1968 – Untergang des Abendlandes oder notwendige Revolution? Dietz Bering im Gespräch

War 1968 der Beginn des Untergangs des Abendlandes, der eine Ideologie in die Welt setzte, die die Familien zerstört, die Gemeinschaften geschwächt, den Glauben an ewige Werte und die Religion verlacht und die westlichen Kultur verteufelt hat – oder war es eine notwendige Revolution der Denkungsart, die eine Liberalisierung und Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen mit sich gebracht hat, dazu Befreiungsbewegungen der Ausgebeuteten dieser Erde, zur Gleichstellung der Geschlechter und Kritik an Gehorsam und Autoritätsdenken? Ich spreche mit dem Sprachwissenschaftler und Antisemitismus-Forscher Prof. Dr. Dietz Bering über seine persönlichen Erlebnisse und Wahrnehmungen um 1968 herum, sowie über Ursachen und Folgen der Kulturellen Revolution.

Wie man einen Menschen fertig macht – Seelische Gewalt im Alltag (Marie-France Hirigoyen)

Jeder kann Opfer seelischer Gewalt werden. Um sich zu wehren und zu gesunden ist es wichtig, die Techniken seelischer Gewalt und die Charakterstruktur der Aggressoren, der seelisch Perversen, zu erkennen. Die französische Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen stellt diese Techniken in ihrem Bestseller „Die Masken der Niedertracht“ vor.

Marie-France Hirigoyen: „Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann“ kaufen: https://amzn.to/2xZcgLg *

Dieses Video wurde produziert auf besonderen Wunsch von David, der mich auf Patreon (https://www.patreon.com/gunnarkaiser) unterstützt! Vielen Dank für deine Unterstützung!

Intellektuelles Anbiedern: Feuchtwanger in Moskau

Im Dezember 1936 fährt Lion Feuchtwanger nach Moskau. Seine ganze Hoffnung hat er mittlerweile auf die UdSSR gerichtet, weil er von den westlichen Demokratien enttäuscht ist, die seiner Meinung nach dem Nazi-Regime in Deutschland nicht klar genug entgegengetreten sind.1117

In dieser Zeit empfängt ihn Stalin und lässt ihn Augenzeuge des zweiten Moskauer Schauprozesses sein. Feuchtwanger bleibt für zwei Monate.

Sein Fazit:

Was ich verstanden habe, ist vortrefflich. Daraus schließe ich, dass das andere, was ich nicht verstanden habe, auch vortrefflich ist.

Im gleichen Jahr veröffentlicht der französische Schriftsteller André Gide ein dem kommunistischen Regime gegenüber kritisch eingestelltes Buch: Retour de l’U.R.S.S. („Zurück aus der Sowjetunion“), in dem er die Verfolgung nicht linientreuer Kommunisten durch Stalin anprangert. Hans Christoph Buch schreibt:

Trotzdem stimmte fast alles, was in der linken Intelligenzija Rang und Namen hatte, in den Chor der Verleumder ein: von Aragon und Barbusse bis zu Romain Rolland, von Brecht und Bloch bis zu Heinrich Mann.

220px-Stamps_of_Germany_(DDR)_1974,_MiNr_1945Und so bezahlt das Regime westliche Intellektuelle für positive Propaganda und lädt Feuchtwanger nach Moskau ein. Der Empfang ist triumphal, Feuchtwanger genießt es – das mache es schwer, gesteht er, nicht größenwahnsinnig zu werden. Während der beiden Monate wohnt im Luxus-Hotel „Metropol“ sowie zwei Erholungsheimen. Da er kein Russisch kann,  stellt ihm der sowjetische Geheimdienst Übersetzer zur Verfügung, die versuchen, ihn politisch zu indoktrinieren. Man verspricht, einige seiner Werke zu verfilmen sowie eine vierzehnbändige Werkausgabe zu drucken.

Schriftsteller wie Pasternak, die als nicht parteikonform gelten, hält man von Feuchtwanger fern. Erst kurz zuvor hat sich Feuchtwanger bei einem Besuch im Haus des Komintern-Chefs Georgi Dimitrow noch verwundert darüber geäußert, warum eigentlich alle Angeklagten „alles“ geständen und warum es außer den Geständnissen keine Beweise gegeben habe.

 

Doch nun versichert er, seine Kritik daran sowie an der fehlenden Pressefreiheit nicht im Westen zu publizieren.

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Lion Feuchtwanger: Moskau 1937

Am 7. Januar 1937 dann wird er wie ein Staatsgast im Kreml empfangen: Stalin gewährt im die Gunst eines Interviews. Seine Aussagen finden sich später in Feuchtwangers Reisebericht Moskau 1937 wieder. Bei dessen Niederschrift – nach der Rückkehr, in Sanary-sur-Mer – „hilft“ ihm ein Prawda-Reporter; das Regime hatte nach dem Gide-Erlebnis Angst, in der ausländischen Presse schlecht wegzukommen. Feuchtwanger lässt sich überzeugen, positive Passagen über Leo Trotzki und kritische Anmerkungen Lenins über Stalin aus dem Manuskript zu streichen. Eine russische Ausgabe erscheint noch im selben Jahr in sechsstelliger Auflage.

Ein Reisebericht für meine Freunde

Im Westen stößt Moskau 1937 eher auf Ablehnung, so bei Arnold Zweig und Franz Werfel. Der Soziologe Leopold Schwarzschild schreibt, das Buch gehe ihm „sauer ein“:

Auf keiner Seite von Moskau 1937 taucht irgendwelche Kenntnis auf. Eine sublime Ahnunglosigkeit schöpft einige Pseudo-Informationen aus Quellen, deren Benutzung von vornherein unstatthaft ist.

Für Hermann Kesten ist es „eine reine Stalin-Ode“ und selbst Thomas Mann schreibt: „Ist doch merkwürdig zu lesen.“
Der notorische Brecht freilich urteilt:
das Beste, was von Seiten der europäischen Literatur bisher in dieser Sache erschienen ist. Es ist ein so entscheidender Schritt, die Vernunft als etwas so Praktisches; Menschliches zu sehen, etwas, was eine eigene Sittlichkeit und Unsittlichkeit hat. Ich bin sehr froh, dass Sie das geschrieben haben.

Die Schauprozesse

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Während des zweiten Schauprozesses im Januar 1937 sitzt Feuchtwanger auf der Zuschauertribüne. Stalin habe ihn von der Schuld der Angeklagten der Schauprozesse überzeugt habe, schreibt er später.

Was in den Moskauer Schauprozessen zur Sprache kam, wurde als Gespräch mit verteilten Rollen aufgeführt. Manchen ausländischen Beobachtern kam es vor, als unterhielten sich Ankläger und Angeklagte wie zivilisierte Menschen miteinander. (Doris Danzer)
Feuchtwanger kommen offenbar keine Zweifel an der Authentizität des Gesehenen: „Das glich weniger einem hochnotpeinlichen Prozeß als einer Diskussion“. Er hätte es besser wissen können, schreibt Danzer, aber er log, weil ihm das Lob des Diktators mehr galt als die Liebe zur Wahrheit: „Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht, was Wahrheit ist.“

Moskaufeuchtwanger stalin

Die Bewertung seiner Eindrücke, die er von der Hauptstadt gewonnen hat, lassen erkennen, wie sich Anti-Modernität und Ideologie auch im kommunistischen Milieu miteinander verbinden:

Noch niemals ist eine Millionenstadt so von Grund auf nach den Gesetzen der Zweckmäßigkeit und der Schönheit gebaut worden wie dieses neue Moskau. … Ja, es ist ein ästhetischer Genuss sondergleichen, das Modell einer solchen Großstadt zu beschauen, die von Grund auf nach den Regeln der Vernunft gebaut ist, der ersten in ihrer Art, seitdem Menschen Geschichte schreiben.  … Das umwerfend Neue ist vielmehr die Planmäßigkeit, die Vernunftmäßigkeit des Ganzen, die Tatsache, dass man nicht nur auf die Einzelbedürfnisse Rücksicht genommen hat, sondern in Wahrheit auf die Bedürfnisse der ganzen Stadt, ja des ganzen riesigen Reiches.

Hier hören wir das ferne Echo eines antiken totalitären Platonismus vermischt mit dem allzu nahen Arbeitslärm des modernen Gesellschaftsingenieurs.

In Moskau, schreibt Feuchtwanger, gelinge durch die Überwindung von Egoismen eine mit sich selbst versöhnte Moderne, eine harmonische Form der Vergemeinschaftung in der neuen Stadt. Alles, was den Kommunismus verführerisch macht: die Überwindung der chaotisch empfundenen, organischen Verhältnisse durch Planung und Machbarkeitswahn sowie die Ablehnung von Eigennutz und Individualität zugunsten eines imaginären Gemeinwohls ist in dieser architektonischen Beobachtung vereint.

feuchtwangerFeuchtwanger sei nicht bereit gewesen, mehr in Frage zu stellen oder weiter hinter die Kulissen zu blicken, weil er nicht mehr sehen wollte, als das, was er sich erhoffte. Hier trennen sich „Anschauung und Wissen von Glauben und Glaubenwollen“ (Karl Schlögel).

Im Licht jener Öffentlichkeit, die die Sowjetunion für eine Ersatzheimat hielt, zog er es vor, zu lügen

schreibt der Historiker Jörg Baberowski.

 

Gründe

Im Fall Feuchtwanger können wir mutmaßen, dass es ihm mit der Verteidigung des real existierenden Sozialismus so geht wie vielen Linksintellektuellen in Geschichte und Gegenwart: Das System erscheint als einzig realistische, weil reale Alternative zu Faschismus auf der einen und Kapitalismus auf der anderen Seite; also muss es mit allen Mitteln verteidigt werden. Zudem will Feuchtwanger – darauf weist auch der Untertitel seines Reiseberichts hin – seinen Freunden, die vor den Nazis ins Exil geflohen sind, nicht die lebensspendende Hoffnung auf eine existierende Utopie zerstören.

 

Doch selbst 1956, nachdem in Chruschtschows Geheimrede Stalins Verbrechen bekannt werden, rückt Feuchtwanger nicht von seiner Lobpreisung des sowjetische Regimes ab die das Buch im letzten Absatz formuliert: „Es tut wohl, nach all der Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen ja, ja, ja sagen kann.“

Der Kern seiner Bewunderung, urteilt Anne Hartmann, bleibe konstant: „Die Sowjetunion habe das einzigartige Experiment unternommen, einen Staat auf der Basis der Vernunft zu errichten. Und das Experiment sei geglückt, siegreich durchgeführt: ,Die Sowjet-Union ist da, fest und sicher und für immer‘, schreibt Feuchtwanger 1957.“

Literaturhinweise:

Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. Berlin 2000.

Hans Christoph Buch: Wer betrügt, betrügt sich selbst. Über André Gide und seine Reise in die Sowjetunion (1936), Die Zeit 1992.

Jörg Baberowski: Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus. Frankfurt am Main 2007.

Karl Schlögel: Terror und Traum. Frankfurt am Main 2010.

Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat: Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918 – 1960). Göttingen 2012.

Anne Hartmann: Der Stalinversteher – Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. In: Osteuropa, 11.2014, S. 60.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewaltfreie Kommunikation. Ein Gespräch mit Ben Daniel [RadioSchau 14]

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein Konzept, das von Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Es soll Menschen ermöglichen, so miteinander umzugehen, dass der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt. GFK kann in diesem Sinne sowohl bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein. Im Vordergrund steht nicht, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine wertschätzende Beziehung zu entwickeln, die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglicht.

Walter Benjamin: Leben eines Unvollendeten. – Lorenz Jäger im Gespräch

Das andere Geschlecht – Simone de Beauvoir [Feminismus] (TEIL 1)

Ist die Frau das schwächere Geschlecht? Woher stammen unsere Vorstellungen, wie Frauen zu sein haben? Sind sie natürlich oder kulturell? Wird man als Frau geboren, oder wird man zur Frau gemacht? Und wenn man zur Frau gemacht wird: Wie geschieht das genau?

Ich stelle das Grundlagenwerk des Feminismus, Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, vor (TEIL 1).

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Warum sind wir nicht glücklich, warum sind wir nicht frei?

Über Gernot Böhmes Band „Ästhetischer Kapitalismus“

Ein Zeitreisender aus dem 18. Jahrhundert würde uns für Götter halten. Wir fliegen auf Stühlen durch die Lüfte, sind in ein paar Stunden am anderen Ende der Welt und nehmen währenddessen eine warme Mahlzeit ein. Wir sprechen in ein Kabel und sind in jeder Sekunde mit den entferntesten Menschen verbunden. Magische Würfel verraten und jederzeit, wo wir sind und wo wir hinmüssen. Manchmal sogar, wo wir hinwollen. Die Kindersterblichkeit ist gering wie nie in der Menschheitsgeschichte und unser Leben dauert mehr als achtzig Jahre. Unser Brot verdienen wir nicht mehr im Schweiße unseres Angesichtes – wir essen Kuchen und die Arbeit dient jetzt der Selbstverwirklichung. Die Unbilden der Natur haben wir weitestgehend gezähmt – uns bleibt oft nichts als Erste-Welt-Probleme, Luxussorgen und die Angstlust am Untergang.

Und trotzdem – sind wir glücklicher als unser Zeitreisender? Richten wir uns in Behaglichkeit und Zufriedenheit ein? Danken wir minütlich unserem Schicksal, das uns in diese Zeit und an diesen Ort geboren hat? Empfinden wir uns selber als glückselige Menschen? Sind wir frei von Last und Mühsal des Menschenlebens?

Die wenigsten werden diese Fragen mit ja beantworten. Warum ist das so? Warum will und will das Zeitalter der Freiheit nicht anbrechen? Warum sind wir nie zufrieden mit dem Fortschritt – mit dem, was wir erreicht haben? Obwohl wir, mit ein wenig Genügsamkeit doch nur ein paar Stunden die Woche zu arbeiten bräuchten, ginge es allein um die Befriedigung unserer Bedürfnisse, arbeiten, kaufen, investieren, sorgen wir uns weiter und weiter. Warum bedauern wir unseren Zeitreisenden nicht, sondern neiden ihm heimlich-nostalgisch die Ruhe und Bedächtigkeit seines eigenen Zeitalters?
Warum legen wir unsere Hände nicht in den Schoß oder gehen spazieren?

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Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus
Gernot Böhmes neues Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ gibt eine – nicht originelle, aber doch nachvollziehbare, weil naheliegende Antwort darauf: „Der Kapitalismus“ ist darauf angewiesen, in den Menschen immer mehr Begehren zu produzieren. Weil er wachsen muss, um zu leben, braucht er neue Absatzmärkte. Die findet er in den bislang nicht ökonomisierten Bereichen unseres Alltags – in Familie, Freundschaft, Reisen, Freizeit, Sport, Entspannung. Wenn er sich nämlich auf die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse beschränken würde, wäre er dank Automatisierung und Effizienzdenken bald am Ende der Fahnenstange angekommen. Das Ergebnis wäre ein Heer von Arbeitslosen und schließlich der Zusammenbruch des Systems.
Daher hat sich der Kapitalismus unlängst darauf verlegt, auch dem einfachen Menschen Luxus und Überfluss als notwendig erscheinen zu lassen. Bedürfnisse, die in ihrer Befriedigung gestillt werden können, werden zunehmend abgelöst von Begehrnissen, die noch gesteigert werden, sobald man ihnen entspricht.

Der Kapitalismus ist schuld – jetzt 2.0!

Ein Teufelskreis der Leidenschaften beginnt. Wer nicht mitmacht bei Innovation und Lebensausstattung, wird abgehängt. So beutet der Kapitalismus auch weiterhin die Kapitallosen aus – indem er ihnen durch Werbung und PR-Strategien einredet, sie bräuchten immer Neues, Besseres, Schöneres. Allein als Ausweis der eigenen Überlegenheit oder als Marker der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht. Die Produkte dieses neuen Kapitalismus versprechen Distinktionsgewinn.
Und das, obwohl wir doch alle leben könnten wie Götter. Obwohl wir Mensch sein könnten, wo wir spielen. Morgens Fischer, abends Kritiker sein. Warum ist das Reich der Freiheit nicht angebrochen, obwohl wir das Reich der Notwendigkeit doch nach drei Stunden Arbeit pro Woche hinter uns gebracht haben?
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Das ist, kurz gefasst, die Analyse in Gernot Böhmes neuem Buch „Ästhetischer Kapitalismus“. Er trifft viel, was wir stressgeplagten Burnout-Patienten der spätkapitalistisch-schlaflosen Erschöpfungsgesellschaft wiedererkennen können. Wir fühlen uns ertappt, vielleicht aber auch gebauchpinselt. Und auch die Intellektuellen kritisieren ja Konsumismus und Materialismus – und preisen Nachhaltigkeit, Genügsamkeit, Minimalismus. Leben es vielleicht sogar. Sein statt Haben – auch eine Art Distinktionsgewinn. Diese Kritik am „ästhetischen Kapitalismus“, einem Kapitalismus 2.0 gewissermaßen, ist es auch, die in den letzten Jahrzehnten die herkömmliche marxistische Kritik abgelöst hat, nachdem nicht mehr zu leugnen war, dass der freie Markt den Wohlstand steigert und das große Armut eher in sozialistischen Ländern ein Problem ist. Ludwig von Mises hat die Widersprüche der Kapitalismuskritik hervorgehoben:

Fast alle Menschen sind sich einig, dass Armut ein Ergebnis des Kapitalismus ist. Andererseits beklagen viele die Tatsache, dass Kapitalismus einen krassen Materialismus fördere, indem er verschwenderisch Wünsche nach mehr Annehmlichkeiten und besseren Lebensbedingungen bringe. 

 

Zuckererbsen für jedermann?

Böhmes Kritik, die sein neues Bändchen nun in mehreren zuvor erschienenen Aufsätzen, bisweilen redundant, vorträgt, unterläuft zudem der beliebte Nirvana-Fehlschluss: Nur weil „der Kapitalismus“ noch nicht alle Probleme der Welt beseitigt hat, ein ewiges Manna vom Himmel fällt und „Zuckererbsen für jedermann“ (Heine) – ist er als „System“ unbrauchbar und muss ersetzt werden. Wenn jemand doch bloß wüsste, wodurch?

Darauf gibt Böhme keine Antwort. Fest steht nur: Wo Verausgabung zur Pflicht geworden ist, kann es so nicht weitergehen. Nachdem nämlich der Kapitalismus immer neue Begehrnisse erschaffen hat, wodurch wir aus dem ökonomischen Hamsterrad der Selbstausbeutung nicht herauskommen – es sei denn ausgebrannt – ist das eigentliche Problem neben der Erschöpfung des modernen Selbst die Endlichkeit der Ressourcen. Auf einem endlichen Planeten gibt es nämlich kein unendliches Wachstum. Der Kapitalismus aber will es sogar dem Krebsgeschwür gleichmachen und exponentiell wachsen! Da ist der Zusammenbruch des Systems in ihm selber angelegt. Denn da der Planet nur eine begrenzte Anzahl von Menschen verkraften kann, wird der heiß gelaufene Motor des Turbokapitalismus ihn früher oder später zur Apokalypse treiben. Die Ressourcen werden ausgehen, der Platz wird knapp, die Senken werden voll sein, Vermüllung, auch mit Atommüll, Überfischung, Klimakatastrophe … Verteilungskämpfe werden das Ende der Tage begleiten wie die Warnungen des Club of Rome (Waldsterben, Ozonloch, Peak Oil) unsere Kindheit …
Fazit: Der ästhetische Kapitalismus, der ewiges Wachstum zur Existenzgrundlage hat, frisst seine Kinder – und am Ende sich selbst.

img_6514Die Voraussagen des Club of Rome, überhaupt seine ganze politische Agenda, sind schon oft genug kritisiert und angezweifelt worden. Ob der Planet tatsächlich nicht 10 Milliarden und mehr Menschen beherbergen kann, wenn Technik und Wissenschaft weitere Fortschritte machen, ist so ausgemacht nicht. Und Skepsis an den Kassandra-Rufen der Mainstream-Kapitalismuskritiker muss keine Befürwortung des Status quo oder des unbeirrten „Weiter so!“ bedeuten. Im Gegenteil.

Zudem vertritt Böhme einen verengten Begriff von Wirtschaftswachstum. Nach ihm ist Wachstum stets Ausweitung, daher auch der Vergleich mit dem Wachstum natürlicher Dinge. Exponentielles Wachstum also, wie sie „der Kapitalismus“ (der Begriff selber wird weder definiert noch reflektiert) „fordert“, sei daher unnatürlich und führe unweigerlich zum Zusammenbruch – auch der beliebte Tumorzellenvergleich darf da nicht fehlen. Dass aber Wachstum eben auch eine Reduktion der Ressourcen, eine Effizienz, eine Einsparung bedeuten kann, ja letzten Endes sogar muss, zieht Böhme nicht in Betracht. Für ihn ist Wachstum die reine Fortsetzung des Bekannten, weshalb er dann aus den bekannten Daten eine mögliche Zukunft extrapoliert und als unausweichlich hinstellt.

Und dass – wenn exponentielles Wachstum nicht möglich ist, früher oder später also von unvorhergesehenen Ereignissen unterbrochen wird – auch das Bevölkerungswachstum nicht exponentiell steigen wird (weshalb dann wiederum die Kritik am Wirtschaftswachstum ins Leere läuft), diese Logik erschließt sich Böhme nicht. Auch der Zinseszins in seinem Verhältnis zum staatlichen Geldsystem, der Cantillon-Effekt oder die Wirkungen der Inflation werden nicht angesprochen. Böhme jedoch stünde nicht in der Tradition der Kritischen Theorie, würde er sein Augenmerk auf diese Instrumente staatlicher Planwirtschaft legen, die den genannten Verwerfungen in nicht geringem Umfang beiträglich sind.

Der Mensch wird von den Notwendigkeiten des Kapitalismus ausgebeutet!

Der Hauptaspekt seiner Analyse liegt jedoch bei der Konstatierung der Warenästhetik, die er in den späteren Artikeln auch an gut beobachteten Beispielen durchspielt. Die Konsumökonomie habe einen repressiven Charakter, der zu Standardisierung des Menschen führe. In diesem Punkt bezieht sich Böhme intensiv und erkenntnisbringend auf Adornos und Horkheimers Analyse der Kulturindustrie, auf Wolfgang Fritz Haugs „Kritik der Warenästhetik“ oder auf Namen wie Veblen, Sombart und Baudrillard. Der Mensch, so Prämisse und Fazit, entspricht genau den Notwendigkeiten des kapitalistischen Wirtschaftswachstums, indem er seinen Begehrnissen frönt.

Und es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass der Markt im Westen sich darauf spezialisiert hat, die Begehrnisse der Menschen anzustacheln und zu befriedigen, weil ihm die reine Bedürfnisbefriedigung so leicht fällt. Dass aber genau das der Grund ist, warum dem Kapitalismus trotz Mechanisierung nicht – wie befürchtet – die Arbeit ausgeht, will Böhme dem Kapitalismus nicht zugestehen. Dass die Warenästhetik dafür sorgt, dass Menschen heutzutage durch die Verwirklichung ihrer Träume tatsächlich ein Auskommen haben, dass Produkte für die breite Masse immer billiger werden (oder würden, zieht man den unkapitalistischen Kaufkraftverlust ab), somit auch Arbeitsverhältnisse sich angenehmer gestalten lassen – darüber verliert Böhme kein Wort. Dass ein Mensch, um seine Bedürfnisse zu befriedigen (um seine Arbeitskraft zu reproduzieren, mit Marx gesprochen), dank „ästhetischem Kapitalismus“ nur den Bruchteil dessen arbeiten muss, was er zu vorkapitalistischen Zeiten arbeiten musste, wird nicht erwähnt. Auch dass Luxusgegenstände mit der Zeit immer selbstverständlicher werden, auch für die ärmeren Schichten, und neue Erfindungen anregen, wird dem Kapitalismus nicht zugute gehalten. Damit nämlich steigen auch Lebensqualität, Lebenserwartung, Gesundheit, Wohlstand und Chancen zur Selbstverwirklichung.

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Gernot Böhme
Böhmes Blick aber gilt allein der schädlichen, weil ausbeuterischen Mechanik des Kapitalismus.Sein Buch soll dazu dienen, Bewusstsein für die Schattenseiten der Konsumwelt zu schaffen – und das gelingt ihm auch, wenn auch auf ideologisch fragwürdige Weise.  Er betont die Auswüchse der Leistungsgesellschaft, die den Gefühlshaushalt des modernen Menschen ins Chaos treibt. Zwar plädiert er – nachvollziehbar – angesichts dieser Verwerfungen für einen Akt der Selbstsorge, der durch Askese und klugen Konsumverzicht geprägt ist, doch diesen Gedanken selber führt er praktisch nicht aus. Weiterlesen könnte man hier bei Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst, die eine solche Selbstsorge propagiert, ohne sich eines doch recht überkommenen Neomarxismus zu bedienen.

 

Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus

Suhrkamp, Frankfurt am Main 2016, 158 Seiten, 14 Euro

Der Zwang zur Selbstverwirklichung und seine Folgen – Alain Ehrenberg: „Das erschöpfte Selbst“

Im Grunde genommen gilt das Wort des Facharztes, das der amerikanische Schriftsteller William Styron im Bericht über die Geschichte seiner Depression vor mehr als fünfzehn Jahren anführt, noch immer: „Wenn wir unseren Kenntnisstand (über die Depression) mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vergleichen, dann ist Amerika nach wie vor nicht entdeckt; wie sitzen noch immer dort unten auf der kleinen Insel in den Bahamas.“ Die Depression ist eine Krankheit, über die man umso weniger definitiv zu wissen scheint, je stärker sie sich verbreitet. Und sie verbreitet sich rasch: Schätzungen sprechen von derzeit 340 Millionen Fällen weltweit.Depressionen treten bei Menschen aller sozialen Schichten, Kulturen und Nationalitäten auf. Etwa zwei Prozent Kinder unter 12 Jahren und fünf Prozent Jungendliche unter 20 Jahren sind betroffen. Allein in Deutschland erkranken ungefähr 20 Prozent aller Bundesbürger einmal in ihrem Leben an einer Depression. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Depressionspatienten begehen Selbstmord. Die Depression ist so nicht nur zu einer Krankheit einzelner, sondern auch zu einem Sinnbild für den Zustand ganzer Gesellschaften geworden.

Ehrenberg Depression
Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Dem Wort „Depression“, geprägt von dem Schweizer Psychiater Adolf Meyer, wohnt nicht der düster lockende Klang inne, der seinen medizinhistorischen Vorläufern, dem Weltschmerz, der Schwermut, der Melancholie noch zukam. Es ist eine Worthülse, die in ihrer Unbestimmtheit geradezu wieder zu dem Syndrom passt, das sie bezeichnet. Der Depression ist auch die „Wonne“ fremd, die der Künstler von einst noch in der Wehmut finden konnte, die Freude an der Melancholie, die adelnde Lust am Kopfhängenlassen. Sie ist nicht mehr Ausweis einer sensiblen, an ihrer Umwelt leidenden Seele, sondern nur noch nüchterne Bezeichnung eines schmerzhaften Krankheitsbildes, dessen einzige und letzte Hoffnung nicht selten im Selbstmord liegt.

In Abgrenzung zur traditionsreichen Melancholie hat der amerikanische Schriftsteller Andrew Solomon die Depression einmal so beschrieben: „Traurigkeit und Melancholie gehören zu den Erfahrungen eines reichen Lebens. Sie folgen auf Verlust, und Verlust ist verbunden mit den Gefühlen von Liebe. Depression ist etwas ganz anderes. Depression heißt, auf eine schmerzhafte Art abgeschnitten zu sein von allen nützlichen Erfahrungen des Menschseins, und das ist keineswegs schön.“

Ihre Erscheinungsformen sind ebenso zahlreich wie schwer zusammenzufassen. Antriebslosigkeit, innere Unruhe und Schlafstörungen, fehlende Lebensfreude, Leere und Traurigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, psychomotorische Verlangsamung, Konzentrationsschwäche, Schuldgefühle, Gedanken an Selbstmord – dies sind nur einige der Kennzeichen einer Krankheit, die von dem Soziologen Alain Ehrenberg mit dem Begriff „fatigue d’être soi“ näher bestimmt wird. Die Mühsal, man selbst zu sein, ist nach Ehrenberg der point commun der „Modekrankheit“ Depression, die in den westlichen Gesellschaften längst die Neurose und die Angst als häufigste Geisteserkrankungen abgelöst habe.

ehren2Sie wird verursacht, so die Hauptthese von Ehrenbergs Buch „Das erschöpfte Selbst“, von dem seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschenden Diktat der Individualität. Während die Neurose noch zu Beginn des Jahrhunderts als Ausweis einer unter der Forderung nach Anpassung leidenden Psyche diagnostiziert wurde, kann nunmehr die Depression als Niederschlag gesellschaftlicher Veränderungen angesehen werden. „Freud fasste unter dem Begriff Neurose eine ganze Reihe von Dilemmata zusammen, die Menschen in einer Gesellschaft erlebten, die durch strenge Normen und Regeln gekennzeichnet war, durch Konformität zur gängigen Meinung, Verbote, Disziplin, bis hin zu blindem Gehorsam.“ Die Paradigmen der westlichen Gesellschaften haben sich jedoch mittlerweile dahingehend geändert, dass der Konflikt wegfiel, vor dem sich das Individuum mit seinen je eigenen Bedürfnissen angesichts einer restriktiven Gesellschaft befand. Die Dichotomie erlaubt – verboten hat ihre Wirkung verboten. An ihre Stelle ist die Unterscheidung zwischen möglich – unmöglich getreten. Nicht mehr Unterwerfung unter die Normen ist seither gefragt, sondern die Entwicklung einer „reichen Persönlichkeit“, die Arbeit am Selbst. An die Stelle sozialer Repression treten Unverbindlichkeit, ein Zuviel an Sinnangeboten und daher ein Mangel an Orientierung, nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht zum „pursuit of happiness“.

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Alain Ehrenberg

Autonomie, Selbstständigkeit und Verantwortung sind die Schlagworte, die den Menschen der modernen Gesellschaft vor die schwierige und ermüdende Aufgabe stellen, um jeden Preis er selbst zu sein. Das souveräne Individuum bestimmt nun die übliche Lebensweise. Das Ich ist zu einer einzigen Großbaustelle geworden. Diese Ermüdung diagnostiziert Ehrenberg in seinem bereits vor sieben Jahren in Frankreich erschienenen Buch als Negativ der gesellschaftlichen Forderung nach Aktivität. Der Zwang zur Individualität habe eine Einsamkeit der Selbstverantwortung (Beck-Gernsheim) hervorgerufen, die sich mehr und mehr in den benannten Symptomen äußere. Dort, wo die Seele dem Anspruch auf Selbstverwirklichung nicht mehr nachkommen kann, reagiert sie mit einem Rückzug auf ganzer Linie, mit innerer Leere, Antriebsschwäche und Erschöpfung. War die Neurose bei Freud die Krankheit der Schuld (gegenüber den gesellschaftlichen Ge- und Verboten), so ist die Depression nach Ehrenberg eine Krankheit der Verantwortung (gegenüber seinem eigenen Ich).

Ehrenberg zeigt in einer detailreichen psychiatriehistorischen Analyse, wie sich das Sprechen über psychische Erkrankung (von Hysterie und Neurasthenie über manisch-depressive Psychose und Schizophrenie bis hin zur Depression) entlang den Linien entwickelt, die von den Entdeckungen der Medizin vorgezeichnet werden. Vor allem der Elektroschock und die Psychopharmakologie haben in Bezug auf die Definition der Depression Revolutionäres geleistet – bis hin zum diagnostischen Umkehrschluss, depressiv sei, was durch Antidepressiva geheilt werde.

Was aber, so lautet Ehrenbergs Frage, bedeutet Heilung im Zusammenhang mit einer möglich gewordenen Symptomreparatur? Ist die Krankheit mehr als die Summe ihrer Symptome? Ist Leiden nützlich? Ist Heilung nicht mehr als persönliches Wohlbefinden, das mit der Verabreichung von Psychopharmaka oder der Elektroschockmethode erzielt werden kann?

ehren1In einem früheren Buch, „L’individu incertain“, hatte der Autor die Depressiven, die ihre Krankheit mit ausschließlich pharmazeutischen Mitteln behandeln ließen, noch plakativ als „Pillenschlucker“ bezeichnet und sie in die Nähe von Drogensüchtigen gerückt, hatte die Hochpreisung von Antidepressiva als Folgestufe des Bodybuildungkults gedeutet („psycho building“). Solcherart Generalisierungen sind dem Buch „Das erschöpfte Selbst“ weitgehend fremd. Gleichwohl ist Ehrenbergs Ablehnung einer Verabsolutierung rein biologischer „Heilmethoden“ auch aus der nüchternen, sich zuweilen im Detail verlierenden Sprache des neuen Werks nicht zu überhören.

Heilung bedeutet, so Ehrenbergs abschließende Behauptung, dass ein Individuum an seinen Erfahrungen wächst und lernt, seine Konflikte auszuhalten und als konstituierenden Teil der Persönlichkeit zu akzeptieren. Hierin liegen zugleich die wichtigen politischen Implikationen der Thesen Ehrenbergs. Die demokratische Gesellschaft beruhe auf dem Konstrukt eines politischen Subjekts, das sich in Konflikten selbst-gebildet hat und das somit in der Lage ist, von seinen Befindlichkeiten abzusehen und an seiner Umwelt zu arbeiten. Fällt dieses Subjekt aus – die steigende Nachfrage nach Psychopharmaka und die relative Abdankung der Psychotherapie lassen solches befürchten –, so bewegt sich unsere Gesellschaft auf eine gefährlich instabilen Zustand zu.

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Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart.

Campus, Frankfurt a. M. 2004.

305 Seiten, 24,90 EUR

ISBN 3-593-37593-1

Die Unfähigkeit, zu genießen

Haben wir verlernt zu genießen? Allein die Tatsache, dass wir uns die Frage stellen, könnte schon ein Hinweis auf ihre Beantwortung sein: natürlich, denn wer nach dem Glück fragen muss, besitzt es sicher nicht – er besaß es nie oder er hat es irgendwie verloren.

Robert Pfallers Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ leidet an oberflächlichem Hedonismus

Haben wir verlernt zu genießen? Allein die Tatsache, dass wir uns die Frage stellen, könnte schon ein Hinweis auf ihre Beantwortung sein: natürlich, denn wer nach dem Glück fragen muss, besitzt es sicher nicht – er besaß es nie oder er hat es irgendwie verloren. Natürlich, so der Befund, haben wir den Genuss verlernt, denn früher war alles besser und leichter, da konnten wir das Leben noch in vollen Zügen genießen, ganz im Moment aufgehen und feiern, als gäb’s kein Morgen mehr. 

robert pfaller wofür es sich zu leben lohn genussAber heute? Grauer Alltag und schnödes Effizienzdenken, wohin man blickt. Studien über die glücklichsten Länder der Welt, Kurse in Lach-Yoga und Rezepte für stimmungsaufhellende Gerichte lassen ahnen: Uns ist die Fähigkeit, zu genießen, abhanden gekommen.

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller hat vor einiger Zeit ein vielbeachtetes Buch zu dem Thema geschrieben. Seine Thesen: Der gegenwärtigen westlichen Kultur geht die Fähigkeit verloren, genießen zu können. Obwohl gerne als hedonistisch bezeichnet, ist sie doch in Wirklichkeit lustfeindlich, was sich darin äußert, dass die negativen Eigenschaften der Dinge, die uns bisher Lust bereiten konnten, ihnen weggenommen werden. Das Schädliche an einem Erlebnis ist genau das, was es für eine Kultur als lustbringend geeignet erscheinen lässt, da es den Individuen erlaubt, in besonderen Momenten, den Augenblicken selbstvergessenen Feierns, ihre Selbstvergessenheit, ihr Nicht-an-Morgen-denken zur Schau zu stellen: das „Unreine“ wird in der kollektiven Feier zum Heiligen, dass mittels seines schädlichen Charakters den profanen, auf Effizienz ausgerichtten Alltag transzendiert, zumindest unterbricht. In anderen Momenten würde den Individuen das gleiche Erlebnis oder Ding (dank seinem Doppelcharakter „unrein“/“heilig“) als schal oder ekelhaft erscheinen.

Der konstatierte Verlust an Genussfähigkeit zeigt sich in dem wachsenden Unwillen der Gesellschaft, (vermeintlich) schädliche Alltagsgegenstände und -erlebnisse zu tolerieren. Dem Rauchen wird der Garaus gemacht, Bier gibt es auch alkoholfrei, öffentliches Grillen im Park wird verboten. Pfallers Fazit lautet: Wir haben um des nackten Lebens willen die Gründe vergessen, für es sich zu leben lohnt – in der Bewertung des Satirikers Juvenal „der größte Frevel“ überhaupt:

Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.

Man kann leicht einwenden, dass Pfallers Beobachtungen zwar kulturelle Phänomene beschreiben, deren Generalisierbarkeit zumindest bestritten werden kann – von empirischer Belegbarkeit ganz zu schweigen, die muss den Philosophen nicht kümmern. Ist es denn wirklich ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der sich hier abspielt? Oder nur einer auf die üblich verdächtigten Schichten – Bildungsbürgertum, Yuppis, BoBos, Generation Y – bezogener?

Kann man denn wirklich davon sprechen, dass sich das Gros der Gesellschaft davon zu verabschieden droht, Rituale wie das abendliche Biertrinken oder die Zigarettenpause am Leben zu erhalten? Nur weil es seit geraumer Zeit auch alkoholfreies Bier gibt? Und weil man nur noch außerhalb öffentlicher Gebäude seiner Lust am Tabak frönen darf? In zahlreichen Kneipen einer beliebigen deutschen Stadt kann man in vivo beobachten, wie wenig sich viele Menschen für den von Pfaller konstatierten Abschied von der Genusskultur interessieren. Macht sich Pfallers Theorie einer Verallgemeinerung der nur in einem begrenzten Habitat beobachteten Phänomene auf die Gesellschaft in ihrer Gänze schuldig? Einer Verallgemeinerung, die einer kritischen Prüfung nicht stand hält?

Aber selbst, wenn wir uns nur auf die Schichten konzentrieren, die (aufgrund ihres Zwangs, sich im Alltag an neue Notwendigkeiten anzupassen) nun immer öfter davon absehen, Fast Food, Fleisch, Süßigkeiten, Tabak, Alkohol zu konsumieren, dann muss man wohl festhalten, dass sie den herkömmlichen Genussangeboten eine Palette neuartiger Möglichkeiten des Lustgewinns hinzugefügt haben. Diese Möglichkeiten ergeben sich schon rein ökonomisch erst durch die Teilhabe an der jeweiligen Schicht – und ihre Lust beziehen sie nicht zuletzt aus dem Wissen, dass andere Schichten an ihr nicht teilhaben können. So sind die meisten Extremsportarten ebenso exzessiv wie exklusiv, und auch das Shoppen um des Shoppens willen oder der mehrtägige Besuch eines Wellnesstempels gehört zu solcherlei „Ersatzbefriedigungen“, wenn das Rauchen nicht mehr Abhilfe zu schaffen vermag.

Zudem scheint doch fraglich, ob der Grund dafür, dass wir eine Zeit erleben, in der gefährliche Genüsse immer öfter in eine Verbots- und Tabuzone fallen, ihre Ursache im Neid derjenigen findet, die ihre eigenen Genussmöglichkeiten eingeschränkt haben. Denn, so Pfaller, wir sähen den Raucher nicht mehr als willkommenes Bild von Weltläufigkeit und Eleganz, das unseren Alltag verschönert, sondern nur als jemanden, dessen Genuss unseren Lustverzicht trübe (oder, paradoxerweise, diesen sogar noch lustvoller macht, im Sinne der Lacan’schen jouissance). Daher würden wir ihm seine Lust durch Maßregelungen madig machen. Das Problem bei diesem Argument ist zu meinen, dass sich neben dem Rauchen nur wenig Belege für die Neid-Theorie finden lassen. Schon für das gesellige Feiern gilt es kaum noch (es sei denn, unser Ruhebedürfnis wird durch die Lautstärke der Feiernden gestört) und schon gar nicht mehr für den Verzehr von Fleisch. Jemand, der aus gesundheitlichen Gründen aus tierische Produkte verzichtet, wird wohl kaum bei jemandem, der einer Grillparty beiwohnt, den Reflex auslösen, auch den anderen Fleischverzehr verbieten zu wollen (anders natürlich, wenn sein Verzicht ethische Gründe hat).

Beim Rauchen und bei der Party von oben sind eben andere direkt betroffen. Zudem ist unser Zusammenleben offensichtlich vielgestaltiger geworden und die allgemein akzeptierten, unausgesprochenen Regeln des höflichen Umgangs miteinander nicht mehr so sakrosankt (oder geläufig) wie noch vor fünfzig Jahren. Offensichtlich sind wir daher nicht nur sensibler geworden, was das Gefühl, gestört zu werden angeht, sondern Zumutungen gegenüber auch intoleranter, oder: mutiger geworden, diese zu formulieren.  

Dies lenkt allerdings den Blick vom eigentlichen Argument gegen Pfallers These, da es ja nicht „die Individuen“ sind, die Regelungen und Gesetze gegen das Rauchen im öffentlichen Raum erlassen, es ist ja nicht einmal „die Gesellschaft“. Verantwortlich für derartige Prozesse ist vielmehr eine Politik (wie auch Pfaller weiß, der bei der Aktion adults for adults seine mit Warnhinweisen versehenen Weinflaschen ja an EU-Abgeordnete schickt) und deren Interesse liegt nun einmal in der Kostensenkung. Wo sich gesellschaftliche Kosten politisch reduzieren lassen, wird die auch getan, das ist die Logik des Systems, und nun ist das Rauchen mit seinen „Nebenwirkungen“ aus dieser Perspektive eben ein Kostenfaktor.

Deutlicher wird das noch an dem von Pfaller bemühten Beispiel der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Aus Gründen der Erhöhung unserer Sicherheit lassen wir unwürdige Rituale der Selbstentblößung über uns ergehen. (Wie verquer Pfallers Genussbegriff ist, lässt sich hieran ebenfalls ablesen: wir genießen den Flug ja nicht, weil er Gefahr bedeuten würde; ja, wir genießen ihn im Grunde gar nicht.)

Pfaller wirbt für die Möglichkeit, eine risikoreiche Existenz in Würde einem risikoarmen Leben vorzuziehen, in dem man entwürdigenden Handlungen ausgesetzt wird. So wünscht er sich halb im Scherz die Aufteilung von Fluglinien in die beiden Klassen Stolz und Sicherheit. Da es aber gar nicht in erster Linie um die jeweiligen Passagiere der jeweiligen Maschine geht, sondern um mögliche Opfer am Boden und um das Flugpersonal, dessen Gehälter nämlich reziprok zum zerbombten Flugzeug in den Himmel schössen, zeigt schon, dass es eben um Kapital geht, das der einzige Grund für Unternehmen und Politik ist, Regeln zu erlassen oder auszusetzen. So hohe Versicherungsbeiträge könnte schließlich keine Gesellschaft mehr bezahlen …

Ein Blick auf die Straßen einer x-beliebigen Stadt mag nun aber erhellen, an welchem verqueren Wirklichkeitsbild – bzw. Genussbegriff Pfallers Theorie krankt. Lange nämlich muss man sie suchen, die eleganten Raucher von Welt, die sich in mondänen Clubs Zeit nehmen für den sinnlichen Genuss in Form aparter Düfte, todesmutig eingedenk der Gefahr, die sie ihrer Gesundheit damit zufügen. Die Mehrheit der Raucherinnen und Raucher dürfte diesem nostalgischen Bild Hohn sprechen: hastig auf dem Weg zur U-Bahn angezündete Glimmstengel, gelbe Zähne, vergilbte Schnurrbärte und röchelnder Husten, kalter Rauch, der sich in seit Jahrzehnten ungereinigten Lederjacken fängt, achtlos auf das Trottoir geworfene Kippen – wo sind sie denn, die von Pfaller beschworenen Genießer? Wo waren sie je? Das gleiche mit Fast Food, Alkohol, Grillpartys in Stadtparks – vielleicht liegt es ja daran, dass ich in Köln (und nicht im glücklichen Wien) wohne, aber ich kann und konnte den Typus des Pfaller’schen Genussmenschen nur sehr selten ausmachen.

Aber vielleicht gibt oder gab es sie ja, oder vielleicht besteht ihr Wert ja auch nur in einer idealen Existenz, die der schnöden Realität den Spiegel vorhält. Trotzdem: das Verständnis von Genuss, das Pfaller, der seine Philosophie als materialistisch-hedonistisch bezeichnet, an den Tag legt, ist schamvoll unphilosophisch, ja trivial. Es ist ein rein negatives Verhältnis – Genuss stellt sich nur im Überschreiten von Verboten ein. Offenbar scheint Pfaller keinen Sinn dafür zu haben, dass dem Menschen auch andere Quellen der Freude offen stehen. Dies sind nämlich Freuden, die sich nicht nach dem Modell „Jucken – Kratzen“ gestaltet sind.

Die Freuden des Denkens und der Erkenntnis, die Lust am Lesen und an Sprache, das Glück sublimer Genüsse wie des Hörens eines Musikstücks oder des Betrachtens eines Gemäldes, die Berührung eines Menschen oder die Erfahrung von Natur, nicht zuletzt die Freuden meditativer Versenkung – die Freude des reinen Da-Seins, der Achtsamkeit – vielleicht sind das nicht ganz alltägliche „Befriedigungen“ und sie mögen dem ein oder anderen aus diesem Grunde auch eher befremdlich, ja lächerlich anmuten.

Doch wären dies nicht Arten der Lust, die zu erlernen und zu fördern eher geraten wäre als die Lust an lauten Grillpartys und am Rauchen?