1968 – Untergang des Abendlandes oder notwendige Revolution? Dietz Bering im Gespräch

War 1968 der Beginn des Untergangs des Abendlandes, der eine Ideologie in die Welt setzte, die die Familien zerstört, die Gemeinschaften geschwächt, den Glauben an ewige Werte und die Religion verlacht und die westlichen Kultur verteufelt hat – oder war es eine notwendige Revolution der Denkungsart, die eine Liberalisierung und Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen mit sich gebracht hat, dazu Befreiungsbewegungen der Ausgebeuteten dieser Erde, zur Gleichstellung der Geschlechter und Kritik an Gehorsam und Autoritätsdenken? Ich spreche mit dem Sprachwissenschaftler und Antisemitismus-Forscher Prof. Dr. Dietz Bering über seine persönlichen Erlebnisse und Wahrnehmungen um 1968 herum, sowie über Ursachen und Folgen der Kulturellen Revolution.

Die Welt aus den Angeln – Philipp Blom im Gespräch

Vor vierhundert Jahren veränderte sich das Klima in Europa auf dramatische Weise und stieß damit viele Prozesse an, die zu einer neuartigen Weltsicht geführt haben. Aufklärerisches Gedankengut, die wissenschaftliche Methode, religiöse Toleranz, der Kapitalismus und die Idee der Menschenrechte haben sich in dieser Zeit entwickeltals Antwort der Menschen auf sich wandelnde Lebensbedingungen. InDie Welt aus den Angelnbeleuchtet der Historiker Philipp Blom die Zeit der sogenannten Kleinen Eiszeit und legt dar, wie sich die Mentalität entwickelt hat, die die westlichen Gesellschaften heute prägt.

Aber wenn der Klimawandel nach 1570 sich positiv auf den Fortgang der Menschheit ausgewirkt hatsollten wir dann nicht einem erneuten Klimawandel heute gelassener entgegenblicken?

Philipp Blom  beantwortet diese und weitere Fragen im Gespräch.

Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700

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Herr Blom, in Ihrem Buch „Die Welt aus den Angeln“ beschreiben Sie die Moderne als Produkt der Kleinen Eiszeit. Welcher Aspekt des Klimawandels vor vierhundert Jahren hatte Ihrer Ansicht nach auf das Leben der Menschen den bedeutendsten Einfluss?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Kleine Eiszeit war nicht alleinverantwortlich für die Entstehung der modernen Welt, aber sie einen wichtigen Einfluss ausgeübt und gewisse Entwicklungen beschleunigt. Das feudale Europa hatte zuerst nur wenige Möglichkeiten, auf Ernte-Ausfälle zu reagieren und sie zum Beispiel durch Importe auszugleichen und die Naturereignisse zu verstehen. Diese Möglichkeiten aber bildeten sich bald heraus: stärkere internationale Märkte und der Anfang einer wissenschaftlichen Weltsicht. Auch die aufgeklärte Toleranz entstand aus dieser Betonung auf Austausch und auf empirisches Wissen.

Die Kleine Eiszeit hat einen Abschied aus einer zutiefst religiös geprägten Welt und den Aufbruch in ein zunehmend aufgeklärtes, naturwissenschaftlich geprägtes Denken möglich gemacht. Wie hängen modernes Denken und Klimawandel miteinander zusammen?

Die ersten katastrophalen Ernten wurden gegen Ende des 16. Jhds. als Botschaften Gottes verstanden, als Strafe. Also reagierten die Menschen auf die einzig logische Weise: Durch Bußprozessionen, Gottesdienste, feurige Predigten, und durch Hexenverbrennungen. Im Laufe des 17. Jhd. aber beginnt sich das zu ändern. Wettertagebücher halten Naturereignisse ohne Bezug auf die Bibel fest, Wissenschaftler helfen, die Krise der Landwirtschaft durch praktische Ratschläge für die Bauern zu lösen, Handelszentren florieren und resultieren besonders in den Städten in einer höheren Alphabetisierungsrate, in mehr religiöser Toleranz, mehr Debatte im entstehenden öffentlichen Raum. Das sind alles keine direkten Konsequenzen aus der klimatischen Abkühlung, aber sie wurden durch die daraus resultierende Krise wesentlich beschleunigt.

Im 17. Jahrhundert hat sich eine säkulare Philosophie herausgebildet, die sich zunehmend von religiöser Bevormundung befreit hat. Inwiefern hat die klimatische Abkühlung dazu beigetragen? Sehen Sie in dem Einfluss der Kleinen Eiszeit einen begünstigenden Umstand oder einen notwendigen Anstoß zu den beschriebenen Entwicklungen – eine conditio sine qua non?

Eigentlich war es hauptsächlich der Aufstieg der Mittelschicht, der diese Veränderung möglich machte. Ihre Mitglieder – die Kaufleute, Lehrer, Anwälte, Verwalter, Beamten, Künstler – hatten bald viel wirtschaftliche und kulturelle Macht, blieben aber größtenteils von der politischen Macht ausgeschlossen. Es lag auf der Hand, in dieser Situation das einzige Argument zu nutzen, dass die Mittelschicht hatte: Wir sind alle gleich an Rechten und Freiheiten, haben das gleiche Recht, unser Leben frei zu gestalten. Tatsächlich waren die wichtigsten Philosophen der Aufklärung sehr häufig Teil dieser gebildeten Mittelschicht, von René Descartes (einem Artillerieoffizier), zu Baruch de Spinoza (einem Kaufmann), Thomas Hobbes (Hauslehrer) und Pierre Bayle (Schulmeister). Es war also – auch – die Macht der historischen Umstände, die diese Debatte formte, verbunden mit dem Buchdruck, der solchen Ideen jetzt erlaubte, ein weites Publikum zu erreichen.

Wenn Sie die Kleine Eiszeit mit anderen, zeitgleich ablaufenden Prozessen vergleichen – die Reformation etwa, die Bauernkriege, die Erfindung des Buchdrucks, die Wiederentdeckung antiker Autoren in der Renaissance – ist sie ein Einfluss unter vielen oder das entscheidende Moment in der Entwicklung zur Moderne?

Das ist schwer zu sagen. Sie hat aber vielleicht die europäischen Gesellschaften wirtschaftlich am stärksten verändert. Nicht alle Länder und alle Klassen waren von Reformation und Renaissance gleichmäßig betroffen und die Renaissance war im wesentlichen ein Elitephänomen, der Klimawandel aber ließ niemanden unberührt.

Sie stellen eine Reihe bedeutender Denker der Zeit vor: Carolus Clusius, Voltaire, Descartes, Gassendi, Giordano Bruno, Spinoza. Welche Figur hat Sie während Ihrer Recherchen am meisten fasziniert? Welche ließe sich am ehesten heranziehen, um den mentalitätsgeschichtlichen Wandel zu veranschaulichen?

Spinoza ist ein Freund, den ich schon lange bewundere, aber auch der immens kämpferische und klarsichtige Pierre Bayle ist eine großartige Persönlichkeit. Wer den Wandel am besten veranschaulicht? Vielleicht tatsächlich Spinoza, der sich von einer sehr traditionsverbundenen Gemeinschaft löst (nun ja, von ihr verbannt wird) und als ein ganz moderner Mensch lebt, keiner Konfession zugehörig, mit Denkern in ganz Europa in Kontakt, als Linsenschleifer für wissenschaftliche Instrumente.

Sie zeigen, wie die Welt damals aus den Fugen geraten schien. Größere Umwälzungen ließen die Menschen nach einfachen Erklärungen suchen, die ihnen die Möglichkeit geben sollten, die Götter wieder zu beruhigen: durch die Verfolgung von „Hexen“ etwa, denen man die Schuld an der schlechten Witterung anhängte. Lasterhafter Lebenswandel wurde in Zusammenhang mit den unerklärten Wetterphänomenen gebracht.
Ist die heutige Ansicht, das globale Klima reagiere auf das Handeln des Menschen, nicht eine ähnliche Hysterie, geboren aus der Sehnsucht, einfache Erklärungen und Maßnahmen zu finden – und den Schuldigen, den lasterhaft-selbstbezogen modernen Menschen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Antwort einfach: Nein, ist sie nicht. Es gibt tatsächlich eine starke kausale Verbindung. Die Frage ist aber, welche Schlüsse man daraus zieht. Es hat überhaupt keinen Sinn, die Situation zu moralisieren. Aber das ändert nichts daran, dass rasche und radikale Maßnahmen notwendig wären, um schlimmeres vielleicht noch zu verhindern. Zwei Grad im 17. Jhd haben enorme Veränderungen bewirkt und beispielsweise in China und Teilen Russlands zum Zusammenbruch der Bevölkerung geführt. Drei oder sogar vier Grad in naher Zukunft wären schlicht katastrophal. Wir wissen nicht, wie weit wir auf diesem Weg bereits fortgeschritten sind und was wir noch tun können, aber die Frage selbst ist nicht moralisch oder hysterisch, sondern tatsächlich existenziell.

Sie sehen in dem Klimawandel die Basis für den Aufschwung des globalen Handels und für die Anfänge des modernen Staats – zugleich aber auch für Kolonialismus und die Strategie des Wachstums durch Ausbeutung. Fällt ihr Fazit zur Entwicklung der Moderne eher freundlich oder kritisch aus?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. In den letzten vierhundert Jahren sind unglaubliche und erstaunliche Dinge geschehen und vieles ist alltäglich geworden, was kurz zuvor noch als völlig unmöglich galt. Ich glaube, dass die Kernideen der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und die Idee von Toleranz und der Herrschaft des Gesetzes tatsächlich entscheidend dafür sind, zahllosen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, ganz zu schweigen von den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritten. Gleichzeitig aber ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Sie hat nicht nur unglaublich viele Opfer gefordert, sie hat auch so viel Zerstörung, Müll und so immense Probleme geschaffen, dass es noch viel zu früh ist, um Bilanz zu ziehen.

Sie schreiben: „Der heraufdämmernde Kapitalismus und der intensiver werdende Kolonialismus erlaubten es Britannien, zur ökonomisch führenden Weltmacht aufzusteigen. Bekanntlich war dieser Wandel mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung verbunden.“ Wie beurteilen Sie die Verbindung unseres heutigen Wirtschaftssystems mit Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung?

Es besteht leider kein Zweifel daran, dass unser Wohlstand nicht nur aus Pünktlichkeit, Fleiß und Emsigkeit resultiert, sondern auch daraus, dass wir direkt und indirekt von Unterdrückung, Sklavenarbeit und der Zerstörung natürlicher Lebensräume profitieren – vom Anbau von Palmöl und Soja bis hin zum Abbau von Schwermetallen, Teersanden und Erdöl, von der Unterstützung blutiger aber effektiver Diktatoren und den Arbeitsplätzen, die der Waffenhandel bringt, bis hin zum Agrardumping auf afrikanischen Märkten. Die Hände der Mächtigen sind immer blutig. Und wenn unsere weniger blutig sind, als die unserer Vorfahren, so macht uns unser tägliches Konsumverhalten uns doch wissentlich oder unwissentlich zu Komplizen von Verbrechen, aus denen wir Nutzen ziehen.

Sie sind der Ansicht, unser heutiges Wirtschaftswachstum beruhe noch stärker auf Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, als es im Europa der Kleinen Eiszeit der Fall war. Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass die Menschheit sich trotz allen Fortschritts noch nicht von ausbeuterischen Methoden befreit hat?

Das scheint mir sehr einfach: Das Streben nach individuellem Nutzen ist meistens stärker als das solidarische Handeln. Nur haben wir im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten viel mehr technologische Reichweite, will sagen: Wir können mehr kaputtmachen.

Ich lese aus Ihrem Buch eine Verachtung für freie Märkte und Wirtschaftsliberalismus heraus. In Wirtschaftswachstum scheinen Sie stets die Gefahr von Ausbeutung zu wittern. Was befürchten Sie eher: einen neuen Autoritarismus oder den Neoliberalismus?

Ich weiß nicht, ob beide unterschiedlich wären! Aber nein, ich verachte den Markt nicht. Der Kapitalismus ist eine wunderbare Weise, wie Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Kulturen in einer diversen aber regelbasierten Gesellschaft zusammenleben können. Die Demokratie entsteht aus dem Austausch und Wettbewerb des Marktes. Aber hören wir auf, vom Freien Markt zu sprechen! Ein Markt ist nicht frei und kann es nicht sein, er braucht Regeln, Gesetze, Verträge, Gerichte, eine Polizei – ein Markt braucht einen Staat, eine Gesellschaft, um existieren zu können. Weil aber die Gesellschaft seine Existenz erst möglich macht, sollte sie auch stärker darauf achten, dass der Markt zum Allgemeinwohl beiträgt, und nicht andersrum. Und die Idee des ewigen Wirtschaftswachstums: Wer ist je auf die wahnsinnige Idee gekommen, dass eine Wirtschaft ewig wachsen kann und muss, um nicht zusammenzubrechen? Jeder Organismus in der Natur wächst, wenn es möglich ist, und schrumpft in Momenten, wenn die Umstände schwieriger sind. Der Wachstumszwang schafft nur einen Zwang zum dauernden und unnötigen Konsum, zum Kultivieren künstlicher Bedürfnisse und der Eroberung neuer Märkte. Was trägt all das dazu bei, dass Menschen im Sinne der aufgeklärten Ideale besser, freier, selbstbestimmter und solidarischer leben?

Sie stellen es als Dilemma dar, dass der Zustand unserer Gesellschaft zugleich auf einem Traum von universellen Menschenrechten und Demokratien beruht wie auf wirtschaftlichen Wachstum, das auf Ausbeutung beruht. Inwiefern kann uns diese Einsicht heute leiten? Ist sie mehr als ein Versuch, dem Menschen des Westens ein schlechtes Gewissen angesichts seines privilegierten Lebensverhältnisse zu machen?

Vielleicht wäre ja Einsicht der erste Schritt zu Besserung. Um ein schlechtes Gewissen geht es nicht, aber es ist richtig, dass wir selbstverständlich Rechte und Freiheiten für uns selbst in Anspruch nehmen, die wir anderen Menschen zum Teil direkt vorenthalten.

Der Klimawandel damals war nicht menschengemacht, hat aber zu einer insgesamt positiven Entwicklung geführt: Aufklärung, Emanzipation von Autoritäten, Fortschritt und Wohlstand. Sie prophezeien jedoch:
„Alles wird anders. Die Migrationsbewegungen, Verteilungskämpfe , Kriege und Konfrontationen der kommenden Jahrzehnte werden unsere Gesellschaften erschüttern und transformieren.“
Gibt es dabei überhaupt Möglichkeiten, zu steuern, ob ein erneuter Klimawandel in die Katastrophe oder oder zum Besseren führen wird?

Insgesamt positiv – sicherlich anders, aber es war eben auch kein direkter Weg. Ja. Im heutigen, globalen Kontext wird sich wesentlich mehr ändern, weil viel mehr Menschen auf der Welt leben, weil sie besser informiert und mobiler sind und weil unsere Lebensweise enorme Umweltauswirkungen und eine große technologische Reichweite hat. Wir machen uns noch keinen Begriff von diesen einschneidenden Änderungen, aber sie kommen sicher.

Herr Blom, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Gibt es Gott? Dawkins: „Der Gotteswahn“ [RadioSchau 13]

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»Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch.« Richard Dawkins, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, zeigt, warum der Glaube an Gott einer vernünftigen Betrachtung nicht standhalten kann.

KaiserTV RadioSchau – Klimawandel und Gesellschaft

Lange kalte Winter und kurze kühle Sommer: Im 17. Jahrhundert veränderte sich das Klima in Europa dramatisch. Das Getreide wurde knapp, Wirtschaft und Gesellschaft torkelten in eine tiefe Krise. Die Kleine Eiszeit vermittelt uns eine Vorstellung von den schweren Verwerfungen, die ein Klimawandel auslöst. Die Menschen versuchten sich mit Hilfe von Aufklärung, Wissenschaft und Technik aus der Abhängigkeit von der Natur zu befreien. Aber heute stößt diese moderne Welt an ihre Grenzen, weil sie eine erneute Klimakatastrophe heraufbeschwört. Philipp Blom entfaltet ein großartiges historisches Panorama, in dem wir die Herausforderungen der Gegenwart erkennen

Folge 2: Über Philipp Bloms Buch „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700.

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Die Unfähigkeit, zu genießen

Haben wir verlernt zu genießen? Allein die Tatsache, dass wir uns die Frage stellen, könnte schon ein Hinweis auf ihre Beantwortung sein: natürlich, denn wer nach dem Glück fragen muss, besitzt es sicher nicht – er besaß es nie oder er hat es irgendwie verloren.

Robert Pfallers Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ leidet an oberflächlichem Hedonismus

Haben wir verlernt zu genießen? Allein die Tatsache, dass wir uns die Frage stellen, könnte schon ein Hinweis auf ihre Beantwortung sein: natürlich, denn wer nach dem Glück fragen muss, besitzt es sicher nicht – er besaß es nie oder er hat es irgendwie verloren. Natürlich, so der Befund, haben wir den Genuss verlernt, denn früher war alles besser und leichter, da konnten wir das Leben noch in vollen Zügen genießen, ganz im Moment aufgehen und feiern, als gäb’s kein Morgen mehr. 

robert pfaller wofür es sich zu leben lohn genussAber heute? Grauer Alltag und schnödes Effizienzdenken, wohin man blickt. Studien über die glücklichsten Länder der Welt, Kurse in Lach-Yoga und Rezepte für stimmungsaufhellende Gerichte lassen ahnen: Uns ist die Fähigkeit, zu genießen, abhanden gekommen.

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller hat vor einiger Zeit ein vielbeachtetes Buch zu dem Thema geschrieben. Seine Thesen: Der gegenwärtigen westlichen Kultur geht die Fähigkeit verloren, genießen zu können. Obwohl gerne als hedonistisch bezeichnet, ist sie doch in Wirklichkeit lustfeindlich, was sich darin äußert, dass die negativen Eigenschaften der Dinge, die uns bisher Lust bereiten konnten, ihnen weggenommen werden. Das Schädliche an einem Erlebnis ist genau das, was es für eine Kultur als lustbringend geeignet erscheinen lässt, da es den Individuen erlaubt, in besonderen Momenten, den Augenblicken selbstvergessenen Feierns, ihre Selbstvergessenheit, ihr Nicht-an-Morgen-denken zur Schau zu stellen: das „Unreine“ wird in der kollektiven Feier zum Heiligen, dass mittels seines schädlichen Charakters den profanen, auf Effizienz ausgerichtten Alltag transzendiert, zumindest unterbricht. In anderen Momenten würde den Individuen das gleiche Erlebnis oder Ding (dank seinem Doppelcharakter „unrein“/“heilig“) als schal oder ekelhaft erscheinen.

Der konstatierte Verlust an Genussfähigkeit zeigt sich in dem wachsenden Unwillen der Gesellschaft, (vermeintlich) schädliche Alltagsgegenstände und -erlebnisse zu tolerieren. Dem Rauchen wird der Garaus gemacht, Bier gibt es auch alkoholfrei, öffentliches Grillen im Park wird verboten. Pfallers Fazit lautet: Wir haben um des nackten Lebens willen die Gründe vergessen, für es sich zu leben lohnt – in der Bewertung des Satirikers Juvenal „der größte Frevel“ überhaupt:

Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.

Man kann leicht einwenden, dass Pfallers Beobachtungen zwar kulturelle Phänomene beschreiben, deren Generalisierbarkeit zumindest bestritten werden kann – von empirischer Belegbarkeit ganz zu schweigen, die muss den Philosophen nicht kümmern. Ist es denn wirklich ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der sich hier abspielt? Oder nur einer auf die üblich verdächtigten Schichten – Bildungsbürgertum, Yuppis, BoBos, Generation Y – bezogener?

Kann man denn wirklich davon sprechen, dass sich das Gros der Gesellschaft davon zu verabschieden droht, Rituale wie das abendliche Biertrinken oder die Zigarettenpause am Leben zu erhalten? Nur weil es seit geraumer Zeit auch alkoholfreies Bier gibt? Und weil man nur noch außerhalb öffentlicher Gebäude seiner Lust am Tabak frönen darf? In zahlreichen Kneipen einer beliebigen deutschen Stadt kann man in vivo beobachten, wie wenig sich viele Menschen für den von Pfaller konstatierten Abschied von der Genusskultur interessieren. Macht sich Pfallers Theorie einer Verallgemeinerung der nur in einem begrenzten Habitat beobachteten Phänomene auf die Gesellschaft in ihrer Gänze schuldig? Einer Verallgemeinerung, die einer kritischen Prüfung nicht stand hält?

Aber selbst, wenn wir uns nur auf die Schichten konzentrieren, die (aufgrund ihres Zwangs, sich im Alltag an neue Notwendigkeiten anzupassen) nun immer öfter davon absehen, Fast Food, Fleisch, Süßigkeiten, Tabak, Alkohol zu konsumieren, dann muss man wohl festhalten, dass sie den herkömmlichen Genussangeboten eine Palette neuartiger Möglichkeiten des Lustgewinns hinzugefügt haben. Diese Möglichkeiten ergeben sich schon rein ökonomisch erst durch die Teilhabe an der jeweiligen Schicht – und ihre Lust beziehen sie nicht zuletzt aus dem Wissen, dass andere Schichten an ihr nicht teilhaben können. So sind die meisten Extremsportarten ebenso exzessiv wie exklusiv, und auch das Shoppen um des Shoppens willen oder der mehrtägige Besuch eines Wellnesstempels gehört zu solcherlei „Ersatzbefriedigungen“, wenn das Rauchen nicht mehr Abhilfe zu schaffen vermag.

Zudem scheint doch fraglich, ob der Grund dafür, dass wir eine Zeit erleben, in der gefährliche Genüsse immer öfter in eine Verbots- und Tabuzone fallen, ihre Ursache im Neid derjenigen findet, die ihre eigenen Genussmöglichkeiten eingeschränkt haben. Denn, so Pfaller, wir sähen den Raucher nicht mehr als willkommenes Bild von Weltläufigkeit und Eleganz, das unseren Alltag verschönert, sondern nur als jemanden, dessen Genuss unseren Lustverzicht trübe (oder, paradoxerweise, diesen sogar noch lustvoller macht, im Sinne der Lacan’schen jouissance). Daher würden wir ihm seine Lust durch Maßregelungen madig machen. Das Problem bei diesem Argument ist zu meinen, dass sich neben dem Rauchen nur wenig Belege für die Neid-Theorie finden lassen. Schon für das gesellige Feiern gilt es kaum noch (es sei denn, unser Ruhebedürfnis wird durch die Lautstärke der Feiernden gestört) und schon gar nicht mehr für den Verzehr von Fleisch. Jemand, der aus gesundheitlichen Gründen aus tierische Produkte verzichtet, wird wohl kaum bei jemandem, der einer Grillparty beiwohnt, den Reflex auslösen, auch den anderen Fleischverzehr verbieten zu wollen (anders natürlich, wenn sein Verzicht ethische Gründe hat).

Beim Rauchen und bei der Party von oben sind eben andere direkt betroffen. Zudem ist unser Zusammenleben offensichtlich vielgestaltiger geworden und die allgemein akzeptierten, unausgesprochenen Regeln des höflichen Umgangs miteinander nicht mehr so sakrosankt (oder geläufig) wie noch vor fünfzig Jahren. Offensichtlich sind wir daher nicht nur sensibler geworden, was das Gefühl, gestört zu werden angeht, sondern Zumutungen gegenüber auch intoleranter, oder: mutiger geworden, diese zu formulieren.  

Dies lenkt allerdings den Blick vom eigentlichen Argument gegen Pfallers These, da es ja nicht „die Individuen“ sind, die Regelungen und Gesetze gegen das Rauchen im öffentlichen Raum erlassen, es ist ja nicht einmal „die Gesellschaft“. Verantwortlich für derartige Prozesse ist vielmehr eine Politik (wie auch Pfaller weiß, der bei der Aktion adults for adults seine mit Warnhinweisen versehenen Weinflaschen ja an EU-Abgeordnete schickt) und deren Interesse liegt nun einmal in der Kostensenkung. Wo sich gesellschaftliche Kosten politisch reduzieren lassen, wird die auch getan, das ist die Logik des Systems, und nun ist das Rauchen mit seinen „Nebenwirkungen“ aus dieser Perspektive eben ein Kostenfaktor.

Deutlicher wird das noch an dem von Pfaller bemühten Beispiel der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Aus Gründen der Erhöhung unserer Sicherheit lassen wir unwürdige Rituale der Selbstentblößung über uns ergehen. (Wie verquer Pfallers Genussbegriff ist, lässt sich hieran ebenfalls ablesen: wir genießen den Flug ja nicht, weil er Gefahr bedeuten würde; ja, wir genießen ihn im Grunde gar nicht.)

Pfaller wirbt für die Möglichkeit, eine risikoreiche Existenz in Würde einem risikoarmen Leben vorzuziehen, in dem man entwürdigenden Handlungen ausgesetzt wird. So wünscht er sich halb im Scherz die Aufteilung von Fluglinien in die beiden Klassen Stolz und Sicherheit. Da es aber gar nicht in erster Linie um die jeweiligen Passagiere der jeweiligen Maschine geht, sondern um mögliche Opfer am Boden und um das Flugpersonal, dessen Gehälter nämlich reziprok zum zerbombten Flugzeug in den Himmel schössen, zeigt schon, dass es eben um Kapital geht, das der einzige Grund für Unternehmen und Politik ist, Regeln zu erlassen oder auszusetzen. So hohe Versicherungsbeiträge könnte schließlich keine Gesellschaft mehr bezahlen …

Ein Blick auf die Straßen einer x-beliebigen Stadt mag nun aber erhellen, an welchem verqueren Wirklichkeitsbild – bzw. Genussbegriff Pfallers Theorie krankt. Lange nämlich muss man sie suchen, die eleganten Raucher von Welt, die sich in mondänen Clubs Zeit nehmen für den sinnlichen Genuss in Form aparter Düfte, todesmutig eingedenk der Gefahr, die sie ihrer Gesundheit damit zufügen. Die Mehrheit der Raucherinnen und Raucher dürfte diesem nostalgischen Bild Hohn sprechen: hastig auf dem Weg zur U-Bahn angezündete Glimmstengel, gelbe Zähne, vergilbte Schnurrbärte und röchelnder Husten, kalter Rauch, der sich in seit Jahrzehnten ungereinigten Lederjacken fängt, achtlos auf das Trottoir geworfene Kippen – wo sind sie denn, die von Pfaller beschworenen Genießer? Wo waren sie je? Das gleiche mit Fast Food, Alkohol, Grillpartys in Stadtparks – vielleicht liegt es ja daran, dass ich in Köln (und nicht im glücklichen Wien) wohne, aber ich kann und konnte den Typus des Pfaller’schen Genussmenschen nur sehr selten ausmachen.

Aber vielleicht gibt oder gab es sie ja, oder vielleicht besteht ihr Wert ja auch nur in einer idealen Existenz, die der schnöden Realität den Spiegel vorhält. Trotzdem: das Verständnis von Genuss, das Pfaller, der seine Philosophie als materialistisch-hedonistisch bezeichnet, an den Tag legt, ist schamvoll unphilosophisch, ja trivial. Es ist ein rein negatives Verhältnis – Genuss stellt sich nur im Überschreiten von Verboten ein. Offenbar scheint Pfaller keinen Sinn dafür zu haben, dass dem Menschen auch andere Quellen der Freude offen stehen. Dies sind nämlich Freuden, die sich nicht nach dem Modell „Jucken – Kratzen“ gestaltet sind.

Die Freuden des Denkens und der Erkenntnis, die Lust am Lesen und an Sprache, das Glück sublimer Genüsse wie des Hörens eines Musikstücks oder des Betrachtens eines Gemäldes, die Berührung eines Menschen oder die Erfahrung von Natur, nicht zuletzt die Freuden meditativer Versenkung – die Freude des reinen Da-Seins, der Achtsamkeit – vielleicht sind das nicht ganz alltägliche „Befriedigungen“ und sie mögen dem ein oder anderen aus diesem Grunde auch eher befremdlich, ja lächerlich anmuten.

Doch wären dies nicht Arten der Lust, die zu erlernen und zu fördern eher geraten wäre als die Lust an lauten Grillpartys und am Rauchen?

 

Du sollst kreativ sein!

Fühlst du dich auch manchmal unkreativ? Schlimmer noch: Leidest du darunter?

Fühlst du dich auch manchmal unkreativ? Schlimmer noch: Leidest du darunter? Falls ja, bist du vielleicht auch Opfer des subtilen Terrors der Kreativität, der den modernen Menschen heimsucht.

Der Zwang, originell zu sein, ein Schöpfer und Künstler zu sein, beherrscht unser Denken bis hin zur Art und Weise, wie wir Kunst betrachten und nicht zuletzt, wir konsumieren – so der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.

Wolfgang Ulrich war Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und Programmleiter des Festivals der Bildenden Kunst in Düsseldorf. Er ist Autor des Buches „Der kreative Mensch“ (Residenz Verlag, 2016).

Der Staat als Entertainer

Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum propagiert einen Staat, der sich der „Politischen Emotionen“ der Bürger annimmt

Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum propagiert einen Staat, der sich der „Politischen Emotionen“ der Bürger annimmt

Die Menschheit ist heute nurmehr noch eine Unmenschheit, die der Staat ist. – Thomas Bernhard

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass den politischen Akteuren Ihres Landes vor allem anderen daran gelegen ist, Sie, also die Wählerin, zu ihren Gunsten zu beeinflussen? Dass ihr Erfolg vornehmlich auf der Fähigkeit fußt, Ihnen, also dem Steuerzahler, zu suggerieren, sie machten eine gute Arbeit, oder zumindest die beste aller möglichen?

Haben Sie auch manchmal den Eindruck, Politik bemühe sich (heutzutage; seit jeher …) nur darum, das Bauchgefühl des Souveräns anzusprechen, anstatt – wie mündige Bürgerinnen und Bürger es von ihren Vertretern erwarten dürften – auf rationalen Argumenten beruhende Standpunkte mit kühlem Kopf und sachlichen Worten darzulegen? Es sei wichtiger, Politik gut darzustellen als gut zu machen?

 

Falls Sie das bisher immer als leicht durchschaubare und billige Propaganda abgetan haben, könnte das neue Buch der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum Sie eines Besseren belehren – oder zur Weißglut treiben: „Politische Emotionen“ nämlich, so der Titel, will mit dem Vorurteil aufräumen, das bessere Argument, die brauchbare Idee, das gerechte Prinzip bleibe von alleine bestehen, verbreite sich, einmal zu Papier gebracht, allein mittels seiner inhärenten Überzeugungskraft in den Köpfen der Menschen und bedürfe keiner andersartigen Unterstützung mehr.

Es ist sicher auch unserer Vergangenheit geschuldet, dass wir in Europa, besonders in Deutschland, die Rolle von Emotionen in der politischen Landschaft mit großer Reserviertheit betrachten. Nussbaum jedoch hält die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht und nur solche hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren, für falsch. Sie geht im Gegenteil davon aus, dass Gefühle, die sich auf die Nation und ihre Werte richten, sehr hilfreich sein können, wenn es darum geht, „Menschen dazu zu bringen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen“. Eher noch sieht sie die Gefahr der Bescheidung auf das rein Rationale darin, dass man die Tugenden liberaler Gesellschaften für langweilig halten könnte, wenn sie keine starken Gefühle ansprechen und „die Herzen der Burger“ nicht bewegen. Alle politischen Prinzipien, so Nussbaum, bedürfen der emotionalen Unterfütterung, damit sie langfristig Bestand haben. Über eine langfristige Stabilisierung politischer liberaler Kultur und der ihren teuren Werte muss also nachgedacht werden, wenn wir nicht wollen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger vom Projekt einer liberalen, aufgeklärten Moderne abwenden.

Daher muss Nussbaum zufolge eine Gesellschaft auch über Emotionen wie Mitgefühl, Zorn, Neid oder Scham nachdenken und sie auf ihre politische Verwendbarkeit hin untersuchen. Zum einen müssten auch in einer liberalen Gesellschaft die Bürger zu einem starken Engagement für als gut erachtete Projekte erst noch begeistert werden; zum anderen gehe es darum, negative Emotionen wie Abscheu oder das Bedürfnis, andere zu erniedrigen, im Zaum zu halten. Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus, der andere ausschließt: All diese Haltungen bedürfen einer Korrektur durch das Evozieren positiver Emotionen. Gerade das Mitgefühl und die von Nussbaum ohne Angst vor Sentimentalität im Untertitel zitierte Liebe könnten diese Rolle spielen, indem sie Bindungen der Bürgerinnen und Bürger untereinander befördern, die zu Gerechtigkeit führen.

Es handelt sich in Nussbaums Entwurf also um die Bestimmung einer Gefühlskultur, die im Grunde genommen von oben verordnet wird. Im Anschluss an John Rawls macht Nussbaum gewisse Grundprinzipien der politischen Kultur einer Gesellschaft fest, die nun durch diese öffentliche Gefühlskultur gestärkt werden sollen:

Wenn diese Prinzipien wirksam sein sollen, muss der Staat dazu beitragen, dass die Menschen sich an diese Ideale gebunden fühlen und für sie eintreten.

 

 

Nur eine stabile Gesellschaft ist eine funktionierende Gesellschaft

Nussbaum folgt hier nicht mehr den oft zitierten liberalen Vorgängern Kant und Locke, die dem Staat in seinem Vorhaben, seine Stabilität durch psychologische Maßnahmen zu sichern, enge Grenzen gesetzt haben. Doch das ist ihr zu wenig. Der Zweck des Staates soll nicht bloß darin bestehen, schadende Verhaltensweisen seiner Bürger zu bestrafen. Der Staat habe vielmehr die Aufgabe – und spätestens bei diesem Zitat zuckt der europäische Leser hoffentlich zusammen – die Aufgabe, „die Psyche der Bürger zu beeinflussen (etwa durch politische Rhetorik, Lieder Symbole sowie durch den Inhalt und die pädagogische Ausrichtung der öffentlichen Erziehung)“. Freilich zu einem guten Zweck, nämlich der Herstellung eines gesellschaftlichen Zusammenlebens, das den Mitgliedern ein menschenwürdiges Leben (gemäß dem von Nussbaum und Amartya Sen entworfenen Fähigkeiten-Ansatz) ermögliche.

Aber auch Rousseaus Forderung nach einer Zivilreligion, die dem Bürger und treuen Untertan eine „solidarische Grundgesinnung“ vermitteln soll, teilt Nussbaum nicht. Ihre Frage lautet vielmehr: „Wie kann eine gut funktionierende Gesellschaft für Stabilität und Motivation mehr tun als Locke und Kant, ohne so illiberal und diktatorisch zu werden wie bei Rousseau?“

Allgemeine Rechtsnormen reichen Nussbaum zufolge also nicht aus, um ein auf Anstand und Respekt gegründetes Gemeinwesen zu stabilisieren. Als Beispiele für eine solche öffentliche Gefühlskultur dienen ihr die zahlreichen Feiertage und Elemente amerikanischer politischer Kultur wie zum Beispiel der Martin Luther King Day oder das Vietnam War Memorial. Als Beispiel für die Kraft der moralischen Fundierung von politischem Handeln, die positiven Emotionen inne wohnen, halten ihr auch Mozarts Opern, Tagores Gedichte oder die Reden Washingtons, Lincolns, Churchill oder Gandhis her.

Banale Erkenntnisse

Eva Illouz hat bereits auf die Banalität mancher Erkenntnisse, die in Nussbaums neuester Schrift als Fazit daherkommen, hingewiesen. Liebe sei besser als Hass, kurz gesagt. Auch die Fragwürdigkeit der These, dass positive Emotionen in einer politischen Gefühlskultur negativen immer vorzuziehen sei, ist von Illouz und anderen herausgestellt worden. Denn Angst, ja sogar Neid und Gier haben schon seit Mandevilles Bienenfabel einen höheren, produktiveren Stellenwert für das Zusammenleben von Menschen und den Fortschritt einer Gesellschaft, als es dem sich nach Mitgefühl und Verständnis sehnenden Individuum lieb sein will. Der Haupteinwand aber, der gegen dieses mit Verve und dem für Nussbaum typischen ausgeprägten Empfinden für Stil und Lesbarkeit geschriebene Buch einzubringen ist, wäre mit einem Wort Thomas Bernhards vielleicht passend angedeutet: „Heute ist der Mensch nur noch Staatsmensch.“ All die Probleme, auf die der Staat durch die Etablierung einer Kultur positiver, gemeinschaftsstiftender Gefühle zu reagieren hat – Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus etc. – wären sie überhaupt gesellschaftliche Probleme, wenn es keine Staaten gäbe, die entweder diese Gefühle aktiv stärken oder einzelnen Gruppen Vorteile aus ihren Vorurteilen verschaffen?

Hätte ein Gemeinwesen, das auf wahrer Freiheit beruht (nämlich der Freiheit, Verträge mit jeder und jedem zu schließen), wirklich ein gravierendes Problem mit Menschen, die auf diese Freiheit verzichten wollen? Denn im persönlichen und wirtschaftlichen Bereich sind diskriminierende Verhaltensweisen rein ökonomisch schädlich; man verzichtet aus Ressentiment auf das Geschäft mit einem anderen Menschen. Ökonomisch sinnvoll und gesellschaftlich gefährlich werden sie nur, wenn es Gruppen gibt, die von Rassenhass etc. profitieren, indem sie staatliche Regeln für sich beanspruchen, die sie der ausgegrenzten Gruppe nicht gewähren wollen. Da eine solche Nutzbarmachung staatlicher Gewalt zugunsten von Partikularinteressen aber eben nur unter der Bedingung eines existierenden Staatswesens geschehen kann, sei nochmals gefragt: Warum soll ein Staat die Psyche seiner Bürger beeinflussen und sie zu Menschenliebe und Patriotismus erziehen, wenn ohne ihn den Bürgern aus anderen Verhaltensweisen gar kein Vorteil erwüchse?

Nussbaum stellt ihr etatistisches Denken, trotz zahlreicher Verweise auf Denker des staatsphilosophischen Liberalismus, immer wieder eindrucksvoll unter Beweis. So zeigt sich die Stoßrichtung ihrer Überlegungen in der öfter wiederholten Frage: Wie kriegen wir die Bürger dazu, Steuern zu zahlen? Ihre Antwort: Wir müssen ihnen sagen, dass die Steuern zum Wohle der anderen gezahlt werden, und dann müssen wir sie mit politischen Gefühlsprogrammen dazu bringen, sich sorgen um das Wohl anderer zu machen. Freilich glaubt Nussbaum tatsächlich, dass Steuern heutzutage aus Gründen der Umverteilung gezahlt werden, aber das ist vielleicht dem genuin staatsphilosophischen Denkansatz geschuldet, der den politischen Realitäten gemeinhin naiv gegenüber steht.

Vom Liberalismus zum Sozialismus

Es ist dieses etatistische Denken, das dem Staat von vornherein die Aufgabe und Verantwortung für die Regelung gesellschaftlicher Belange zuweist, das Nussbaum davon abhält, die grundsätzlichere Frage nach der Existenznotwendigkeit von Staaten ernsthaft zu stellen. Das führt zu Formulierungen, die man ähnlich im staatstotalitären Denken seit Platon und in Reden totalitärer Sozialisten findet. Hier nur eine Auswahl, deren Wirkung im Buch freilich durch die wiederholte Beschwörung von Liebe, Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit abgeschwächt wird (genau wie bei totalitären Sozialisten):

Wir wollen eine politische Kultur, die versucht, die Dinge in der Welt besser und gerechter zu gestalten, als sie heute sind.

Die Politik muss eine Auffassung vom idealen Selbst des Menschen haben.

Alle unsere Gesellschaften werden danach trachten, die materielle Ungleichheit durch Programme zu verringern, die eine erhebliche Umverteilung vorsehen. Daher müssen sie der Ausweitung des Mitgefühls viel mehr Aufmerksamkeit schenken, da dies für die Verwirklichung solcher Programme (sic!) unerlässlich ist.

Sätze wie diese enthüllen den sozialistischen Ansatz, den Nussbaum trotz Bezugnahme auf Rawls und trotz ihrer Beteuerung, man wolle wettbewerbsfreundliche Emotionen „zulassen“ (sic!!), hat.

Dem Staat kommt also die Aufgabe zu, über gute und schlechte Emotionen seiner Untertanen zu befinden und schlechte, weil der Gemeinschaft nicht zuträgliche, auszumerzen (sic!!!). Dazu muss er freilich über universell als gültig anerkannte Werte verfügen. Nussbaum geht, im Nachgang ihrer langjährigen Arbeit zu einem Katalog solcher Werte, davon aus, sie zu besitzen. Doch wie schon Pierre Bourdieu schrieb:

Es gibt Leute, die das Vorrecht auf das Universelle besitzen, doch man kann das Universelle nicht haben, ohne es zugleich zu monopolisieren.

Der Staat war seit jeher die Macht, die den Machtlosen Werte und Anschauungen aufnötigt, die als universell deklariert werden, da sie angeblich dem Gemeinwesen und dem Gemeinwohl dienen. Dass dieses Denken, von dem sich die liberale Staatskritik der Aufklärung doch eigentlich verabschieden wollte, heutzutage auch von liberalen Philosophinnen perpetuiert wird, stimmt nachdenklich.

Paternalismus

Falls Sie etwa geglaubt haben, der Segen liberaler Gesellschaften bestehe vor allem darin, von seiner Regierung vor allem in Ruhe gelassen zu werden, solange man niemandem geschadet hat, und falls sie geglaubt haben, Philosophinnen wie Nussbaum, die sich selber liberal nennen, würden diese von Denkern wie Kant und Locke erkämpfte Freiheit gegen paternalistische Allmachtsphantasien verteidigen, dann dürfte Sie die Lektüre von „Politische Emotionen“ also tatsächlich des Öfteren zur Weißglut treiben.

Ganz im Sinne Thomas Bernhards:

„Wie alle Menschen, lebe ich in einem Staat, vor welchem mir übel wird, wenn ich aufwache.“

Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist.
Übersetzt von Ilse Utz.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
623 Seiten, 34,99 €.

Die geilste Ressource der Welt

Welzer lesen! (Teil 2):

Bringen die modernen Kommunikationstechnologien den Menschen nur noch mehr Kontrolle, Disziplinierung und Selbstzwang, oder sind sie ein Mittel zur Befreiung? Dient der Selbstzwang dazu, die Menschen den Staat akzeptieren zu lassen?

Und wer ist die eigentliche „übergeordnete Bewertungsinstanz“ in unserem Leben?

KaiserTV diskutiert einige Stellen im neuen Buch des Soziologen Harald Welzer, „Die smarte Diktatur“.

Weitere Fragen:
– Werden Ressourcen auf dem freien Markt immer teurer und gibt das einigen wenigen größere Macht? Was ist die „ultimative Ressource“?
– Wo genau liegt die Gefahr der Überwachung?

[Das ist Teil 2 meiner Welzer-Lektüre]

Die digitale Gefahr – Über Byung-Chul Hans „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“

Es ist nicht schwer, Medienkritik zu kritisieren. Gibt sie sich optimistisch und preist die medialen Innovationen als förderlich für Individuum und Gesellschaft, wirft man ihr Naivität und den Verlust eines auf festen Werten gründenden Menschenbildes vor. Kommt die Medienkritik skeptisch daher und warnt vor den schädlichen Einflüssen, der unreflektierten Übernahme in den Alltag, so muss sie sich den Stempel des Ewiggestrigen gefallen lassen. Zu leicht kann man diesem Ansatz eine Wiederholung des immergleichen Arguments vorwerfen, das durch den Fortgang der Geschichte längst entkräftet scheint. Schon immer wurde das neue Medium zugunsten des alten abgelehnt, aus Furcht vor dem Neuartigen an sich und vor der Unsicherheit, die es mit sich bringt.

hanKulturkritische Ablehnung offenbart sich schnell als ressentimentgeladener Konservativismus um seiner selbst willen: Der Schrift wurde vorgehalten, sie mache das Einüben von Gedächtnistechniken überflüssig; der Buchdruck wurde zum Feind klerikaler Deutungshoheit, somit zum Feind der Einen Wahrheit; das Fernsehen gefährdete gleich das Lesen und die gesamte Kultur an sich. Kritik am Romanlesen wird zur Verteidigung desselben, sobald die ersten Comics zur kollektiven Lektüreerfahrung jüngerer Schichten werden. Heutzutage gilt das Comiclesen selbst unter Oberstudienrätinnen und -räten nicht mehr als anrüchig, sondern als Teilhabe an einer als künstlerisch innovativ geschätzten Literaturform – sowie als Ausweis des eigenen weltoffeneren Kulturbegriffs.

Oft fehlte medienkritischen Ansätzen dieser Art ein volles Bewusstsein für die Möglichkeiten, die die neuen Medien mit sich bringen, sowie für den klugen Umgang, den eine Gesellschaft mit ihnen zu lernen in der Lage ist. Dass das neue Medium das alte selten verdrängt, sondern mit ihm koexistiert, synergetisch gar, ist eine weitere Erfahrung, die einer einseitig warnenden Kritik von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen müsste.

Heute sind es eben das schnell produzierte eBook, der Tweet, das youtube-Video, das facebook-Like usw., die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedrohen. Der Traktat „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ des Berliner Philosophen Byung-Chul Han versammelt Vorwürfe wie diese in geschliffener, philosophisch grundierter Weise zu einem Frontalangriff auf alles, was an innovativen medialen Phänomenen ausgemacht werden kann. Er gefällt sich in der Pose des Rufers in der Wüste, des Verteidigers von Kulturwerten wie Respekt, Distanz, Dialog etc., die er als für den Fortbestand einer lebenswerten Gesellschaft unabdingbar sowie gleichzeitig aufs Höchste gefährdet sieht.

Mit der Behauptung zu beginnen, es gebe eine Krise, ist für einen Traktat immer von Vorteil, da dem zu keiner Zeit widersprochen wird. Stets empfinden die Zeitgenossen ihre eigene rasante Epoche als krisenhaft und vergleichen sie mit einer als idyllisch(er) vorgestellten Vergangenheit, die es so wahrscheinlich nie gab. Wenn Han nun behauptet, die heutige Krise werde von unserer Blindheit für die Auswirkungen der realen Medien ausgemacht, so gibt er zugleich die Tonart an, in der seine Kulturkritik zu spielen ist: wer uns die Benommenheit durch den unreflektierten Gebrauch neuer Medien nähme, nähme uns auch die gesellschaftliche Krise.

Diese Krise ist für ihn eine des Respekts, da unsere heutige „Skandalgesellschaft“ von einem Verlust an Distanz geprägt sei. Es herrsche die „totale Distanzlosigkeit, in der die Intimität öffentlich ausgestellt wird und das Private öffentlich wird.“ Gerade diese Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre verursache einen Verlust an politischer Gestaltungskraft – mit den Shitstorms gehe eine Empörungskultur einer, die den öffentlichen Raum nicht gestalten kann, weil sie selber unkontrollierbar ist. Von Fluidität und Volatilität beherrscht sei ein Diskurs, der sich nur nach der je nächsten Erregung richte. Öffentlichkeit aber benötige Contenance, Dialog, Diskretion, damit sie eine „gesamtgesellschaftliche Sorgestruktur“ aufweisen kann. Diese sei heute zugunsten einer „Sorge um sich“ verloren gegangen.

Verlust allenthalben also. Ähnliche Argumente kennt man nicht erst seit Neil Postman. Wer Hans Schrift in der U-Bahn einer beliebigen westlichen Stadt liest, mag sich fragen, wann und wo die ganze Distanzlosigkeit nun endlich zum Vorschein treten mag. Auch ein Gang durch die Fußgängerzone offenbart nicht, wo hier Intimität und Privatsphäre verloren gegangen wären. Handelt es sich vielleicht bloß um aufgeblasene mediale Phänomene, an denen nur eine bestimmte Schicht teilhat (die in früheren Zeiten zu Gladiatorenkämpfen und zum Pranger auf dem Marktplatz ging), während sich die Mitte der Gesellschaft allgemein akzeptierte Umgangsformen von Respekt und Höflichkeit bewahrt? Man hat heute zwar ungehindertere Möglichkeiten, seine Intimitäten öffentlich auszuleben und an denjenigen anderer zu partizipieren, aber macht uns das schon zu einer Gesellschaft, die im Begriff ist den Sinn für Privatheit zu verlieren? Umso erstaunlicher ist es doch, wie viel Distanz die Mitglieder der Gesellschaft doch Tag für Tag einander zukommen lassen.

Und die propagierte „kritische Öffentlichkeit“: War sie je mehr als – im schlechtesten Sinne – ein Popanz, errichtet von denen, die mediale Macht besitzen, zu dem Zweck, der Gesellschaft die Illusion von Teilhabe zu geben? Und im besten Sinne: eine Utopie, die zu verwirklichen eben erst die Teilhabe einer „kritischen Masse“ zur Voraussetzung hat? Aber Hans Denken ist zu elitär, als dass er sich auf den zurzeit sich verwirklichenden Gedanken einlassen möchte, aus massenhaftem Zugang zu Information und Kommunikation könnte sich auch qualitativ Neues und Besseres ergeben. Ist der öffentliche Diskurs nicht nur ein Scheindiskurs, in dem Relevanz von denjenigen bestimmt wird, die es sich leisten können? Und Öffentlichkeit nur eine Illusion, die mittels Web 2.0 endlich durchbrochen wird? Wer im Zeitalter von Shitstorms den Verlust an Sinnproduktionsfähigkeit bei den herkömmlichen Medien konstatiert, muss sich fragen, wer denn bestimmen soll, was gesellschaftliche Relevanz besitzt – wenn nicht die Gesellschaft selbst. Und sei es mittels Empörung und Skandalisierung. „Besser ist’s, es gibt Skandal, als die Wahrheit kommt zu kurz.“ (Gregor der Große)

Hans Argument lautet, durch die allgemeine Zerstreuung komme der gesellschaftsverändernde Zorn gar nicht mehr auf, da der Skandalgesellschaft dafür die nötige Gravitation und Richtung fehle. Ein „Wir“, zur gemeinsamen Handlung befähigt, die das bestehende Herrschaftsverhältnis frontal anzugreifen vermag, gebe es nicht mehr. Es sei zu einer Schwundstufe verkommen, dem digitalen Schwarm, dem jede Entschlossenheit fehlt.

Die Frage ist nur, ob es dieses Wir je gegeben hat. Worin sieht Han dieses Wir? In der veröffentlichten Meinung, in den Kommentarspalten überregionaler Zeitungen, in den Aufsätzen der Philosophieprofessorinnen oder in den Sonntagsreden der Gewerkschaftsführer? Kommen oder kamen aus dieser Richtung etwa gravierende gesellschaftsverändernde Tendenzen? Wird man allen Ernstes behaupten wollen, den Erzeugnissen der Mainstream-Medien komme irgendein kritischer, innovativer Impuls zu? Hat sich das System dieses „Wir“, dem Han nachtrauert, nicht längst, zumindest nach 1968, manipulativ einverleibt, um es unschädlich zu machen?

Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn Han von der Abschaffung der Repräsentation zugunsten der Präsenz spricht. Heute, so sein Argument, wolle jeder selbst direkt präsent sein, anstatt sich von fern „Priestern der Meinung“, den Journalisten und Politikern, repräsentieren zu lassen. Diese Entmediatisierung, der Prozess des Verlusts einer vermittelnden, filternden Elite, führe – so der kulturpessimistische Gemeinplatz – zur Verflachung von Sprache und Kultur. Im gleichen Zug verschwinde auch der Politiker, der seiner Wählerschaft mit einer Vision vorausgehe. Angesichts der Realität in Medien und Politik kann man sich wirklich nicht sicher sein, ob dieses Lob auf den beinahe heroischen Journalisten/Politiker nicht doch ironisch gemeint ist.

Dass aus dem Verlust an Repräsentationsmacht auch eine befreiende Wirkung, nämlich von Zensur und Manipulation, einhergehen kann, zeigen die zahlreichen, durch Crowdfunding finanzierten und durch soziale Vernetzung an Vielfalt und Qualität gewinnenden investigativen Blogs, deren aufklärerischen und emanzipatorischen Wert Han nicht anerkennen kann. Wer sich heutzutage z. B. über die Lage der Gesellschaft in Russland informieren möchte, ist eben nicht mehr nur auf die doch recht einseitige Darstellung westlicher Medien angewiesen.

Han führt eine Vielzahl weiterer Angriffe gegen die neuen Medien, die in ihrer Stoßrichtung zwar vorhersagbar, in der Originalität ihres Ansatzes jedoch oft erhellend sind. Skype, facebook, Google Glass, die Technik des Touchscreens – alles wird dem kulturkritischen Blick des Phänomenologen unterworfen. Bemüht werden zu Deutungszwecken Heidegger, Sartre, Lacan … die üblichen Verdächtigen. Gerade was Sartres Blick-Theorie angeht, kann Han diese Referenzen geschickt nutzen. Dieser Part ist dementsprechend auch der stärkste des Traktats.

Doch argumentative Ausgewogenheit ist Hans Sache nicht. Auf mögliche Gegeneinwände zu reagieren, dazu lässt er sich nicht herab. Hier wird nicht erörtert, hier wird keine Gegenseite wahr- und ernst genommen und deren Contra abgewägt. Han sieht seine Aufgabe offenbar darin, das Digitale von allen Seiten her zu attackieren und demjenigen, der sich schon immer einmal über die wahrlich enervierende Art der Teilnehmer des öffentlichen Nahverkehrs, nur noch auf Bildschirme zu starren, aufgeregt hat, Kanonenfutter für seine Hasstiraden zu liefern. Kanonenfutter mit philosophiegeschichtlicher Provenienz. Nie ist es die Absicht, das ahnte man bereits nach der Lektüre der zuvor erschienenen Traktate „Transparenzgesellschaft“ oder „Müdigkeitsgesellschaft“ und weiß es jetzt nach den ersten Sätzen: nie ist es die Absicht, eine Reihe von Argumenten logisch aufeinander aufzubauen, die in der Lage wären, das Behauptete zu beweisen. Und so bleibt es aufs Ganze gesehen nicht mehr als eben das.

Auch empirische Überprüfung von Thesen und Argumenten ist Hans Sache nicht. Wie seine Vorgänger ist auch dieses Bändchen schmal und mit Vergnügen zu lesen, weil es gut geschrieben ist und seine im Grunde sympathische Anti-Haltung recht originell an den Tag legt. Doch mit Fakten über den tatsächlichen Gebrauch neuer Medien, mit psychologischen, neurobiologischen, soziologischen oder pädagogischen Untersuchungen über den Umgang mit Computer und Internet, gar mit Statistiken, möchte sich der Philosoph nicht abgeben. Er bekräftigt damit diejenigen, die seine Schriften (und die Philosophie gleich mit) für vorurteilsbeladene Besserwisserei ohne Anker in der Empirie halten. Die Bücher Nicholas Carrs oder Manfred Spitzers machen zumindest in dieser Hinsicht vor, dass es auch anders geht.

Wichtigstes Argument Hans ist die Behauptung, mit den neuen Medien gehe ein Verlust der Fähigkeit einher, etwas ganz Anderes, Singuläres zu erzeugen. Mit der digitalen Kultur ziehe eine Positivität ein, die Han exemplarisch am „Gefällt mir“ von facebook festmacht. Ein „Gefällt mir nicht“ ist nicht vorgesehen; es wäre Ausweis kritischer Negativität. (So gibt es also keinen Button, der es dem facebook-Nutzer erleichtern würde, das Fehlen eines „Gefällt mir nicht“-Buttons kritisch und mit einem Klick zu beanstanden. Er müsste dafür schon ein paar Zeilen in seine Statuszeile schreiben. Da er dafür zu bequem ist, bleibt die Kritik aus.) Der Möglichkeitssinn, der dem Faktischen ein utopisches Element entgegenhält, verliere sich somit unter dem größer werdenden Druck des Digitalen.

An diesem Argument lässt sich der Haupteinwand gegen Hans neuestes Buch festmachen. War Negativität denn je irgendwo vorgesehen? War Kritik je „bequem“ – musste man nicht immer wenigstens ein paar Zeilen schreiben, um die herrschenden Verhältnisse anzuprangern? Gibt oder gab es etwa je ein Medium, das per se Alterität und utopisches Denken fördert? Ist Stille, Distanz, das Singuläre nicht immer – singulär?

Han scheint Angst vor dem Verlust einer Vergangenheit zu haben, die es so nie gab. Ihn scheint Furcht vor einer Welt umzutreiben, in der die Masse der Menschen so wird, wie sie bereits ist und wohl stets war. Das Anderssein (das ist fast ein analytisches Urteil) war zu allen Zeiten eine Sache der Wenigen, und diese werden sich auch zu allen Zeiten den Verdummungsangeboten widersetzen müssen, um anders zu bleiben. Neues zu schaffen, im emphatischen Sinne zu denken und zu handeln, sich ins Unbekannte, Unbegangene zu wagen, wie Han heideggernd formuliert – wann waren das je gesellschaftlich geförderte und praktizierte Tugenden? Dass dies im Gegenteil stets eine solitäre Angelegenheit war, dafür ist die Ursache wohl nicht in den medialen Umgebungen zu suchen. Und dass es irgendwann einmal keine begnadeten Einzelgänger geben wird, die diese Kunst der Einsamkeit, Stille und Abwesenheit beherrschen, dafür ist nach der Machtergreifung des Digitalen die Gefahr genauso groß wie jederzeit zuvor.

Was es braucht, wäre eine Tugend des klugen Umgangs mit den neuen Möglichkeiten, anstelle einer kategorischen Verteufelung. Auch der Einzelgänger, gerade er, braucht die Fähigkeit des souveränen Wechsels zwischen Distanz und Nähe, Besinnung und Kommunikation, und ein Wissen darüber, welche Möglichkeiten wie anzuwenden sind. Dies ginge in die Richtung einer spekulativ reflektierenden und empirisch begründenden Philosophie der Lebenskunst, für die Han in öffentlichen Äußerungen nur Spott übrig hat. Ob seine ablehnende Skepsis da allerdings eine nützlichere Haltung einnimmt, ja, ob sie wirklich ernsthaft von Nutzen sein will, sind zwei der Fragen, die sich der Leserin und dem Leser nach der Lektüre von „Im Schwarm“ stellen.

Ariadne von Schirach: Du sollst nicht funktionieren

Rein sind alle Gefühle, die Sie zusammenfassen und aufheben; unrein ist das Gefühl, das nur eine Seite Ihres Wesens erfasst und Sie so verzerrt. Alles, was mehr aus Ihnen macht, als Sie bisher in Ihren besten Stunden waren, ist recht. Jede Steigerung ist gut, wenn sie in Ihrem ganzen Blute ist, wenn sie nicht Rausch ist, nicht Trübe, sondern Freude, der man auf den Grund sieht. Im Übrigen lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: Das Leben hat recht, auf alle Fälle.  – Rainer Maria Rilke, Brief an Franz Xaver Kappus, 4. Nov. 1904

 

Das Eine gleich vorweg: Ja, wir wissen es, und wer es nicht wusste, weiß es schon nach der Lektüre des Titels. „Du sollst nicht funktionieren“ befiehlt uns genau das, wofür Ariadne von Schirach in ihrem Essay schon gar keine Begründung mehr finden muss: Nichts lieber als das, möchte man ihr entgegenrufen, nicht erst seit Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“, sondern schon lange. Seitdem industrialistische Systeme zur Daseinserhaltung einen verfügbaren Arbeiter brauchten.

Seitdem Menschen in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeiten ihren Zweck für Gott und Vaterland erfüllen mussten. Und natürlich erst recht, seitdem der ganze Zwang, sich in Schuss zu halten, internalisiert werden musste – seitdem die äußeren Zwänge großteils wegfielen und den unsichtbaren Prozessen Platz machten, die das Individuum dazu brachten, sich in einem unsichtbar staatlich gesteuerten Wirtschaftssystem unbemerkt selbst auszubeuten, anstatt die Früchte seiner Hände Arbeit nun endlich zu genießen. Gemäß dem Goethe-Wort, niemand sei mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.

Man muss ja nicht gleich das „Manifest der Kommunistischen Partei“bemühen. Oder vielleicht doch, denn erstaunlich ist es doch, wie früh hier beobachtet wurde, was uns Heutigen so ungeheuer heutig vorkommt:

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Bei Max Weber liest man dann von der

Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.

Und wer in den letzten Jahrzehnten auch nur die Titel der Psychologie, Soziologie, Philosophie, Kulturtheorie zur Kenntnis genommen hat, ahnt, dass mit den wachsenden Freiheitsräumen auch ein Unbehagen an der Gesellschaft einhergeht, dass wir in einer Kultur des Habens statt des Seins leben, dass das unternehmerische Selbst erschöpft ist, dass die moderne westliche eine McKinsey-Gesellschaft ist, dass unser effizientes Leben von der Ökonomie diktiert wird, dass die Digitalisierung ein Fluch und der Mensch in der Spätmoderne zwischen Kreation und Depression gefangen ist.

Also können wir von Schirachs Imperativ gar nicht ernsthaft als solchen empfinden. Wer will schon gern funktionieren? Und die unter uns, die gern funktionieren möchten, die sich also – verfügten sie nur über ausreichend Selbstdistanz – in den Zombies wiederfinden könnten, deren Geschichten uns die Autorin erzählt, die lesen das Buch sowieso nicht. Alle anderen nicken einhellig bis selbstgefällig. Kann man mal sehen, wie es den ganzen Selbstvermessungsidioten mit ihren elektronischen Armbändern geht, die ihr Essen zu Zwecken der Anerkennung erst fotografieren müssen und sich desolat fühlen, wenn nur zwölf „Freunde“ ihren facebook-Post bezüglich ihres letzten Klogangs geliket haben!

Aber ebenso paradox, wie der Imperativ des Titels daherkommt (als ob man jemandem beföhle, spontan zu sein), ist auch der gesamte Impetus des Buches. Es möchte uns vom Nützlichkeitsdenken befreien und von unserem egoistischen Wahn, uns selbst zu optimieren, und wird doch nur von solchen Menschen gelesen, die sich überhaupt noch für Verbesserung interessieren – ihrer selbst, ihres Lebens, der Welt. Denn auch die Selbstoptimierer, wie sie im Buch mit leichtem Dünkel zu Zwecken der Distinktionsgewinnung („so bin ich ja zum Glück noch nicht!“) gezeichnet werden, wollen ja gar nicht in erster Linie besser sein. Sie wollen wie wir alle nur ein besseres Leben führen, und als Weg dahin sehen sie bloß, was sie für sich selbst tun können, weil ihr Blick verengt wurde auf Individualität, Besser- und Schönersein.

Ein besonderer Mensch sein, ein Jemand sein, der Autor und das Subjekt des eigenen Lebens, eigenverantwortlich und selbstbestimmt. Individualität, so auch Schirachs Analyse, ist der neue Götze, nachdem Gott abgedankt hat, und sie ist es, die dem modernen Selbst Glück und gelingendes Leben verheißt. Glücklich, gesund und erfolgreich wollen wir sein, geliebt, sicher und anerkannt – und um das zu erreichen, soll ich nun nicht mehr funktionieren (wie ich und die übrigen Opfer der jüngeren Generation, denen der Fortschritt solche Erste-Welt-Probleme erlaubt, irrtümlicherweise annahmen), sondern – ja, was? Erstmal ein Buch dazu lesen, ein weiteres Selbsthilfebuch auf meinem Nachttisch, und diesmal eins, das mir sagt, dass Selbsthilfebücher im Grunde nutzlos sind.

Eine paradoxe Erfahrung also, ein solches Buch zu lesen, das ich nur lese, weil ich glücklicher sein (und die Welt verstehen) will, womit ich doch schon mit einem Bein im Grab des Nützlichkeitsdenkens stehe. Denn stets frage ich mich, muss ich mich fragen: Wie kann ich Schirachs Erkenntnisse, ihre Vorschläge umsetzen in meinem eigenen Lebensvollzug?

Die Antworten, die von Schirach auf diese Frage gibt (ebenso wenig neu wie unerhört), sind – da muss man nicht viel Menschen- und Weltkenntnis haben, um so zu urteilen – die richtigen. Sie sind brauchbar und nützlich, und sie funktionieren sogar. Womit wir wieder bei der paradoxen Erfahrung der Lektüre dieses Buches wären: eine neue Lebenskunst der Selbstsorge (statt nabelbeschauendem Egoismus), Liebe und Schönheit, Poesie und Uneigennützigkeit, Zuhören, Akzeptanz von Widersprüchlichkeit, Verletzlichkeit, Einsamkeit und Angst – Menschlichkeit eben. Es stimmt, dass ein Buch, das dazu rät, dass Menschen sich selbst und andere Menschen menschlich behandeln, mit seinen Einsichten niemanden vom Hocker reißen kann. Aber auch davon müssen wir uns vielleicht frei machen – von diesem Drang nach Originalität, nach bahnbrechenden Erkenntnissen, nach alles umstürzenden Lösungsvorschlägen. Vielleicht liegt in unserem Bedürfnis nach aufregenden Theorien über die Rettung des Menschengeschlechts genau das Problem, das von Schirach anprangert, und solange wir nur nach dem nächsten Buch dürsten, das uns endlich dieses neue und unerhörte Wissen zur Weltverbesserung zur Verfügung stellt, ist diese Welt und sind wir selbst in ihr nicht zu retten.
Ariadne von Schirach zollt dieser Einsicht Tribut, dass ihr Buch im Grunde nichts Neues bieten kann, dass alles schon einmal gesagt wurde (zum Teil elaborierter und in seinen theoretischen Grundlagen konsistenter, wie z. B. 1980 in Wolfgang Schmidbauers psychoanalytischer Arbeit „Über die Destruktivität von Idealen“) und dass genau dies das Wichtige an ihm ist. Sie zieht das Erzählen dem Theoretisieren vor. Das Bild dem Begriff. Das Konkrete der Abstraktion.

Ihr gelingen poetische, stellenweise ergreifende Passagen. Ihr Stil ist zwar überwiegend der um Lockerheit ringende Kolummnenton des neuen bildungsbürgerlichen Feuilletons (die Anrede immer schön abwechseln zwischen man, du und ich; im Nebensatz bloß kein Prädikat in Endstellung; und vor allem das Partizip nicht zu weit vom Hilfsverb weg; und immer dieses „irgend-“ … auf ein, zwei Seiten ok, aber in diesmaxresdefaulter Penetranz auf 180 Seiten schwer zu ertragen), aber die Kraft ihrer Sprache überzeugt auf vielen Seiten und macht die Lektüre oft zu einer nicht nur intellektuellen, sondern auch sinnlichen Freude. Paradoxerweise, muss man noch einmal betonen, da ja schon nach dem Titel alles klar ist, da wir ja schon einhellig genickt haben, da wir das bei Hartmut Rosa, Robert Pfaller, Byung-Chul Han und Alain Ehrenberg, bei Wilhelm Schmid, Peter Bieri und dem späten Foucault so ähnlich schon gelesen haben, und umso mehr, als das Anliegen der Autorin nicht in der originellen Analyse von zeitgenössischen Alltagsphänomenen (die Tücken von Facebook kannten wir schon) besteht. Und auch die Selbstoptimierzombies sind es nicht, deren Geschichten man mit Grausen verfolgt und bei denen es einem recht bald egal ist, ob sie reine Kopfgeburten der Autorin sind oder ob reale Menschen für sie die Vorlage abgegeben haben.

Es ist die Poesie der Bilder, die von Schirach gelingen. Zum Glück. Denn die kann man nicht zusammenfassen, die muss man selber erleben, die bleiben hängen, und sie sind die vielen Kleinode des Buches. Im Gegensatz zu den ebenso wahren wie kitschigen Gemeinplätzen, von denen es nur so wimmelt:

… am wichtigsten ist es doch, sich in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Verletzlichkeit zu zeigen und trotzdem geliebt zu werden.

Dass wir heute solche Sätze brauchen, dass wir ihren Kitsch aushalten und ihre Wahrhaftigkeiten annehmen und umsetzen müssen, ist vielleicht das traurigste Zeugnis, das Ariadne von Schirach damit unserer Zeit ausstellt.

Aber ihre Stärke ist eben nicht, darüber zu theoretisieren, dass der Schlankheitswahn seine Ursache im Effizienzdenken der Selbstausbeutung hat, sondern uns von in dieser Überflussgesellschaft freiwillig hungernden Menschen und deren Nöten, Begierden und Selbstbildern zu erzählen. Es handelt sich um ein literarisch-feuilletonistisches Essay und nicht um ein begrifflich sauber argumentierendes philosophisches Traktat. Trotz ihres leidenschaftlichen Plädoyers am Schluss für mehr zweckfreie Schönheit und selbstlose Hingabe bleibt der Tenor dieses Essays dunkel. Pessimismus beschleicht denjenigen, der sich vorstellt, es könnte solche Menschen in dieser Eindimensionalität wirklich geben und sie wären wirklich mehr als nur die paar zu jung gebliebenen Besserverdiener in den Großstädten.

ariadne von schirach funktionierenDieser Pessimismus liegt darin, dass die Autorin mit dem Kapitalismus (der als Begriff so vage bleibt, wie man es von Kulturkritikern gewohnt ist) zwar einen Grund für den Ist-Zustand angibt, aber mit ihren Lösungsvorschlägen nicht bei diesem Grund ansetzen kann – eben weil sie weder klar definiert, was mit Kapitalismus gemeint sein soll, noch weil „der Kapitalismus“ überhaupt als Grund taugt. Wenn „die kapitalistische Produktionsweise“ Schuld an dem fortschreitenden Verlust nicht nur von Glück und Gesundheit, sondern auch von Anmut und Poesie in unserer Welt haben soll, dann wäre es fast schon gemein, vom Individuum jetzt auch noch zu fordern, es solle endlich einsehen, dass es so nicht weitermachen könne. Ihm einzureden, es gäbe im falschen System ein richtiges Leben, wenn man nur dem Nützlichkeitsdenken entsagt.

Die Kosten-Nutzen-Abwägung ist ja nicht eine dem kapitalistischen (in Wahrheit: korporatistischen) System aufgepfropfte Ideologie, sondern in ihrer Übertragung auf die sozialen Verhältnisse wesentlich für seine Existenz verantwortlich und vice versa. Da ist nämlich noch so eine weitere Paradoxie: Wir sind nicht Schuld an unserem Leben, das sind nur die Einflüsterungen des Neoliberalismus, der uns zu Unternehmern unserer selbst machen und dafür in Haftung nehmen will, wenn wir dick und arbeitslos geworden sind – damit seine Restsicherungssysteme nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Und zugleich sollen wir uns doch mit Epikur und Marc Aurel und Seneca und von Schirach um uns selbst sorgen, den Egoismus ablegen und Verantwortung für unsere Existenz übernehmen. Die Selbstoptimierer sind ja gerade in dieser Kunst gescheitert. Paradox, nicht wahr?

Optimismus ließe sich vielleicht finden, wenn man seinen Blick auf all die Menschen richtet, die tatsächlich aus dem Hamsterrad ausgebrochen sind und ihren Alltag bereits nach genau den Regeln der Lebenskunst, die von Schirach fordert, gestalten. Oder besser noch ohne Regeln gestalten, schon in diesem Augenblick, angeregt vielleicht durch Bücher wie das vorliegende. Menschen, die sich nicht mehr zur Verfügung stellen und dadurch dafür sorgen, dass dem System seine Lebensgrundlage entzogen wird. Ein zweiter Band wäre also nötig, in dem uns Ariadne von Schirach die vielen guten Geschichten da draußen erzählt, als lebensfrohe Beispiele für eine zweckfreie, uneigennützige und poetische Lebenskunst.

Das wäre vielleicht wirklich neu und unerhört.