Was machst du mit dem Rest deiner Zeit? – Bernadette Némeths „Der Rest der Zeit“

„Was machst du mit dem Rest deiner Zeit?“

Normalerweise brauchen wir einen Schockmoment, um uns diese Frage zu stellen – einen Schicksalsschlag. Tünde, die Protagonistin von Bernadette Némeths Roman „Der Rest der Zeit“ (Verlag Wortreich), ereilt ein solcher Schicksalsschlag in Form einer anstehenden Halswirbeloperation; ein Ereignis, das sie veranlasst, sich die Frage zu stellen und ihr Leben zu überdenken. Ihre Reflexionen bilden das Grundgerüst des Romans. Tünde, Österreicherin ungarischer Herkunft, ist selber Ärztin, was den Schilderungen der Krankenhauserlebnisse einen besonderen Realismus verleiht. Diese doppelte Realität (Tündes berufliche Erfahrungen mit dem österreichischen Gesundheitssystem sowie ihre eigene Leidensgeschichte) wird schonungslos, mit medizinischem Blick, wiedergegeben – doch unter Verzicht auf jede Effekthascherei. Auch in der ausführlichen Wiedergabe der Leiden, die die Figuren des Romans (Tündes engere Familie) angesichts der „Kapriolen des Schicksals“ ertragen, entgeht die Erzählerin der Versuchung von Melodramatik und Pathos.515athyYJ+L._SX296_BO1,204,203,200_.jpg

Tündes Erinnerungen an ihre Schwangerschaft, an ihre Fehlgeburt, an den Tod ihres Vaters – es wirkt, als könnte sich aus dem Erinnern und Erzählen eine Art Linderung ergeben. Melinda und Adam, Tündes Geschwister, werden uns in ihrer ganzen Menschlichkeit vorgestellt, die darin liegt, wie sie mit ihren Schwächen und Frustrationen umgehen; ebenso wie die von einer entbehrungsreichen Vergangenheit geprägten Eltern.

Das ist alles sehr innerlich. Anekdoten werden aufgeführt, um das Psychodrama der Protagonisten anschaulich werden zu lassen, und nicht, weil sie für ein Fortkommen der Handlung von großer Bedeutung wären. Trotz allem sind sie lebensnah und in ihrem Detailreichtum authentisch, keine bloßen Kopfgeburten der Autorin. Németh findet für dieses handlungsarme Kammerspiel die angemessene Sprache, die präzise und eindringlich, bisweilen lakonisch, aber nicht unpoetisch ist. Sie weiß, dass die Schicksale dieser Menschen genug tragen, als dass man sie künstlich mit einem theatralischen Stil beschweren müsste. Eine kluge Maßnahme war es, dies alles einen eher neutralen Er-Sie-Erzähler schildern zu lassen. Den Roman durchzieht, wenn man einen Topos bemühen wollte, eine geradezu ungarische Melancholie, ruhig und unaufgeregt wie die Donau Pannoniens.

Es geht dem Roman um die seelischen Konflikte seiner Figuren, um nicht mehr und nicht weniger; wie könnte es anders sein, wenn die Themen Vergänglichkeit und Schuld sind. Er nimmt, und darin liegt seine große Stärke, die Leben der vorgestellten Menschen ernst und nicht als bloße Vorlage für ein abstraktes Reflektieren angesichts des Todes. Zudem stehen die unsichtbaren Verbindungen der Figuren zueinander stets merklich im Hintergrund, ihre gemeinsame Geschichte, ihre Verstrickungen und ihre Suche nach einem Miteinander, und am Ende gibt es sogar ein Geheimnis – „Der Rest der Zeit“ ist ein Familienroman im besten Sinne.

 

Bernadette Németh: Der Rest der Zeit. Roman 

Wortreich Verlag, Wien 2017. 328 Seiten, 19,90 €.

ISBN: 978-3903091238

 

 

Es gibt Orte, die dir Angst machen

Gerhard Jägers Erstling „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ erzählt von der lebensverändernden Suche nach den verschütteten Geschichten

pexels-photo-27566Geschichten, in denen ein Fremder in ein abgelegenes Bergdorf kommt und entweder seine neue Umwelt verändert oder von ihr verändert wird, gibt es von Thomas Bernhards „Frost“ bis Lars von Triers „Dogville“ viele. Viele – aber vielleicht nicht zur Genüge, mag sich Gerhard Jäger gedacht haben. Denn „Geschichten treiben die Menschen an“, wie es in seinem Roman heißt: „Entweder sie suchen Geschichten, oder sie rennen weg vor Geschichten. Das ist alles.“ Und so erzählt er uns in „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ eine solche Geschichte ein weiteres Mal.

Die Menschen, denen wir hier begegnen, bewegen sich zwischen diesen beiden Polen. Da gibt es die einen, die Geschichten suchen, wie den Amerikaner John Miller, der an seinem 80. Geburtstag nach Innsbruck reist, um im Tiroler Landesarchiv das geheimnisvolle Manuskript seines Cousins zu studieren. Oder eben diesen Cousin selber, Max Schreiber, der im Jahr 1950 als junger Mann in ein kleines Tiroler Bergdorf kam, um einer Zeitungsnotiz nachzugehen: Fast 100 Jahre zuvor soll in dem Dorf eine Frau in ihrem Haus verbrannt sein, der Verdacht auf Mord liegt nahe und ist zugleich zugeschüttet. Schreibers Arbeit, ebenso wie die Millers, ist das Aufdecken des von der Lawine der Zeit Verschütteten.

Und dann gibt es die, die vor Geschichten wegrennen – und oft genug sind das eben ein und dieselben Figuren. Max Schreiber ist nach einem gigantischen Lawinenunglück im Winter 1951 spurlos verschwunden. Er selber stand unter Mordverdacht. Und auch Miller selber hat 50 Jahre später seine ganz eigenen Gründe für eine Flucht aus den USA in die Alpen.

pexels-photo-24642Nah, und doch verschieden sind beide Protagonisten. Beide sind Fremde, an der Vergangenheit, will es scheinen, zuweilen mehr interessiert als an ihrem eigenen Leben. Der eine jedoch ist in eine unglückliche Liebe verstrickt, der andere trauert seiner verstorbenen Frau hinterher und wird dabei von seinen inneren Dämonen verfolgt. In dem namenlosen Alpendorf merkt Miller schnell, dass er ein Eindringling ist. Ein Städter, „ein Studierter“, der Fremde „in den viel zu feinen Schuhen, mit dem viel zu neuen Mantel, den beiden Koffern in der Hand.“ Und doch lässt er sich von seiner Spurensuche nicht abbringen, ebenso wenig wie Schreiber es zuvor getan hat.

Bei dessen Manuskript handelt es sich um einen Roman, der  immer mehr zu einem Tagebuch wird, das dann Gedanken und Betrachtungen Platz macht und die Ängste – Unsicherheit, Eifersucht – seines Verfassers ausdrückt.

Es ist also alles vorhanden, um Jägers ersten Roman zu einem guten Roman zu machen. Die Geschichte einer zarten, doch unmöglichen Liebe, ein Rivale, Geschichten von Mord und Naturkatapsophen, alte Manuskripte, eine dunkle Vergangenheit und die archaische Atmospähre eines Tiroler Bergdorfes zu einer Zeit, als Touristen dort noch eine Seltenheit waren. Das Dorf: „hingeduckt an die schützenden Hänge, hatte es sich den Bergen über Generationen in die steinernen Leiber gefressen. Häuser, die an den Ufern der Kiesstraße wuchsen und die Menschen den fernen Augen der Straße entzogen.“ Nicht zuletzt gibt es da ein Rätsel, das den gesamten Plot durchzieht: Warum nimmt nun, fünfzig Jahre nach dem, was in dem kleinen Dorf geschah, ein alter Mann den weiten Weg aus Amerika auf sich, um die alten Geschichten wieder aufleben zu lassen? Noch dazu lesend, dem idealen Leser gleich, der sich mit jedem Satz, jeder Seite weiter in der Zeit zurückbegibt und vor seinem eigenen Leben flüchtet.

Ansonsten geschieht in „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ nicht viel. Von der Erwartung großer Spannung, die diese Aufzählung vielleicht hat entstehen lassen, sollte man sich frei machen. Das Versteckte, das Entzogene, dann das Verschüttete – die Symbolik, mit der Jäger spielt, ist weder neuartig noch aufregend. Erwarten kann man allerdings trotzdem – oder gerade aus diesem Grund – eine Erzählung, die mit einer ganz besonderen Sprache aufwartet: die Landschaft, die Gedanken der Protagonisten, das Verhalten der Dorfbewohner werden dem Leser in einer Art vermittelt, die dem Setting zugleich angemessen wie auch fremd ist. Sie versetzt uns in eine längst vergangene Welt und macht dadruch den Gegensatz zwischen den beiden Ebenen (auch des Leserlebens) fühlbar.

Der Schnee das Feuer die Schuld und der Tod von Gerhard Jaeger

Dieses Stück moderner Antiheimatliteratur ist auf der stilistischen Ebene verräterisch nostalgisch, verliebt in den eigenen Mystizismus. Das kann nerven, vor allem wenn man an manchen Stellen das Gefühl hat, es ginge dem Autor nur um die besonders originelle Wendung. Vor allem aber kann es hineinziehen in die Landschaft dieses Textes, einer beinahe erzwungenen Reise in abgelegene Gegenden der Literatur gleich.

Uns empfängt eine detailliert gemalte Winterlandschaft, so kühl und klar, so düster und abweisend wie die Bewohner des Dorfes selbst, hinter deren rätselhaftem Verhalten eine Spannung zu erahnen ist. Dies gelingt durch starke Emotionen und lebendige Bilder. Von Understatement oder Lakonie hält dieser Erzähler nichts. Der Rhythmus und die Wortwahl ziehen über Absätze hinweg die Aufmerksamkeit ganz auf sich.

Und doch will die Sprache hier nicht origineller sein als nötig, sondern nur originell gestrig. Sie ist aus der Zeit gefallen, erinnernd an Robert Schneiders „Schlafes Bruder“, doch weniger sperrig. Auch die Konstruktion des fish-out-of-water-Settings und der Vermittlung beider Zeitebenen durch ein wiederentdecktes Manuskript ist nichts, was noch nie dagewesen wäre. Doch das tut dem Genuss der Lektüre keinen Abbruch.

„Es gibt Momente“, heißt es im Roman, „Orte, die dir Angst machen. Du weißt, dass da etwas ist, das auf dich wartet, gesichtslos, namenlos, jenseits aller Begriffe, jenseits aller Konturen, und doch, es ist da, du spürst es, und du weißt nur eines: Es ist nichts Gutes.“

Dieses nicht Gute – das Dorf, die Berge, die Gefühle der Verzweiflung, der Sehnsucht und Nostalgie – ist es eigentlich, mit dem uns Jäger eine wohlige Angst macht und uns ein Gefühl der Ausweglosigkeit vermittelt, das bis zum überraschenden Ende durchhält. Fast hätte es der Krimihandlung gar nicht mehr bedurft, um aus „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ eine äußerst faszinierende Geschichte zu machen, die neugierig macht auf Gerhard Jägers nächsten Roman.

 

 

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Roman.

Karl Blessing Verlag, München 2016.

400 Seiten, € 22,99

ISBN 978-3896675712

 

T. C. Boyle: Die Terranauten [BücherSendung]

In der 4. Folge der BücherSendung sprechen David Eisermann und ich über T. C. Boyles neuen Roman „Die Terranauten“ (Hanser).
Zu Gast waren wir beim Architekturbüro Michael – mit herzlichstem Dank, vor allem an Sophia Alfons Miosga!
Die Folge wurde produziert von VQM Productions

„Unter der Haut“ auf der Blogbuster-Preis-Longlist

Der Blogbuster-Preis ist etwas Neues. 15 Blogger wählen jeweils einen Roman für eine Longlist aus, aus der eine Jury um Elisabeth Ruge, Denis Scheck und Tobias Nazemi bis Ende April wiederum drei auswählt. Einer dieser drei Romane gewinnt eine Zusammenarbeit mit der Literaturagentur Elisabeth Ruge und eine Veröffentlichung bei Klett-Cotta.

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Post auf blogbuster-preis.de

Warum ist das so neuartig?

Diejenigen, die beim Blogbuster-Preis eingangs über Wohl und Wehe entscheiden, sind Menschen, die sich durch ihre ausdauernde, kreative und liebevolle Arbeit über die Jahre ausgezeichnet haben, ohne dafür eine finanzielle Vergütung zu bekommen. Die Bloggerinnen und Blogger haben ihre Passion, zu lesen und über die Lektüre zu schreiben, über die Jahre zu etwas gemacht, das andere so stark interessiert, dass ihre Präsenz für viele Menschen wichtig geworden ist – als manchmal leidenschaftlicherer, persönlicherer Kontrast und als Ergänzung zu den üblichen Kanälen der Literaturkritik. Bisweilen sogar als deren Ersatz. Ich bin gespannt, ob sich dies in der Auswahl der Bücher widerspiegeln wird.

Außerdem gefällt mir die Tatsache, dass der gesamte Prozess von Beginn an begleitet und öffentlich gemacht wird, sodass das Publikum den Weg der Bloggerinnen und Blogger, aber auch den vieler teilnehmender Autorinnen und Autoren verfolgen kann.

Die glorreichen Fünfzehn

Nun hat der Blog Kaffeehaussitzer meinen Roman „Unter der Haut“ für die Longlist nominiert – von 252 eingereichten Romanen ist „Unter der Haut“ also in der Runde der letzten 15.

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Uwe Kalkowskis Blog „Kaffeehaussitzer“

Uwe Kalkowski, Gründer des Blogs, schreibt hier über die Gründe für seine Wahl:

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Woran hat es denn nun gelegen?

Uwe Kalkowskis Bewertung von „Unter der Haut“ liest sich folgendermaßen:

Mich hat das Manuskript vollkommen überzeugt. Ich fand es stilistisch einen großen Lesegenuß, auf eine entspannte Art und Weise intellektuell, erzählt in einer wunderbaren Ausführlichkeit, die nie die Grenze der Langatmigkeit überschreitet. Von Beginn an schwingt eine Spannung mit, die viel verspricht – und dieses Versprechen erfüllt. Großartig ist die Beschreibung von Eisensteins Büchersucht, die immer zwanghaftere Züge annimmt, die Schilderungen des Berlins der dreißiger und New Yorks der ausgehenden sechziger und beginnenden siebziger Jahre. Dazu der Zerfall der Weltordnung, als sich 1989 der Ostblock auflöst und damit die Suche nach einem Verschwundenen erst ins Rollen bringt. Vergangene Welten, die bei der Suche nach einem Buch-Besessenen lebendig werden.

Ganz besonders gefreut hat mich Uwes abschließendes Urteil:

Für mich ein klarer Kandidat für den ersten Platz beim Blogbuster-Wettbewerb.

Hätte ich allerdings selbst einen Verlag, würde ich dieses Manuskript auf keinen Fall für den Preis einreichen, sondern mir die Rechte daran sofort selbst sichern und es drucken lassen. Als richtig schönes Buch.

Ulrich Ziegers Roman „Durchzug eines Regenbandes“

Größe und Tragik der Postmoderne ist es, dass mit ihr jede Unterscheidung verwischt wird, die helfen könnte, sich über den Wert ihrer Produkte zu verständigen. Eindeutigkeit, Bestimmtheit, Bedeutung …? Alles dahin. Aber waren diese drei nicht seit jeher Feinde jeder echten Kunst?
Und so fällt es auch bei Ulrich Ziegers Roman „Durchzug eines Regenbandes“ nicht nur schwer, zwischen Genie und Dilettantismus einen klaren Trennstrich zu ziehen, sondern man streckt bereits nach einigen Seiten die Waffen beim Versuch. Zwischen Ironie und Unvermögen, zwischen Hintersinn und bloßer Albernheit, zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik, zwischen Scheitern als Künstlerattitude und Scheitern aus Versehen oszilliert diese Geschichte mit ihren Geschichten und Geschichtchen vor dem Auge des Lesers. Eine weitere Größe und Tragik solcher Romanversuche liegt darin, dass, wenn der Verfasser behauptet, er habe zehn Jahre Arbeit in sein neues Werk gesteckt, man dem Ergebnis nicht ansehen kann/soll/darf, ob nicht neun Jahre davon in Rauchen, Trinken und langen Spaziergängen durch Montpellier bestanden. Aber das ist ja auch Arbeit.
Da sitzt dann also der postmoderne Autor da und lacht sich ins Fäustchen, während der Kritiker, verpflichtet auf Sinn und Allgemeingültigkeit, sich abmüht auf der Suche nach Bezügen und Verweisen, Mustern und Strukturen. Aber auch den Leser, der nach Kohärenz, Abenteuer oder einfach nur Kohärenz sucht, enttäuscht er lachenden Auges. Für den wird es bei der Lektüre von „Durchzug eines Regenbandes“ daher das Beste sein, sich ganz darauf einzulassen, dass man sich hier auf nichts einlassen kann.
Ulrich Zieger lacht sich vielleicht immer noch ins Fäustchen, doch tut er das nun von einem anderen Ort aus, denn er ist Ende Juli 2015 in Montpellier, wohin er seit 1989 ausgewandert ist, gestorben. Als Plot für einen Roman hätte er das vielleicht nicht für ungeeignet gehalten, soweit man es der Haltung, die im Roman selber zutage tritt, entnehmen kann. Ein Schriftsteller, seit dem politischen Umsturz fern der Heimat im südfranzösischen „Exil“ lebend, schreibt besagte zehn Jahre an einem rätselhaften, monumentalen, epischen Monstrum, und bevor die ersten Sinnsucher zu ihm pilgern können, hinterlässt er der Nachwelt nicht mehr als Schweigen und die endgültige Unmöglichkeit, sich mit ihm über Sinn und tiefere Bedeutung seines Werks auseinanderzusetzen.
Nach dem Tod des Autors ist eben nicht nur literaturtheoretisch der Leser auf sich allein gestellt. Wenn nun selbst vor so profanen Angelegenheiten wie Tipp- und Schreibfehlern die Postmoderne nicht halt macht (denn wer will dem Lektorat Schlampigkeit vorwerfen, wenn Namen falsch geschrieben oder sprachliche Bilder schief gesetzt sind, wenn es im Grunde keinerlei Bezug zu einer Außenwelt gibt, der eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch, gewollt und versehentlich erlauben würde?), wie soll der Leser dann mit der Geschichte umgehen? In „Durchzug eines Regenbandes“ gibt es zwar eine, aber es ist nicht klar, worum es in ihr, worum es ihr geht. Vielleicht um nichts.
Da ist von einem Journalisten die Rede, dem ein Fremder Besuch abstattet und von einer Revolution im Inselstaat Bienitz erzählt wird, in dem die Einwohner Kleidung aus Papier tragen und aus dem der Besucher, Angehöriger des Stammes der Lapislazuli, geflohen ist. Wer jetzt noch Lust hat, die Geschichte weiterzuhören, auf den kann der Roman einen gewissen Reiz ausüben, der eine tiefergehende Beschäftigung mit ihm rechtfertigt.

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Ulrich Zieger (1961 – 2015)
Wer dabei allerdings einen Spaß wie bei Walter Moers erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht. Denn all das wird nur aus zweiter Hand erzählt, in Dialogen, langatmig, weitschweifig, geduldig, mäandernd. Und nach 170 Seiten ist es auch schon vorbei und eine zweite Geschichte setzt an, die mit der ersten nichts Ersichtliches zu tun hat. Und dann noch eine dritte. Sprachlich oft beeindruckend bis bedrückend, manchmal erstaunlich, manchmal betulich, mitunter zu gewollt. Da wird das seltene Wort um seiner Seltenheit willen gesucht; es kann nicht einfach Korb, es muss Kiepe heißen, nicht Dachfenster, sondern Gaube. Um Folgerichtigkeit ist der Erzähler ja offensichtlich nicht durchweg bemüht, aber Unstimmigkeiten in der Erzählperspektive verzeiht der Leser doch nicht so leicht.
Ein nachvollziehbares, interessantes Geschehen ergibt sich daraus nicht, und, wir können es nur vermuten: soll es auch nicht. Doch der Roman wäre kein postmoderner, würde er diese unwillige Unfähigkeit nicht selber noch ironisch reflektieren in den Aussagen, die seine Figuren über die Geschichten machen, die sie erzählen („Verzeihen Sie, aber der Abschluss der Geschichte ist mir infolge einer Reihe schwerer Nervenanfälle in der Vergangenheit unaussprechlich geworden …!“) und erzählt bekommen („schließlich bin ich ja noch beinahe unfähig, aus Ihrem Bericht einen im engeren Sinne greifbaren Inhalt abzuleiten …“). Tröstlich immerhin, dass die Figuren die gleichen Schwierigkeiten haben wie die Leser.
Angelegt ist der Roman wie ein Triptychon, mit drei voneinander unabhängigen Teilen, „links“, „Mitte“, „rechts“, die eben auch drei Romane hätten ausmachen können. Die trinitarische Entscheidung, aus drei mach eins und umgekehrt, mag einer rein äußerlichen, schreib- und verlagsökonomischen Überlegung folgen, oder sie mag andererseits auch durch geheime Verweise der Teile auf- und untereinander motiviert sein – ein Fest für Rätselsucher, doch anders als beim Rubikwürfel weiß man nicht einmal, ob es eine Lösung gibt. Wen auch diese Unsicherheit reizt, hat eine weitere Rechtfertigung für die tiefergehende Beschäftigung.
Wie diese kurze Übersicht andeutet, wirkt das alles recht surreal, irritiert mit seiner wilden Fabuliererei um ihrer selbst willen. Das Netz aus Bezügen ist längst gerissen, es hält niemanden mehr fest und wird von nichts gehalten. Der Roman ist ein Labyrinth aus Assoziationen, Metaphern, Montagen, Chiffren, in das man schwerer hineinfindet als hinaus. Im Faden der Ariadne haben Leser und Autor sich verheddert, so dass bloß die gordische Lösung bleibt. Dabei findet man in diesem Irrgarten durchaus Schmuckstücke – stark ist der Roman vor allem in der Evozierung von Atmosphäre wie z. B. im zweiten Teil, wo mit der einfühlsamen, sprachlich bewundernswerten Darstellung der Umstände, in denen sich der Protagonist befindet (eine ländlich-dörfliche Gegend der DDR der späten 60er) eine vergangene Zeit hervorgerufen, ja geradezu beschworen wird. Das ist bezaubernd, man ist verzaubert.
Aber freilich kann es dabei nicht bleiben. Märchenhaft wirkt und wird es, als kaum sichtbare Folie aller drei Teile, aber bisweilen auch in Stil und Sprache; zugleich finden wir Anspielungen auf Filme und Schlager, den Tiger von Eschnapur und Nosferatu und Fahrenheit 451, auf Drafi Deutscher und Roy Black, und dass nichts zueinander passt, muss man eben als Signatur des Postmodernen hinnehmen. Das Ganze ein Gegenwarts- oder gar Gesellschaftspanorama zu nennen, entfernt sich allerdings zu sehr vom eigentlichen Erlebnis der Lektüre. Zu subjektiv und innerlich, zu privat bleibt das Glasperlenspiel des Autors, dabei nicht selten klischeehaft, als dass sein Leser hier Einsichtsvolles über sein Leben und das seiner Zeitgenossen erhalten würde. Wer in der Fabel eine Parabel finden möchte, sollte sich darauf vorbereiten, ihren Enden bis ins Unendliche zu folgen.
„Aus der Zeit gefallen“ wie seine Figuren, der marlowehafte Journalist Max Norden, Spione, Schlagersänger, Traumtänzer mit Zinkeimern auf dem Kopf und die anderen Außenseiter ist dann auch der Erzähler. Im Akt des Erzählens verweigert er sich. Er und seine Figuren sind Nostalgiker, und die Kunst und die Literatur sind ja vielleicht noch die letzten Orte, an dem Nostalgie erlaubt ist. Verzweifelt retrospektiv ist das alles und in dieser Retrospektive auf der Suche nach dem Absoluten – im Sinne einer Loslösung von Wirklichkeit und Alltag. Fragmente sind es noch, die übrig geblieben sind von der Welt da unten und draußen. Wen also auch die Absage der Kunst an Realitätsverpflichtung nicht stört, kann während des Durchzugs eines Regenbandes getrost eine Pause vom Zeitgemäßen, Allzuzeitgemäßen machen.
 
 

Peter Buwalda: Bonita Avenue

Liest man Peter Buwaldas „Bonita Avenue“ ein halbes Jahr nach den überwiegend begeisterten Besprechungen des deutschen Feuilletons erneut, so fällt auf, wie unscheinbar, ja konventionell die erzählerischen Fähigkeiten und sprachlichen Mittel seines Autors wirken – verglichen mit den fast hymnischen Lobpreisungen, die in dem 2010 in den Niederlanden erschienenen Roman ein „in seiner sprachlichen Wucht kühnes und in seiner psychologischen Schärfe und Genauigkeit beeindruckendes, ja erschreckendes Buch“ (Peter Henning in „Die Zeit“) gesehen haben. Ein großer Erzähler, so die Kritik, mache sich hier an die Zerstörung des Familienromans, nicht ohne dessen Tradition zuvor meisterhaft vorzuführen. Vergleiche mit Jonathan Franzen, ja Philip Roth wurden bemüht.

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Thema, Erzählweise, Plotkonstruktion, die kompromisslose Haltung zum Schicksal seiner Figuren – all das lasse Buwaldas Debutroman zu einem Beispiel „europäischer Literatur von Rang“ werden. Auch über die Sprache wurde so einiges lobend erwähnt, „kühn“ eben, „gierig“ und „körperlich intensiv“ sei sie. Was allein schon – um hier zu beginnen – schwer nachzuvollziehen ist, ebenso wie das Urteil, es handle sich um einen „700-seitigen Porno“ (Katharina Teutsch in der FAZ). Zumindest in der deutschen Übersetzung fehlt Buwaldas Sprache letztlich die Überzeugungskraft. Eine größtenteils gesichtslose Allerweltssprache, die Metaphern passend, doch oft wahllos zusammengeklaubt, ohne Sound, ohne Duktus. Hier und da eine witzige Wendung.

Erzählerisch bedient sich Buwalda vor allem eines recht langatmigen Berichts der Vorgeschichte, mal personal, mal auktorial, zuweilen in ein und derselben Szene. Es geht um die im niederländischen Enschede beheimatete Familie Sigerius, deren Vater Siem in fortgeschrittenem Alter noch einmal mit den Härten des Lebens konfrontiert wird: einerseits erfolgreicher Mathematikprofessor und Judoka, andererseits Vater eines im Leben gescheiterten Kriminellen. Einerseits Rektor und Wissenschaftsminister, andererseits Stiefvater einer mit Internetpornographie unlauteres Geld verdienenden Geschäftsfrau. Hier und da noch eine Parallelhandlung und im Ganzen angelehnt an Roths „Amerikanisches Idyll“, wird dies alles in detaillierter Rückschau geschildert, bevor es schließlich zum großen Knall kommt.

af_buwalda_am_tisch_mitbonitaavenueDie erzählerischen Details ermöglichen dem Leser eine größere Nähe zum vielversprechenden Geschehen; Atmosphäre jedoch kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Dialoge bemühen sich – im Ganzen erfolgreich – darum, die Gründe und die charakterlichen Eigenarten der Figuren zu zeigen, anstatt sie nur zu behaupten. Einen je eigenen Ton erhalten die Figuren allerdings nicht. Enttäuschend blass bleibt vor allem Siems Tochter Joni: Ihre Motive sind kaum nachvollziehbar, weswegen auch ihr Ende den Leser weniger ergreift als möglich, ja nötig gewesen wäre. Die Situierung der Romanhandlung um die Explosion der Feuerwerksfabrik in Enschede, mit der das Geschehen eben explosionsartig seinen Lauf nimmt – eine gelungene, wenn auch nicht allzu subtile Allegorie auf die inneren Verwerfungen der Familienmitglieder.

Das ist ein schönes Sujet, der Untergang einer Familie, was immer das heißen mag. Er sichert dem Werk einen Platz in der viel beachteten Kategorie „Familienroman“; Leo Tolstoi, Thomas Mann, Philip Roth, Jonathan Franzen blicken uns bei der Lektüre über die Schulter. Doch bei „Bonita Avenue“ scheint eine solche Einordnung kaum sinnvoll. Hier machen Figuren, die dem Leser seltsam fremd bleiben, ein recht tragisches Schicksal durch, zufällig sind diese irgendwie miteinander verwandt und schon spricht man vom Familienroman. Dabei bietet der Erzähler kaum Momente, in denen eine familiäre Nähe, ein seelisches Verbundensein – Voraussetzung für nachvollziehbare Tragik – zu spüren wäre. Im Grunde handelt es sich dann schon eher um einen Familienroman, dem die Familie abhanden gekommen ist. Wenn diese Geschichte dann noch tödlich und im Wahnsinn endet, spricht man gerne von der Dechiffrierung oder eben der Zerstörung des Genres, ja, der Familie überhaupt, und zeigt sich zufrieden, dass ein zeitgenössischer Autor der Gesellschaft einmal den Spiegel vorgehalten hat.

Aber mehr als Versatzstücke, klischeehaft zusammengestellt und am Ende kaum mehr erzählerisch zusammengehalten, findet man hier nicht. Als „desillusionierend“ wurde der Roman beschrieben – welche Illusionen über die moderne Familie kann sich der Leser denn bislang noch gemacht haben? Die Familie als dysfunktionales Konstrukt, dem seine Selbstüberwindung immanent ist – wen will man damit noch hinterm Ofen hervorlocken? Die Familie als Hölle – lässt sich in dieser Richtung heute noch, nach Tolstoi, Ibsen, Strindberg, Ingmar Bergman usw., irgendein Erkenntnisgewinn über unsere Gesellschaft erlangen? Auf die Weise, wie sie in „Bonita Avenue“ daher kommt, sicher nicht. Denn mit der Gesellschaft hat das alles nicht viel zu tun, hierin ist Christoph Bartmanns Rezension in der SZ zuzustimmen. Zu vereinzelt stehen die Figuren da, zu unglaubwürdig ihre Psyche. Sicher, die Familie Sigerius ist eine Familie, die den sozialhistorischen Umbruch von patriarchalen Vaterbild zur flacher hierarchisierten Patchwork-Konzeption eher suboptimal bewerkstelligt. Sicher, es geht um das aufkommende Internet mit seinen entgrenzenden Möglichkeiten. Und sicher, es geht um Sex, Gier und Eifersucht und ihre zerstörerische Wirkung auf den Menschen – doch das in einer an Effekthascherei und Überzeichnung kaum zu überbietende Finale zeigt noch einmal, wie kalt uns all das lassen kann, was da in so splatterhaften Farben geschildert wird. Wenn, wie zu befürchten, das Erschrecken an der überdrehten Brutalität der einzige Genuss am vielbeschworenen „Ende der Familie“ ist, den die Leser von „Bonita Avenue“ verspüren, bleibt für den literarischen Wert eines echten Familienromans nicht mehr viel Genuss übrig.