von ihr verbannt wird) und als ein ganz moderner Mensch lebt, keiner Konfession zugehörig, mit Denkern in ganz Europa in Kontakt, als Linsenschleifer für wissenschaftliche Instrumente.

Sie zeigen, wie die Welt damals aus den Fugen geraten schien. Größere Umwälzungen ließen die Menschen nach einfachen Erklärungen suchen, die ihnen die Möglichkeit geben sollten, die Götter wieder zu beruhigen: durch die Verfolgung von „Hexen“ etwa, denen man die Schuld an der schlechten Witterung anhängte. Lasterhafter Lebenswandel wurde in Zusammenhang mit den unerklärten Wetterphänomenen gebracht.
Ist die heutige Ansicht, das globale Klima reagiere auf das Handeln des Menschen, nicht eine ähnliche Hysterie, geboren aus der Sehnsucht, einfache Erklärungen und Maßnahmen zu finden – und den Schuldigen, den lasterhaft-selbstbezogen modernen Menschen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Antwort einfach: Nein, ist sie nicht. Es gibt tatsächlich eine starke kausale Verbindung. Die Frage ist aber, welche Schlüsse man daraus zieht. Es hat überhaupt keinen Sinn, die Situation zu moralisieren. Aber das ändert nichts daran, dass rasche und radikale Maßnahmen notwendig wären, um schlimmeres vielleicht noch zu verhindern. Zwei Grad im 17. Jhd haben enorme Veränderungen bewirkt und beispielsweise in China und Teilen Russlands zum Zusammenbruch der Bevölkerung geführt. Drei oder sogar vier Grad in naher Zukunft wären schlicht katastrophal. Wir wissen nicht, wie weit wir auf diesem Weg bereits fortgeschritten sind und was wir noch tun können, aber die Frage selbst ist nicht moralisch oder hysterisch, sondern tatsächlich existenziell.

Sie sehen in dem Klimawandel die Basis für den Aufschwung des globalen Handels und für die Anfänge des modernen Staats – zugleich aber auch für Kolonialismus und die Strategie des Wachstums durch Ausbeutung. Fällt ihr Fazit zur Entwicklung der Moderne eher freundlich oder kritisch aus?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. In den letzten vierhundert Jahren sind unglaubliche und erstaunliche Dinge geschehen und vieles ist alltäglich geworden, was kurz zuvor noch als völlig unmöglich galt. Ich glaube, dass die Kernideen der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und die Idee von Toleranz und der Herrschaft des Gesetzes tatsächlich entscheidend dafür sind, zahllosen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, ganz zu schweigen von den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritten. Gleichzeitig aber ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Sie hat nicht nur unglaublich viele Opfer gefordert, sie hat auch so viel Zerstörung, Müll und so immense Probleme geschaffen, dass es noch viel zu früh ist, um Bilanz zu ziehen.

Sie schreiben: „Der heraufdämmernde Kapitalismus und der intensiver werdende Kolonialismus erlaubten es Britannien, zur ökonomisch führenden Weltmacht aufzusteigen. Bekanntlich war dieser Wandel mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung verbunden.“ Wie beurteilen Sie die Verbindung unseres heutigen Wirtschaftssystems mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung?

Es besteht leider kein Zweifel daran, dass unser Wohlstand nicht nur aus Pünktlichkeit, Fleiß und Emsigkeit resultiert, sondern auch daraus, dass wir direkt und indirekt von Unterdrückung, Sklavenarbeit und der Zerstörung natürlicher Lebensräume profitieren – vom Anbau von Palmöl und Soja bis hin zum Abbau von Schwermetallen, Teersanden und Erdöl, von der Unterstützung blutiger aber effektiver Diktatoren und den Arbeitsplätzen, die der Waffenhandel bringt, bis hin zum Agrardumping auf afrikanischen Märkten. Die Hände der Mächtigen sind immer blutig. Und wenn unsere weniger blutig sind, als die unserer Vorfahren, so macht uns unser tägliches Konsumverhalten uns doch wissentlich oder unwissentlich zu Komplizen von Verbrechen, aus denen wir Nutzen ziehen.

Sie sind der Ansicht, unser heutiges Wirtschaftswachstum beruhe noch stärker auf Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, als es im Europa der Kleinen Eiszeit der Fall war. Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass die Menschheit sich trotz allen Fortschritts noch nicht von ausbeuterischen Methoden befreit hat?

Das scheint mir sehr einfach: Das Streben nach individuellem Nutzen ist meistens stärker als das solidarische Handeln. Nur haben wir im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten viel mehr technologische Reichweite, will sagen: Wir können mehr kaputtmachen.

Ich lese aus Ihrem Buch eine Verachtung für freie Märkte und Wirtschaftsliberalismus heraus. In Wirtschaftswachstum scheinen Sie stets die Gefahr von Ausbeutung zu wittern. Was befürchten Sie eher: einen neuen Autoritarismus oder den Neoliberalismus?

Ich weiß nicht, ob beide unterschiedlich wären! Aber nein, ich verachte den Markt nicht. Der Kapitalismus ist eine wunderbare Weise, wie Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Kulturen in einer diversen aber regelbasierten Gesellschaft zusammenleben können. Die Demokratie entsteht aus dem Austausch und Wettbewerb des Marktes. Aber hören wir auf, vom Freien Markt zu sprechen! Ein Markt ist nicht frei und kann es nicht sein, er braucht Regeln, Gesetze, Verträge, Gerichte, eine Polizei – ein Markt braucht einen Staat, eine Gesellschaft, um existieren zu können. Weil aber die Gesellschaft seine Existenz erst möglich macht, sollte sie auch stärker darauf achten, dass der Markt zum Allgemeinwohl beiträgt, und nicht andersrum. Und die Idee des ewigen Wirtschaftswachstums: Wer ist je auf die wahnsinnige Idee gekommen, dass eine Wirtschaft ewig wachsen kann und muss, um nicht zusammenzubrechen? Jeder Organismus in der Natur wächst, wenn es möglich ist, und schrumpft in Momenten, wenn die Umstände schwieriger sind. Der Wachstumszwang schafft nur einen Zwang zum dauernden und unnötigen Konsum, zum Kultivieren künstlicher Bedürfnisse und der Eroberung neuer Märkte. Was trägt all das dazu bei, dass Menschen im Sinne der aufgeklärten Ideale besser, freier, selbstbestimmter und solidarischer leben?

Sie stellen es als Dilemma dar, dass der Zustand unserer Gesellschaft zugleich auf einem Traum von universellen Menschenrechten und Demokratien beruht wie auf wirtschaftlichen Wachstum, das auf Ausbeutung beruht. Inwiefern kann uns diese Einsicht heute leiten? Ist sie mehr als ein Versuch, dem Menschen des Westens ein schlechtes Gewissen angesichts seines privilegierten Lebensverhältnisse zu machen?

Vielleicht wäre ja Einsicht der erste Schritt zu Besserung. Um ein schlechtes Gewissen geht es nicht, aber es ist richtig, dass wir selbstverständlich Rechte und Freiheiten für uns selbst in Anspruch nehmen, die wir anderen Menschen zum Teil direkt vorenthalten.

Der Klimawandel damals war nicht menschengemacht, hat aber zu einer insgesamt positiven Entwicklung geführt: Aufklärung, Emanzipation von Autoritäten, Fortschritt und Wohlstand. Sie prophezeien jedoch:
„Alles wird anders. Die Migrationsbewegungen, Verteilungskämpfe , Kriege und Konfrontationen der kommenden Jahrzehnte werden unsere Gesellschaften erschüttern und transformieren.“
Gibt es dabei überhaupt Möglichkeiten, zu steuern, ob ein erneuter Klimawandel in die Katastrophe oder oder zum Besseren führen wird?

Insgesamt positiv – sicherlich anders, aber es war eben auch kein direkter Weg. Ja. Im heutigen, globalen Kontext wird sich wesentlich mehr ändern, weil viel mehr Menschen auf der Welt leben, weil sie besser informiert und mobiler sind und weil unsere Lebensweise enorme Umweltauswirkungen und eine große technologische Reichweite hat. Wir machen uns noch keinen Begriff von diesen einschneidenden Änderungen, aber sie kommen sicher.

Herr Blom, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Intellektuelles Anbiedern: Feuchtwanger in Moskau

Im Dezember 1936 fährt Lion Feuchtwanger nach Moskau. Seine ganze Hoffnung hat er mittlerweile auf die UdSSR gerichtet, weil er von den westlichen Demokratien enttäuscht ist, die seiner Meinung nach dem Nazi-Regime in Deutschland nicht klar genug entgegengetreten sind.1117

In dieser Zeit empfängt ihn Stalin und lässt ihn Augenzeuge des zweiten Moskauer Schauprozesses sein. Feuchtwanger bleibt für zwei Monate.

Sein Fazit:

Was ich verstanden habe, ist vortrefflich. Daraus schließe ich, dass das andere, was ich nicht verstanden habe, auch vortrefflich ist.

Im gleichen Jahr veröffentlicht der französische Schriftsteller André Gide ein dem kommunistischen Regime gegenüber kritisch eingestelltes Buch: Retour de l’U.R.S.S. („Zurück aus der Sowjetunion“), in dem er die Verfolgung nicht linientreuer Kommunisten durch Stalin anprangert. Hans Christoph Buch schreibt:

Trotzdem stimmte fast alles, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hatte, in den Chor der Verleumder ein: von Aragon und Barbusse bis zu Romain Rolland, von Brecht und Bloch bis zu Heinrich Mann.

220px-Stamps_of_Germany_(DDR)_1974,_MiNr_1945Und so bezahlt das Regime westliche Intellektuelle für positive Propaganda und lädt Feuchtwanger nach Moskau ein. Der Empfang ist triumphal, Feuchtwanger genießt es – das mache es schwer, gesteht er, nicht größenwahnsinnig zu werden. Während der beiden Monate wohnt im Luxus-Hotel „Metropol“ sowie zwei Erholungsheimen. Da er kein Russisch kann,  stellt ihm der sowjetische Geheimdienst Übersetzer zur Verfügung, die versuchen, ihn politisch zu indoktrinieren. Man verspricht, einige seiner Werke zu verfilmen sowie eine vierzehnbändige Werkausgabe zu drucken.

Schriftsteller wie Pasternak, die als nicht parteikonform gelten, hält man von Feuchtwanger fern. Erst kurz zuvor hat sich Feuchtwanger bei einem Besuch im Haus des Komintern-Chefs Georgi Dimitrow noch verwundert darüber geäußert, warum eigentlich alle Angeklagten „alles“ geständen und warum es außer den Geständnissen keine Beweise gegeben habe.

 

Doch nun versichert er, seine Kritik daran sowie an der fehlenden Pressefreiheit nicht im Westen zu publizieren.

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Lion Feuchtwanger: Moskau 1937

Am 7. Januar 1937 dann wird er wie ein Staatsgast im Kreml empfangen: Stalin gewährt im die Gunst eines Interviews. Seine Aussagen finden sich später in Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 wieder. Bei dessen Niederschrift – nach der Rückkehr, in Sanary-sur-Mer – „hilft“ ihm ein Prawda-Reporter; das Regime hatte nach dem Gide-Erlebnis Angst, in der ausländischen Presse schlecht wegzukommen. Feuchtwanger lässt sich überzeugen, positive Passagen über Leo Trotzki und kritische Anmerkungen Lenins über Stalin aus dem Manuskript zu streichen. Eine russische Ausgabe erscheint noch im selben Jahr in sechsstelliger Auflage.

Ein Reisebericht für meine Freunde

Im Westen stößt Moskau 1937 eher auf Ablehnung, so bei Arnold Zweig und Franz Werfel. Der Soziologe Leopold Schwarzschild schreibt, das Buch gehe ihm „sauer ein“:

Auf keiner Seite von Moskau 1937 taucht irgendwelche Kenntnis auf. Eine sublime Ahnunglosigkeit schöpft einige Pseudo-Informationen aus Quellen, deren Benutzung von vornherein unstatthaft ist.

Für Hermann Kesten ist es „eine reine Stalin-Ode“ und selbst Thomas Mann schreibt: „Ist doch merkwürdig zu lesen.“
Der notorische Brecht freilich urteilt:
das Beste, was von Seiten der europäischen Literatur bisher in dieser Sache erschienen ist. Es ist ein so entscheidender Schritt, die Vernunft als etwas so Praktisches; Menschliches zu sehen, etwas, was eine eigene Sittlichkeit und Unsittlichkeit hat. Ich bin sehr froh, dass Sie das geschrieben haben.

Die Schauprozesse

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Während des zweiten Schauprozesses im Januar 1937 sitzt Feuchtwanger auf der Zuschauertribüne. Stalin habe ihn von der Schuld der Angeklagten der Schauprozesse überzeugt habe, schreibt er später.

Was in den Moskauer Schauprozessen zur Sprache kam, wurde als Gespräch mit verteilten Rollen aufgeführt. Manchen ausländischen Beobachtern kam es vor, als unterhielten sich Ankläger und Angeklagte wie zivilisierte Menschen miteinander. (Doris Danzer)
Feuchtwanger kommen offenbar keine Zweifel an der Authentizität des Gesehenen: „Das glich weniger einem hochnotpeinlichen Prozeß als einer Diskussion“. Er hätte es besser wissen können, schreibt Danzer, aber er log, weil ihm das Lob des Diktators mehr galt als die Liebe zur Wahrheit: „Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht, was Wahrheit ist.“

Moskaufeuchtwanger stalin

Die Bewertung seiner Eindrücke, die er von der Hauptstadt gewonnen hat, lassen erkennen, wie sich Anti-Modernität und Ideologie auch im kommunistischen Milieu miteinander verbinden:

Noch niemals ist eine Millionenstadt so von Grund auf nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit und der Schönheit gebaut worden wie dieses neue Moskau. … Ja, es ist ein ästhetischer Genuss sondergleichen, das Modell einer solchen Großstadt zu beschauen, die von Grund auf nach den Regeln der Vernunft gebaut ist, der ersten in ihrer Art, seitdem Menschen Geschichte schreiben.  … Das umwerfend Neue ist vielmehr die Planmäßigkeit, die Vernunftmäßigkeit des Ganzen, die Tatsache, dass man nicht nur auf die Einzelbedürfnisse Rücksicht genommen hat, sondern in Wahrheit auf die Bedürfnisse der ganzen Stadt, ja des ganzen riesigen Reiches.

Hier hören wir das ferne Echo eines antiken totalitären Platonismus vermischt mit dem allzu nahen Arbeitslärm des modernen Gesellschaftsingenieurs.

In Moskau, schreibt Feuchtwanger, gelinge durch die Überwindung von Egoismen eine mit sich selbst versöhnte Moderne, eine harmonische Form der Vergemeinschaftung in der neuen Stadt. Alles, was den Kommunismus verführerisch macht: die Überwindung der chaotisch empfundenen, organischen Verhältnisse durch Planung und Machbarkeitswahn sowie die Ablehnung von Eigennutz und Individualität zugunsten eines imaginären Gemeinwohls ist in dieser architektonischen Beobachtung vereint.

feuchtwangerFeuchtwanger sei nicht bereit gewesen, mehr in Frage zu stellen oder weiter hinter die Kulissen zu blicken, weil er nicht mehr sehen wollte, als das, was er sich erhoffte. Hier trennen sich „Anschauung und Wissen von Glauben und Glaubenwollen“ (Karl Schlögel).

Im Licht jener Öffentlichkeit, die die Sowjetunion für eine Ersatzheimat hielt, zog er es vor, zu lügen

schreibt der Historiker Jörg Baberowski.

 

Gründe

Im Fall Feuchtwanger können wir mutmaßen, dass es ihm mit der Verteidigung des real existierenden Sozialismus so geht wie vielen Linksintellektuellen in Geschichte und Gegenwart: Das System erscheint als einzig realistische, weil reale Alternative zu Faschismus auf der einen und Kapitalismus auf der anderen Seite; also muss es mit allen Mitteln verteidigt werden. Zudem will Feuchtwanger – darauf weist auch der Untertitel seines Reiseberichts hin – seinen Freunden, die vor den Nazis ins Exil geflohen sind, nicht die lebensspendende Hoffnung auf eine existierende Utopie zerstören.

 

Doch selbst 1956, nachdem in Chruschtschows Geheimrede Stalins Verbrechen bekannt werden, rückt Feuchtwanger nicht von seiner Lobpreisung des sowjetische Regimes ab die das Buch im letzten Absatz formuliert: „Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann.“

Der Kern seiner Bewunderung, urteilt Anne Hartmann, bleibe konstant: „Die Sowjetunion habe das einzigartige Experiment unternommen, einen Staat auf der Basis der Vernunft zu errichten. Und das Experiment sei geglückt, siegreich durchgeführt: ,Die Sowjet-Union ist da, fest und sicher und für immer‘, schreibt Feuchtwanger 1957.“

Literaturhinweise:

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin 2000.

Hans Christoph Buch: Wer betrügt, betrügt sich selbst. Über André Gide und seine Reise in die Sowjetunion (1936), Die Zeit 1992.

Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus. Frankfurt am Main 2007.

Karl Schlögel: Terror und Traum. Frankfurt am Main 2010.

Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat: Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918 – 1960). Göttingen 2012.

Anne Hartmann: Der Stalinversteher – Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. In: Osteuropa, 11.2014, S. 60.