Der Staat als Entertainer

Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum propagiert einen Staat, der sich der „Politischen Emotionen“ der Bürger annimmt

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Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum propagiert einen Staat, der sich der „Politischen Emotionen“ der Bürger annimmt

Die Menschheit ist heute nurmehr noch eine Unmenschheit, die der Staat ist. – Thomas Bernhard

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass den politischen Akteuren Ihres Landes vor allem anderen daran gelegen ist, Sie, also die Wählerin, zu ihren Gunsten zu beeinflussen? Dass ihr Erfolg vornehmlich auf der Fähigkeit fußt, Ihnen, also dem Steuerzahler, zu suggerieren, sie machten eine gute Arbeit, oder zumindest die beste aller möglichen?

Haben Sie auch manchmal den Eindruck, Politik bemühe sich (heutzutage; seit jeher …) nur darum, das Bauchgefühl des Souveräns anzusprechen, anstatt – wie mündige Bürgerinnen und Bürger es von ihren Vertretern erwarten dürften – auf rationalen Argumenten beruhende Standpunkte mit kühlem Kopf und sachlichen Worten darzulegen? Es sei wichtiger, Politik gut darzustellen als gut zu machen?

 

Falls Sie das bisher immer als leicht durchschaubare und billige Propaganda abgetan haben, könnte das neue Buch der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum Sie eines Besseren belehren – oder zur Weißglut treiben: „Politische Emotionen“ nämlich, so der Titel, will mit dem Vorurteil aufräumen, das bessere Argument, die brauchbare Idee, das gerechte Prinzip bleibe von alleine bestehen, verbreite sich, einmal zu Papier gebracht, allein mittels seiner inhärenten Überzeugungskraft in den Köpfen der Menschen und bedürfe keiner andersartigen Unterstützung mehr.

Es ist sicher auch unserer Vergangenheit geschuldet, dass wir in Europa, besonders in Deutschland, die Rolle von Emotionen in der politischen Landschaft mit großer Reserviertheit betrachten. Nussbaum jedoch hält die Auffassung, nur faschistische oder aggressive Gesellschaften seien von starken Gefühlen beherrscht und nur solche hätten es nötig, sich auf die Förderung und Pflege von Gefühlen zu konzentrieren, für falsch. Sie geht im Gegenteil davon aus, dass Gefühle, die sich auf die Nation und ihre Werte richten, sehr hilfreich sein können, wenn es darum geht, „Menschen dazu zu bringen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen“. Eher noch sieht sie die Gefahr der Bescheidung auf das rein Rationale darin, dass man die Tugenden liberaler Gesellschaften für langweilig halten könnte, wenn sie keine starken Gefühle ansprechen und „die Herzen der Burger“ nicht bewegen. Alle politischen Prinzipien, so Nussbaum, bedürfen der emotionalen Unterfütterung, damit sie langfristig Bestand haben. Über eine langfristige Stabilisierung politischer liberaler Kultur und der ihren teuren Werte muss also nachgedacht werden, wenn wir nicht wollen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger vom Projekt einer liberalen, aufgeklärten Moderne abwenden.

Daher muss Nussbaum zufolge eine Gesellschaft auch über Emotionen wie Mitgefühl, Zorn, Neid oder Scham nachdenken und sie auf ihre politische Verwendbarkeit hin untersuchen. Zum einen müssten auch in einer liberalen Gesellschaft die Bürger zu einem starken Engagement für als gut erachtete Projekte erst noch begeistert werden; zum anderen gehe es darum, negative Emotionen wie Abscheu oder das Bedürfnis, andere zu erniedrigen, im Zaum zu halten. Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus, der andere ausschließt: All diese Haltungen bedürfen einer Korrektur durch das Evozieren positiver Emotionen. Gerade das Mitgefühl und die von Nussbaum ohne Angst vor Sentimentalität im Untertitel zitierte Liebe könnten diese Rolle spielen, indem sie Bindungen der Bürgerinnen und Bürger untereinander befördern, die zu Gerechtigkeit führen.

Es handelt sich in Nussbaums Entwurf also um die Bestimmung einer Gefühlskultur, die im Grunde genommen von oben verordnet wird. Im Anschluss an John Rawls macht Nussbaum gewisse Grundprinzipien der politischen Kultur einer Gesellschaft fest, die nun durch diese öffentliche Gefühlskultur gestärkt werden sollen:

Wenn diese Prinzipien wirksam sein sollen, muss der Staat dazu beitragen, dass die Menschen sich an diese Ideale gebunden fühlen und für sie eintreten.

 

 

Nur eine stabile Gesellschaft ist eine funktionierende Gesellschaft

Nussbaum folgt hier nicht mehr den oft zitierten liberalen Vorgängern Kant und Locke, die dem Staat in seinem Vorhaben, seine Stabilität durch psychologische Maßnahmen zu sichern, enge Grenzen gesetzt haben. Doch das ist ihr zu wenig. Der Zweck des Staates soll nicht bloß darin bestehen, schadende Verhaltensweisen seiner Bürger zu bestrafen. Der Staat habe vielmehr die Aufgabe – und spätestens bei diesem Zitat zuckt der europäische Leser hoffentlich zusammen – die Aufgabe, „die Psyche der Bürger zu beeinflussen (etwa durch politische Rhetorik, Lieder Symbole sowie durch den Inhalt und die pädagogische Ausrichtung der öffentlichen Erziehung)“. Freilich zu einem guten Zweck, nämlich der Herstellung eines gesellschaftlichen Zusammenlebens, das den Mitgliedern ein menschenwürdiges Leben (gemäß dem von Nussbaum und Amartya Sen entworfenen Fähigkeiten-Ansatz) ermögliche.

Aber auch Rousseaus Forderung nach einer Zivilreligion, die dem Bürger und treuen Untertan eine „solidarische Grundgesinnung“ vermitteln soll, teilt Nussbaum nicht. Ihre Frage lautet vielmehr: „Wie kann eine gut funktionierende Gesellschaft für Stabilität und Motivation mehr tun als Locke und Kant, ohne so illiberal und diktatorisch zu werden wie bei Rousseau?“

Allgemeine Rechtsnormen reichen Nussbaum zufolge also nicht aus, um ein auf Anstand und Respekt gegründetes Gemeinwesen zu stabilisieren. Als Beispiele für eine solche öffentliche Gefühlskultur dienen ihr die zahlreichen Feiertage und Elemente amerikanischer politischer Kultur wie zum Beispiel der Martin Luther King Day oder das Vietnam War Memorial. Als Beispiel für die Kraft der moralischen Fundierung von politischem Handeln, die positiven Emotionen inne wohnen, halten ihr auch Mozarts Opern, Tagores Gedichte oder die Reden Washingtons, Lincolns, Churchill oder Gandhis her.

Banale Erkenntnisse

Eva Illouz hat bereits auf die Banalität mancher Erkenntnisse, die in Nussbaums neuester Schrift als Fazit daherkommen, hingewiesen. Liebe sei besser als Hass, kurz gesagt. Auch die Fragwürdigkeit der These, dass positive Emotionen in einer politischen Gefühlskultur negativen immer vorzuziehen sei, ist von Illouz und anderen herausgestellt worden. Denn Angst, ja sogar Neid und Gier haben schon seit Mandevilles Bienenfabel einen höheren, produktiveren Stellenwert für das Zusammenleben von Menschen und den Fortschritt einer Gesellschaft, als es dem sich nach Mitgefühl und Verständnis sehnenden Individuum lieb sein will. Der Haupteinwand aber, der gegen dieses mit Verve und dem für Nussbaum typischen ausgeprägten Empfinden für Stil und Lesbarkeit geschriebene Buch einzubringen ist, wäre mit einem Wort Thomas Bernhards vielleicht passend angedeutet: „Heute ist der Mensch nur noch Staatsmensch.“ All die Probleme, auf die der Staat durch die Etablierung einer Kultur positiver, gemeinschaftsstiftender Gefühle zu reagieren hat – Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus etc. – wären sie überhaupt gesellschaftliche Probleme, wenn es keine Staaten gäbe, die entweder diese Gefühle aktiv stärken oder einzelnen Gruppen Vorteile aus ihren Vorurteilen verschaffen?

Hätte ein Gemeinwesen, das auf wahrer Freiheit beruht (nämlich der Freiheit, Verträge mit jeder und jedem zu schließen), wirklich ein gravierendes Problem mit Menschen, die auf diese Freiheit verzichten wollen? Denn im persönlichen und wirtschaftlichen Bereich sind diskriminierende Verhaltensweisen rein ökonomisch schädlich; man verzichtet aus Ressentiment auf das Geschäft mit einem anderen Menschen. Ökonomisch sinnvoll und gesellschaftlich gefährlich werden sie nur, wenn es Gruppen gibt, die von Rassenhass etc. profitieren, indem sie staatliche Regeln für sich beanspruchen, die sie der ausgegrenzten Gruppe nicht gewähren wollen. Da eine solche Nutzbarmachung staatlicher Gewalt zugunsten von Partikularinteressen aber eben nur unter der Bedingung eines existierenden Staatswesens geschehen kann, sei nochmals gefragt: Warum soll ein Staat die Psyche seiner Bürger beeinflussen und sie zu Menschenliebe und Patriotismus erziehen, wenn ohne ihn den Bürgern aus anderen Verhaltensweisen gar kein Vorteil erwüchse?

Nussbaum stellt ihr etatistisches Denken, trotz zahlreicher Verweise auf Denker des staatsphilosophischen Liberalismus, immer wieder eindrucksvoll unter Beweis. So zeigt sich die Stoßrichtung ihrer Überlegungen in der öfter wiederholten Frage: Wie kriegen wir die Bürger dazu, Steuern zu zahlen? Ihre Antwort: Wir müssen ihnen sagen, dass die Steuern zum Wohle der anderen gezahlt werden, und dann müssen wir sie mit politischen Gefühlsprogrammen dazu bringen, sich sorgen um das Wohl anderer zu machen. Freilich glaubt Nussbaum tatsächlich, dass Steuern heutzutage aus Gründen der Umverteilung gezahlt werden, aber das ist vielleicht dem genuin staatsphilosophischen Denkansatz geschuldet, der den politischen Realitäten gemeinhin naiv gegenüber steht.

Vom Liberalismus zum Sozialismus

Es ist dieses etatistische Denken, das dem Staat von vornherein die Aufgabe und Verantwortung für die Regelung gesellschaftlicher Belange zuweist, das Nussbaum davon abhält, die grundsätzlichere Frage nach der Existenznotwendigkeit von Staaten ernsthaft zu stellen. Das führt zu Formulierungen, die man ähnlich im staatstotalitären Denken seit Platon und in Reden totalitärer Sozialisten findet. Hier nur eine Auswahl, deren Wirkung im Buch freilich durch die wiederholte Beschwörung von Liebe, Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit abgeschwächt wird (genau wie bei totalitären Sozialisten):

Wir wollen eine politische Kultur, die versucht, die Dinge in der Welt besser und gerechter zu gestalten, als sie heute sind.

Die Politik muss eine Auffassung vom idealen Selbst des Menschen haben.

Alle unsere Gesellschaften werden danach trachten, die materielle Ungleichheit durch Programme zu verringern, die eine erhebliche Umverteilung vorsehen. Daher müssen sie der Ausweitung des Mitgefühls viel mehr Aufmerksamkeit schenken, da dies für die Verwirklichung solcher Programme (sic!) unerlässlich ist.

Sätze wie diese enthüllen den sozialistischen Ansatz, den Nussbaum trotz Bezugnahme auf Rawls und trotz ihrer Beteuerung, man wolle wettbewerbsfreundliche Emotionen „zulassen“ (sic!!), hat.

Dem Staat kommt also die Aufgabe zu, über gute und schlechte Emotionen seiner Untertanen zu befinden und schlechte, weil der Gemeinschaft nicht zuträgliche, auszumerzen (sic!!!). Dazu muss er freilich über universell als gültig anerkannte Werte verfügen. Nussbaum geht, im Nachgang ihrer langjährigen Arbeit zu einem Katalog solcher Werte, davon aus, sie zu besitzen. Doch wie schon Pierre Bourdieu schrieb:

Es gibt Leute, die das Vorrecht auf das Universelle besitzen, doch man kann das Universelle nicht haben, ohne es zugleich zu monopolisieren.

Der Staat war seit jeher die Macht, die den Machtlosen Werte und Anschauungen aufnötigt, die als universell deklariert werden, da sie angeblich dem Gemeinwesen und dem Gemeinwohl dienen. Dass dieses Denken, von dem sich die liberale Staatskritik der Aufklärung doch eigentlich verabschieden wollte, heutzutage auch von liberalen Philosophinnen perpetuiert wird, stimmt nachdenklich.

Paternalismus

Falls Sie etwa geglaubt haben, der Segen liberaler Gesellschaften bestehe vor allem darin, von seiner Regierung vor allem in Ruhe gelassen zu werden, solange man niemandem geschadet hat, und falls sie geglaubt haben, Philosophinnen wie Nussbaum, die sich selber liberal nennen, würden diese von Denkern wie Kant und Locke erkämpfte Freiheit gegen paternalistische Allmachtsphantasien verteidigen, dann dürfte Sie die Lektüre von „Politische Emotionen“ also tatsächlich des Öfteren zur Weißglut treiben.

Ganz im Sinne Thomas Bernhards:

„Wie alle Menschen, lebe ich in einem Staat, vor welchem mir übel wird, wenn ich aufwache.“

Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist.
Übersetzt von Ilse Utz.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
623 Seiten, 34,99 €.

Welzer lesen! – KaiserTV liest „Die smarte Diktatur“ (Teil 1)

Die modernen Kommunikationsmedien verschlechtern unser Leben. Sie verdummen uns, machen uns zu Sklaven des Marktes und sind auch irgendwie verbunden mit Flüchtlingskrise, Umweltzerstörung und Klimawandel. Sagt Harald Welzer

Das neue Buch des Soziologen Harald Welzer trifft einen Nerv. „Die smarte Diktatur“ verkauft sich gut, wird diskutiert. Die These ist so simpel wie erwartbar: Die modernen Kommunikationsmedien verschlechtern unser Leben. Sie verdummen uns, machen uns zu Sklaven des Marktes und sind auch irgendwie verbunden mit Flüchtlingskrise, Umweltzerstörung und Klimawandel. Unternehmen wie google, facebook und amazon sammeln unsere Daten und wir verlieren die Kontrolle über unser Leben – Privatsphäre wird wertlos und zugleich steigt die Macht der Überwacher.

Welzers Band ist ebenso meinungsstark wie anregend zu lesen. Tatsächlich ist es selber aber genau das, was sein Untertitel verspricht: Ein „Angriff auf unsere Freiheit“.
Ich habe mir einen Kaffee gemacht und ein paar Seiten durchgeblättert, stets auf der Suche nach fragwürdigen Stellen …

 

40 Jahre – 40 Bücher. Das Birthday Special von KaiserTV

Als kleines Geschenk an euch und an mich stelle euch die vierzig Bücher vor, die mich in den letzten 40 Jahren meines Erdenlebens begleitet, berührt, beeindruckt haben

Als kleines Geschenk an euch und an mich stelle euch die vierzig Bücher vor, die mich in den letzten 40 Jahren meines Erdenlebens begleitet, berührt, beeindruckt haben – von Wölfen, Seewölfen, Menschenwölfen, von einsamen Inseln und Waldhütten, von Widerstand, Aufstand, Alternativen, Dystopien, dem guten Leben und dem Mond über Manhattan …

Vom Manipulieren und Manipuliertwerden

Benutzen wir Sprache oder benutzt die Sprache uns? – Über die Begriffe „Islamophobie“, „Steuern“ und „Beitragsservice“ …

Benutzen wir Sprache oder benutzt die Sprache uns? Sobald wir sprechen, sind wir Gefangene einer Mechanik, die die Linguistik „Framing“ nennt – viel mehr als der eigentliche Inhalt eines Satzes werden wir von den Mitbedeutungen überzeugt und beeinflusst, die die Worte in unserem Gehirn aktivieren. Wir können dem nicht entkommen – Konnotationen, sogenannte sprachliche Frames, sind unbewusst, subjektiv, selektiv und unvermeidlich.
Doch wir können versuchen, sie zu durchschauen, indem wir unsere Sprache und die unserer Mitmenschen analysieren. Welche Bedeutung, welche Wertvorstellung steckt hinter Begriffen wie „Beitragsservice“, „Schulpflicht“, 331f0-getbildtext„Steuergeschenke“?

Wie sich die Politik und die Medien des Framings bedienen, um ihre Überzeugungen subliminal zu vermitteln, untersucht Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“. Gleichzeitig bedient sie sich selber geschickt und bewusst der Kunst des Framings, um den Leser von ihrer etatistischen Weltanschauung zu überzeugen.

 

P.S.: „Das Bild hängt schief.“

P.P.S: Ist natürlich Absicht, wegen Framing und so …

Ist ganzheitliche Bildung möglich?

Über Julian Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“

Bildung, das ist die andauernde Bereitschaft und das nachhaltige Bemühen, den Menschen und die Menschheit, die Welt und den Kosmos gründlich, im Grundsatz jedenfalls verstehen zu wollen und sie dann so gestalten zu wollen, dass sie lebenswert, noch besser liebenswert wird und bleibt.

Diese Bestimmung von Bildung, wie sie der Pädagoge Otto Herz formuliert hat, betont gleich mehrere Aspekte, die in der Diskussion zum Thema stets bewusst bleiben sollten: Bildung ist niemals fertig und abgeschlossen, sondern höchstens ein andauernder Prozess; ein „gebildeter Mensch“ ist also immer auch einer, der sich selbst in Bildung begreift. Bildung bezieht sich auf das Ganze, nicht nur auf einen einzelnen oder eine Gruppe von Menschen, nicht nur auf einzelne Bereiche wie Fähigkeiten oder Wissen, und ebenso nicht nur auf einzelne Bereiche der Gesellschaft wie z. B. die Welt der akademischen Wissenschaft. Und Bildung geht Hand in Hand der Ausrichtung auf die Außenwelt, mit der Neugier des Begreifen- und der des Wirkenwollens.

Neueren Erscheinungen zum Thema geht es vor allem um die Reform des Schulwesens (R. D. Precht), die Rolle des Lehrers (M. Felten; J. Hattie), den Unterricht selber (A. Gruschka) oder die Neurobiologie des Lernens (G. Hüther); ihnen liegt dabei ein mehr oder weniger expliziertes Verständnis von Bildung zugrunde, wie es oben skizziert wurde. Bei den bildungstheoretischen Grundannahmen sind sich die Diskutanten nämlich erstaunlich einig. Warum aber genau dieses Verständnis von Bildung das rechte sein soll, ist schwer zu begründen, denn Fragen der Entwicklung des Menschen hängen mit dem Menschenbild zusammen, das sich eine Gesellschaft macht – und dies wiederum ist so veränderlich und unbeständig wie die Gesellschaft selbst.

Die Schwierigkeit liegt also darin, zu bestimmen, was der Mensch sei. Noch mehr aber, da seine Unbestimmtheit erst das Wesen des Menschen auszumachen scheint: zu bestimmen, was er sein solle – liegt doch der Frage nach gelingender Bildung immer eine Wertung zugrunde, eine Idealvorstellung von dem, wozu der Mensch im besten Fall in der Lage ist und was man im besten Fall als gelingendes Leben bezeichnen kann.

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Julian Nida-Rümelin, 2012 auf der Lit.Cologne

Auch der Münchener Philosoph Julian Nida-Rümelin, der jetzt eine „Philosophie einer humanen Bildung“ vorlegt, ist sich der Schwierigkeit normativer Anthropologie bewusst; gleichwohl wagt er eine Grundlegung von Bildungstheorie, die sich in ihrer weit ausgreifenden, ausführlich begründenden Art wohltuend von Ad-hoc-Rezepten oder pauschalen Verurteilungen des Bestehenden abhebt.

Er entwirft ein Menschenbild, das den Charakter als Träger von Handlungen in den Vordergrund stellt. Personen, so Nida-Rümelin, handeln nicht zufällig, sondern aus einem Charakter heraus, der ihnen gewisse Gründe gibt, etwas zu tun bzw. etwas zu unterlassen. Ein moralisch gereifter Charakter zeige sich darin, dass er mit sich selbst kohärent ist, was sich wiederum in der Stimmigkeit seiner Gründe und Handlungen niederschlage. Vernunft und Autonomie, aber auch seine eigenen Freiheit seien für den Menschen nur mittels einer kohärenten Lebensführung zu gewinnen. Diese ist zugleich Voraussetzung für ein verantwortungsvolles Leben.

Ziel jeglicher Bildungsanstrengungen soll also sein, diese kohärente Lebensform zu ermöglichen – einen Charakter bilden zu helfen, der sich selbst als Autor eines von Gründen, also von reflektierten Wertungen geleiteten Lebens erkennen kann.

Die Ausführungen stehen in der Nachfolge Humboldts, aber auch John Deweys; der Autor konzentriert sich in seinen Überlegungen nicht allein auf die akademische Bildung – sein Ansatz ist ganzheitlich und will die Grundideen des Humanismus mit denen des Pragmatismus verbinden. Er stellt zum einen fest, dass es bei jeder Bildung um Persönlichkeitsbildung gehen muss – die Idee einer vorrangig berufsspezifischen Ausbildung, wie sie dem deutschen Schulsystem in seiner frühen Ausdifferenzierung noch immer zugrunde liegt, scheint absurd, wenn man der Dynamik heutiger Berufsbilder Rechnung trägt. Der Autor kritisiert zum anderen die Abwertung praktischer Berufe und die Setzung eines akademischen Abschlusses zum Standard, von dem abzuweichen eine Schülerin prinzipiell zur Versagerin macht.

Nida-Rümelins holistische Ausrichtung zeigt sich auch daran, dass er Bildung nicht, wie üblich, als Gegensatz zur Ausbildung sieht, die ihren Sinn im Erwerb von (markttauglichen) Fertigkeiten sieht. Bildung der Persönlichkeit und Ausbildung von Fertigkeiten sind für ihn zwei Merkmale eines Prozesses, durch den der Mensch dazu befähigt wird, seinem Leben Richtung und Sinn zu geben. Er nennt das die Autorschaft des Individuums, also dessen Fähigkeit, sich selbst als der Urheber seiner Handlungen und Ziele, seiner Werte und im weitestgehenden Sinne auch seiner Lebensumstände betrachten zu können. Wo dies nicht gegeben ist, hat der Mensch nicht seine Bestimmung erreicht – ein gelingendes Leben kann es nicht genannt werden, wenn jemand zwar viel weiß und viel kann, sich jedoch ohnmächtig fühlen muss gegenüber der Übermacht der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit gestalten zu können ist Sinn und Zweck eines wahrhaft humanen Lebens – Gestaltungsfähigkeit zeigt sich aber nicht allein in abstraktem Wissen und isolierten, willkürlichen Fähigkeiten, sondern in der Möglichkeit zur Integration des Zufälligen in ein Sinn stiftendes Ganzes. Wer auf die Zufälle des Lebens eine Antwort geben kann, die er als eine eigene, authentische empfindet, wer, wie es bei Paul Fleming heißt, „sein selbst Meister ist“, der ist wahrhaft gebildet zu nennen.

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Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Das bedeutet, und dies leitet Nida-Rümelin überzeugend aus anthropologischen Axiomen her, dass der Mensch als Ganzes gesehen werden muss – als kognitives, ästhetisches, emotionales und ethisches Wesen. Bildung, die den Namen verdient, muss diesen Dimensionen Rechnung tragen, muss sich in gleichem Maße auf das Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln des Menschen beziehen und die Entwicklung all dieser Fähigkeiten ermöglichen – ihr zumindest nicht im Wege stehen.

Das sind Thesen und Ansichten, die die geneigte Leserin und der geneigte Leser nach Zuklappen des Buches  unmittelbar unterschreiben möchten, die sie aber auch schon irgendwo in anderer Schwerpunktsetzung gelesen und gehört haben. Nida-Rümelins humanistisches Menschenbild und seine Bildungstheorie, so gut sie theoretisch begründet werden und so explosiv für jede Gesellschaft sie praktisch wären, sind doch alles andere als neu und unerhört.

Ein Wort zu Form und Sprache des Buches: Falsche Konjunktive, überflüssige Kommas, verwirrende Satzkonstruktionen, stilistische Fragwürdigkeiten wie „hineinprojizieren“ oder „Väter in Vollzeit“, schlecht recherchierte Behauptungen wie die, in keiner Sprache außer dem Deutschen gebe es die begriffliche Verbindung von Bildung und Bild – Schwedisch beispielsweise scheint der Autor nicht für eine Sprache zu halten – Nida-Rümelins „Philosophie einer humanen Bildung“ ist nachlässig bis gar nicht lektoriert. Gleich auf den ersten Seiten begegnen Ungereimtheiten und Selbstwidersprüche, zum Teil in ein und demselben Satz: Ein Schulwesen wie das deutsche, das darin versagt, einem beträchtlichen Teil der Kinder und Jugendlichen Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen, wird gleichzeitig als in der Vermittlung eben dieser Zivilisationstechniken erfolgreich bezeichnet! Nach PISA seien die Bildungsbemühungen einer Schockstarre ausgesetzt – die Rahmenbedingungen daher noch immer nicht verändert -, eine Seite weiter liest man von den vielfältigen Reformanstrengungen „seit PISA und Bologna“! Diese Unausgegorenheiten trüben das Bild einer ansonsten souveränen Argumentationsführung.

Es ist nicht Nida-Rümelins Ziel, bildungspolitisch Stellung zu nehmen, er will vielmehr „bildungsphilosophisch Orientierung“ geben. Dies gelingt ihm, und man muss ihm eine Vagheit der Umsetzungsvorschläge nicht zum Vorwurf machen. Er konstatiert jedoch eine fehlende kulturelle Leitidee von Bildungspolitik und Bildungspraxis und bemängelt gleichzeitig die kognitive Schlagseite, die unser Bildungssystem angenommen habe und aufgrund derer die physische, soziale, ethische und ästhetische Dimension der Persönlichkeitsentwicklung aus dem Blick geraten sei. Dazu ist anzumerken: Kulturelle Leitideen werden gemeinhin erst im Nachhinein erkannt, wenn nicht gar aus den Zeugnissen  einer Ära mühsam herausgelesen – dann, ex post, erscheint uns das Zeitalter der Aufklärung beispielsweise als Hort von humanistischen Philanthropen voller Idealismus. In Zukunft wird man auch unserer Zeit wohl Leitideen diagnostizieren. Zum zweiten ist es widersprüchlich, ein Fehlen jeglicher Leitidee zu beklagen, gleichzeitig aber kognitive Schlagseiten und den Primat der Ökonomie zu konstatieren. Worum handelt es sich bei den genannten Phänomenen, wenn nicht um mehr oder weniger implizite Ausbildungen kultureller Leitideen?

Unser Schulsystem ist nicht zufällig so geworden, wie es ist. Das Beharren der Gesellschaft auf diesem System ist auch nicht bloßer Faulheit oder einem Mangel an Alternativen geschuldet – sondern eben der Vorherrschaft einer kulturellen Leitidee. Der Autor begeht den Fehler, seine (begründete) Ablehnung gegenüber bestehenden kulturellen Leitideen mit deren gänzlichem Fehlen gleichzusetzen.

Nida-Rümelins Argumentation gewönne an Schärfe, wenn er hier tiefer grübe: Worin sind die eigentlichen Ursachen unseres kognitiv ausgerichteten Bildungssystems zu sehen? Warum leben wir nicht in einer Gesellschaft, die die Bildung des ganzen Menschen mit Kopf, Herz und Hand einer einseitigen Abrichtung auf ökonomische Verwertbarkeit vorzieht und diese Präferenz in ihrem ganzen Wollen und Handeln umsetzt? Ist es nicht seltsam, dass sich die Bildungsforscher grundsätzlich kaum widersprechen, die Tendenzen zum Verharren auf dem Althergebrachten jedoch überwiegen? Eine Antwort auf diese Fragen, die Suche nach den Ursachen der Misere, die Nida-Rümelin wortgewandt konstatiert, hätte dem Buch die Brisanz verliehen, die es aufgrund der Wohlfeilheit seiner Thesen vermissen lässt.

 

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

edition Körber-Stiftung, Hamburg 2013. 246 Seiten,  € 18,-
ISBN: 978-3-89684-096-7

 

Die digitale Gefahr – Über Byung-Chul Hans „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“

Es ist nicht schwer, Medienkritik zu kritisieren. Gibt sie sich optimistisch und preist die medialen Innovationen als förderlich für Individuum und Gesellschaft, wirft man ihr Naivität und den Verlust eines auf festen Werten gründenden Menschenbildes vor. Kommt die Medienkritik skeptisch daher und warnt vor den schädlichen Einflüssen, der unreflektierten Übernahme in den Alltag, so muss sie sich den Stempel des Ewiggestrigen gefallen lassen. Zu leicht kann man diesem Ansatz eine Wiederholung des immergleichen Arguments vorwerfen, das durch den Fortgang der Geschichte längst entkräftet scheint. Schon immer wurde das neue Medium zugunsten des alten abgelehnt, aus Furcht vor dem Neuartigen an sich und vor der Unsicherheit, die es mit sich bringt.

hanKulturkritische Ablehnung offenbart sich schnell als ressentimentgeladener Konservativismus um seiner selbst willen: Der Schrift wurde vorgehalten, sie mache das Einüben von Gedächtnistechniken überflüssig; der Buchdruck wurde zum Feind klerikaler Deutungshoheit, somit zum Feind der Einen Wahrheit; das Fernsehen gefährdete gleich das Lesen und die gesamte Kultur an sich. Kritik am Romanlesen wird zur Verteidigung desselben, sobald die ersten Comics zur kollektiven Lektüreerfahrung jüngerer Schichten werden. Heutzutage gilt das Comiclesen selbst unter Oberstudienrätinnen und -räten nicht mehr als anrüchig, sondern als Teilhabe an einer als künstlerisch innovativ geschätzten Literaturform – sowie als Ausweis des eigenen weltoffeneren Kulturbegriffs.

Oft fehlte medienkritischen Ansätzen dieser Art ein volles Bewusstsein für die Möglichkeiten, die die neuen Medien mit sich bringen, sowie für den klugen Umgang, den eine Gesellschaft mit ihnen zu lernen in der Lage ist. Dass das neue Medium das alte selten verdrängt, sondern mit ihm koexistiert, synergetisch gar, ist eine weitere Erfahrung, die einer einseitig warnenden Kritik von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen müsste.

Heute sind es eben das schnell produzierte eBook, der Tweet, das youtube-Video, das facebook-Like usw., die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedrohen. Der Traktat „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ des Berliner Philosophen Byung-Chul Han versammelt Vorwürfe wie diese in geschliffener, philosophisch grundierter Weise zu einem Frontalangriff auf alles, was an innovativen medialen Phänomenen ausgemacht werden kann. Er gefällt sich in der Pose des Rufers in der Wüste, des Verteidigers von Kulturwerten wie Respekt, Distanz, Dialog etc., die er als für den Fortbestand einer lebenswerten Gesellschaft unabdingbar sowie gleichzeitig aufs Höchste gefährdet sieht.

Mit der Behauptung zu beginnen, es gebe eine Krise, ist für einen Traktat immer von Vorteil, da dem zu keiner Zeit widersprochen wird. Stets empfinden die Zeitgenossen ihre eigene rasante Epoche als krisenhaft und vergleichen sie mit einer als idyllisch(er) vorgestellten Vergangenheit, die es so wahrscheinlich nie gab. Wenn Han nun behauptet, die heutige Krise werde von unserer Blindheit für die Auswirkungen der realen Medien ausgemacht, so gibt er zugleich die Tonart an, in der seine Kulturkritik zu spielen ist: wer uns die Benommenheit durch den unreflektierten Gebrauch neuer Medien nähme, nähme uns auch die gesellschaftliche Krise.

Diese Krise ist für ihn eine des Respekts, da unsere heutige „Skandalgesellschaft“ von einem Verlust an Distanz geprägt sei. Es herrsche die „totale Distanzlosigkeit, in der die Intimität öffentlich ausgestellt wird und das Private öffentlich wird.“ Gerade diese Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre verursache einen Verlust an politischer Gestaltungskraft – mit den Shitstorms gehe eine Empörungskultur einer, die den öffentlichen Raum nicht gestalten kann, weil sie selber unkontrollierbar ist. Von Fluidität und Volatilität beherrscht sei ein Diskurs, der sich nur nach der je nächsten Erregung richte. Öffentlichkeit aber benötige Contenance, Dialog, Diskretion, damit sie eine „gesamtgesellschaftliche Sorgestruktur“ aufweisen kann. Diese sei heute zugunsten einer „Sorge um sich“ verloren gegangen.

Verlust allenthalben also. Ähnliche Argumente kennt man nicht erst seit Neil Postman. Wer Hans Schrift in der U-Bahn einer beliebigen westlichen Stadt liest, mag sich fragen, wann und wo die ganze Distanzlosigkeit nun endlich zum Vorschein treten mag. Auch ein Gang durch die Fußgängerzone offenbart nicht, wo hier Intimität und Privatsphäre verloren gegangen wären. Handelt es sich vielleicht bloß um aufgeblasene mediale Phänomene, an denen nur eine bestimmte Schicht teilhat (die in früheren Zeiten zu Gladiatorenkämpfen und zum Pranger auf dem Marktplatz ging), während sich die Mitte der Gesellschaft allgemein akzeptierte Umgangsformen von Respekt und Höflichkeit bewahrt? Man hat heute zwar ungehindertere Möglichkeiten, seine Intimitäten öffentlich auszuleben und an denjenigen anderer zu partizipieren, aber macht uns das schon zu einer Gesellschaft, die im Begriff ist den Sinn für Privatheit zu verlieren? Umso erstaunlicher ist es doch, wie viel Distanz die Mitglieder der Gesellschaft doch Tag für Tag einander zukommen lassen.

Und die propagierte „kritische Öffentlichkeit“: War sie je mehr als – im schlechtesten Sinne – ein Popanz, errichtet von denen, die mediale Macht besitzen, zu dem Zweck, der Gesellschaft die Illusion von Teilhabe zu geben? Und im besten Sinne: eine Utopie, die zu verwirklichen eben erst die Teilhabe einer „kritischen Masse“ zur Voraussetzung hat? Aber Hans Denken ist zu elitär, als dass er sich auf den zurzeit sich verwirklichenden Gedanken einlassen möchte, aus massenhaftem Zugang zu Information und Kommunikation könnte sich auch qualitativ Neues und Besseres ergeben. Ist der öffentliche Diskurs nicht nur ein Scheindiskurs, in dem Relevanz von denjenigen bestimmt wird, die es sich leisten können? Und Öffentlichkeit nur eine Illusion, die mittels Web 2.0 endlich durchbrochen wird? Wer im Zeitalter von Shitstorms den Verlust an Sinnproduktionsfähigkeit bei den herkömmlichen Medien konstatiert, muss sich fragen, wer denn bestimmen soll, was gesellschaftliche Relevanz besitzt – wenn nicht die Gesellschaft selbst. Und sei es mittels Empörung und Skandalisierung. „Besser ist’s, es gibt Skandal, als die Wahrheit kommt zu kurz.“ (Gregor der Große)

Hans Argument lautet, durch die allgemeine Zerstreuung komme der gesellschaftsverändernde Zorn gar nicht mehr auf, da der Skandalgesellschaft dafür die nötige Gravitation und Richtung fehle. Ein „Wir“, zur gemeinsamen Handlung befähigt, die das bestehende Herrschaftsverhältnis frontal anzugreifen vermag, gebe es nicht mehr. Es sei zu einer Schwundstufe verkommen, dem digitalen Schwarm, dem jede Entschlossenheit fehlt.

Die Frage ist nur, ob es dieses Wir je gegeben hat. Worin sieht Han dieses Wir? In der veröffentlichten Meinung, in den Kommentarspalten überregionaler Zeitungen, in den Aufsätzen der Philosophieprofessorinnen oder in den Sonntagsreden der Gewerkschaftsführer? Kommen oder kamen aus dieser Richtung etwa gravierende gesellschaftsverändernde Tendenzen? Wird man allen Ernstes behaupten wollen, den Erzeugnissen der Mainstream-Medien komme irgendein kritischer, innovativer Impuls zu? Hat sich das System dieses „Wir“, dem Han nachtrauert, nicht längst, zumindest nach 1968, manipulativ einverleibt, um es unschädlich zu machen?

Unfreiwillig komisch wird es dann, wenn Han von der Abschaffung der Repräsentation zugunsten der Präsenz spricht. Heute, so sein Argument, wolle jeder selbst direkt präsent sein, anstatt sich von fern „Priestern der Meinung“, den Journalisten und Politikern, repräsentieren zu lassen. Diese Entmediatisierung, der Prozess des Verlusts einer vermittelnden, filternden Elite, führe – so der kulturpessimistische Gemeinplatz – zur Verflachung von Sprache und Kultur. Im gleichen Zug verschwinde auch der Politiker, der seiner Wählerschaft mit einer Vision vorausgehe. Angesichts der Realität in Medien und Politik kann man sich wirklich nicht sicher sein, ob dieses Lob auf den beinahe heroischen Journalisten/Politiker nicht doch ironisch gemeint ist.

Dass aus dem Verlust an Repräsentationsmacht auch eine befreiende Wirkung, nämlich von Zensur und Manipulation, einhergehen kann, zeigen die zahlreichen, durch Crowdfunding finanzierten und durch soziale Vernetzung an Vielfalt und Qualität gewinnenden investigativen Blogs, deren aufklärerischen und emanzipatorischen Wert Han nicht anerkennen kann. Wer sich heutzutage z. B. über die Lage der Gesellschaft in Russland informieren möchte, ist eben nicht mehr nur auf die doch recht einseitige Darstellung westlicher Medien angewiesen.

Han führt eine Vielzahl weiterer Angriffe gegen die neuen Medien, die in ihrer Stoßrichtung zwar vorhersagbar, in der Originalität ihres Ansatzes jedoch oft erhellend sind. Skype, facebook, Google Glass, die Technik des Touchscreens – alles wird dem kulturkritischen Blick des Phänomenologen unterworfen. Bemüht werden zu Deutungszwecken Heidegger, Sartre, Lacan … die üblichen Verdächtigen. Gerade was Sartres Blick-Theorie angeht, kann Han diese Referenzen geschickt nutzen. Dieser Part ist dementsprechend auch der stärkste des Traktats.

Doch argumentative Ausgewogenheit ist Hans Sache nicht. Auf mögliche Gegeneinwände zu reagieren, dazu lässt er sich nicht herab. Hier wird nicht erörtert, hier wird keine Gegenseite wahr- und ernst genommen und deren Contra abgewägt. Han sieht seine Aufgabe offenbar darin, das Digitale von allen Seiten her zu attackieren und demjenigen, der sich schon immer einmal über die wahrlich enervierende Art der Teilnehmer des öffentlichen Nahverkehrs, nur noch auf Bildschirme zu starren, aufgeregt hat, Kanonenfutter für seine Hasstiraden zu liefern. Kanonenfutter mit philosophiegeschichtlicher Provenienz. Nie ist es die Absicht, das ahnte man bereits nach der Lektüre der zuvor erschienenen Traktate „Transparenzgesellschaft“ oder „Müdigkeitsgesellschaft“ und weiß es jetzt nach den ersten Sätzen: nie ist es die Absicht, eine Reihe von Argumenten logisch aufeinander aufzubauen, die in der Lage wären, das Behauptete zu beweisen. Und so bleibt es aufs Ganze gesehen nicht mehr als eben das.

Auch empirische Überprüfung von Thesen und Argumenten ist Hans Sache nicht. Wie seine Vorgänger ist auch dieses Bändchen schmal und mit Vergnügen zu lesen, weil es gut geschrieben ist und seine im Grunde sympathische Anti-Haltung recht originell an den Tag legt. Doch mit Fakten über den tatsächlichen Gebrauch neuer Medien, mit psychologischen, neurobiologischen, soziologischen oder pädagogischen Untersuchungen über den Umgang mit Computer und Internet, gar mit Statistiken, möchte sich der Philosoph nicht abgeben. Er bekräftigt damit diejenigen, die seine Schriften (und die Philosophie gleich mit) für vorurteilsbeladene Besserwisserei ohne Anker in der Empirie halten. Die Bücher Nicholas Carrs oder Manfred Spitzers machen zumindest in dieser Hinsicht vor, dass es auch anders geht.

Wichtigstes Argument Hans ist die Behauptung, mit den neuen Medien gehe ein Verlust der Fähigkeit einher, etwas ganz Anderes, Singuläres zu erzeugen. Mit der digitalen Kultur ziehe eine Positivität ein, die Han exemplarisch am „Gefällt mir“ von facebook festmacht. Ein „Gefällt mir nicht“ ist nicht vorgesehen; es wäre Ausweis kritischer Negativität. (So gibt es also keinen Button, der es dem facebook-Nutzer erleichtern würde, das Fehlen eines „Gefällt mir nicht“-Buttons kritisch und mit einem Klick zu beanstanden. Er müsste dafür schon ein paar Zeilen in seine Statuszeile schreiben. Da er dafür zu bequem ist, bleibt die Kritik aus.) Der Möglichkeitssinn, der dem Faktischen ein utopisches Element entgegenhält, verliere sich somit unter dem größer werdenden Druck des Digitalen.

An diesem Argument lässt sich der Haupteinwand gegen Hans neuestes Buch festmachen. War Negativität denn je irgendwo vorgesehen? War Kritik je „bequem“ – musste man nicht immer wenigstens ein paar Zeilen schreiben, um die herrschenden Verhältnisse anzuprangern? Gibt oder gab es etwa je ein Medium, das per se Alterität und utopisches Denken fördert? Ist Stille, Distanz, das Singuläre nicht immer – singulär?

Han scheint Angst vor dem Verlust einer Vergangenheit zu haben, die es so nie gab. Ihn scheint Furcht vor einer Welt umzutreiben, in der die Masse der Menschen so wird, wie sie bereits ist und wohl stets war. Das Anderssein (das ist fast ein analytisches Urteil) war zu allen Zeiten eine Sache der Wenigen, und diese werden sich auch zu allen Zeiten den Verdummungsangeboten widersetzen müssen, um anders zu bleiben. Neues zu schaffen, im emphatischen Sinne zu denken und zu handeln, sich ins Unbekannte, Unbegangene zu wagen, wie Han heideggernd formuliert – wann waren das je gesellschaftlich geförderte und praktizierte Tugenden? Dass dies im Gegenteil stets eine solitäre Angelegenheit war, dafür ist die Ursache wohl nicht in den medialen Umgebungen zu suchen. Und dass es irgendwann einmal keine begnadeten Einzelgänger geben wird, die diese Kunst der Einsamkeit, Stille und Abwesenheit beherrschen, dafür ist nach der Machtergreifung des Digitalen die Gefahr genauso groß wie jederzeit zuvor.

Was es braucht, wäre eine Tugend des klugen Umgangs mit den neuen Möglichkeiten, anstelle einer kategorischen Verteufelung. Auch der Einzelgänger, gerade er, braucht die Fähigkeit des souveränen Wechsels zwischen Distanz und Nähe, Besinnung und Kommunikation, und ein Wissen darüber, welche Möglichkeiten wie anzuwenden sind. Dies ginge in die Richtung einer spekulativ reflektierenden und empirisch begründenden Philosophie der Lebenskunst, für die Han in öffentlichen Äußerungen nur Spott übrig hat. Ob seine ablehnende Skepsis da allerdings eine nützlichere Haltung einnimmt, ja, ob sie wirklich ernsthaft von Nutzen sein will, sind zwei der Fragen, die sich der Leserin und dem Leser nach der Lektüre von „Im Schwarm“ stellen.

Ariadne von Schirach: Du sollst nicht funktionieren

Rein sind alle Gefühle, die Sie zusammenfassen und aufheben; unrein ist das Gefühl, das nur eine Seite Ihres Wesens erfasst und Sie so verzerrt. Alles, was mehr aus Ihnen macht, als Sie bisher in Ihren besten Stunden waren, ist recht. Jede Steigerung ist gut, wenn sie in Ihrem ganzen Blute ist, wenn sie nicht Rausch ist, nicht Trübe, sondern Freude, der man auf den Grund sieht. Im Übrigen lassen Sie sich das Leben geschehen. Glauben Sie mir: Das Leben hat recht, auf alle Fälle.  – Rainer Maria Rilke, Brief an Franz Xaver Kappus, 4. Nov. 1904

 

Das Eine gleich vorweg: Ja, wir wissen es, und wer es nicht wusste, weiß es schon nach der Lektüre des Titels. „Du sollst nicht funktionieren“ befiehlt uns genau das, wofür Ariadne von Schirach in ihrem Essay schon gar keine Begründung mehr finden muss: Nichts lieber als das, möchte man ihr entgegenrufen, nicht erst seit Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“, sondern schon lange. Seitdem industrialistische Systeme zur Daseinserhaltung einen verfügbaren Arbeiter brauchten.

Seitdem Menschen in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeiten ihren Zweck für Gott und Vaterland erfüllen mussten. Und natürlich erst recht, seitdem der ganze Zwang, sich in Schuss zu halten, internalisiert werden musste – seitdem die äußeren Zwänge großteils wegfielen und den unsichtbaren Prozessen Platz machten, die das Individuum dazu brachten, sich in einem unsichtbar staatlich gesteuerten Wirtschaftssystem unbemerkt selbst auszubeuten, anstatt die Früchte seiner Hände Arbeit nun endlich zu genießen. Gemäß dem Goethe-Wort, niemand sei mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.

Man muss ja nicht gleich das „Manifest der Kommunistischen Partei“bemühen. Oder vielleicht doch, denn erstaunlich ist es doch, wie früh hier beobachtet wurde, was uns Heutigen so ungeheuer heutig vorkommt:

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Bei Max Weber liest man dann von der

Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.

Und wer in den letzten Jahrzehnten auch nur die Titel der Psychologie, Soziologie, Philosophie, Kulturtheorie zur Kenntnis genommen hat, ahnt, dass mit den wachsenden Freiheitsräumen auch ein Unbehagen an der Gesellschaft einhergeht, dass wir in einer Kultur des Habens statt des Seins leben, dass das unternehmerische Selbst erschöpft ist, dass die moderne westliche eine McKinsey-Gesellschaft ist, dass unser effizientes Leben von der Ökonomie diktiert wird, dass die Digitalisierung ein Fluch und der Mensch in der Spätmoderne zwischen Kreation und Depression gefangen ist.

Also können wir von Schirachs Imperativ gar nicht ernsthaft als solchen empfinden. Wer will schon gern funktionieren? Und die unter uns, die gern funktionieren möchten, die sich also – verfügten sie nur über ausreichend Selbstdistanz – in den Zombies wiederfinden könnten, deren Geschichten uns die Autorin erzählt, die lesen das Buch sowieso nicht. Alle anderen nicken einhellig bis selbstgefällig. Kann man mal sehen, wie es den ganzen Selbstvermessungsidioten mit ihren elektronischen Armbändern geht, die ihr Essen zu Zwecken der Anerkennung erst fotografieren müssen und sich desolat fühlen, wenn nur zwölf „Freunde“ ihren facebook-Post bezüglich ihres letzten Klogangs geliket haben!

Aber ebenso paradox, wie der Imperativ des Titels daherkommt (als ob man jemandem beföhle, spontan zu sein), ist auch der gesamte Impetus des Buches. Es möchte uns vom Nützlichkeitsdenken befreien und von unserem egoistischen Wahn, uns selbst zu optimieren, und wird doch nur von solchen Menschen gelesen, die sich überhaupt noch für Verbesserung interessieren – ihrer selbst, ihres Lebens, der Welt. Denn auch die Selbstoptimierer, wie sie im Buch mit leichtem Dünkel zu Zwecken der Distinktionsgewinnung („so bin ich ja zum Glück noch nicht!“) gezeichnet werden, wollen ja gar nicht in erster Linie besser sein. Sie wollen wie wir alle nur ein besseres Leben führen, und als Weg dahin sehen sie bloß, was sie für sich selbst tun können, weil ihr Blick verengt wurde auf Individualität, Besser- und Schönersein.

Ein besonderer Mensch sein, ein Jemand sein, der Autor und das Subjekt des eigenen Lebens, eigenverantwortlich und selbstbestimmt. Individualität, so auch Schirachs Analyse, ist der neue Götze, nachdem Gott abgedankt hat, und sie ist es, die dem modernen Selbst Glück und gelingendes Leben verheißt. Glücklich, gesund und erfolgreich wollen wir sein, geliebt, sicher und anerkannt – und um das zu erreichen, soll ich nun nicht mehr funktionieren (wie ich und die übrigen Opfer der jüngeren Generation, denen der Fortschritt solche Erste-Welt-Probleme erlaubt, irrtümlicherweise annahmen), sondern – ja, was? Erstmal ein Buch dazu lesen, ein weiteres Selbsthilfebuch auf meinem Nachttisch, und diesmal eins, das mir sagt, dass Selbsthilfebücher im Grunde nutzlos sind.

Eine paradoxe Erfahrung also, ein solches Buch zu lesen, das ich nur lese, weil ich glücklicher sein (und die Welt verstehen) will, womit ich doch schon mit einem Bein im Grab des Nützlichkeitsdenkens stehe. Denn stets frage ich mich, muss ich mich fragen: Wie kann ich Schirachs Erkenntnisse, ihre Vorschläge umsetzen in meinem eigenen Lebensvollzug?

Die Antworten, die von Schirach auf diese Frage gibt (ebenso wenig neu wie unerhört), sind – da muss man nicht viel Menschen- und Weltkenntnis haben, um so zu urteilen – die richtigen. Sie sind brauchbar und nützlich, und sie funktionieren sogar. Womit wir wieder bei der paradoxen Erfahrung der Lektüre dieses Buches wären: eine neue Lebenskunst der Selbstsorge (statt nabelbeschauendem Egoismus), Liebe und Schönheit, Poesie und Uneigennützigkeit, Zuhören, Akzeptanz von Widersprüchlichkeit, Verletzlichkeit, Einsamkeit und Angst – Menschlichkeit eben. Es stimmt, dass ein Buch, das dazu rät, dass Menschen sich selbst und andere Menschen menschlich behandeln, mit seinen Einsichten niemanden vom Hocker reißen kann. Aber auch davon müssen wir uns vielleicht frei machen – von diesem Drang nach Originalität, nach bahnbrechenden Erkenntnissen, nach alles umstürzenden Lösungsvorschlägen. Vielleicht liegt in unserem Bedürfnis nach aufregenden Theorien über die Rettung des Menschengeschlechts genau das Problem, das von Schirach anprangert, und solange wir nur nach dem nächsten Buch dürsten, das uns endlich dieses neue und unerhörte Wissen zur Weltverbesserung zur Verfügung stellt, ist diese Welt und sind wir selbst in ihr nicht zu retten.
Ariadne von Schirach zollt dieser Einsicht Tribut, dass ihr Buch im Grunde nichts Neues bieten kann, dass alles schon einmal gesagt wurde (zum Teil elaborierter und in seinen theoretischen Grundlagen konsistenter, wie z. B. 1980 in Wolfgang Schmidbauers psychoanalytischer Arbeit „Über die Destruktivität von Idealen“) und dass genau dies das Wichtige an ihm ist. Sie zieht das Erzählen dem Theoretisieren vor. Das Bild dem Begriff. Das Konkrete der Abstraktion.

Ihr gelingen poetische, stellenweise ergreifende Passagen. Ihr Stil ist zwar überwiegend der um Lockerheit ringende Kolummnenton des neuen bildungsbürgerlichen Feuilletons (die Anrede immer schön abwechseln zwischen man, du und ich; im Nebensatz bloß kein Prädikat in Endstellung; und vor allem das Partizip nicht zu weit vom Hilfsverb weg; und immer dieses „irgend-“ … auf ein, zwei Seiten ok, aber in diesmaxresdefaulter Penetranz auf 180 Seiten schwer zu ertragen), aber die Kraft ihrer Sprache überzeugt auf vielen Seiten und macht die Lektüre oft zu einer nicht nur intellektuellen, sondern auch sinnlichen Freude. Paradoxerweise, muss man noch einmal betonen, da ja schon nach dem Titel alles klar ist, da wir ja schon einhellig genickt haben, da wir das bei Hartmut Rosa, Robert Pfaller, Byung-Chul Han und Alain Ehrenberg, bei Wilhelm Schmid, Peter Bieri und dem späten Foucault so ähnlich schon gelesen haben, und umso mehr, als das Anliegen der Autorin nicht in der originellen Analyse von zeitgenössischen Alltagsphänomenen (die Tücken von Facebook kannten wir schon) besteht. Und auch die Selbstoptimierzombies sind es nicht, deren Geschichten man mit Grausen verfolgt und bei denen es einem recht bald egal ist, ob sie reine Kopfgeburten der Autorin sind oder ob reale Menschen für sie die Vorlage abgegeben haben.

Es ist die Poesie der Bilder, die von Schirach gelingen. Zum Glück. Denn die kann man nicht zusammenfassen, die muss man selber erleben, die bleiben hängen, und sie sind die vielen Kleinode des Buches. Im Gegensatz zu den ebenso wahren wie kitschigen Gemeinplätzen, von denen es nur so wimmelt:

… am wichtigsten ist es doch, sich in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Verletzlichkeit zu zeigen und trotzdem geliebt zu werden.

Dass wir heute solche Sätze brauchen, dass wir ihren Kitsch aushalten und ihre Wahrhaftigkeiten annehmen und umsetzen müssen, ist vielleicht das traurigste Zeugnis, das Ariadne von Schirach damit unserer Zeit ausstellt.

Aber ihre Stärke ist eben nicht, darüber zu theoretisieren, dass der Schlankheitswahn seine Ursache im Effizienzdenken der Selbstausbeutung hat, sondern uns von in dieser Überflussgesellschaft freiwillig hungernden Menschen und deren Nöten, Begierden und Selbstbildern zu erzählen. Es handelt sich um ein literarisch-feuilletonistisches Essay und nicht um ein begrifflich sauber argumentierendes philosophisches Traktat. Trotz ihres leidenschaftlichen Plädoyers am Schluss für mehr zweckfreie Schönheit und selbstlose Hingabe bleibt der Tenor dieses Essays dunkel. Pessimismus beschleicht denjenigen, der sich vorstellt, es könnte solche Menschen in dieser Eindimensionalität wirklich geben und sie wären wirklich mehr als nur die paar zu jung gebliebenen Besserverdiener in den Großstädten.

ariadne von schirach funktionierenDieser Pessimismus liegt darin, dass die Autorin mit dem Kapitalismus (der als Begriff so vage bleibt, wie man es von Kulturkritikern gewohnt ist) zwar einen Grund für den Ist-Zustand angibt, aber mit ihren Lösungsvorschlägen nicht bei diesem Grund ansetzen kann – eben weil sie weder klar definiert, was mit Kapitalismus gemeint sein soll, noch weil „der Kapitalismus“ überhaupt als Grund taugt. Wenn „die kapitalistische Produktionsweise“ Schuld an dem fortschreitenden Verlust nicht nur von Glück und Gesundheit, sondern auch von Anmut und Poesie in unserer Welt haben soll, dann wäre es fast schon gemein, vom Individuum jetzt auch noch zu fordern, es solle endlich einsehen, dass es so nicht weitermachen könne. Ihm einzureden, es gäbe im falschen System ein richtiges Leben, wenn man nur dem Nützlichkeitsdenken entsagt.

Die Kosten-Nutzen-Abwägung ist ja nicht eine dem kapitalistischen (in Wahrheit: korporatistischen) System aufgepfropfte Ideologie, sondern in ihrer Übertragung auf die sozialen Verhältnisse wesentlich für seine Existenz verantwortlich und vice versa. Da ist nämlich noch so eine weitere Paradoxie: Wir sind nicht Schuld an unserem Leben, das sind nur die Einflüsterungen des Neoliberalismus, der uns zu Unternehmern unserer selbst machen und dafür in Haftung nehmen will, wenn wir dick und arbeitslos geworden sind – damit seine Restsicherungssysteme nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Und zugleich sollen wir uns doch mit Epikur und Marc Aurel und Seneca und von Schirach um uns selbst sorgen, den Egoismus ablegen und Verantwortung für unsere Existenz übernehmen. Die Selbstoptimierer sind ja gerade in dieser Kunst gescheitert. Paradox, nicht wahr?

Optimismus ließe sich vielleicht finden, wenn man seinen Blick auf all die Menschen richtet, die tatsächlich aus dem Hamsterrad ausgebrochen sind und ihren Alltag bereits nach genau den Regeln der Lebenskunst, die von Schirach fordert, gestalten. Oder besser noch ohne Regeln gestalten, schon in diesem Augenblick, angeregt vielleicht durch Bücher wie das vorliegende. Menschen, die sich nicht mehr zur Verfügung stellen und dadurch dafür sorgen, dass dem System seine Lebensgrundlage entzogen wird. Ein zweiter Band wäre also nötig, in dem uns Ariadne von Schirach die vielen guten Geschichten da draußen erzählt, als lebensfrohe Beispiele für eine zweckfreie, uneigennützige und poetische Lebenskunst.

Das wäre vielleicht wirklich neu und unerhört.