Warum unsere Schüler nicht schreiben können

Diesen Text („This 1897 Text Gives 3 Clues Why Today’s Students Can’t Write„) habe ich im Blog intellectualtakeout.org gefunden, übersetzt und leicht angepasst.

Originaltext hier.

2015 kündigte die Nation’s Report Card an, dass nur 40% der US-amerikanischen vierten und achten Klassen in Lesen und Mathematik ausreichend versiert sind. Das sind beängstigende Ergebnisse, aber die Zahlen bezüglich des Schreibens sind noch beängstigender: Nur 27% der 8. und 12. Klasse haben ausreichende Kenntnisse erworben.

Warum können unsere Schülerinnen und Schüler so schlecht schreiben?

Mehrere Antworten auf diese Frage dämmerten mir beim Durchlesen eines Textes von Dr. Edwin Lewis aus dem Jahr 1897. Dr. Lewis‘ Buch mit dem Titel „A First Book in Writing English“ wurde für Erstsemester und Schüler empfohlen und an Orten wie der Ann Arbor High School um die Jahrhundertwende verwendet. Heutige Schulen, Schüler und auch Erwachsene verstoßen regelmäßig gegen drei Prinzipien, die Lewis für den Schreibprozess für wesentlich hielt.

1. Sie lesen keine anspruchsvolle Literatur

Wie bereits erwähnt, präsentieren die heutigen Schulen ihren Schülern oft keine große Literaturauswahl, die gute Beispiele für Wortschatz, Satzbau und andere Komponenten des anspruchsvollen Schreibens zeigt. Ein gründliches und anspruchsvolles Leseprogramm ist jedoch einer von Lewis‘ Schlüsseln zum erfolgreichen Schreiben.

Eine der schnellsten Möglichkeiten, gutes Englisch zu lernen, ist das mündliche Lesen. Für denjenigen, der eine Sprache schreibt, ist es daher von großem Nutzen, sie lesen zu lernen. Es ist eine unschätzbare Gewohnheit, jeden Tag ein Stück Prosa laut vorzulesen, mit dem besten Gefühl, das der Leser ihm verleihen kann. Auf keine andere Weise ist es so leicht neue Wörter kennen zu lernen und sich an sie zu erinnern. Auf keine andere Weise kann man den unendlich variierten Rhythmus der Prosa einfangen und sich ein Gefühl dafür aneignen, wie ein guter Satz von Anfang an allmählich ansteigt und dann in einer Kadenz absteigt. Dieses Auf und Ab des Satzes ist nicht nur eine Frage der Stimme, es ist auch eine Frage des Denkens.

Wenn der Student laut Schriftsteller liest, deren Werk natürlich, ungezwungen und originell ist, wird er allmählich seine eigenen Ideen klarer sehen, seine eigenen Gefühle stärker spüren.“

2. Sie überfliegen nur

Das rasante Zeitalter des Internets hat uns alle – Erwachsene und Kinder gleichermaßen – zu „Textüberfliegern“ gemacht. Aber eine solche Praxis verringert das Denken und Verstehen – zwei Aspekte, die für ein gutes Schreiben wesentlich sind.

Um neue Worte und neue Ideen zu gewinnen, muss sich der Schüler zwingen, langsam zu lesen. Darauf gespannt zu erfahren, wie die Geschichte oder das Gedicht endet, ist so mancher Jugendliche es gewohnt, so schnell zu lesen, dass er den besten Teil dessen verpasst, was der Autor zu sagen versucht. Gedanken können nicht so schnell gelesen werden wie Worte. Um zu den Gedanken zu gelangen und die wertvollen Ausdrücke wirklich zu bewahren, muss der Schüler beim Lesen hinterfragen und nachdenken. Jedes Wort muss gründlich verstanden werden; sein genauer Wert im gegebenen Satz muss verstanden werden.“

3. Sie lernen nicht auswendig

„Drill and Kill“ und das Einprägen von Fakten ist verpönt in einer Zeit, in der Kreativität und Gefühle gefördert werden sollen. Aber wird den Kindern durch die Vernachlässigung des Gedächtnisses tatsächlich wertvolles Schreibmaterial entzogen?

Der Gewohnheit des Auswendiglernens ist mancher Mensch nicht nur für hohe Gedanken in Stunden der Einsamkeit verpflichtet, die sein eigenes Denken anregen, sondern auch für die Beherrschung von Sprache. Das Ausmaß, in dem die Sprache der modernen Schriftsteller von einigen wenigen großen Autoren stammt, ist überraschend. Shakespeares Sätze sind ein Teil des Gewebes der heutigen Alltagssprache. Die Sprache der King James-Version der Bibel findet sich in der modernen englischen Prosa und Poesie wieder. Es bildete Stile, die so unterschiedlich waren wie die von Bunyan, Ruskin und Abraham Lincoln. Die meisten Lehrer würden behaupten, dass die Gewohnheit, die Heilige Schrift auswendig zu lernen, für das Englisch eines Schülers von unschätzbarem Wert ist.

Würden wir die Schreibfähigkeit unserer Schüler erhöhen, wenn diese drei Elemente im Klassenzimmer wiederhergestellt würden?

Erleuchtetes Schreiben – „Zen in der Kunst des Schreibens“ von Ray Bradbury

Ein Mönch fragte Chao-chou: „Wie soll ich die vierundzwanzig Stunden nutzen?“
Chao-Chou erwiderte: „Du selbst wirst von den vierundzwanzig Stunden genutzt. Ich hingegen nutze die vierundzwanzig Stunden.“

Wie sollen wir, die wir uns in der Kunst des Schreibens zu vervollkommnen suchen, die vierundzwanzig Stunden nutzen, Meister Ray?

„Lernt von den Eidechsen“, antwortete der Meister. „In der Schnelligkeit liegt die Wahrheit. Je schneller Sie einen Wortschwall hervorbringen, je geschwinder Sie schreiben, um so aufrichtiger sind Sie. Zögern macht Nachdenken möglich. Mit Verzögerung kommt der Wunsch nach Stil und Form, – statt sich auf die Wahrheit zu stürzen, die es doch einzig wert ist, Vögel zu leimen oder Tiger zu fangen.“

„Zen in der Kunst des Schreibens“ – was für ein Titel. Hat er irgendetwas zu tun mit dem Inhalt dieses kleinen Buches, das elf Aufsätze des Schriftstellers Ray Bradbury versammelt, von denen sich nur der letzte ausdrücklich mit fernöstlicher Wahrheit befasst?

„Vielleicht. Vielleicht nicht“, sagte der Roshi und ging.

Was hat denn nicht mit Zen zu tun? könnten wir auch fragen. Was ist denn nicht Zen? Die Ausführungen des Autors von „Fahrenheit 451“ sind es ganz bestimmt, auch dort, wo sie sich seitenlang ausschließlich mit den eigenen Schreib- und Veröffentlichungserfolgen beschäftigen. Die Chuzpe, die Bradbury in der Erinnerung an seine Karriere an den Tag legt, könnte einen verunsicherten Schüler hier und da entmutigen. In den Essays, die innerhalb von dreißig Jahren entstanden sind und keiner ersichtlichen Anordnung folgen, sprechen zu großen Teilen vor allem von einem – vom Werdegang des Autors selbst: Wie es zu den „Mars-Chroniken“ gekommen ist, wie Bradbury die Idee für „Geh nicht zu Fuß durch stille Straßen“ auf seinen nächtlichen Stadtspaziergängen gefunden hat, wie er seine ersten Geschichten an Zeitschriften geschickt und seine ersten Absagen erhalten hat, wie er vom ersten Geld für eine angenommene Story nach Mexico gefahren ist. Und vieles andere mehr.

Dabei sind diese so selbstsicher vor dem Leser ausgebreiteten Erzählungen gar nicht einmal ermüdend oder gar prahlerisch. Denn Bradbury hat die Fähigkeit, die Leidenschaft, mit der er sich ans Schreiben setzt, dem Leser auch zu vermitteln. Als junger Mann machte er es sich zur Gewohnheit, täglich tausend Wörter zu schreiben. Sein Wochenplan sah so aus: „Montagmorgen entwarf ich die erste Fassung einer neuen Kurzgeschichte. Dienstags schrieb ich die zweite Fassung. Mittwochs eine dritte. Donnerstags eine vierte. Freitag die fünfte. Und am Samstagmittag schichte ich die sechste und letzte Fassung nach New York. Sonntags? Da dachte ich über all die verrückten Ideen nach, die um meine Aufmerksamkeit bettelten und zuversichtlich waren, dass ich sie schließlich doch hinauslassen würde.“

Das Motto, das Bradbury seinen Schreibschülern unablässig ins Ohr schreit, lautet: „Wenn Sie ohne Leidenschaft, ohne Gusto, ohne Liebe, ohne Freude schreiben, sind Sie kein echter Schriftsteller.“ Er warnt davor, sich zu sehr mit dem auseinander zu setzen, was von einem erwartet wird: „Es bedeutet, dass Sie zu sehr damit beschäftigt sind, ein Auge auf den kommerziellen Markt zu werfen oder ein Ohr für erlesene Zirkel der Avantgarde zu haben, dass Sie nicht wirklich Sie selbst sind.“

In diesen kurzweilig zu lesenden Essays über das Schreiben an sich und Bradburys Schreiben im Besonderen begegnet uns ein Mensch, der alles, was er tut, mit Leidenschaft tut. Dies kommt nicht als Plattitüde daher, sondern wirkt überzeugend. Man bekommt ein Gefühl dafür vermittelt, was es heißt, sein Schreiben zum Lebensmittelpunkt zu machen. Dabei spart Bradbury auch nicht mit hilfreichen Tipps: „Ich habe versucht, meinen schreibenden Freunden zwei Künste beizubringen: die eine ist, wirklich etwas fertig zu stellen. Und die zweite, sich beizubringen, wie man es kürzt, ohne es zu vernichten oder in irgendeiner Hinsicht zu verletzen.“

Ray Bradbury bietet sich in diesem Buch recht unbescheiden als Vorbild für Schreibanfänger an. Das geschieht selbstbewusst, aber mit liebevollem Augenzwinkern. Und irgendwo hat er ja Recht, ungleich mehr als viele andere, die sich mit Ratschlägen zum Kreativen Schreiben hervortun: Er ist schließlich der erfolgreiche Autor, der den Durchbruch geschafft hat, der Werke wie „Fahrenheit 451“, „Der illustrierte Mann“ oder „Die Mars-Chroniken“ geschrieben hat – Werke, die immer noch gelesen werden, in Literaturseminaren und anderswo.

„Seien Sie einfach pragmatisch“, rät er abschließend. „Wenn Sie mit Ihrer Arbeitsweise nicht zufrieden sind, dann versuchen Sie es mit meiner.“

Ist das schon Zen, Meister? Was sich zumindest nach Zen anhört, ist die Grundeinstellung, die Bradbury seinen Lesern für die Herangehensweise an einen Text nahe legt: „Denn wenn man arbeitet, entspannt man sich schließlich und hört auf zu denken. Dann entsteht wahre Schöpfung – und nur dann!“ Er vergleicht den Schreibenden mit einem Bergsteiger oder Athleten, die durch konzentriertes Wiederholen, durch unermüdliches Üben zu Meisterschaft gelangen. Letztendlich, so Bradburys jedem Geniegedanken fernes Diktum, entsteht nur aus Quantität auch Qualität – was nichts anderes besagt als: „Übung macht den Meister“.

Auch wenn man die Einstellung des Autors zu Stil und Form nicht teilt, können seine Anweisungen doch unter Umständen zur Erleuchtung führen. Wenn man sich in den Geist dieser Texte, in ihren komischen Ernst und ihre fröhliche Leidenschaft vertieft hat, wenn es einem dann gelingt, zur Seite zu treten und die eigenen Ziele zu vergessen, wenn man also mit dem Wahren Schreiben beginnt, dann hat Bradburys Buch schon viel erreicht. Denn, wie Chao-chou sagt: „Bereit sein ist alles.“

Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens.
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter.
Autorenhaus-Verlag, Berlin 2003.
176 Seiten, 12,80 €.
ISBN 3-932909-70-4