Ungleiche Nachbarn – Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland

Ungleich – das waren sie in der Tat, die jüdischen und die nicht-jüdischen Deutschen seit dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Holocaust. Aber nur „Nachbarn“, nicht Mitbewohner oder Familienmitglieder gar?

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Neue Synagoge, Berlin
„Ungleiche Nachbarn“ ist der Titel des Symposions, das anlässlich des Erscheinens einer ersten großen „Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland“ in Berlin stattfand. Am 1. Juli 2004 versammelten sich die Beitragenden dieses über 600 Seiten starken, vor Details aus dem jüdischen Leben fast berstenden Werks im Jüdischen Museum, um die Problematik der deutsch-jüdischen Geschichte zu erörtern. Ob der Strich zwischen den Wörtern „deutsch“ und „jüdisch“ eher verbinden soll oder nicht doch beide Parteien auf einer Distanz hält, die im Holocaust nur ihre größte Anschaulichkeit erlangte, dies will das im Auftrag des Leo-Baeck-Institutes entstandene Buch mithilfe einer Vielzahl von Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen erörtern.
Wie man geahnt hat, ist diese Frage nicht so eindeutig zu beantworten, wie sie gestellt ist. Doch die Autoren des von Marion Kaplan herausgegebenen Bandes, namhafte Historiker aus Israel, den USA und Deutschland, bemühen sich, soziale Ausgrenzung wie auch gelungene Integration auf großem Raum zu schildern, obgleich sie konzedieren, dass sie mit ihrer Arbeit nicht mehr als ein Vorwort und einen Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit über eine noch zu schreibende Geschichte des Alltags vorlegen wollten.
Dieser auf den Alltag des „einfachen“ Juden in Deutschland fokussierte Ansatz unterscheidet den Band von der Mehrzahl der bereits vorliegenden Kompendien deutsch-jüdischer Vergangenheit. Die Autoren dieser „Geschichte von unten“ haben eine Unmenge an Archivmaterial, darunter Memoiren, Briefe, Tagebücher, Zeitungen und rabbinische Responsen zu Rate gezogen und lassen so das alltägliche Leben der jüdischen Minderheit in Deutschland über mehr als drei Jahrhunderte hinweg vor dem geistigen Auge entstehen. Sie richten ihren Blick auf die sich verändernden Strukturen und ihre Einflüsse auf Wohnsituation, Familienleben, Bildung, Arbeit, Religionspraxis und Freizeit, wobei sie vor allem der Frage nachgehen, inwieweit die historischen Veränderungen die subjektiven Erfahrungen der Juden, teilweise im Vergleich zu den nicht-jüdischen „Nachbarn“, beeinflusst haben.
„Die deutsche Gesellschaft“, resümiert Marion Kaplan in der Einführung, „hielt sich im achtzehnten Jahrhundert von den Juden fern, öffnete sich ihnen uneinheitlich im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert und wurde in der Nazi-Zeit mörderisch.“
Doch die Autoren betrachten die Vergangenheit nicht als bloße Vorgeschichte eines als unausweichlich zu bewertenden Genozids, der im Wesen der Deutschen „seit Luther“ angelegt sei. Dadurch gelingt es ihnen, die Zweideutigkeit der Assimilation genauer und vorurteilsfreier in den Blick zu nehmen. Denn trotz des Antisemitismus, der vor allem in der Kaiserzeit nach 1873 virulent wird, aber auch schon vorher große soziale Verwerfungen produzierte, entdecken die Autoren immer wieder erstaunliche Erfolge der Juden vom Beginn der Emanzipation bis zur Weimarer Republik.
Nicht zuletzt handelt es sich bei diesem Buch auch um eine genuin deutsche Angelegenheit. So bringt die jüdische Alltagsgeschichte „etliche Verhaltensweisen von Deutschen zutage, die man aus einer anderen Perspektive kaum wahrnehmen würde.“ Denn die Geschichte der Nachbarn, ob ungleich oder nicht, betrifft auch immer die eigene Vergangenheit, vor allem dann, wenn sie in eine Katastrophe mündet, mit der auch das Buch schließt.
 

Verlag C. H. Beck, München 2003. 638 S. mit 20 Abbildungen, 39,90 €.

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KaiserTV RadioSchau – Klimawandel und Gesellschaft

Lange kalte Winter und kurze kühle Sommer: Im 17. Jahrhundert veränderte sich das Klima in Europa dramatisch. Das Getreide wurde knapp, Wirtschaft und Gesellschaft torkelten in eine tiefe Krise. Die Kleine Eiszeit vermittelt uns eine Vorstellung von den schweren Verwerfungen, die ein Klimawandel auslöst. Die Menschen versuchten sich mit Hilfe von Aufklärung, Wissenschaft und Technik aus der Abhängigkeit von der Natur zu befreien. Aber heute stößt diese moderne Welt an ihre Grenzen, weil sie eine erneute Klimakatastrophe heraufbeschwört. Philipp Blom entfaltet ein großartiges historisches Panorama, in dem wir die Herausforderungen der Gegenwart erkennen

Folge 2: Über Philipp Bloms Buch „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700.

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Kann Integration funktionieren? – Dietz Bering zum deutsch-jüdischen Verhältnis (TEIL 3)

Nah, aber doch in einem wesentlichen Punkt verschieden, waren sich Luther und die Juden, so die These des Kölner Sprachwissenschaftlers und Historikers Dietz Bering. Im dritten Teil des Gesprächs geht es um Möglichkeiten und Gefahren von Assimilation und Integration, die Bering an der Kategorie der Kontrasterfahrung verdeutlicht.

 

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Luther als Antisemit?

2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.
Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma – Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

TEIL 1 ;  TEIL 2;  auf SoundClound an einem Stück hören

Gefährliche Nähe – Deutsche und Juden. Gespräch mit Dietz Bering (TEIL 2)

2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.
Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma – Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

TEIL 1 ;  TEIL 3; auf SoundClound an einem Stück hören

War Luther Antisemit? – Gespräch mit Dietz Bering (TEIL 1)

Nah, aber doch in einem wesentlichen Punkt verschieden, waren sich Luther und die Juden, so die These des Kölner Sprachwissenschaftlers und Historikers Dietz Bering. Im ersten Teil des Gesprächs geht es um die Gründe für Luthers Judenfeindschaft.
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2017 feiern die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation. Martin Luthers Verhältnis zu den Juden darf dabei nicht verschwiegen werden. Bering gibt im Gespräch Auskunft über die Frage, ob Martin Luther Antisemit war. Gibt es Entwicklungen in Luthers Ansichten über die Juden? Wie waren die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen, welche Gründe gab es für anti-judaische Ressentiments?
In seinem Buch „War Luther Antisemit?“ stellt Bering die brisante These auf, gerade die besondere Nähe Luthers zum Judentum lasse seinen Antisemitismus erklären. Es wirft ein Licht auf das deutsch-jüdische Verhältnis insgesamt, das Bering als „Tragödie der Nähe“ beschreibt.

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Dietz Bering

Prof. Dr. Dietz Bering lehrte an der Universität zu Köln historische Sprachwissenschaften. 1981 gehörte er zu den Gründungsfellows des „Wissenschaftskollegs zu Berlin“. Grundlegende Werke: „Der Name als Stigma Alltagsantisemitismus 1812-1933“ (1987), „Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels“ (1991). „Die Epoche der Intellektuellen. 1889-2001“ (2010) und „Die Intellektuellen im Streit der Meinungen“ (2011).

 

Auf der Suche nach dem besseren Leben – „Das kommunistische Amerika“

Rudolf Stumbergers Reisebericht über „Das kommunistische Amerika“ zeigt die mannigfaltigen hoffnungsvollen Versuche von alternativen Lebensformen im Kollektiv, aber auch ihr mannigfaltiges Scheitern

Träumen auch Sie manchmal von einem Leben, das weder Stress noch Konkurrenzdenken kennt, fern von Existenzangst oder Profitgier, jenseits von Burn-Out auf der einen und Bore-Out auf der anderen Seite? Von einem Leben, in dem Sie heute dies, morgen jenes tun können, morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen Kritiker sein? Wünschen auch Sie sich manchmal, kein Lohnsklave im Schweinesystem mehr zu sein, entfremdet vom Produkt ihrer Tätigkeit und ausgebeutet von der Klasse der Besitzenden? Wünschen auch Sie sich manchmal eine Welt, in der die Menschen verstanden haben, dass man Geld nicht essen kann, und in der Teilen, Gemeinschaft und Solidarität tatsächlich gelebt werden anstatt nur Floskeln der Parteiprogramme zu sein? Und halten auch Sie eine solche Vorstellung angesichts der herrschenden Verhältnisse für utopisch?

Im Verlauf der Geschichte haben Menschen mit ähnlichen Vorstellungen immer wieder versucht, ihre Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Von hinduistischen und buddhistischen Orden über mittelalterliche Klöster bis hin zu modernen Ashrams, Hippie-Gemeinschaften wie Drop City, den Kibbuzim und Ökodörfern reicht die lange Liste der Versuche, ein Leben abseits des Mainstream, im Schutze räumlicher und ideeller Separierung von der als schädlich empfundenen Welt in größerem Maßstab zu gestalten. Dabei zeigt bereits diese Liste, was auch das Buch „Das kommunistische Amerika“ von Rudolf Stumberger bestätigt: Gemeinschaftliche Lebensformen beruhen fast immer auf starken ideologischen Grundlagen, und je fester diese sind, desto andauernder ist der Erfolg der Kommune.

Für seinen im mandelbaum-Verlag erschienenen Band hat Rudolf Stumberger auf einer Reise quer durch die USA, von Massachusetts bis nach Oregon, die Spuren utopischer Kommunen verfolgt und einen äußerst informativen Bericht zusammengestellt. Er zeichnet dabei die Reise des deutschstämmigen Journalisten Charles Nordhoff nach, die dieser im Jahre 1874 gemacht hat, um die sozialen Experimente, die auf dem Kontinent entstanden waren, aus erster Hand kennenzulernen. Nordhoff und Stumberger besuchen so unterschiedliche Kommunen wie die von den amerikanischen Transzendentalisten wie Emerson und Thoreau inspirierte Brook Farm bei Boston, die Shaker in New Hampshire, die Sex-Kommune von Oneida, die Rappisten in Pennsylvania, Zoar in Ohio, Amana am Iowa-River, die Hutterer in Montana und schließlich die Kommune von Aurora an der Westküste. Seit ihrem Entstehen haben sich die Kommunen stark gewandelt – von den meisten ist nicht mehr als ein Museum oder eine Infotafel übrig, andere wurden in Gemeinschaften mit Privatbesitz oder in Aktiengesellschaften umgewandelt und eine, die der Hutterer, existiert noch heute.

Stumberger zeichnet dabei ihre Geschichte so umfassend wie kurzweilig nach, versammelt Reiseinformationen und fügt seinen Abrissen über die Geschichte des jeweiligen Ortes historische und aktuelle Fotografien hinzu.

Die Idee ist also ebenso bekannt wie beliebt und erweist sich im Kleinen alles andere als utopisch. Mit Gleichgesinnten Räume gemeinschaftlichen Handelns zu schaffen, die auf Freiwilligkeit beruhen, wurde immer dort umsetzbar, wo die Umstände so viel Wohlstand produziert hatten, dass es auch kleineren Gruppen von etwa 100 Menschen möglich ist, in relativer Existenzsicherheit zu leben – musste doch der Boden oft mit Maschinen bearbeitet werden, die nicht in der Kommune selbst produziert werden konnten, weil ihre Herstellung einen zu komplexen Grad an Arbeitsteilung benötigte und Ressourcen, die nicht im Grundbesitz der Kommune waren. Zum anderen wurde die Umsetzung immer dort möglich, wo der Staat den Menschen genug Freiheit gewährte, dass sie ihre Vorstellungen vom Glück auf eigene Faust verfolgen konnten. In der Tatsache, dass es immer die freiesten, individualistischsten, kapitalistischsten Gesellschaften sind, die eine solche kommunitaristische Selbstverwirklichung durch Gemeinbesitz erst erlauben, während die kommunistischen Gesellschaften für derartige Experimente keinen Platz bereithalten dürfen, liegt die bereits im Titel des Buches aufscheinende Ironie.

Leitende Ideale, die den Mitgliedern der Kommunen Identität und Zusammenhalt verschaffen, gibt es viele, und Stumberger zeigt, dass sich übergreifend vor allem folgende als besonders konstituierend herausgestellt haben: Alle Kommunen trieb die Aussicht auf ein Arbeiten und Leben an, das dem der (idealisierten) Familie gleicht: Verzicht auf Lohn und Geld, Abwesenheit von Privatbesitz zugunsten nominell gemeinschaftlichen Eigentums, Sozialisierung der Produktionsmittel, solidarisches Arbeiten im Kollektiv, Negierung einer reinen Profitorientierung. Die Mitglieder werden nicht nur mit dem Lebenswichtigsten versorgt: Neben Essen, Kleidung, Unterkunft und medizinischer Versorgung spielen auch Bildung und Unterhaltung in einigen Kommunen eine gewisse Rolle.

Basisdemokratische Strukturen geraten dabei eher in den Hintergrund; nicht wenige Kommunen werden stattdessen durch eine starke Führungspersönlichkeit, deren Autorität in ihrem Charisma gründet, oder durch eine feste Rangordnung zusammengehalten. Dieser Zusammenhalt schwindet dementsprechend, wenn die Gründungs- und Leitfigur abgetreten oder gestorben ist. Auf individuelle Entfaltung wird traditionell wenig Wert gelegt, ja sie wird mitunter als schädlich für die Gemeinschaft empfunden.

Stumberger kommt bisweilen auf den Zusammenhang zwischen der Innenwelt der Kommune mit ihren ganz eigenen Gesetzen und der Außenwelt zu sprechen. Bisweilen überleben die Kommunen die ersten Jahrzehnte nur, weil die Gründungsfamilien oder Dazugekommene eigenen Besitz und Wohlstand in die Gemeinschaft mit einbringen. Notwendige Arbeiten müssen nicht selten nach außen vergeben werden, da entweder Material oder Spezialisten fehlen. Oft werden anfallende Aufgaben auch von Lohnarbeitern erledigt, die auf dem Anwesen der Kommune leben, sich ihr aber nicht angeschlossen haben, sondern eine eigene Kaste bilden – eine Art Arbeiterklasse für die Kommunisten. Einige Gemeinschaften können nur überleben, indem sie einen gewissen Kommunentourismus zulassen, der ihrem Geist eigentlich widerspricht. Man lebt vom Verkauf von Mahlzeiten, Getränken, Handwerksarbeiten an die Außenwelt, ähnelt so einem genossenschaftlichen Betrieb, mit dem Unterschied freilich, dass der persönliche Profit nicht im Vordergrund steht.

Es waren die USA des 19. Jahrhunderts, die den religiös Verfolgten eine Möglichkeit boten, nach ihren Vorstellungen zu leben. „Es ist ein Beispiel dafür“, schreibt Stumberger, „wie damals in den USA auch Freiräume möglich waren, auch gesellschaftliche Freiräume, in denen man derartige Experimente durchführe konnte, ohne dass man vertrieben oder unterdrückt oder dergleichen wurde.“ Die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft ermöglichte es ihren Mitgliedern also, eigene Lebensweisen auszuprobieren, ein anderes Wirtschaften zu erproben, unter der Maßgabe, dass sie erstens niemanden zwangen, ebenso zu leben, und zweitens die Folgen ihrer Experimente selber zu verantworten hatten. Der persönliche und ökonomische Misserfolg, den viele Kommunen über kurz oder lang zu erleiden hatten, ist, wie Stumberger zeigt, sowohl von ihnen allein verursacht als auch von ihnen allein getragen worden. Insofern ist jede kommunitarische Gemeinde innerhalb eines echten kapitalistischen Systems eine Werbemaßnahme für eben dieses System. Liegt darin vielleicht auch der Grund, warum derartige Experimente von Marx abwertend als utopischer Sozialismus bezeichnet wurden?

Nur die weit verbreitete historische Unkenntnis über die Ursachen etwa der Großen Depression kann zu Fehlurteilen wie dem führen, das Stumberger über das Ende der Kommune von Amana, Iowa, fällt:

Es ist eine kleine Ironie der Geschichte, dass Amana und ihre Wirtschaftsbetriebe auch daran zugrunde gingen, dass die Weltwirtschaftskrise über die Ökonomie hereinbrach. Das kommunistische Experiment ist sozusagen an der kapitalistischen Wirtschaft gescheitert.

Dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 durch Staatseingriffe hervorgerufen und verstärkt wurde, wie schon Murray Rothbard und in Folge Thomas J. DiLorenzo  gezeigt haben, muss ausblenden, wer die Überlegenheit eines Weltsozialismus gegenüber einer nicht-zentralisierten, auf Eigentumsrechten und persönlicher Freiheit des Individuums beruhenden „Systems“ propagieren will, selbst wenn all seine Beispiele sogar im Kleinen für das Gegenteil sprechen. Stumberger tut dies zwar nicht, lädt mit seinen Fehldeutungen allerdings dazu ein.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Kommune von Zoar. Stumberger schreibt, ihre Produkte hätten durch die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft nicht mehr mit Konkurrenzprodukten mithalten können und sei deshalb ihrem Ende geweiht gewesen. Was das impliziert: Während in einem auf Privateigentum und Eigentum an Produktionsmitteln basierten Wirtschaftssystem die Produkte für die Menschen (durch Wettbewerb und Innovation) immer billiger werden, entweder also das Leben der Menschen tendenziell einfacher und stressfreier wird oder ihr materieller Wohlstand steigt, muss ein sozialisiertes Wirtschaften entweder hohe Preise oder sinkende Qualität seiner Produkte hervorbringen, das Leben der Menschen also tendenziell verschlechtern, schlechtere Ausgangsmaterialien verwenden, die eigenen Arbeiter zu längerer, härterer Arbeit anhalten oder sie entlassen.

Gleichwohl ist Stumbergers kleines Buch in vielerlei Hinsicht ein Schatz. Reisebericht, Reiseführer und sozioökonomischer Traktat in einem, verbindet es geschichtliches Hintergrundwissen mit reportagehaftem Erzählen, dem man das persönliche Erlebnis anmerkt. Seine Sichtweise ist auf weiten Strecken wohltuend neutral, jeder Verklärung abhold, kann und will aber eine gewisse ideologische Sympathie für den Gegenstand nicht immer leugnen.

Der Autor unterschätzt beispielsweise die eigentliche Gestaltungskraft der Kommunen, ohne sie jedoch zu verschweigen. Dass nur den religiösen Gemeinschaften wie den Amischen und den Hutterern eine längere Existenzdauer beschieden war, während die weltlich ausgerichteten entweder an persönlichem Versagen oder wirtschaftlichem Misserfolg scheiterten, kann nicht genug betont werden. Offenbar bedarf ein Leben im Kollektiv immer einer großen Erzählung, gemeinhin handelt es sich dann um eine religiöse Grundlage, die die Mitglieder auf die Regeln der Kommune einschwört und so das gemeinsame Haus auf Felsen bauen lässt. Fehlt diese oder wird sie brüchig, haben die rein persönlichen Vorteile (Existenzsicherung, geringere Arbeitsbelastung, Aufgehobensein in der Gruppe) eines Lebens im Kollektiv offenbar nicht mehr genug Gewicht, um die Nachteile der fehlenden persönlichen Freiheit und Selbstverwirklichung aufzuwiegen.

Auf perverse Weise veranschaulicht dies das Schicksal der Kommune von Oneida. Diese „Sex-Kommune“ im Staat New York wurde während des 19. Jahrhunderts drei Jahrzehnte lang durch die guru-hafte Anmaßung ihres Gründers Humphrey Noyes, einer starken Hierarchie und menschenverachtenden Psychopraktiken aufrechterhalten. Die Mädchen der Kommune hatten oft vor ihrem 13. Lebensjahr erzwungenen Sexualkontakt mit den geistlichen Oberhäuptern, zumeist mit Noyes selber, der sich das „Recht der ersten Nacht“ im Sinne einer „Einweisung“ in das Leben der Kommune vorbehielt. Diese Praktiken, zu denen auch eugenische Zuchtexperimente gehörten, zielten neben dem persönlichen Lustgewinn auf die Kontrolle und Macht über die Mitglieder. Nach dem Abtreten des Sektenführers schwanden Arbeitsmoral und Zusammengehörigkeitsgefühl und schließlich endete die kommunistische Utopie in einer Aktiengesellschaft. Hier zeigt sich, zu welchen Maßnahmen kollektivistische Systeme zu greifen bereit sind, wenn ihnen die Möglichkeit religiöser Indoktrination (und damit die Nötigung durch die Erzählung vom Höllenfeuer, das Kindern vom jüngsten Alter an als Strafe für ein non-konformes Leben angedroht wird) fehlt.

Stumbergers Buch ist angesichts dieser Fakten mit einem abschließenden Urteil zu zurückhaltend. Die von ihm besuchten Kommunen sind entweder kläglich (bereits nach Monaten!) gescheitert oder haben ihren Mitgliedern ein Leben in Würde und Freiheit verweigert und sich ein Weiterleben nur durch psychische und physische Kontrolle erpressen können. Dabei zeigen Stumbergers Ausführungen deutlich: So spannend soziale Experimente wie die utopischen Kommunen in den USA auch sein mögen, so vorsichtig muss man sein, sie zum Ideal eines Lebens jenseits von Ausbeutung, Entfremdung und Stress zu verklären.

Rudolf Stumberger: Das kommunistische Amerika. Auf den Spuren utopischer Kommunen in den USA.

Mandelbaum Verlag, Wien 2015.

240 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 3854766476

LESEN: Nur noch der Kapitalismus kann uns retten

„Das Unsägliche sagen“ – Huml/Rappenecker: „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“

Über die Suche nach einer Identität ,nach Auschwitz’ und die Formen des Erinnerns

 

„Wer Jude ist, bestimme ich“, hat der Wiener Bürgermeister Karl Lueger auf die Frage geantwortet, warum denn in seinem, eines Antisemiten Freundeskreis so viele Juden seien. Wenn es doch nur so einfach wäre, wird man sich denken, und im selben Augenblick: Bloß gut, dass es komplizierter ist. Denn Identität, kollektive zumal, ist nicht erst seit den Zeiten, da sie zu einem Modebegriff der Kulturtheorie avancierte, eine heikle Angelegenheit. Welche Instanz bestimmt, wer oder was jemand sei, wie er sich selbst verstehen, welchem Milieu er zugehören solle und welchem nicht, auf welche Weisen er sich von Mitgliedern anderer Kollektive zu unterscheiden habe? Um die Virulenz dieser Problematik für ein ,jüdisches’ Selbstverständnis zu verdeutlichen, muss man nicht erst auf die fatalen Bemühungen der Nazis verweisen, mittels Zwangszuweisung der Namen „Israel“ und „Sara“ oder des Davidsterns vermeintliche Klarheit in das Chaos zu bringen.

In diesem Sinne stellen die Autorinnen und Autoren des von Ariane Huml und Monika Rappenecker herausgegebenen Bandes „Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert“ die Frage nach dem Standort des jüdischen Denkens heute und suchen sie auf vielfältige, zwangsläufig unabgeschlossene Weise zu beantworten. Wollte man die Ergebnisse der 17 Einzelstudien zusammenfassen, die das thematische Feld von den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bis zur Gegenwart abstecken, so könnte es wohl nur in der Einsicht geschehen, dass jüdische Identität weder je fest umrissen war noch ist. Gerade diese Tatsache aber, so sind sich die Beitragenden einig, begründet den seismographischen Wert nicht nur eines jeden der geschilderten Schicksale von Karl Kraus über Hannah Arendt bis zu Ruth Klüger oder Hilde Domin, sondern überhaupt der gesamten neueren jüdischen Geschichte für die Entwicklungen der Moderne und Nach-Moderne.

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