Geschützt: Die Film Anneliese: 300 – Rise of an Empire

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Der junge Marx oder Was man sieht und was man nicht sieht

Eine kurze Kritik

Wer ist der Hauptdarsteller dieses Films? August Diehl, weil er den Titelhelden spielt? Stefan Konarske, weil er den sympathischeren Engels verkörpert? Vicky Krieps, weil sie der Misere der Frau um 1848 ein Gesicht gibt? Oder doch Peter Benedict, weil er als Engels‘ ausbeuterischer Kapitalistenvater den diabolischen Antagonisten verkörpert, der den Kampf für die Arbeiterklasse erst anstößt? Oder ist gar gleich die ganze Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt der Held eines Films, der doch nicht nur die Anfechtungen und Nöte eines idealistischen Materialisten zeigen will?

Es gibt eine Szene in der Mitte des Films, da taucht der heimliche Hauptfigur einmal auf. Es ist das Leinentuch, in das Marx‘ neugeborene Tochter gewickelt ist, bevor sie in die Arme ihres Vaters gelegt wird. Dies ist nämlich die einzige Szene, wo das Produkt der Arbeit tatsächlich „zum Tragen kommt“. Ansonsten sieht man von dem, was Kapitalistenschwein Engels sen. herstellt, wenig bis nichts. Die Szenen, die in der Leinenfabrik spielen, zeigen nur die ausgebeutelten Arbeiterinnen und die gesichtslos-kalten Maschinen. Das „was hinten raus kommt“, bleibt unsichtbar.

Es ist das Tuch, das sich Marx und der vierte Stand nun schneller und billiger leisten kann, weil der Räuberbaron es maschinell herstellt. Es ist die saubere Decke, in die das Baby gewickelt wird – kein filziger Lumpen mehr. Es ist der Gehrock, den sich nun auch der Revolutionär leisten kann, wenn er wie Proudhon vor den Arbeitern steht und in Reden die Abschaffung des Privateigentums fordert. „Eigentum ist Diebstahl“ sagt er, doch seinen Gehrock darf er anbehalten …

Das Tuch

Es ist dieses Tuch, das – in Massen produziert – den Massen den Alltag bequemer und leichter macht. Es ist Engels‘ Kapital, das das Leben der Arbeiterklasse angenehmer macht. Angenehmer zumindest, als die Lektüre des „Kapitals“ es vermag.

Daher ist es auch fast unsichtbar. Nach Frédéric Bastiat erkennt man einen guten Sozialphilosophen daran, dass er unterscheiden kann zwischen dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht. Man sieht das Elend der Arbeiterklasse. Nicht jedoch sieht man, wie die Produkte des Kapitalisten Wohlstand produzieren. Man sieht die Bettler auf der Straße. Man sieht jedoch nicht die bettelnden Arbeiter, weil es sie nicht gibt. Weil die nämlich von Engels sen. von der Straße geholt wurden und nicht mehr betteln müssen, wie es die Natur eigentlich für Sie vorgesehen hatte.

Man sieht das Leinentuch nicht, man sieht den Ursprung des Wohlstands nicht, man sieht die Quelle des Geldes nicht, das Marx sein Schreiben finanzierte.

Ein kleines idyll

Bis auf eine Szene: Jenny Marx wird von Gläubigern belagert, die die Begleichung ihrer Schulden fordern. Auftritt Karl, der sie mit jovialer Geste ausbezahlt. Kuz darauf hält er der glücklichen Ehefrau einen Hummer vor die Nase, und die nächste Szene zeigt, wie die Familie im Garten den gekochten Hummer isst (Bezüge zu Sara Wagenknecht sind rein zufällig …).

Ein Idyll. Bezahlt von Engels‘ Vater, dem Ausbeuter der Arbeiterklasse.

Die Philosophie bei „The Walking Dead“

Ich hatte schon in der dritten Staffel von The Walking Dead gedacht, dass das eine schöne Einführung in die Staatsphilosophie ist … na ja, eher ein kleiner Einblick in die Geschichte der Entstehung von Staaten. Der Gouvernor war nämlich so eine psychopathisch-verführerische Erscheinung, dass die Menschen ihm vertraut haben, sich um die Belange der Gemeinde zu kümmern.

thegovernorIn der 6. Staffel haben wir jetzt einen neuen Schurken kennen gelernt: Negan, soziopathisch und verführerisch zugleich. Ein Kriegsherr, dessen Skrupellosigkeit es ihm erlaubt, die Kontrolle über eine chaotische Welt von Zombies und ängstlichen Bürgern an sich zu reißen. Er tötet Figuren, die der Zuschauer über viele Staffeln begleitet hat, plünderte Gemeinden und setzt physische und emotionale Unterwerfung als Mittel zur Erhaltung seines wachsenden Imperiums ein.

Also für eine staatsphilosophische Theorie bietet uns die Figur Negans drei besondere Erkenntnisse:

Lektion 1: Wir sind alle Negan

Ein besonderer Vorteil von Negans Gruppe ist, dass er alle seine Bürger davon überzeugt hat, dass sie er sind. Und mit überzeugt, meine ich indoktriniert. In mehreren Episoden sehen wir Negans Jünger fast religiöse Weise versichern, dass sie Negan sind. Diese Psychotaktik hat zwei Vorteile: Erstens: Sie schützt den Führer schützen, nämlich vor Verantwortungsübernahme. Zweitens schafft sie Gruppenidentität. ein Gefühl der Verbundenheit, der Einheit. Diese Sichtweise ist typisch für den Kollektivismus, vor allem für den Zwangskollektivismus, dessen sich Staaten bedienen können. Die einzelnen Bürger geben ihren moralischen Individualismus auf, im Austausch für eine starke gemeinsame Identität durch Herrschaft. Damit geben sie natürlich auch ihre individuelle Verantwortung auf und übergeben sie dem Kollektiv.

Anders als in einem Verein, einem Unternehmen oder eine losen Gruppe, wo die Menschen nur zum Zwecke der Zusammenarbeit zusammenkommen, als separate Einheiten mit einem gemeinsamen Interesse, benutzen Staaten den Kollektivismus, um eine starke Hierarchie legitimieren. Negan bietet Befreiung an und erwartet nichts von absoluter Übereinstimmung, damit es keine Konsequenzen gibt. Das führt uns zur nächsten Lektion …

Lektion 2: Die Menschen brauchen Gesetze

Eine Gesellschaft kann ohne Gesetze nicht bestehen. Regeln sind wichtig. Ohne Regeln brächte hier alles zusammen. Regeln sind Leitlinien, die unser Verhalten steuern, damit es mit dem der Mitmenschen in Einklang zu bringen. Darüber hinaus werden produktivsten Ergebnisse für die Gesellschaft oder den Markt nur erzielt, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten. Aber Regeln können von Menschen durch gemeinsame Übereinkunft geschaffen werden: in Familien, in Freundschaften, in Unternehmen. Ganz dezentral

Für Negan aber sind nicht alle Regeln gleich. Der einzelne Mensch kann nicht einfach anfangen, eigene Regeln aufzustellen und sie mit anderen Einzelnen abzusprechen. Wo kämen wir hin, wenn jeder nach Gutdünken, nach seinen privaten moralischen Schlussfolgerungen Regeln machen würde? Und die Lebensweise, die er mithilfe dieser Regeln zu schützen gedenkt, seine eigene, ganz individuelle Art zu leben, von der kollektiv vorgesehenen trennt?

Das hieße zu viel Freiheit wagen. Stattdessen ist Negan der Ansicht, dass eine Zentralisierung der Regeln besser ist. Und so hat er einige kollektive Gesetze umgesetzt, die auch heutige Staaten für sinnvoll und notwendig halten.

Strenge Waffengesetze zum Beispiel. Denn Sicherheit ist das oberste Anliegen für Negan ist. Warum also soll jemand Waffen besitzen? Für die Selbstverteidigung? Wo doch die Saviours / die Polizei für Verteidigung sorgt?

Negans setzt seine Beschlagnahme der Waffen ironischerweise durch die Verwendung der gleichen Art von Registrierung durch, derer sich auch Staaten mit strikter Waffenkontrolle bedienen.

Inhaftierung ist zudem besser als Rehabilitation. Wer die Regeln nicht befolgt, den sperrt Negan weg. Solange, bis er wieder ein gesetzestreuer Bürger ist. Und das selbst, wenn das „Verbrechen“ niemand anderen verletzt hat, die Tat also ein opferloses Verbrechen ist, der alle freiwillig zugestimmt haben. Egal: Wenn Präsident Negan etwas für illegal hält, kann Ungehorsam nicht toleriert werden.

Lektion 3: Zahl deine Steuern!

Negan hat also ein Monopol über einen bestimmten Satz von Dienstleistungen. Diese Services werden gleichmäßig auf alle verteilt, und zwar mit freundlicher Empfehlung von – Negan. Alles, was die Menschen im Gegenzug tun müssen, ist, ihm und seiner Armee die Hälfte ihres Eigentums zu geben. In einer Folge der 7. Staffel sagt jemand über Negan: „Wir müssen für ihn produzieren, ob es uns gefällt oder nicht“.

Negan bekämpft damit nicht nur die Zombie-Apokalypse, sondern auch den bösen Kapitalismus. Die Erhebung von 50 % Steuern „auf alles“ gewährleistet eine gleiche und sichere Gesellschaft. Schließlich müssen Kosten für öffentliche Gebäude, für Sicherheit, für Negancare ja bezahlt werden: Negan ist, mit all seinen Fehlern und Mängeln, der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft zahlen.

Wem es nicht passt: Bitte, die Zombies da draußen (in der Staatsphilosophie die Menschen im Naturzustand, die einander Wölfe sind) warten schon. Aber so weit kommt es gar nicht. Wer seine Steuern nicht zahlt, wird von Negan bestraft. Mit einer Geldstrafe, einem gemeinnützigen Dienst an der Negan-Gemeinschaft oder einigen Monaten neben Daryl in einer Gefängniszelle.

Nun könnte man denken, dass das vollkommen ungerecht und unmoralisch ist. Dass Negan ein Psychopath, seine Forderungen Raub und seine Herrschaft eine Willkürherrschaft ist.

Doch nicht so voreilig! Negan ist alternativlos. Denn ohne Negan, wer baut denn dann die Straßen? Wer sorgt für das Gemeinwohl? Darüber hinaus: Wer Negan loswerden will, weil er eine Besteuerung von 50 % für unmoralisch hält, der muss sich vergegenwärtigen, dass es wahrscheinlich ist, dass das entstandene Machtvakuum von noch böseren, noch zentralistischeren Herrschern gefüllt werden wird, die noch ausbeuterischer und brutaler sein werden als Negan. Vielleicht ist Negan ja das geringere Übel?

 

 

„Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf

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Dieser Film ist ein Zwitterwesen. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Zu ambitioniert für ein B-Movie, zu naiv für ernstzunehmendes Autorenkino. Man kann Regisseur Dominik Graf, mehrfacher Grimme-Preisträger, momentan nicht gut kritisieren, und wenn man es tut, sieht es nach Querulantentum aus Prinzip aus. Und tatsächlich braucht es nach „Fack ju, Göhte“ anscheinend nur ein das deutsche Bildungserbe nicht mit Füßen tretendes Werk, um es als Segen für das Publikumbezeichnen zu können.
Aber Grafs neuester Film, eine Art freischwebendes Biopic über Friedrich Schiller und seine Beziehung zu den beiden Schwestern von Lengefeld, deren jüngere er ehelicht, während er mit der älteren eine Liebesbeziehung unterhält, die in die Geburt eines unehelichen Sohnes mündet – Grafs Film ist eine eigenartige Mischung aus gut gemeint und nicht gekonnt verfilmter Literaturgeschichte auf der einen Seite und prächtigem Kostüm- und Historienfilm auf der anderen.
Die Misere beginnt und endet mit der Erzählerstimme aus dem Off, die gleich zu Beginn so penetrant und neunmalklug, als spräche der Béla Réthy des Kunstfilms, jegliches ästhetische Einfühlen in Figuren, Bilder, Dialoge und Plot zu verhindern weiß, dass man ab der Mitte des Films, wenn dem Kommentator die Ideen ausgegangen zu sein scheinen, bei jeder etwas ruhigeren Szene seine Hände in die Kinolehne verkrampft findet vor Angst, „die Stimme“ möchte noch einmal ihre Lebensweisheiten zu Gehör bringen wollen. Und das lässt sie sich, wenn auch in ertragbarerer Frequenz, bis zum Ende nicht nehmen, sodass man endlich Robert McKees in „Adaption“ zitiertes Gebot für Drehbuchschreiber versteht: Auf Voice Over verzichten!
That’s flaccid, sloppy writing. Any idiot can write a voice-over narration to explain the thoughts of a character.
Wer nicht mit Bildern und den Taten und Worten seiner Figuren nicht zu transportieren vermag, worum es ihm geht, der kann diese Aufgabe auch und erst recht nicht einem allwissenden Erzähler überlassen, der seinen Zuhörern die wahre Lesart erklärt.
Es ist die Stimme keines Geringeren als des Regisseurs selber, eine warme und charaktervolle Stimme, von der man sich gern mal den „Stechlin“ vornuscheln ließe. Und da ist wohl auch die Wurzel des Problems zu suchen: Es ist nicht klar, welcher Teufel Graf geritten haben mag, die Macht seiner so wundervoll ausgewählten Bilder durch diesen „Kunstgriff“ derart zu schwächen, dass ungetrübter ästhetischer Genuss nicht mehr möglich ist. Aber es ist klar, dass der Film eher als Bewerbungsvideo für die Filmschule daherkommt – im besten Fall auch als ein Erklärvideo wie beim Schiedsrichterlehrgang.
Ach, gäbe es doch schon die Möglichkeit, die Kommentarfunktion per Tastendruck zu pausieren und ohne den geschwätzigen Märchenonkel auszukommen, der hier die Aufgabe hat, Zeitsprünge zu füllen, da dem Zuschauer die Funktion einer Szene erklärt, dort – Tiefpunkt des Films – uns über das Wesen der Liebe aufklärt – und schließlich im Proseminarton über die Rezeptionsgeschichte doziert.
Geschwätzig ist überhaupt das Stichwort dieses Films, denn nicht nur der Erzähler, auch die Dialoge selber und leider auch die Bilder schwätzen den Zuschauer während der 138 Minuten voll, dass man sich fragt, ob das Drehbuch von zwei verschiedenen Menschen geschrieben wurde.
Alles muss zwei und drei Mal gesagt werden, damit es der Zuschauer auch versteht. Seelische Konflikte lieber doppelt begründen und zur Erinnerung noch einmal eine zweisekündige Rückblende, falls jemand es vergessen hat. Carolines und Charlottes Mutter plaudert zu Beginn darüber, dass sie ihrer Tochter gesagt habe, wenn die Familie nur noch ein Service besitze, dann betrachte sie sich als arm. Am Schluss reicht es dann natürlich nicht, die Familie mit nur einem Service in Jena ankommen zu lassen, es reicht nicht mal, Frau von Lengefeld dies einmal erwähnen zu lassen, schließlich sind schon zwei Stunden vergangen! Die arme Mutter muss alles noch einmal wiederholen und das so geschickt vorbereitete Motiv zerdeppern wie die Teller und Tassen, die schließlich von ihren Töchtern als „Erregungsrequisite“ (Sven Regener) missbraucht werden. Geschwätzig.
Schöne Motive lässt sich das Drehbuch einfallen, und eine Freude ist es, wie sie in Szene gesetzt werden: der Rheinfall bei Schaffhausen dient als stimmungsvoller Hintergrund für den Schwesternschwur, sich immer alles sagen zu wollen. Die Szenen in Rudolstadt strahlen die Atmosphäre eines noch unbeschwerten Sommers der Liebelei aus. Wenn es doch dabei bleiben könnte – aber die Geschwätzigkeit der Dialoge, die unnatürlich schnelle Schnittfolge, die im weiteren Verlauf den Eigenwert der Bilder zunichte macht und dem Flair eines romantischen Ménage-à-trois-Dramas so entgegenkommt wie ein Streichquartett einem Eminem-Film (wie sich überhaupt der Film bei der Entwicklung seiner Figuren und Konflikte so wenig Zeit und so wenig Rätsel offen lässt, als wären wir bei Michael Bay), die historischen Ungereimtheiten und die lachhaft aufdringlichen, offenbar von einem überambitionierten und unterbezahlten Grafikdesignstudenten im ersten Semester mit Power Point erstellten Einblendungen, und das in einer Schrift, die Comic Sans als Inbegriff von Understatement erscheinen lässt – all das zerstört jegliches Einfühlen in das tragische Sujet (das dem Publikum allerdings herzlich schnuppe bliebe, ginge es nicht um unseren Schiller und wären da nicht die überzeugenden Schauspieler, allen voran Henriette Confurius).
Doch all das ließe sich vielleicht noch verkraften, verlöre der Film nicht so bald schon seinen Fokus, dass man sich fragen würde, ob er je einen hatte – wäre da nicht der Titel. Aber viel eher noch als ein Film über Schillers imaginierte Dreiecksbeziehung scheint es sich um eine Spielfilm-Doku über das zeitgenössische Post-, Druck- und Verlagswesen zu handeln – mit Exkursen zur Auswirkungen der französischen Revolution auf das deutsche Geistesleben im Allgemeinen und Schillers Zahnweh im Besonderen. Ob es aber um das Verhältnis der Schwestern untereinander oder zu Schiller oder dessen Seelenpein in diesem Dilemma oder um die Unmöglichkeit der Liebe gehen soll, bleibt in den Tiefen und Untiefen des Drehbuchs verborgen. Wahrscheinlich gleich um alles zusammen. Aber das sagt einem ja leider auch keine Stimme aus dem Off mehr.

Im Kino mit Peter Handke

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Der Film „Peter Handke. Bin im Wald, kann sein, daß ich mich verspäte“ von Corinna Belz zeigt den Schriftsteller im Jahr 2014. Die neunzig Minuten werden ganz und gar von der Person Handkes getragen, ohne dass der Zuschauer ihm auch nur für einen Moment nah käme – wie könnte es auch anders sein. Rückblicke auf Princeton oder die Publikumsbeschimpfung unterbrechen den Einblick in den Alltag (wenn man das bei Handke so nennen kann) nur selten; Musik wird eher spärlich eingesetzt. Der einzige Rivale für die Rolle der Hauptfigur könnten die Miniaturen sein, die die Kamera einfängt: detailversessen, stimmungsvoll, melancholisch – das Wetter um das Chaviller Haus, die Buchrücken, Handke beim Pilzeschneiden, Handke beim Muschelnlegen …

mv5bmgvkmdu5m2qtzgnmmy00y2q3lwflytmtytgxnwexyje3owm4xkeyxkfqcgdeqxvyndkzntm2odg-_v1_sy1000_cr007071000_al_Das ist auch das Schönste am ganzen Film: die Bedächtigkeit, mit der er sich auf die Aura Handkes einlässt. Dabei ist er fern von jeder Gefahr der Überhöhung. Handke wird hier als zwar kauziger, doch beinahe gewöhnlicher, nicht allzu mürrischer älterer Mann dargestellt, der zwar in jeder Sekunde die Pose des Solitärs einnimmt, wie sie beispielsweise die Erzählung „Nachmittag eines Schriftstellers“ auf jeder Seite atmet. Doch nichts daran scheint im engeren Sinne gestellt – Handkes Einzelgänger-Pose ist in vielen Jahren so eingeübt, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Wenn er spricht, kann man sich teilweise ein Schmunzeln nicht verkneifen. Köstlich die Szene, in der er versucht, einen widerspenstigen Faden in ein Nadelör zu bugsieren – Metapher für alles Mögliche zwar, für die Probleme des Schriftstellers, das richtige Wort zu finden („Ein Schriftsteller ist jemand, dem das Schreiben schwer fällt.“), für Handkes politische Stellungnahmen oder für die Schwierigkeit, als Einzelgänger ein verantwortlicher Vater zu sein.

Diese Ebene wird, mit Auftritten der Töchter Amina und Léocadie, zurückhaltend beleuchtet. Familiäre Konflikte, Konstellationen, Kindheitstrauma – darüber hätte Handke sowieso keine Auskünfte gegeben und so verlässt die Regisseurin dieses Terrain auch wieder, ohne dass der Zuschauer wüsste, ob er aus dem Ganzen etwas Bedeutsames für das literarische Werk ziehen kann.

handke-1Überhaupt bleibt unklar, was das Ziel dieses Biopics sein soll – es ist keine Auseinandersetzung, weder mit der Person, noch mit seinem Werk, noch mit seiner Wirkung. Das tut dem Film im Grund genommen gut – er erschöpft sich im Einfangen von Impressionen. Hier liegt Handke auf dem Sofa, da geht er durch den Garten, dort spricht er mit seiner Tochter. Weltbewegendes etwa im poetologischen Sinne darf man hier nicht erwarten.

Zwischen banal und bedenkenswert freilich pendeln seine ein wenig abgerungen klingenden Aphorismen zum Schreiben und zum Leben als Schreibender:

„Eine wirkliche Erfindung ist etwas ganz und gar Außergewöhnliches.“

„Phantasie ist das Erwärmen des Vorhandenen.“

„Ich spüre nie so sehr, was Leben ist, mit mir und mit andren, wie wenn ich schreibe.“

„Schreiben ist ein Tabubruch. Das darf man nicht. Irgend­etwas ist in einem, das einem sagt, dass man nicht schreiben darf.“

Ansonsten aber hält sich Handke mit Weisheiten zurück und die Fragestellerin (selber nie im Bild), auf die er liebevoll-grantig reagiert, insistiert nur selten. Auf diesem Pfad kommen wir dem Handke’schen Werk nicht auf die Schliche. Auch andere Beschäftigungen oder Stellungnahmen – warum er gerne spazieren geht, Statements zur Kunst, zu Filmen, zur Literatur – sind so spärlich und im Ganzen unspektakulär, dass sich daraus kaum Erhellendes gewinnen lässt. Musik scheint in seinem Leben keine Rolle zu spielen, auch Eine Flaubert-Referenz hier, ein Satz über Michelangelo Antonioni da … das war’s dann auch schon. Es hat den Eindruck, dass Handke, eine Verlängerung der Linie Stifter – Heidegger, lieber Bauer geworden wäre. Die körperliche Arbeit, das Draußensein, das Werk der eigenen Hände: wenn man nach dem Film ginge, sieht es so aus, als wäre Handke stolz darauf, wenn es vor allem das wäre, was er zurücklässt. Der Hauch des Vergänglichen, der alles überzieht, gibt diesem Einblick in das Leben des Schriftstellers das Überpersönliche, das ihn erst sehenswert macht.

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Wir müssen uns Peter Handke als Nähenden vorstellen

Im Grunde führt Handke, wie der Film ihn porträtiert, eine recht gewöhnliche Existenz. Seine Verweigerung technischer Neuerungen ist nichts Ideologisches, eher nur eine Gewohnheit. Sein zurückgezogenes Leben unterscheidet ihn kaum von vielen anderen Käuzen – bloß, dass wir diese nicht im Kino sehen.

Der Provokateur, der Störenfried, sogar der Menschenfeind scheinen in ihm abgestorben zu sein; man sieht ihn noch als ferne Erinnerung im hier und da eingestreuten Archivmaterial. Wäre er nicht der berühmte Schriftsteller – was würde einen Film wie diesen rechtfertigen?

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Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

Deutschland 2016 · 89 min. · FSK: ab 0
Regie: Corinna Belz
Drehbuch: Corinna Belz
Kamera: Nina Wesemann, Axel Schneppat, Piotr Rosolowski
Schnitt: Stephan Krumbiegel

Die Utopie des dionysischen Lebens – „Hangover“ (I und II)

2_-rubens-two-satyrsDer Reiz von „Hangover“ besteht neben aller Absurdität der Witze und Situationen vor allem darin, dass der Film mit der Suche seiner Helden nach Abenteuer in Las Vegas einen aufschlussreichen Blick auf unsere Wertungen und Haltungen gegenüber Kultur, Zivilisation und Gesellschaft eröffnet.

Das Wesen all dieses Zivilisatorischen, wie es dem Bereich des Natürlichen ideell entgegengesetzt ist, offenbart sich in „Hangover“ in den kleinen Lebensausschnitten aus Hochzeitsvorbereitungen, Familienleben, Beziehungszwist, der Öde der Arbeitsverhältnisse – es ist das der Normalität und Konventionalität, zu der nur Alans Anomalien einen spannungsreichen Gegensatz bilden. In diese Verhältnisse finden sich die Protagonisten von Beginn an eingebunden, sie erscheinen gleichsam als Sinn eines sozial konformen Lebens, zu dem man sich affirmativ verhält, ohne dass man sich erinnern könnte, wie man da hineingeraten wäre.
Aber als Verlockung und Verheißung winkt von Beginn an ebenfalls „das Andere der Gesellschaft“, das den Konventionen entgegengesetzte Prinzip, verortet in der US-amerikanischen Version der „Hure Babylon“: dem Glücksspielparadies Las Vegas. Dieser Moloch ist Wirklichkeit und doch Utopie, ein Nicht-Ort, Sodom und Gomorrha in der nevadischen Wüste; seine Gestalten  sind mythisch und doch bis zur Handgreiflichkeit physisch real.  Die Reise der Männer, die sich anfangs in einem Zwischenzustand befinden zwischen den Erfordernissen des Alltags und der Sehnsucht nach Vergnügen, Bewährung und Befriedigung – ihre Reise konfiguriert eine archaische Situation: den befristeten Austritt aus dem gesellschaftlich Akzeptierten in eine andere Welt, deren Besonderheit durch das Fehlen jeglicher Regeln gekennzeichnet ist. (Selbst die Polizei, Hüter des Gesetzes, interpretiert ihre Regeln in Las Vegas höchst freisinnig und eigenwillig.)
Dieser Ausbruch aus der Zivilisation, hier zeitlich vor die vermeintlich ewige Bindung an das Regelhafte (die monogame Ehe) gesetzt, soll noch einmal gewährleisten, dass sich der Mann als solcher fühlen und von anderen erlebt werden kann. Die Erinnerung an derartige dionysische Momente der Ekstase soll später in der verwalteten und verregelten Welt des appollinisch gemäßigten Alltags als Trost und als Schutzmittel gegen die gesellschaftlich geforderte Triebunterdrückung und Langeweile dienen.
Latent zum Ausdruck kommt dabei die Ansicht, dass der gesellschaftliche Mensch zu seinem eigentlichen Wesen nur noch kommen kann, wenn er durch den Gebrauch von Alkohol und Drogen jegliche Hemmung abgelegt hat. (Noch latenter behauptet der Film dabei, dass es sich bei dieser Art Mensch nur um Männer handeln kann. Das enthemmte Handeln ist entsprechend männlich konnotiert: Gefahr, Mutprobe, Männerfreundschaft, Aggression, Autoaggression, Sex.) Der erinnernde Nachvollzug dieser Enthemmung stellt sich dem Zuschauer als großes befreiendes Fest dar, in dem auf Konsequenzen des Tuns, Verantwortung für das eigenen Handeln, Gewissenhaftigkeit und Kohärenz mit allgemein anerkannten Wertvorstellungen kein Wert mehr gelegt wird. Die Feier des unmittelbaren Moments, des Körpers und seiner Bedürfnisse steht im Vordergrund, seine wiederkehrenden Attribute sind Tiger, Babys, Prosituierte, Waffen, Autos, Mike Tyson.
Am Ende steht jedoch die Rückkehr in die Normalität des Alltags, am Ende findet entgegen allen Widrigkeiten die Trauung des wiedergefundenen Doug mit seiner Verlobten Tracy statt, am Ende finden die Protagonisten wieder zurück in ihre Beziehungen – die Hochzeitsgesellschaft als Sinnbild der  öffentlich bestätigten Rückbindung des Mannes in Verpflichtung und Verantwortung. Die Zivilisation geht zwar in ihren Ansprüchen an den Mann so unmenschlich vor, dass er sich befristeten Urlaub nicht verkneifen kann, um durchzuhalten (dass er sich sogar gesellschaftlich akzeptierte Räume des gesellschaftlich Nicht-Akzeptierten installiert – „what happens in Las Vegas, stays in Las Vegas“), doch nach allem, was passiert ist, bleibt sie, die Zivilisation, die Grundlage für das menschliche Leben, weil wir es uns anders nicht vorstellen können und wollen als gesellschaftlich, d. h. hierarchisch geregelt.
Eine Kultur definiert sich für Foucault erst über das Zurückweisen von außerhalb Liegendem. Der Mensch (hier: der Mann) sehnt sich offenbar stets, mehr oder weniger bewusst, nach diesem außerhalb Liegendem, nach einem Ausbruch aus den Normen der alles in Zwecke und Mittel kategorisierenden Zivilisation. Als Antwort darauf hat sich die Zivilisation eines dialektischen Kniffes bedient und Orte und Zeiten eingerichtet, die dem „alten Adam“ einen Ausbruch, einen Urlaub von Form und Maß gewähren, dem Animalischen und Kindlichen Erlaubnis zur befristeten Machtübernahme erteilen. (In unseren von Gesundheitswahn und political correctness faszinierten Zeiten sind es allerdings immer häufiger Filme, die uns Abstinentlern durch Szenen der Ekstase – so äußerst plastisch in Project X, aber auch in den Partyszenen von The Great Gatsby, stellvertretend diesen Urlaub nacherleben lassen – alles andere wäre zu gefährlich und unverantwortlich.)
Anders, so die Pointe, kann Zivilisation nicht gelebt werden, da das Unbehagen in ihr sonst zu groß würde. Am Ende jedoch gewinnt die Kultur wieder die Überhand, der Mann kehrt zurück in die Gesellschaft und trägt zwischen Stolz und Scham schwankend seine Narben in Form von verlorenen Zähnen, Sonnenbränden oder Tattoos zur Schau. Alles bleibt jedoch beim Alten, so die Logik des sozial sanktionierten Ausbruchs – die Logik jedes Junggesellenabends. Es bleibt  als Residuum am Schluss, in der Kärglichkeit von fotografischen Beweisen, nur noch die in kurz aufflackernde Bestätigung, einmal richtig gelebt zu haben, bevor alles zu Ende ist.
Gleichwohl scheint im Film hier und da die Hoffnung auf eine Veränderung des Alltäglichen durch den Einbruch des Dionysischen auf, beispielsweise als der unterm Pantoffel stehende Stu der überzogenen Ansprüche, die seine Frau an ihn stellt, gewahr wird und er sich gegen sie auflehnt. In seiner zwischenzeitlichen Verheiratung mit der Stripperin Jade, einer durch ihren Beruf am Rande des gesellschaftlich Normalen situierten Figur, wird eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen in dem ambivalenten Sinn des Begriffs „Utopie“ deutlich: sie ist gleichzeitig möglich – sie scheint auf am Horizont des Denkbaren – wie unmöglich – sie wird aufgrund der Unvorstellbarkeit, eine solche Beziehung in den Alltag zu überführen, verworfen.

300 – Die Gefahr des Eigensinns

Wer die Freiheit gewinnen will, muss die Freiheit aufgeben.

Wer die Freiheit gewinnen will, muss die Freiheit aufgeben

 

In dem Film 300 – Rise of an Empire gibt es eine Szene, die das Paradox des modernen Verhältnisses zur Freiheit veranschaulicht. Im Krieg gegen den Terror finsterer Turbanträger versammelt Themistokles seine griechischen Heldenkrieger um sich, um sie auf die bevorstehende Schlacht einzustimmen. Die Grundstimmung seiner Rede ist die eines nachdenklichen In-sich-Gehens – ein retardierendes Moment vor der letzten halben Stunde hemmungsloser Blutrauschästhetik.

Themistokles, seelisch angeschlagen durch die vergangene Niederlage, stellt es seinen Mannen frei, weiterhin an seiner Seite zu kämpfen:
Ihr seid freie Männer.
Aber es geht ja nicht etwa um niedere materielle Ziele. Freiheit ist es immerhin, was sie – neben der obligatorischen Demokratie – gegen die Barbaren aus dem Osten, gegen das „Ungeheuer, dessen Schatten sich auf unser Land legt“, verteidigen wollen.
Welche Freiheit Themistokles genau meint, muss nicht näher ausgeführt werden, dieser Begriff ist an sich schon genug Pawlow’sche Klingel, um den Speichelfluss des auf westliche Werte konditionierten Konsumenten und Verbrauchers anzuregen. Diese Freiheit scheint nur auf als Gegenbild zu den unguten Vorstellungen, die wir vage und schemenhaft von den Sitten und Gebräuchen der düsteren Perser serviert bekommen: Die können ihr Leben nicht selbst bestimmen, weil ihr Herrscher ein Diktator ist. Sie dürfen nicht mal wählen gehen! Und ihre Persönlichkeitsentfaltung unterliegt bestimmt großen staatlichen Repressionen, genau so wie ihr Recht zur freien Meinungsäußerung!

Wie zu erwarten war, reagieren die Soldaten des Themistokles mit braver Einmütigkeit. Niemand denkt auch nur im Entferntesten daran, sich dem Kampf um Freiheit und Demokratie zu verweigern. Trotz drohender Todesgefahr kommt es niemandem in den Sinn, nicht für die Gruppe, die Gemeinschaft und das Vaterland zu handeln:
Unsere Wahl ist ein aufrechter Tod.
Die Griechen, schon äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden, reagieren auf das Angebot ihres Heerführers, der Schlacht fernzubleiben, in beeindruckender Konformität: gleichgeordnet, gleichgerichtet, gleichgesinnt.

Es mutet paradox an, dass es dem modernen Bürger nicht freigestellt ist, für seine Freiheit und die seiner Mitbürger zu kämpfen. Es ist vielmehr eine Pflicht, wenn auch keine gesetzlich sanktionierte. Wer frei sein will, muss in Übereinstimmung mit der Gruppe denken und handeln, die seine Freiheit garantiert.

Um die Freiheit zu verteidigen, müssen wir unsere Freiheit freiwillig einschränken. Wer nicht mitmacht – also seine Freiheitsrechte nicht nur theoretisch einfordert, sondern sie aktiv ausübt – ist ein Feind der Freiheit.

Wir sind alle Individuen – der Massenindividualismus

Für den modernen westlichen Menschen besteht seine Freiheit in erster Linie darin, zu kaufen und zu konsumieren, was er will.

Dass wir keine größere politische Freiheit mehr besitzen, die des Begriffs Demokratie würdig wäre, als die Möglichkeit, alle vier Jahre irgendwo ein Kreuz zu machen und Petitionen einzureichen, dass die wirklichen Entscheidungen weder im Sinne noch im Namen der Mehrheit gemacht werden, sondern intransparenten und korruptionsverdächtigen Entscheidungsprozessen unterliegen, damit hat sich der Mensch der westlichen Demokratien weitgehend abgefunden – solange er nur frei und individuell konsumieren kann, wird es schon in Ordnung sein, was „die da oben“ so treiben.

Es war ja eh nie anders. Es wird sich eh nichts ändern. Und eine Alternative gibt es ja eh nicht, das hat die Vergangenheit bewiesen.

 

Die Schrecken des „real existierenden Sozialismus“ sind in der Nachbetrachtung in erster Linie die von ökonomischer Austerität – von oben verordnete Entbehrung und Einschränkung, die dazu führe, dass Kreativität und Innovationskraft nicht aufblühen können.

Es ist schon seltsam. Im Westen leben wir in den freiheitlichsten Zeiten seit Menschengedenken, tragen unsere Einzigartigkeit vor uns her wie eine Monstranz, beten die Werte des Individualismus und des freien Wettbewerbs an wie Götzen und gleichen einander in den wirklich wichtigen Punkten doch wie ein Ei dem anderen. Die Unterschiede betonen wir, niemand möchte als Kopie eines anderen gelten.
Aber für die Gemeinsamkeiten unseres Alltags und Handelns sind wir fast blind:
Man geht zur Schule, geht arbeiten, verdient Geld, zahlt Steuern, konsumiert, kauft in Supermärkten und Kaufhäusern, wohnt in einem Haus, hat ein Wochenende und Ferien und bezieht eine Rente im Alter.
Die Frage, warum man das so macht, kommt einem nicht in den Sinn, weil sie sinnlos erscheint: Was soll man denn sonst tun? Dass all diese Gemeinsamkeiten in ihrer Wirkkraft viel mächtiger sind als die Unterschiede, die wir durch Mode, Stil, Berufswahl und Freizeitverhalten an den Tag legen, kommt uns nicht in den Sinn.
War das Wort „Aussteiger“ in früheren Zeiten einmal ein Schimpfwort, dann eine Bezeichnung für heimlich beneidete Lebensform, so existiert es heute kaum noch. Das Ziel sich der Gesellschaft anzupassen, ein funktionierendes Mitglied zu werden, scheint vor allem bei der Masse der Jugendlichen, traditionell Träger von Protest und Rebellion gegen Überkommenes, sakrosankt geworden zu sein.
Zu groß die Ängste, die mit Nonkonformität in dieses prekären Zeiten einhergehen: abgehängt und bis zum Existenzminimum marginalisiert zu werden.
Höchste Anpassung bei höchster Freiheit also. Eine Masse von Individuen – das Brian-Paradox: „Wir sind alle Individuen“, ruft die Menge einstimmig, und wer widerspricht, widerspricht sich selbst.

 

Der Nutzen des Individualismus

Der moderne Mensch leidet an einer geschwächten Persönlichkeit

heißt es in Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Er kritisiert die Instinktlosigkeit des Menschen, der sich selber nicht mehr vertrauen kann. So bleibt ihm als einziges Instrument, mit dem Leben zurecht zu kommen, nur das kümmerliche analytische Denken, auf das er sich auch verlassen muss, wenn das Leben ganz andere Vorgehensweisen fordert. Der Mensch von heute kann

nun nicht mehr, dem ,göttlichen Tiere‘ vertrauend, die Zügel hängen lassen, wenn sein Verstand schwankt und sein Weg durch Wüsten führt.

Aber  wie kann ein Mensch das aushalten? Wie kann ein Mensch überhaupt so ein Leben ohne Selbstbestimmung und Eigenständigkeit führen, ohne völlig verrückt zu werden und an sich selbst zu verzweifeln? Die Lösung könnte doch in der Propagierung von Persönlichkeit liegen und all der Werte, die mit ihr zusammenhängen: eigenständiges Denken, kritische Reflexionsfähigkeit, Ausbildung der Intuition, Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, Authentizität, Entwicklung und freie Entfaltung von Kreativität und Eigensinn. Diese Vorstellungen von einer echten ganzheitlichen Persönlichkeit und den Weg dahin könnte man in dem Begriff zusammenfassen, der seit Jahrhunderten die Diskussion um den Sinn von Kultur und Erziehung prägt: Bildung. Aber wo sehen wir noch wahre Bildung? Wahren Eigensinn, den Hermann Hesse beschwört:

Der Mensch aber, der einmal den Mut zu sich selber gefühlt und die Stimme seines eigenen Schicksals gehört hat, ach, dem ist an Politik nicht das mindeste mehr gelegen, sei sie nun monarchisch oder demokratisch, revolutionär oder konservativ. Ihn kümmert anderes. Sein “Eigensinn” ist wie der tiefe, herrliche, gottgewollte Eigensinn jedes Grashalms auf nichts anderes gerichtet als auf sein eigenes Wachstum. “Egoismus”, wenn man will. Allein dieser Egoismus ist ein ganz und gar anderer als der verrufene des Geldsammlers oder des Machtehrgeizigen.

Dieser Egoismus wäre es auch, der die Krieger des Themisktokles hätte sich besinnen lassen können, statt dem Ruf der Freiheit blind zu folgen. Nietzsche beklagt dieses Paradox:

Während noch nie so volltönend von der „freien Persönlichkeit“ geredet worden ist, sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universal-Menschen.

Die Gefahr des Eigensinns

Warum aber ist das so? Warum gibt es so wenig freie Persönlichkeiten, wenn doch unser Schul- und Bildungssystem, unsere kulturellen Institutionen und überhaupt der ganze Anspruch, der mit den Begriffen Freiheit und Demokratie verbunden ist, die Erreichung und Erhaltung von wahrer Bildung seit Jahrhunderten auf Spruchbändern vor sich herträgt?

Sind das alles nur hohle Phrasen? Ist es eine nützliche Illusion, die dem Konsumenten und Verbraucher eingeimpft wurde, damit er sich nicht ganz so sinnlos fühlt in seinem Massendasein? Damit er sich individuell fühlen kann, ohne es wahrhaft zu sein?

Liegt denn in wahrem Eigensinn eine solche Gefahr für die Gesellschaft? Der kanadische Ökonom John Kenneth Galbraith schreibt dazu:

Es handelt sich in jeder Hinsicht um ein bemerkenswert subtiles Regulativ im Aufbau der Gesellschaft. Es wirkt nicht auf das Individuum, sondern auf die Masse. Jedes Individuum kann aussteigen und entgegen seinem Einfluss handeln. Daher kann niemand behaupten, dass irgendein Individuum zum Kauf irgendeines Produktes gezwungen wird. Jedem, der widerspricht, kann man doch ganz einfach entgegnen: Niemand zwingt dich! Dennoch besteht kaum die Gefahr, dass jemals genug Menschen auf ihre Individualität bestehen und dadurch die Steuerung des Verhaltens der Masse beeinträchtigen.

Eine Mechanik, die in der anfangs angeführten Szene aus 300 treffend bebildert wird. Dass die Soldaten gehen dürfen, ist genau der Trick, der sie da hält, wo sie sein sollen. Dass sie theoretisch frei sind, hält sie zusammen und bindet sie. Massen, die sich nicht individuell fühlen dürfen, fangen früher oder später an zu rebellieren. Sie wollen auch bunte Kleidung tragen wie die Bürger westlicher Demokratien. Sie wollen auch Bananen essen und Rockmusik hören. Andererseits ist eine Gesellschaft von eigensinnigen Individuen eine contradictio in adiecto. Eine Unmöglichkeit … wie soll eine Gesellschaft bestehen bleiben und höheren Zwecken dienen, wenn sie ihre Mitglieder gar nicht darum kümmern, was die anderen sagen und tun?

Eine Gesellschaft aber, deren Mitglieder im Geiste Untertanen bleiben, dabei aber durch uneingeschränkten Konsum, uneingeschränkte Presse und uneingeschränkte Meinungsäußerung das Gefühl von Freiheit, Demokratie und Individualität haben können, zudem noch das Feindbild des armen unfreien Barbaren (wahlweise Russen, Araber, Iraner, Ostdeutschen, Chinesen …) und des Totalitarismus zum Zwecke gemeinschaftsbildenden Gruselns als Fetisch pflegen, hat beste Aussichten auf lange Zeit zu bestehen.

Scheint es doch fast, als wäre es die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, dass nichts aus ihr heraus komme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!, zu verhüten, dass durch sie die Persönlichkeiten ,frei‘ werden, soll heissen wahrhaftig gegen sich, wahrhaftig gegen andere, und zwar in Wort und Tat. – Friedrich Nietzsche